Jedem Menschen sollte es freistehen, sich in besonderen Situationen einen Rausch zu gönnen, sagt der Notfallmediziner und Anästhesist Dr. Gernot Rücker. Er fordert ein radikales Umdenken im Umgang mit Drogen.

In seinem Buch „Rausch. Was wir über Drogen wissen müssen und wie ihr Konsum sicherer werden kann“ macht Dr. Gernot Rücker, Leiter des Notfallausbildungszentrums der Uniklinik Rostock, deutlich, weshalb es dringend legale Alternativen zu Alkohol geben muss. Im Gespräch für magazin.hiv erläutert Rücker, warum er diese Substanz für besonders gefährlich hält und wie mehr Wissenschaftlichkeit in der Drogenpolitik zu einem risikoärmeren Konsum führen könnte.

Warum kommen Menschen nicht ohne Drogen aus?

Wir sind evolutionsbiologisch zu hochkomplexen Wesen geworden und unsere Lebensverhältnisse sind von der Gesellschaft stark reglementiert. Nicht zuletzt auch, damit nicht Mord und Totschlag herrschen. Wir müssen aber die Möglichkeit haben, gelegentlich ausbrechen zu können. Das Ventil dazu ist der Rausch; ein Mechanismus, den es bereits seit Zehntausenden Jahren gibt und auch ein spirituelles, gemeinschaftsstiftendes Erlebnis sein kann. Ohne Rausch hätte die menschliche Gesellschaft nicht überlebt. Er kann durch viele verschiedene Substanzen ausgelöst werden; aber auch durch Sex oder Hobbys, bei denen große Adrenalinmengen freigesetzt werden, kann ein rauschhafter Flow oder tranceartiger Zustand entstehen.

Die Vorurteile gegenüber Cannabis sind das Resultat von lange zurückliegenden Stigmatisierungsprozessen, ausgelöst unter anderem durch politische Machtspiele, wirtschaftliche Interessen und nicht zuletzt auch durch Rassismus.

Rausch hat natürlich auch negative Aspekte. Er kann zu Sucht und Aggression führen.

Wichtig ist zu differenzieren: Es gibt Drogen, mit denen man in der Freizeit Spaß intensivieren möchte: das Bier auf dem Oktoberfest oder die Ecstasy-Pille auf der Party. Es geht darum, die Freizeit schön zu gestalten und aus dem Alltag auszubrechen. Das ist völlig in Ordnung und die Chancen, dass dadurch jemand in einer Abhängigkeit endet, sind äußerst gering. Das ist an sich also noch nicht wirklich gefährlich.

Wann werden denn Drogen zu einer Gefahr?

Wenn sie konsumiert werden, weil man mit dem Alltag nicht zurande kommt. Wenn man schon am Morgen etwas einwerfen muss, um den Tag zu überstehen. Das ist bei manchen der Flachmann, der an der Tankstelle gekauft und gleich weggekippt wird; bei anderen sind es Tabletten oder Kokain, um den berufsbedingten Stress zu ertragen oder die Leistungsfähigkeit zu steigern.

Wenn es dadurch zu einer Abhängigkeit kommt, sind aber nicht die Droge und der Rausch schuld, sondern der Mensch an sich wurde aufgrund der Lebens- und Gesellschaftsumstände in diese Situation gebracht. Ich plädiere deshalb dafür, immer genau zu unterscheiden, ob wir im jeweiligen Kontext von einer Alltags- oder Freizeitdroge sprechen. Denn dies sind völlig verschiedene Risikoprofile. Die Probleme, die wir durch Drogenkonsum haben, gehen fast immer auf Alltagsdrogen zurück.

Es gibt Substanzen, die völlig gesellschaftsfähig sind. Mit dem Bierglas in der Hand untermauern Politiker*innen sehr gerne ihre Volksnähe. Sie ließen sich aber nie mit einem Joint fotografieren. Wie hat sich diese Unterscheidung von legitimen Drogen zu kriminalisierten Drogen entwickelt?

Cannabis ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Droge bewusst stigmatisiert wurde. Wir verbinden mit Cannabis-Konsumenten Schluffis, die nichts mehr auf die Reihe bringen und den Tag vergammeln. Dieses Bild hat sich in unseren Köpfen über viele Jahrzehnte eingebrannt. Diese Vorurteile sind das Resultat von lange zurückliegenden Stigmatisierungsprozessen, ausgelöst unter anderem durch politische Machtspiele, wirtschaftliche Interessen und nicht zuletzt auch durch Rassismus. Heute wäre das zum Glück so nicht mehr möglich, weil die Gesellschaft aufgeklärter ist und pseudowissenschaftlicher Humbug als Argumentationsgrundlage sofort auffliegen würde.

Früher hingegen konnten angeblich wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt wurden, aber als Argumentationsgrundlage zum Verbot dienten. Cannabis wird beispielsweise deshalb – entgegen aller Wissenschaft – bis heute als sogenannte Einstiegsdroge bezeichnet, obwohl allein schon dieser Begriff generell als vollkommen überholt gilt. Wir haben es gerade erst wieder im bayerischen Wahlkampf erlebt.

Alkohol ist – aus wissenschaftlicher Sicht – eine der giftigsten Drogen überhaupt.

Alkohol schätzen Sie hingegen als weitaus gefährlicher ein.

Alkohol ist – aus wissenschaftlicher Sicht – eine der giftigsten Drogen überhaupt und verursacht die meisten Rauschmitteltoten in Deutschland. Rund 70.000 Menschen sterben jedes Jahr infolge von Alkoholkonsum. Nikotin, die andere große Leitdroge, ist Ursache für 120.000 Todesfälle. Zum Vergleich: Durch illegalisierte Drogen sterben „nur“ rund 2.000 Menschen, und zwar durch Opioide, Kokain, psychoaktive und andere Substanzen zusammengenommen.

In Deutschland konsumieren zwischen fünf und zehn Millionen Menschen Cannabis bzw. Ecstasy; fünfmal so viel – über 50 Millionen zwischen 18 und 64 Jahren – trinken Alkohol. Man muss keine Ahnung von Statistik haben, um anhand dieser Zahlen bereits zu erkennen, dass der Alkoholkonsum weitaus riskanter ist und anteilig vielfach mehr Todesfälle verursacht als Ecstasy oder Cannabis.

Wie beurteilen Sie in diesem Kontext Opioide? Wenn Sie nicht kriminalisiert, sondern leichter zugänglich wären, würden doch sicherlich die Zahl der Konsument*innen und damit die Fälle von Überdosierungen oder tödlichen Langzeitfolgen steigen?

Natürlich. Opioide wie Morphium und Fentanyl sind in der Medizin unverzichtbar, ein wahrer Segen. Als Freizeit- und Alltagsdrogen sind Opioide völlig ungeeignet. Sie sind hochtoxisch, zumal sie häufig verunreinigt sind und damit schlecht dosiert werden können. Außerdem haben sie ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial.

Wenn Fentanylpflaster in der Palliativpflege eingesetzt werden, ist die Suchtgefahr nicht mehr relevant. Hier geht es darum, Menschen in der letzten Lebensphase die Schmerzen zu lindern und damit die Lebensqualität zu erhöhen. In den USA haben wir aber gesehen, welche Folgen es hat, wenn Opioide als leicht zugängliche Schmerzmittel in den Handel gebracht werden – obwohl jeder Suchtmediziner weiß, wie langwierig es ist, solche Schmerzmittel nach einer akuten Krankheitsphase wieder auszuschleichen und Abhängigkeiten zu vermeiden. Wenn nicht die Schmerzlinderung, sondern der Rausch im Vordergrund stehen, sind wir auf Opioide nicht angewiesen. Wir können stattdessen auf Dutzende andere Substanzen zurückgreifen.

Warum werden Opioide trotzdem konsumiert?

Ich verstehe sehr gut, dass Menschen, die beispielsweise schlimme Phasen, Traumatisierungen, vielleicht sexuelle Übergriffe durchlitten haben, auf solch massive Drogen wie Opioide zurückgreifen. Durch das schnelle Anfluten im Gehirn und ihre hohe Wirksamkeit lösen sie zumindest am Anfang große Glücksgefühle und Wohlgefühle aus. Das ist sehr trügerisch und nimmt schnell Fahrt auf, da das Gehirn immer mehr davon haben will. Wir haben immer geglaubt, dass die Drogen selbst daran die Schuld hätten. Das ist entschieden zu kurz gedacht. Wenn man den Mechanismus begreift, der zu dieser Form des Drogenkonsums geführt hat, müssen wir uns als Gesellschaft eingestehen, dass wir versagt haben. Wir haben viel zu lange nur gefragt, welche Droge ein Abhängiger nimmt, aber nicht, was den Konsum ausgelöst hat. Wenn man diese Ursache nicht kennt, ist es umso schwerer, diesem Menschen dabei zu helfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Denn es macht zum Beispiel in der Bewältigung und in der Therapie einen entscheidenden Unterschied, ob Menschen beispielsweise aufgrund von einer schwierigen Familiensituation oder aber wegen sexueller Übergriffe auf Drogen zurückgegriffen haben.

Es ist elementar, Konsumräume einzurichten und saubere Utensilien anzubieten.

Wie sollte ihrer Ansicht nach opioidabhängigen Menschen geholfen werden?

Für jene, die ganz in ihrer Sucht gefangen sind, geht es schlicht ums Überleben. Es ist daher elementar, für diese Menschen Konsumräume einzurichten und saubere Utensilien anzubieten. Denn nur so kann ein Mindestmaß an Sicherheit gewährleistet und können Infektionskrankheiten vermieden werden.

Vor allem aber müssen wir verstehen: Ein „Junkie“ ist nicht einfach nur ein „Junkie“. Es ist ein Mensch mit einer Abhängigkeit, und Abhängigkeit ist eine Krankheit. Ein Opioidabhängiger nimmt diese Drogen nicht zum Spaß, und er weiß in der Regel auch um die Risiken. Viele von ihnen haben erlebt, wie sich Menschen durch den Konsum mit HIV oder Hepatitis infiziert haben oder durch eine Überdosis gestorben sind. Ich denke, wir sind uns einig, dass niemand Suchtkranke sterben sehen oder ein Leben wie sie führen möchte. Sie zu kriminalisieren, ist daher keine Lösung. Damit ist ihnen kein Stück geholfen, vielmehr machen wir ihr ohnehin schon schweres Leben nur noch schlimmer.

Was also ist zu tun?

Zum Beispiel Psychotherapie ermöglichen, um die Ursachen von Drogenmissbrauch aufzuarbeiten. Wir benötigen ein ausreichendes Angebot an Konsumräumen mit qualifiziertem und motiviertem Personal. Die Kosten für den Betrieb eines Konsumraums sind vergleichsweise gering, insbesondere, wenn man die Kosten für Rettungseinsätze und akutmedizinische Behandlungen gegenrechnet, die dadurch entfallen würden.

Und wir müssen uns eben auch klarmachen, dass eine Opioidabhängigkeit eine chronische Erkrankung ist. Absolute Abstinenz ist daher oft lebenslang einfach nicht erreichbar. Auch bei einem trockenen Alkoholiker oder Kettenraucher kann es zu Rückfällen kommen. Das gehört zum Krankheitsbild dazu. Eine Solidargemeinschaft muss alles dafür tun, dass dieser Krankheitsprozess gestoppt oder gebremst wird. Da es sich um eine chronische Krankheit handelt, muss es selbstverständlich möglich sein, dass die Erkrankten zeitlebens mit einem Ersatzstoff substituiert werden können, wenn es notwendig ist. Bei Diabetes würde dies niemals infrage gestellt. Niemand verlangt von einem übergewichtigen Diabetiker, dass er nur dann Insulin oder andere Medikamente bekommt, wenn er kein Süßzeug mehr isst oder abnimmt. Das ist bei Drogen nichts anderes.

„Rausch“ von Dr. Gernot Rücker

In Ihrem Buch empfehlen Sie faktisch eine Neubewertung vieler der gängigen Drogen und damit verbunden der gesamten Drogenpolitik. Können Sie das exemplarisch erläutern?

Wir müssen zum Beispiel das real hohe Risiko des Alkoholkonsums anerkennen. Meine Empfehlung wäre, Alkohol erst ab 18 Jahren zu erlauben und zu verbieten, dass Alkohol im Kassenbereich der Supermärkte angeboten wird. Aus Tankstellen sollte zumindest Hochprozentiges verbannt werden. Wir haben jeden Tag 60.000 Menschen, die alkoholisiert Auto fahren.

Um eines klar zu stellen: Ich bin kein Gegner von Alkohol, aber ich bin dafür, dass sich Menschen, die sich berauschen wollen, nicht zwanghaft auf diese Droge zurückgreifen müssen, die nachweislich erheblich Aggressionen befördert. Ich möchte vielmehr, dass sich der Konsum von Alkohol auch hin zu sichereren Drogen verschiebt.

Es muss eine demokratische Auswahl an weiteren legalen Substanzen geben, die mir der Staat zubilligt, um einen Rausch zu bekommen.

Wenn wir in einer Demokratie leben, dann muss es eine demokratische Auswahl an weiteren legalen Substanzen geben, die mir der Staat zubilligt, um einen Rausch zu bekommen. Das heißt, dass von jeder Rauschmittelgruppe mindestens eine Substanz frei zugänglich ist, für die hohe Konsumerfahrung vorliegt und die weniger schädlich ist als der vom Staat befürwortete Alkohol.

Was wären die Drogen Ihrer Wahl?

Zum Beispiel LSD, Ecstasy und Cannabis. Diese Substanzen sind intensiv untersucht, es gibt umfangreiche Erfahrungen zur Einnahme und Wirkung. Die Toxizität ist niedrig und bei Cannabis im Grunde gar nicht vorhanden. Wenn die Herstellung der Produkte kommerzialisiert und mit einer Qualitätskontrolle verbunden würde, hätten wir eine sichere Basis für den mündigen Drogenkonsum.

Die Debatte um die Legalisierung von Cannabis macht wenig Hoffnung, dass Ihre Empfehlungen so schnell umgesetzt werden.

Um die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, brauchen wir ein Mindestmaß an Wissen und vor allem auch Wissenschaftlichkeit. Dazu, hoffe ich, mit meinem Buch beitragen zu können. Drogenpolitik auf Basis von Ideologie macht keinen Sinn. Da ist jegliche Diskussion verlorene Zeit. Ich erwarte jedoch von Politikern die Größe, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen und sich auch mal einzugestehen, dass man falsch gelegen hat. Auch ich hatte vor 15 Jahren noch eine ganz andere Haltung zur Drogenthematik – bis ich mich tiefergehend damit beschäftigt habe.

Wir brauchen Wissensvermittlung, aber nicht nur für die politisch Verantwortlichen, sondern beispielsweise auch an Schulen und letztlich in der Gesamtgesellschaft. Wir müssen unter anderem darüber aufklären, wie wir gefährliche Substanzen durch weniger schädliche, aber mit ähnlicher Wirkung ersetzen können. Es geht hier letztlich auch um einen großen Markt. Allein der Schaden beim Alkohol liegt in Deutschland bei über 50 Milliarden Euro. Da wird zwar viel Geld verdient, aber die negativen Folgen des Alkohols kosten die Gesellschaft ungleich mehr. Und nicht zu vergessen: Durch die Kriminalisierung bestimmter Drogen entgehen dem Fiskus immense Steuereinahmen. Bei Cannabis sind das mindestens eine Milliarde Euro. Damit kommt man sehr weit in der Drogenbehandlung.

Drogenpolitik auf Basis von Ideologie mach keinen Sinn.

Halten Sie es denn für realistisch, dass sich die Drogenpolitik tatsächlich in größerem Maße verändert wird?

Es kann uns gelingen, wenn sich viele Menschen in diesem Bereich engagieren und die Wissenslücken bei Drogen schließen. Die Frage ist allerdings vielmehr, ob diese Veränderungen mit den Politikerinnen und Politikern, die derzeit den Diskurs bestimmen, möglich sind. Womöglich wird das erst die nachkommende Generation schaffen. Ich sehe es bei meinen Studierenden und bei den jungen Wissenschaftlern: Sie sind wesentlich aufgeklärter und haben keinerlei Verständnis mehr für diese völlig überkommene Form der Stigmatisierung und Kriminalisierung von Drogen und den Betroffenen.

Dr. Gernot Rücker: „Rausch. Was wir über Drogen wissen müssen und wie ihr Konsum sicherer werden kann“. Mosaik Verlag, 272 Seiten, 22 Euro.

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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