Szene & Community
Rückblick

„So etwas wie mein Lebenswerk“

Das Tagungshaus Waldschlösschen bei Göttingen und Wolfgang Vorhagen sind nicht voneinander zu trennen. Mit dem heute 61-Jährigen haben wir über 175 bundesweite Positiventreffen und drei Jahrzehnte Arbeit mit und für die Bewegung gesprochen.

Wolfgang, wie hat es dich 1985 als Mitarbeiter ins Waldschlösschen verschlagen?

Ich hatte da gerade mein Diplom abgeschlossen, eine Beziehung war zu Ende gegangen, und ich hatte das Gefühl, dass es nun an der Zeit wäre, aus Aachen, wo ich bis dahin gelebt hatte, wegzukommen. Eigentlich war ich mental schon auf dem Weg nach Berlin.

Was hat dich damals umstimmen können?

Das Waldschlösschen hatte ich zunächst als Teilnehmer kennengelernt, beim Schwulen Sommer 1984. Dieses Erlebnis war für mich entscheidend. Ich lernte dort einige Freunde kennen, die für mich bis heute wichtig sind. Und kurz nach diesem Treffen sind dann auch meine späteren Kollegen, die Waldschlösschen-Begründer Ulli Klaum und Rainer Marbach, auf mich aufmerksam geworden. Sie fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihnen zu arbeiten.

Das Waldschlösschen war damals ein typisches Projekt der neuen sozialen Bewegungen – das betraf unseren mageren Verdienst wie auch die Art, wie wir das Haus betrieben. Wir waren in den ersten Jahren nur zu dritt, das heißt, wir haben gekocht, geputzt und nebenbei den Seminarbetrieb aufgebaut und Gastgruppen betreut.

Du hast recht schnell auch Veranstaltungen zu HIV und Aids konzipiert, zu einer Zeit, als die ersten Aidshilfen gegründet wurden.

In Aachen war ich mit dem Thema kaum in Berührung gekommen. Die erste Begegnung mit einem positiven Mann hatte ich tatsächlich erst im Waldschlösschen, als ich im Winter 1984 am schwulen Weihnachtstreffen teilnahm. Dazu war auch Gerd aus Köln angereist. Er war bereits erkrankt. Woran, das hat er nie direkt ausgesprochen. Aber im Grunde war allen klar, dass er Aids hat.

Was hat diese Begegnung für dich bedeutet?

Durch sie wurde mit damals endgültig klar, dass diese Krankheit nicht nur ein Angriff auf meine Identität, sondern auch auf meine Sexualität ist, die ich seit Ende der 70er-Jahre endlich zu leben begonnen hatte. Ich spürte eine Art Ohnmacht, aber auch die Angst, dass durch dieses Virus all das wieder zunichte gemacht werden könnte, was wir als schwulenbewegte Männer mühevoll in den Jahren zuvor aufgebaut hatten: unsere Stellung in der Gesellschaft, unsere Emanzipation, unsere sexuelle Freiheit.

„Ich wollte dieser Angst und Ohnmacht nicht passiv gegenüberstehen“

Ich wollte dem nicht passiv gegenüberstehen und überlegte deshalb, was ich dagegen tun könnte. Da bot sich die Arbeit im Waldschlösschen an. Wir haben sehr schnell die ersten Veranstaltungen für Menschen angeboten, die in Aidshilfen arbeiteten. Bereits 1984 hatten die Aidshilfe-Koordinierungstreffen stattgefunden, die schließlich zur Gründung der Deutschen AIDS-Hilfe als bundesweitem Dachverband führten.

Im Frühjahr 1986 fand schließlich auch das erste bundesweite Positiventreffen statt.

Das war damals noch etwas ganz Besonderes. Es gab es noch nicht so viele Infizierte, die getestet waren und daher ihren HIV-Status kannten. Außerdem waren viele Aidshilfen noch im Aufbau. Vor allem aber hatten die Aidshilfen eher die Primärprävention auf ihre Fahnen geschrieben. Positive dagegen hatten damals noch nicht den Platz, den sie dort eigentlich einnehmen sollten.

Wie muss man sich dieses erste Treffen vorstellen?

Es war für alle sehr bewegend. 37 schwule Männer und eine Frau waren zu dem ersten Treffen im April 1986 gekommen, viele von ihnen hatten zuvor noch nie einen anderen Positiven gesehen. Ein Selbsthilfenetzwerk, wie wir es heute kennen, gab es damals nicht, schon gar nicht in kleineren Aidshilfen. Es war daher sehr schnell klar, dass es weitere solcher Treffen geben muss.

„Viele hatten noch nie einen anderen Positiven gesehen“

Und es gibt sie bis heute.

Ja. Die Positiventreffen sind bis heute eines der wichtigsten Seminarprojekte, die das Waldschlösschen durchführt – dieses in enger Kooperation mit Positiv e.V. und der Deutschen AIDS-Hilfe. Vor kurzem fand das 175. Treffen statt. Anfangs hatten zwei schwule Männer, die beiden Initiatoren Jörg Sauer und Bernd Flury, die Treffen organisiert. Doch spätestens als 1987 die DAH in die Finanzierung mit einstieg und es jährlich mehrere Treffen geben sollte, wurde klar, dass nun eine größere Organisationsgruppe nötig ist.

So entstand Positiv e.V.

Positiv e.V. ist bis heute eine überschaubare Gruppe von HIV-Positiven, die ehrenamtlich an der Vorbereitung und Durchführung der Treffen beteiligt sind. Ich habe den Verein 1987 mitbegründet – als einziger Nicht-Positiver in diesem Vorbereitungsgremium – und kümmere mich um die Organisation, die Finanzierung über die DAH, die Vor- und Nachbereitung sowie die inhaltliche Gestaltung der Treffen.

Anfangs kamen zu den Positiventreffen fast nur schwule Männer. Das hat sich geändert.

Ab 1987 konnten mehr HIV-Positive daran teilnehmen, unter anderem Drogengebraucherinnen und -gebraucher. Das war von uns auch gewünscht: wir wollten  möglichst alle Betroffenengruppen zusammenbringen. Und dabei sind dann Welten aufeinandergestoßen. Die Schwulen und die Drogengebraucher hatten ihre Urteile und Vorurteile, und es gab auch einige heftige Auseinandersetzungen. Diese Treffen waren auf jeden Fall eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung.

„Dabei sind Welten aufeinandergestoßen“

Wir haben gelernt, dass es durchaus möglich ist, trotz unterschiedlicher Lebenswelten miteinander zu reden und zu arbeiten, Projekte zu entwickeln, Selbsthilfestrukturen aufzubauen. Ein verbindendes Element war damals sicherlich das Damoklesschwert, an Aids zu erkranken und daran zu sterben. Zu Beginn eines jeden Treffens wurde mitgeteilt, welche der früheren Teilnehmer inzwischen gestorben waren. Und es kam nicht selten vor, dass jemand kurz vor dem Tod noch mal zu einem Positiventreffen oder einem anderen von mir organisierten Seminar gekommen ist. Dass Schwerstkranke diese Mühen auf sich genommen haben, zeigt, wie wichtig diese Zusammenkünfte im Waldschlösschen für sie waren. Trotz allem waren es auch lebenslustige Treffen, und das ist bis heute so geblieben.

Wolfgang Vorhagen

Wolfgang Vorhagen

Über diese lange Zeit hast du zugleich die schwule Emanzipationsbewegung miterlebt und mitgestaltet.

HIV ist in der Tat nur einer der Bereiche, denen ich mich über die Jahre gewidmet habe. Ein weiterer befasst sich mit schwulen Lebensstilen und schwuler Lebensgestaltung oder mit der LGBT-Selbsthilfe. Ich bin beispielsweise für die Treffen der schwul-lesbischen Zentren zuständig und leite seit fünf Jahren zusammen mit Kollegen aus der Berliner Schwulenberatung Seminare für die Gruppen „Schwule 40plus/50plus“. Ich finde es immer wieder faszinierend, was sich in den vergangenen Jahrzehnten im HIV-Bereich und in der LGBT-Community an Initiativen entwickelt hat. Und fasst alle haben irgendwann einmal den Weg ins Waldschlösschen gefunden.

Von den schwul-lesbischen Journalisten über Trans*Gruppen bis zu den Gay Managern und den Lesben und Schwulen in der Union.

Das Waldschlösschen-Team kann schon stolz auf das sein, was es geschafft hat! Ich habe den Luxus, dass ich bei den Seminaren auch eigene Themen, die mich als schwulen Mann beschäftigten, in die Arbeit einfließen lassen und dabei mit Fachleuten zusammenarbeiten kann. Das hat mir doch einige wertvolle Erkenntnisse, auch über mich selbst, eingebracht. Bei allen Auseinandersetzungen, die man im Laufe der Zeit erlebt hat: die Arbeit im Waldschlösschen hat sich nicht nur als bereichernd, sondern auch als sinnstiftend erwiesen. Wäre ich Lehrer geworden, wie ich das mal vorhatte, wäre das Leben sicherlich nicht so spannend geworden.

Aus geplanten vier Jahren sind 30 geworden

Wie lange wolltest du ursprünglich im Waldschlösschen bleiben? Eigentlich wolltest du ja ins Schwulen-Mekka Berlin.

Ich dachte, ich mache das mal vier oder fünf Jahre. Wobei ich zugeben muss, dass ich anfangs erst mal einen leichten Kulturschock verkraften musste. Göttingen ist nur halb so groß wie meine Heimatstadt Aachen. In Aachen, am Dreiländereck gelegen, kam man schnell über die Grenze, und dort herrschte damals mehr internationales Flair als andernorts. Von dort also kam ich ins südliche Niedersachsen, wo vier Kilometer entfernt der eiserne Vorhang verlief und ich den Eindruck hatte: Da ist die Welt zu Ende. Ich wusste wirklich nicht, wie lange ich das aushalten würde. Aber dann packte mich die Arbeit, und gleichzeitig merkte ich, dass für mich als Diplompädagoge in Berlin nicht so viele spannende Angebote warten würden. Mittlerweile ist die Arbeit im Waldschlösschen doch so etwas wie ein Lebenswerk geworden. Noch einmal woanders etwas Neues anfangen, das wollte ich dann doch nicht.

Das Waldschlösschen, einst ein Schwulenprojekt mit Landschulheim-Atmosphäre, ist heute ein modernes, hoch professionelles Tagungshaus. Gibt man so etwas mit dem Eintritt ins Rentenalter einfach auf?

Na, das fragen sich wohl einige in meinem Team, weil sie entweder in einigen Jahren ins Rentenalter kommen werden oder schon drin sind. Aber die Früchte meiner Arbeit ernte ich ja nicht nur im Waldschlösschen, sondern auch andernorts. Ob ich von Berlin aus im Waldschlösschen noch für das eine oder andere Seminar zuständig sein werde – mal sehen. Diese Frage wird sich aber erst stellen, wenn wir wissen, wie sich das Haus weiter ausrichten und entwickeln wird. Neue im Team setzen neue Themenschwerpunkte im LGBT-Bereich, und das ist gut so! Und sicherlich wird sich auch bei den Angeboten für Menschen mit HIV/Aids einiges verändern.

„Ich blicke sehr gelassen auf die Zeit danach“

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Wenn ich, wie geplant, in vier Jahren ganz in Berlin lebe, werde ich mich sicherlich nicht aus allem komplett verabschieden. Durch meine Arbeit habe ich ja auch Projekte mitinitiiert, wie etwa die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS).  Ich kann mir gut vorstellen, dort weiter mitzuarbeiten. Daher blicke ich sehr gelassen auf die Zeit danach. Ich werde weiterhin sinnstiftende Arbeit finden, dann allerdings ohne den ständigen Spagat zwischen der Arbeitsheimat Waldschlösschen und der seit vielen Jahren gefühlten Heimat Berlin. Ganz sicher aber werde ich ab und an das Waldschlösschen und die wunderbare Landschaft vermissen.

 

 

Vorheriger Artikel

„Der Angst über Jahre ausgeliefert“

Nächster Artikel

„Einfach Kontakt zu anderen Menschen“

Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

56 + = 57