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Positives Coming-out

„Ich hab da noch was zu sagen“

2016 sprach der 20-jährige Max mit dem schwulen Magazin dbna ausführlich über seine HIV-Infektion. Jetzt, fast ein Jahr später, zieht er ein Resümee und erklärt, warum das Interview so wichtig war.

Inzwischen ist es fast ein Jahr her, dass ich dbna ein Interview gegeben und mich als HIV-positiv „geoutet“ habe. Das war damals eine relativ spontane Entscheidung von mir, weil ich den Eindruck hatte, dass der positive HIV-Status für die meisten Menschen immer noch ein Tabuthema ist.

„Die Angst vor Ausgrenzung ist immer noch groß“

Mir fehlte einfach jemand, der den Mumm hatte, das öffentlich zuzugeben. Der zeigt, wie normal das Leben mit HIV heutzutage tatsächlich ist. Wenn ich es gewollt hätte, dann hätte niemand herausgefunden, dass ich krank bin, wenn er mich nicht gerade im Sprechzimmer meines HIV-Spezialarztes getroffen hätte.

Für viele HIV-Positive ist das die Realität. Sie zeigen es nicht, denn sie können und müssen es ja auch nicht. Die Angst vor Ausgrenzung ist immer noch groß. Aber ist sie auch begründet? Irgendwie schon, wie die Gerüchte über mich inzwischen zeigen.

Gemischtes Feedback nach dem Coming-out als HIV-positiv

Nachdem das Interview veröffentlicht wurde, kam erst mal sehr viel positives Feedback. Das hat mich gefreut, vor allem weil daraufhin viele Jungs den Mut zu einem Test gefasst hatten.

„Von einigen Reaktionen war ich etwas überfordert“

Einiges an negativem Feedback kam natürlich auch, jedoch weniger als erwartet. Auf viele der negativen Kommentare in den sozialen Netzwerken habe ich nicht direkt reagiert. Einerseits hatten schon andere die Initiative ergriffen und geantwortet, andererseits war ich etwas überfordert.

Schnell wurde mir aber bewusst, dass ich noch einiges zu erzählen habe. Inzwischen geht es mir nicht mehr nur darum, zu zeigen, wie normal das Leben doch trotzdem sein kann. Aber dazu komme ich noch.

Im September dann hat die Zeitschrift „M+ Gesundheit“ das Interview übernommen. Die gesamte Ausgabe behandelt das Leben und den Umgang mit HIV, besonders in unserer Generation.

HIV – kein Thema mehr für die jüngere Generation?

Die Autoren erkennen ganz richtig, dass wir uns nicht mehr vor HIV fürchten, wie es unsere Eltern beispielsweise noch tun. Wir haben nie miterlebt, wie Menschen an dem Virus und der Krankheit zu Grunde gegangen sind, wie sie deshalb ausgestoßen wurden. Wir haben davon gehört und mal in der Schule darüber gesprochen, aber letztendlich stirbt man heutzutage doch nicht mehr daran. Es scheint, als könnte man auch Risiken eingehen, denn irgendwie würde man schon merken, wer HIV hat und wer nicht.

„Einige gehen ab und an ein Risiko ein, andere sind sehr gewissenhaft“

Jedoch ist der Umgang mit dem Virus am Ende von Person zu Person unterschiedlich. Während einige ab und zu das Risiko eingehen und nicht immer ein Kondom benutzen, sind andere sehr vorsichtig und gewissenhaft, was Safer Sex angeht. Diese Gruppen gibt es in allen Altersklassen, doch ist die erste in meiner Generation viel stärker vertreten.

Die Angst ist nicht mehr so groß, sodass man auch bereit ist, Risiken einzugehen – und je öfter da nichts passiert, desto kleiner wird das schlechte Gewissen. In unserer Generation ist doch ohnehin niemand positiv, oder? Umso größer war der Schock für viele, als ich das Gegenteil bewiesen habe. Das passt eben nicht mehr in die heile Welt der Ignoranz.

Unter der Nachweisgrenze = nicht infektiös

Es hat etwas gedauert, bis ich es bemerkt habe, aber in Jena hat sich ein Unbehagen eingeschlichen, wenn es um mich geht. Ein Junge, der mich auf einer Party angesprochen hatte, wurde kurz darauf von einem Fremden zur Seite genommen, der ihm den Rat gab: „Pass auf bei dem. Der hat HIV.“ Gerüchte machten die Runde, ich würde verschweigen, dass ich positiv bin und dann andere Leute anstecken.

Wusstet ihr, dass ich gar nicht infektiös bin? Durch meine Medikamente ist die Anzahl der Viren in meinem Blut so stark heruntergedrückt, dass sie nicht mehr messbar ist. Die Nachweisgrenze liegt aktuell bei 20 Viruskopien pro Milliliter Blut. Zum Vergleich: Als ich das erste Mal positiv getestet wurde, hatte ich über eine Viertelmillion Viren in einem Milliliter Blut.

„Bei mir wird sich niemand HIV holen“

Die Therapie bietet heute einen effektiveren Schutz vor einer Ansteckung als ein Kondom, denn wo keine Viren sind, kann sich auch niemand anstecken. Bei mir wird sich also niemand HIV holen. (Zu der Anschuldigung, dass ich das verschweigen würde, muss ich hier jetzt nichts sagen, oder?)

Mir war schon damals bewusst, dass damit nicht alle zufrieden sein würden. „Ist doch seine eigene Schuld, wenn er ungeschützt in der Gegend rumvögelt.“ Mit solchen Aussagen war zu rechnen, und sie kamen auch.

HIV und die Schuldfrage

Überrascht war ich allerdings darüber, wie oft der Kommentar „Mitleid hab ich da nicht“ kam. Ich wollte nie Mitleid. Meine Infektion ist meine eigene Schuld, aber das ist nun eben so. Das wurde mir auch vorgeworfen. „Wer sich heute noch mit HIV ansteckt, ist selbst Schuld. Die Kampagnen haben offensichtlich versagt. Man kann sich doch gar nicht mehr anstecken eigentlich.“

Doch kann man! Solche arroganten und ignoranten Kommentare sind eben genau das Problem, das wir in unserer Gesellschaft haben, und der Grund, weshalb viele Positive in der Öffentlichkeit nicht zu ihrer Infektion stehen würden.

Die Schuldfrage ist meist das Erste, was die Menschen interessiert. Entweder behandeln sie ihr Gegenüber als armes Opfer, welches mit Mitleid überschüttet werden muss, oder als Sündigen, für den nichts übrig bleibt außer Vorwürfen.

„Ich habe mir verziehen, dass ich damals kein Kondom verwendet habe“

Es ist meine Schuld, dass ich HIV-positiv bin. Ich habe das Virus durch ungeschützten Geschlechtsverkehr bekommen. Soll ich deswegen jetzt in eine Ecke gehen und leise weinen? Viele versuchen, mir Schuldgefühle einzureden, wenn sie merken, wie offen ich über meine Infektion spreche, und vor allem, wenn sie merken, wie ausgeglichen ich trotzdem bin.

Wie kann ich denn nur normal weiterleben, nachdem ich so verantwortungslos gehandelt habe? Ich habe es einfach akzeptiert. Jeder Mensch macht Fehler und geht Risiken ein. Jede_r Raucher_in, jede_r, der_die leicht angetrunken noch abends nach Hause fährt oder sich mal nicht ans Tempolimit hält, wenn’s schnell gehen muss.

Ich habe mir verziehen, dass ich damals kein Kondom verwendet habe und dass ich jetzt mit dem Virus leben muss. Sicherlich ist es an manchen Stellen nicht so einfach wie für einen gesunden Menschen, aber es gibt andere chronische Erkrankungen, die sich belastender auswirken. Ich mache das Beste aus der Sache, so wie alle HIV-Infizierten. Und deshalb kann ich darüber auch offen und locker reden.

Verharmlosung?

Aber verharmlose ich damit jetzt HIV? Verleite ich damit eine Generation von schwulen Jugendlichen dazu, ungeschützten Verkehr zu haben? Diese Fragen kamen auch auf – und sie sind durchaus gerechtfertigt und wichtig. Ich habe mich das auch gefragt, als ich das Interview gelesen habe.

Wenn ich könnte, dann würde ich immer das Leben ohne HIV, ohne Tabletten und ohne Arztbesuche vorziehen. Das kann ich aber leider nicht, und deshalb will ich das Beste aus der Situation machen.

„Wir müssen darüber reden“

Verstecken und Totschweigen sind sicher inzwischen bequem geworden durch die Medikamente. Aber es ist nicht die Lösung. Wir müssen darüber reden und uns damit auseinandersetzen. Alle Kampagnen haben HIV zwar eingedämmt, aber eben nicht besiegt. Das Virus ist real, und es infizieren sich täglich Menschen damit.

Viele Menschen, vor allem junge, gehen das Risiko einer Infektion ein und haben ungeschützten Verkehr. Man kann die Augen davor verschließen, aber das wird nichts bringen. Genauso wenig bringt es etwas, diese Menschen deshalb anzugreifen und dumm zu machen! Dies führt nur zu Angst, weshalb man sich nicht testen lassen möchte.

Ein Test liefert Gewissheit

Das größte Problem heutzutage ist nämlich, dass viele ihren positiven HIV-Status nicht kennen und das Virus unwissentlich weitergeben. Die meisten von ihnen haben eben Angst vor einem Test – vor einem positiven Testergebnis und einer eventuell folgenden Ausgrenzung. Vor allem diese Menschen möchte ich erreichen und ihnen zeigen, dass man keine Angst vor dem Test haben muss.

„So können wir HIV in den Köpfen besiegen“

Egal ob positiv oder negativ, der Test liefert Gewissheit. Auch wenn er positiv ist, kann man ein normales Leben weiterführen! Vor allem wird man niemanden mehr anstecken. Ich sehe es als die Verantwortung aller, den aktuellen Status zu kennen. Nur so können die Neuinfektionen mit HIV gestoppt werden. Sobald wir HIV-positive Menschen endlich akzeptieren, können wir das auch erreichen.

Ich hoffe, meine Intentionen sind jetzt etwas besser verständlich. Andere sexuell übertragbare Infektionen habe ich nicht vergessen (bevor mir das hier vorgeworfen wird). Ich bin bewusst nicht auf sie eingegangen. Ungeschützter Geschlechtsverkehr bedeutet mehr als HIV, und wenn man Risiken eingeht, dann sollte man sich auch regelmäßig damit auseinandersetzen.

Für den Mut, den ich im Sommer gefasst habe, haben sich auch viele Positive bei mir bedankt und mir bestätigt, dass es die richtige Entscheidung war. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich würde es immer wieder machen und ich werde auch immer gern und offen darüber reden, so wie zuletzt für bento. Denn das ist die beste Chance, die wir haben, um HIV auch in unseren Köpfen zu besiegen.

Dieser Beitrag, verfasst von Fabian Schäfer, erschien zuerst auf dbna.de, dem Magazin für schwule Jungs. Wir danken Max, dem Verfasser und dbna.de herzlich für das Recht zur Zweitveröffentlichung.

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1 Comment

  1. Patrick
    20. Juli 2017 at 19:09 — Antworten

    Hey Max,

    ich bin auch HIV-positiv und danke Dir von Herzen für Dein offenes Statement, mit tut Dein Interview und Deine Gedanken auf jeden Fall sehr gut und ich find’s nicht nur cool, sondern auch sehr wichtig, dass wir Positiven uns so hinstellen, wie Du das machst.

    Merci, liebe Grüsse und alles Gute

    Patrick

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