Gesellschaft & Kultur
HIV UND ARBEIT

Klare Zeichen der Solidarität

Zwei Drittel aller HIV-Positiven sind erwerbstätig, aber viele von ihnen treffen im Job immer noch auf Vorurteile. Die Braunschweiger AIDS-Hilfe macht das in einer Kampagne zum Thema. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Jürgen Hoffmann

30 Jahre – 30 Partner heißt eure Kampagne zum Gründungsjubiläum der Braunschweiger AIDS-Hilfe. Nach welchen Partnern haltet ihr denn da Ausschau?

Wir suchen nach Betrieben, Einrichtungen und Unternehmen aus unserer Region, die öffentlich zeigen wollen, dass sie HIV-Positive als Beschäftigte und als Kolleginnen und Kollegen in ihrem Unternehmen respektieren.

Wie seid ihr auf diese Aktion gekommen?

Wir wollten anlässlich unseres Jubiläums etwas Besonderes anstoßen und haben uns überlegt, wo der Schuh derzeit am meisten drückt. Dabei kamen wir auf das Thema Ausgrenzung von HIV-Positiven im Erwerbsleben.

Ihr wollt jetzt also mindestens 30 Betriebe finden, in denen Menschen mit HIV beschäftigt sind.

Nein, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen natürlich auf gar keinen Fall, dass die Unternehmen nun nachforschen, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter HIV-positiv sind, oder gar bei Einstellungsgesprächen danach fragen. Vielmehr sollen die Arbeitgeber motiviert werden, in der Öffentlichkeit, aber auch innerhalb des Unternehmens zu signalisieren, dass sie für einen respektvollen und vorurteilsfreien Umgang mit HIV-Positiven stehen und etwas gegen Ausgrenzung tun wollen. Mit der Teilnahme an unserer Aktion zeigen diese Unternehmen, dass es für sie selbstverständlich ist, HIV-Positive zu beschäftigen.

Aufmacher der Kampagne (© Braunschweiger AIDS-Hilfe)

Aufmacher der Kampagne (© Braunschweiger AIDS-Hilfe)

Das könnte dann auch ein Signal an Menschen mit HIV sein: Wenn ich mich bei dieser Firma bewerbe, muss ich keine Angst haben, mich zu outen.

Das kann ein schöner Nebeneffekt der Kampagne sein.

Wisst ihr von negativen Erfahrungen HIV-positiver Arbeitnehmer?

Wir haben in der Tat Kenntnis von solchen Fällen. Leider lassen sie sich in der Regel nicht beweisen oder die Betroffenen sind nicht dagegen vorgegangen, weil sie Schwierigkeiten befürchteten oder nicht den Mut dazu hatten. Meist geschieht HIV-bezogene Diskriminierung bis hin zu Kündigungen ja verdeckt, das heißt, es werden andere Gründe vorgeschoben. Wohl kaum jemand bekommt schriftlich, dass man ihn wegen seiner HIV-Infektion entlassen hat oder nicht einstellen will.

Wir hatten allerdings auch schon den Fall, dass eine Ehrenamtliche Probleme an ihrem Arbeitsplatz bekam, weil sie sich für die Aidshilfe engagiert.

Aidshilfe-Engagement als Grund für Probleme im Job

Was genau war vorgefallen?

Sie hatte im vergangenen Jahr zum Welt-Aids-Tag an ihrem Arbeitsplatz die Rote Schleife getragen, auch an ihre Kolleginnen und Kollegen solche Schleifen verteilt und eine Spendedose der Aidshilfe aufgestellt. Daraufhin wurde im Betrieb über sie getuschelt, und eine Kollegin hat sie dann auch gemobbt. Glücklicherweise hat sich der Vorgesetzte hinter sie gestellt und ist gegen das Mobbing eingeschritten.

Das wäre also ein Unternehmen, das sich bei euch melden könnte.

Genau.

Ihr habt die Kampange zum Welt-Aids-Tag 2014 gestartet und dazu Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Wie ist bislang die Resonanz?

Wir haben inzwischen zehn Arbeitgeber in unserem Einzugsbereich gefunden, die sich an der Kampagne beteiligen. Wir schreiben aber auch jetzt noch Unternehmen an, und mit einigen sind wir bereits im Gespräch. Wir sind daher guter Dinge, dass wir diese 30 Unternehmen bis zum 24. September zusammenbekommen. An dem Tag feiern wir unser Jubiläum, und ihn diesem Rahmen sollen auch die 30 Partner in Anwesenheit des niedersächsischen Wirtschaftsministers Olaf Lies, dem Schirmherrn der Kampagne, gewürdigt werden.

Schirmherr ist Wirtschaftsminister Olaf Lies

Haben von euch kontaktierte Firmen auch ablehnend reagiert?

Das ist bislang noch nicht passiert. Zwar haben nicht alle geantwortet, aber die meisten haben uns wissen lassen, dass sie noch etwas Zeit brauchen, um das Thema intern zu diskutieren.

Nun wirkt eine solche Kampagne ja nicht nur in die Betriebe, sondern auch in die HIV-Community hinein. Hat man dort schon darauf reagiert?

Sicher. Die niedersächsischen Aidshilfen finden unsere Kampagne großartig. Mit ihr könne viel erreicht werden, so der Tenor. Einerseits dadurch, dass Unternehmen gegen Ausgrenzung aktiv werden und das auch zeigen. Andererseits durch Ermutigung derjenigen HIV-Positiven, die vielleicht noch gar nicht oder nur hin und wieder mal Kontakt zu uns haben. Ihnen könne gezeigt werden, dass sich da etwas zum Positiven hin ändert, und zwar nicht nur in den Betrieben, sondern auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit – und damit auch in den Lebensbedingungen jedes Einzelnen, ganz gleich, ob man nun berufstätig ist oder nicht.

Jürgen Hoffmann (© Braunschweiger AIDS-Hilfe)

Jürgen Hoffmann (© Braunschweiger AIDS-Hilfe)

Wie sensibilisiert ihr die Unternehmen für die Probleme von HIV-positiven Beschäftigen?

Dafür mussten wir erfreulicherweise keine extra Materialen herstellen, weil wir ja auf die DAH-Broschüre „HIV und Arbeit? – Das geht! Informationen für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und Vorgesetzte“ zurückgreifen können.

… die momentan aber leider vergriffen und nur online als PFD erhältlich ist.

Wir haben glücklicherweise noch genug Exemplare ergattern können! Die Broschüre erleichtert es Arbeitgebern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und sie unterstützt auch uns, denn leider haben wir nur begrenzte personelle Kapazitäten, um persönlich mit Unternehmensleitern, Personalchefs oder den für interne Kommunikation Verantwortlichen sprechen zu können.

Wir haben allerdings auch Kontakt zum Arbeitnehmerverband, zur Industrie und Handelskammer und zum Deutschen Gewerkschaftsbund aufgenommen. Über diese Multiplikatoren hoffen wir weitere Unternehmen zu erreichen. Ein solches Projekt fängt ab einem bestimmten Moment ja auch an, ein gewisses Eigenleben zu entwickeln.

Ist das bereits passiert?

Für uns überraschend haben bereits mehrere Unternehmen angefragt, was sie denn sonst noch tun können. Daher sammeln wir jetzt zusätzlich Statements zu unserer Kampagne aus den teilnehmenden Unternehmen, die wir auf unserer Homepage und in Pressemitteilungen veröffentlichen werden. Diese Statements werden dann ja nicht nur von den Kundinnen und Kunden, sondern auch von den Belegschaften gesehen. Und wenn Betriebe noch deutlicher zeigen wollen, dass ihnen dieses Thema am Herzen liegt, können sie sich natürlich gerne an der Kampagne zum Welt-Aids-Tag beteiligen und in ihren Betrieben die Rote Schleife und Infomaterialien verteilen.

Das Interview führte Axel Schock

Mehr über „30 Jahre – 30 Partner“ auf der Kampagnenseite der Braunschweiger AIDS-Hilfe www.30jahre-30partner.de

Die Braunschweiger AIDS-Hilfe ist am 1. Mai ab 12.30 Uhr beim Open-Air-Fest des DGB nach der Demonstration zum Tag der Arbeit im Bürgerpark mit einem eigenen Stand vor Ort und wird dort auch die Kampagne vorstellen.

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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