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Ein Tag im Leben

Leben mit Drogen: Éva und Oszkár, Budapest, Ungarn

Der Film „Ein Tag im Leben“ gibt einen Einblick in das Leben von acht Menschen, die Drogen gebrauchen, aus sieben Ländern der Welt, vom Morgen bis in die Nacht. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben

Alle Protagonist_innen des Films gebrauchen Drogen, aber sie definieren sich nicht darüber. Sie alle sind einzigartige Persönlichkeiten, haben ihre eigenen Geschichten und ihre eigenen sozialen Netzwerke. Das Umfeld, in dem sie leben, die Haltungen ihnen gegenüber, die Gesetze rund um den Drogenkonsum und die Gesundheitsdienste, die ihnen zur Verfügung stehen, haben einen enormen Einfluss auf ihr Leben.

Drogengebraucher_innen werden an den Rand gedrängt

Der Film wurde von Menschen produziert, die selbst auch Drogen gebrauchen. Er will Mythen und Vorurteile gegenüber Drogen und Drogengebraucher_innen abbauen. Er gibt jenen eine Stimme, die zu den am stärksten an den Rand gedrängten Gruppen der Welt gehören, damit sie ihre bislang nicht erzählten Geschichten über Liebe, Hass, Leiden und auch Glück erzählen können. Er zeigt, wie sie sich sozial und politisch engagieren, um das Schweigen zu brechen und die Stigmatisierung zu bekämpfen, die tiefe Schatten auf ihr Leben wirft.

Oszkár: Mein Name ist Oszkár, ich nehme Drogen. Schon seit langer Zeit. Ich bin 41 Jahre alt. Ich lebe in einem runtergekommenen Haus, neben dem öffentlichen Friedhof. Zusammen mit meiner Partnerin. So verbringen wir unsere Tage. Wir leben auf der Straße.

Éva: Ich lebe seit fünf Jahren mit Ozskár zusammen, Tag und Nacht. Auf der Straße. Wir gehen hin, wo immer wir hingehen können, wir schlafen dort, wo es gerade Nacht wird, ob es regnet oder nicht. Leider …

Wir haben kein Geld. Wir durchwühlen den Müll. Wir essen, wenn wir was Essbares finden, wenn nicht, dann essen wir nicht. Wenn es regnet, können wir keine Kippen finden, dann rauchen wir nicht.

Ich war sechs Jahre im Gefängnis. 2004 wurde ich verhaftet. Als ich ins Gefängnis kam, war ich schon heroinabhängig.

„Wo immer wir hingehen, schicken sie uns weg“

Ich fing damit an, als ich 14 war. Ich wurde wegen Raubes und eines Autodiebstahls verhaftet.

Es gibt in allem Schlechten etwas Gutes und in allem Guten gibt es etwas Schlechtes. So draußen leben ist nicht toll – im Gegenteil, es ist sehr schlecht. Es ist kalt. Wo immer wir hingehen, selbst wenn es ein verlassener Ort ist, schicken sie uns weg.

Oszkár: Einmal campierte ich zusammen mit Éva in einem Zelt, und sie weckten uns mit Gasspray auf, sie traten auf uns ein, während wir im Zelt lagen. Sie anzeigen? Wo denn? Ich könnte sie nur bei Gott anzeigen.

Ich lebe vom Schrottsammeln. Das ist mittlerweile sehr schwer geworden, weil die Polizei dazwischenfunkt. Sie lassen mich nicht. Ich kann in zehn Minuten Schrott im Wert von 400 Forint (ca. 1,30 Euro) ausgraben. Wenn ich das den ganzen Tag mache, kann ich auf 40.000 Forint kommen (130 Euro).

Aber ich habe auch einen Beruf gelernt, ich bin Maurer.

Geschichte … Ich liebe Geschichte. Auch heute noch – wenn ich ein Buch über Geschichte finde, fang ich sofort an zu lesen. Ich bin dann total gebannt. Es gibt da diese Archäologen, mit denen würde ich gerne arbeiten. Besonders unter dieser Droge fummelt man sowieso gerne herum. Ich könnte den ganzen Tag herumfummeln. Das wäre toll.

Drogen nehmen, um zu vergessen

Éva: Bei dieser Droge geht es nicht darum, Spaß zu haben. Sie gibt dir ein gutes Gefühl, wenn du sie injizierst. Und du bist weg. Du denkst nicht nach. Aber das hält nicht lange an. Und dann sind da die Nerven … Aggression.

Das ist jetzt eine Medizin für die Leute. Wenn du die Droge nicht nimmst, wirst du zum nervösen Wrack oder aggressiv.

Oszkár: Wir nehmen sie ziemlich oft. Wir geben 10.000 oder sogar 20.000 Forint am Tag aus oder sogar 30.000. Natürlich hängt das davon ab, wie viel Schrott ich sammeln kann. Wir nehmen Designerdrogen, die heißen Crystal, Waffle, Music, werden unter vielen verschiedenen Namen verkauft, aber wie auch immer sie heißen, alle diese Drogen kennen nur Ja oder Nein – entweder funktionieren sie oder sie funktionieren nicht.

Diese Droge wirkt bei verschiedenen Leuten unterschiedlich. Bei mir sorgt sie dafür, dass ich Dinge vergesse. Darum nehme ich sie – um zu vergessen. Ich vergesse meinen Kummer. Manche Leute ertränken ihren Kummer im Alkohol, ich mache es mit Drogen.

„Das Einzige, was mir Hoffnung gibt, sind meine Kinder“

Éva: In diesem Viertel ist das Leben von Drogenkonsument_innen schlimmer als in Chicago. Sie spritzen. Die Wirkung hält nicht lange an, dann werden sie gereizt, suchen Streit mit anderen. Sind ganz wirr im Kopf und ziehen sich auf der Straße aus, weil sie halluzinieren und kleine Insekten spüren. Der Krankenwagen bringt sie weg, die Polizei muss sie auf dem Boden festhalten, sie sehen UFOs und so weiter.

Oszkár: Ich habe vier Kinder. Ich habe zwei Söhne und zwei Töchter. Beide leben in Sárospatak, bei meinen Eltern. Das ist das Einzige, was mir Hoffnung gibt, meine Kinder. Sonst würde ich mir den Goldenen Schuss setzen. Warum leben?

Hier wird irgendein Stadion gebaut. Ein Sportstadion. Dafür gibt’s natürlich Geld. Aber nicht für Spritzentausch.

Éva: Viele meiner Freunde sind gestorben, sie haben dieselben Spritzen benutzt. Viele haben eine Blutvergiftung bekommen und sind gestorben.

Die Polizei behindert Schadensminimierung

Oszkár: Es gab ein Spritzentauschprojekt namens Blue Point, in der Magdolna-Straße. Das funktionierte sehr gut, es gab damals weniger Leute mit Hepatitis C. Nachdem es eingestellt wurde, ist ihre Zahl wieder gestiegen. Ich kann Ihnen sagen, dass siebzig Prozent Hepatitis C haben. Ist das so besser für sie?

Jetzt haben wir dieses mobile Spritzentauschprogramm. Sie kommen mit einem Krankenwagen raus. Aber Drogenkonsumenten wissen nicht, wann sie wohin gehen müssen, denn die Mitarbeiter_innen können nicht längere Zeit am selben Ort bleiben. Also können sie uns keinen bestimmten Ort nennen, wo wir sie finden können. Arme Leute. Sie tun mir leid. Sie werden überall vertrieben, obwohl sie zu helfen versuchen. Sie retten uns. Sie helfen uns nicht nur, sie retten uns. Wenn uns jemand rettet, dann sie.

Es ist schwierig, sie und die anderen zu finden, seit Blue Point geschlossen ist. Aber sie sind immer noch bereit, uns sterile Nadeln zu geben. Sie erreichen so weit weniger Leute. Vorher hatten sie einen festen Standort, mit 100–150 Klient_innen am Tag, aber dort … – Nur zehn oder zwanzig.

Wenn die Polizei Nadeln bei uns findet, nehmen die Polizisten sie weg und zerstören sie. Sie „vernichten sie“, um es in ihrer Berufssprache zu sagen. Selbst die sterilen Nadeln.

Und sie verhaften uns. Mich mindestens 50 Mal. Ich saß letzten Sommer zwei Monate im Gefängnis.

Als wir beim letzten Mal Spritzen tauschten, fragten sie jeden von uns nach dem Personalausweis. Letzte Woche hielt das Polizeiauto hier, blockierte die Straße …, und sie stellten drei Leute an der Wand auf.

Éva: Die Mitarbeiter_innen des Spritzentauschdienstes wollen uns helfen, mit dem Drogenkonsum aufzuhören, aber wir können nicht. Wir leben auf der Straße und wir brauchen Drogen. Wir könnten aufhören, aber ich will nicht, solange wir auf der Straße leben. Ich kann nirgendwo hingehen. Wenn wir ein Zuhause hätten, könnte das Leben gut sein. Dann könnten wir uns ändern, aber nicht auf der Straße.

„Wenn wir ein Zuhause hätten, könnten wir uns ändern“

Ich habe zwei wunderschöne Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Meine Tochter ist 17. Sie ist im siebten Monat schwanger, mit Zwillingen, ein Junge und ein Mädchen. Mein Sohn hat eine Freundin, aber er lebt bei meinem Vater. Meine Tochter lebt bei ihrem Partner. Sie haben ein gutes Leben.

Meine Eltern haben alles versucht, haben mir sechs Jahre lang Pakete geschickt, zwei Pakete im Monat. Sie haben meine Kinder mit ins Gefängnis genommen, um mich zu besuchen. Ich habe gesegnete, gute Eltern wie niemand sonst. Sie lieben meine Kinder.

Ich war in der dritten Klasse, als sie mich von der Schule warfen. Dabei war ich eine ausgezeichnete Schülerin. Ich kann schreiben, lesen, rechnen und das alles. Ich war wirklich eine sehr gute Schülerin, vor allem in Mathe. Sie sagten, dass ich es in der Schule weit bringen könnte. Und sogar darüber hinaus.

Aber dann wurde ich rausgeschmissen, in eine andere Schule mit älteren Schüler_innen gesteckt. Ich machte noch ein paar Klassen. Ich schnüffelte Klebstoff und rannte von zu Hause weg. Ich war sehr jung. Also gaben meine Eltern mich für eine Weile ins Erziehungsheim, damit ich mich ändere, aber ich änderte mich nicht. Ich haute mit meiner Freundin, Éva Jankovics, ab.

Schwanger mit 14

Meine Tochter wurde gezeugt, als ich mit dieser Éva auf der Flucht war, Éva Jankovics.

Wir gingen in die Disko, und dort sah ich … Ich kannte ihn nicht gut, hatte diesen Jungen nur ein paar Mal getroffen. Er erzählte, dass sein Bruder da sei und dass wir zu ihm nach Hause fahren sollten. Er selber würde auch mitkommen. Also fuhren wir von der Disko aus los, und als wir über die Brücke kamen, zog er ein Messer raus und vergewaltigte mich. Das ist die Wahrheit. Ich brauchte drei Tage, um ihm zu entkommen.

Danach traute ich mich nicht mehr aus dem Haus. Ich hab nicht mal bemerkt, dass mein Bauch größer wurde. Aber ich habe geträumt, dass ich ein Baby fütterte, ein Baby stillte. Ich habe von einer Schwangerschaft geträumt. Ich träumte davon.

Ich habe meine Hosen mit einer Krawatte zugeschnürt. Einmal, als meine Tanten da waren, fegte ich zu Hause den Boden. Da fing meine Mutter an, mich anzuschreien: „Seht ihr, sie ist schwanger, aber sie leugnet es. Sie will ihr Baby umbringen, indem sie ihren Bauch abschnürt.“

„Meine Tochter ist mein Leben“

Ich war vierzehn und sah nicht, dass mein Bauch wuchs. Ich ging zu einem Gynäkologen. Dort sagten sie, ich sei im vierten Monat schwanger. Ich war wie gelähmt.

Sie sagten, ich sollte in drei Tagen wiederkommen und ihnen sagen, ob ich mein Baby behalten wollte oder nicht. Ich liebe sie, vergöttere sie, das war es wert, auch wenn ich leiden musste. Ein wunderschönes Mädchen, sie ist mein Leben. Das war es wert. Das kann ich dir sagen.

Oszkár: Ich habe nie einen Plan. Ich wache einfach morgens auf, ohne Ziel, und gehe hin, wo auch immer meine Beine mich hintragen. Eigentlich ist dieses Leben gar nicht so schlecht, denn ich bin glücklich. Wenn ich in diesem Leben nicht glücklich wäre, dann würde ich das nicht machen. Ich bin glücklich.

Dieses Glücklichsein bedeutet, dass ich mein Leben verantwortungslos lebe, ich bin für niemanden verantwortlich. Wenn ich mir das Bein breche, dann ist das mein Problem. Wenn ich kein Geld habe, dann ist das mein Problem. Niemand sollte sich dafür verantwortlich fühlen, was mir wehtut. Nein. Ich lebe mein eigenes, kleines Leben, so, wie ich es möchte.

Ich liebe es, im Freien zu schlafen. Das ist es, was ich mag. Diese heruntergekommenen Gebäude, ich mag sie so sehr, dass ich nirgendwo anders leben könnte. Sie sind großartig.

Éva: Ich möchte Oszi nicht alleine lassen, um zu meiner Familie zurückzugehen, denn er hat mir sehr geholfen, wir verbringen viel Zeit zusammen. Es wäre nicht nett. Es würde ihn sehr verletzen, und ich hätte Schuldgefühle, so sehr, dass ich sterben würde.

Oszkár: Mit Éva habe ich jemanden gefunden … Wir sind auf der gleichen Wellenlänge. Sie ist so wie ich. Genauso. Sie weint, wenn mir etwas wehtut, und ich auch. Ich denke, zwischen uns ist Liebe gewachsen in diesen vier Jahren. Manchmal fühle ich es.

Éva: Ich hätte gerne ein besseres Leben, würde lieber nicht auf der Straße leben. Aber ich kann Oszkár nicht alleine lassen. Er würde dann sterben. Buchstäblich. Ich weiß es. Und das will ich nicht. Ich habe ein Herz. Dann leide ich lieber. Auf der Straße.

Die Geschichten der anderen Protagonist_innen sowie weitere Artikel zum Thema Drogenpolitik finden Sie hier.

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