Belarus gehört zu der Region Osteuropas, in der – im Unterschied zu den meisten westlichen Ländern – die Zahl der HIV-Neuinfektionen immer noch steigt. Der Kampf gegen die Epidemie und die Unterstützung von Menschen mit HIV in Belarus wären ohne die Arbeit von NGOs nicht möglich. Xenia Maximova sprach mit Dmitry Subtselny, der als Leiter des landesweiten Verbands „Belarusian Association of UNESCO Clubs“ für alle HIV-Projekte der Organisation zuständig ist.

Wie ist die Situation in Bezug auf HIV in Ihrem Land?

Ein bekanntes Problem ist der andauernde Anstieg der Zahl der Neuinfektionen. Aber die Altersgruppe hat sich geändert. Früher gab es die höchste Zahl der Neuinfektionen unter den Vierzigjährigen, im letzten Jahr wurden vor allem Jugendliche infiziert. Es sind 15- bis 19-jährige Schüler*innen und Studierende, die HIV vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen. Das ist der heutige Trend.

Wie erklären Sie diesen Trend?

Zum einen mangelt es an Aufklärung in den Schulen und Hochschulen. Es wird zu wenig zum Thema „Harm Reduction“ informiert. Die Risiken des Drogengebrauchs werden daher von den Jugendlichen unterschätzt. Zum anderen werden in dieser Altersgruppe synthetische Drogen immer beliebter. Der Gebrauch ist in den Nachtclubs und auf den privaten Partys sehr verbreitet. Eine Folge davon ist auch ungeschützter Sex, durch den HIV verbreitet wird.

Es mangelt an Aufklärung
zum Thema „Harm Reduction“.
Jugendliche unterschätzen die
Risiken von synthetischen Drogen.

Was unternimmt der Verband, für den Sie arbeiten, im Bereich HIV? Zu welchen Themen arbeiten Sie vor allem?

Eigentlich geht es bei unserem Verband um Kinder- und Jugendarbeit, dabei ist Gesundheit einer der Schwerpunkte unserer Tätigkeit. HIV spielt daher in diesem Bereich eine wesentliche Rolle. 1998 haben wir als erste in Belarus ein Peer-Education-Handbuch zur HIV-Prävention für Schüler*innen herausgegeben. Seitdem sind wir zum Thema „HIV“ aktiv und haben dazu mehrere Angebote entwickelt. Dazu gehören zum Beispiel unser Projekt „Dance4Life”, viele Programme zur HIV-Prävention in den Risikogruppen und ein Angebot, bei dem eine individuelle psychosoziale Begleitung geleistet wird.

Wir arbeiten zudem viel mit HIV-positiven Schwangeren, wir begleiten sie sowohl vor der Geburt des Kindes als auch danach. Für Frauen mit HIV gibt es bei uns eine eigene Anlaufstelle. Menschen, die aus Haftanstalten entlassen werden, werden von uns nicht nur in Sachen Gesundheit unterstützt, sondern bekommen auch Hilfe bei der Neuausstellung von Dokumenten und eine Rechtsberatung. Mit unseren Angeboten erreichen wir auch Sexarbeiter*innen und Menschen aus ihrem Umfeld. Dafür sind unsere Kooperationen mit dem Infektionskrankenhaus in Minsk, den sogenannten anonymen Beratungsstellen und auch mit Streetworkern wichtig. Ein besonderer Fokus liegt für uns außerdem auf Kindern und Jugendlichen, die mit HIV leben.

Was sind Ihre Ziele?

Unser erstes Ziel ist, die HIV-Epidemie in Belarus zu stoppen, denn es ist eine Epidemie im ganzen Land. Dafür möchten wir möglichst viele Neuinfektionen feststellen. Außerdem ist Prävention natürlich sehr wichtig.

Wie arbeiten Sie mit Jugendlichen?

Wir haben viele Programme dafür. Es gibt zum Beispiel Schulungen und Workshops für Schulklassen, die nach dem Prinzip „Peer to peer“ aufgebaut sind. Oder Programme für Lehrkräfte und Schulpsycholog*innen, die helfen, mit dem Thema HIV in den Schulen zurechtzukommen. Durch die Covid-Pandemie haben wir viele Online-Formate entwickelt, die gut angenommen werden. Das sind zahlreiche YouTube-Videos und Internet-Kurse. Unser Anliegen ist es, den Jugendlichen in erster Linie die Wichtigkeit von Gesundheit und gleichzeitig moralische Werte zu vermitteln und in diesem Rahmen mit ihnen auch über HIV-Prävention und Drogengebrauch zu sprechen.

Wie läuft die Präventionsarbeit im Hinblick auf Drogen?

Es gibt zurzeit ein großes Problem in Belarus: Viele junge Leute sind am illegalen Drogenhandel beteiligt und werden zu längeren Haftstrafen verurteilt. Schnelles Geld ist attraktiv. In diesem Bereich ist die Präventionsarbeit definitiv nicht ausreichend. Auch das Innenministerium und das Bildungsministerium wünschen sich, dass wir hier mehr unternehmen. Keiner weiß aber bisher, was genau zu tun ist, wie man Jugendliche vor dem Drogenhandel schützt, es gibt noch keine Methoden.

Also haben wir ein Seminar organisiert, in dem wir zusammen mit Lehrkräften und Expert*innen zum Thema gearbeitet haben. Daraus sind unter anderem vier Trainings für Jugendliche entstanden, die jetzt in den Regionen durchgeführt werden. Danach können wir die ersten Erfahrungen austauschen und Ergebnisse präsentieren. Schon jetzt ist uns klar, dass man mit Jugendlichen nicht nur über die Straftat und die drohenden Haftstrafen sprechen sollte, sondern auch über allgemeine Werte. Wie werde ich erfolgreich, womit verdiene ich genug Geld, wie gründe ich meine Familie etc.?

Es gibt viele Probleme, die von den staatlichen Institutionen gar nicht gelöst werden können, sondern nur von freien Trägern wie unserer Organisation.

Wie kooperieren Sie mit den staatlichen Institutionen?

In den letzten sechs Jahren war unsere Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen, mit dem Gesundheitsamt, mit den Krankenhäusern und Ärzten sehr produktiv. Wir haben eine Partnerschaft aufgebaut, die beidseitige Vorteile bringt. Für uns alle sind die Bedürfnisse der HIV-Infizierten wichtig und wir helfen da, wo wir können. Es gibt viele Probleme, die von den staatlichen Institutionen gar nicht gelöst werden können. Zum Beispiel individuelle soziale Betreuung oder Arbeit mit den Sexarbeiter*innen – das können nur die freien Träger wie unsere Organisation. Also wir arbeiten mit den Institutionen zusammen und wurden noch nicht als „ausländischer Agent“ bezeichnet.

Was sind die größten Hürden Ihrer Arbeit?

Die Spenden werden jetzt eingeschränkt. Das ist unser größtes Risiko. Zuerst lag es an der Covid-Pandemie, dann an der allgemeinen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Situation und schließlich dem Krieg in der Ukraine: All das hat weitere Beschränkungen gebracht. Die ausländische Finanzierung ist deutlich gekürzt worden. Wir haben immer gemeinsame Projekte mit UNAIDS und anderen Spendenorganisationen gehabt, die nun gekürzt werden.

Zum Beispiel unsere Anlaufstelle für Frauen: Das ist ein erfolgreich laufendes Projekt, aber ob und wie wir es weiter bezahlen können, wissen wir noch nicht. Dieser Schutzraum kann verschwinden, die Frauen mit HIV aber werden bleiben. Das ist eine besonders gefährdete Gruppe, unter diesen Frauen sind Schwangere, Drogengebraucherinnen, Haftentlassene.

Hat der Krieg in der Ukraine Ihre Arbeit verändert?

Bis jetzt noch nicht. Aber natürlich sind wir alle gegen den Krieg und machen uns große Sorgen. Welche Folgen auf uns zukommen können, wissen wir noch nicht. Besonders die Menschen mit HIV und anderen chronischen Erkrankungen haben größere Risiken, zum Beispiel Lieferungen von Medikamenten können unterbrochen werden oder Testangebote können knapp werden. Außerdem hat der Krieg eine Migrationswelle gebracht, die die HIV-Statistik im Land ändern kann. Nach Belarus kommen zurzeit viele Menschen aus anderen Ländern, darunter viele russische Männer, die vor der Teilmobilmachung fliehen. Und es ist noch nicht bekannt, wie viele von ihnen positiv sein können. Die Risiken kann man noch nicht genau einschätzen.

Dmitry Subtselny zu Gast bei der Deutschen Aidshilfe in Berlin (Foto: Kirill Butyrin)

Wie wichtig sind internationale Kooperationen und warum?

Alle Kooperationen sind wichtig, auch inländische, weil der Erfahrungsaustausch unter den Fachleuten aus den Regionen eine große Rolle spielt. Deutschland ist eines der führenden Länder sowohl im Bereich Gesundheitsfürsorge als auch was die Sozialarbeit betrifft. Es gibt für uns immer etwas zu lernen. Unsere Organisation arbeitet noch nicht so lange mit Menschen mit HIV und ist nicht so sehr erfahren. Deswegen haben wir Ende 2022 zusammen mit der Deutschen Aidshilfe eine Reihe von Online-Seminaren für unsere Fachärzt*innen und Berater*innen durchgeführt. Unsere Mediziner*innen interessieren sich für aktuelle Behandlungsleitlinien, die bei uns entweder nicht bekannt oder nicht zugänglich sind. Sozialarbeiter*innen schätzen Hospitationen, bei denen sie neue Erfahrungen sammeln können. Das ist sehr gefragt. Außerdem wurde eine Gruppe von belarussischen Berater*innen und Sozialarbeiter*innen nach Berlin eingeladen, um deutsche Kolleg*innen kennenzulernen und verschiedene Organisationen zu besuchen, die im Bereich HIV-Prävention tätig sind. 

Was ist das Wichtigste, das deutsche Kolleg*innen Ihnen beibringen können?

Wir müssen lernen, jeder Person mit HIV individuell und einfühlsam zur Seite zu stehen. Nur mit dieser Haltung kann die soziale Arbeit erfolgreich sein. Allein teure Medikamente und erfahrene Fachkräfte reichen nicht aus. Es gibt Personen, die ihre eigene Gesundheit gar nicht mehr schätzen. Für sie ist eine qualifizierte psychosoziale Begleitung lebenswichtig.

Mehr zu HIV in Belarus auf magazin.hiv

„HIV-Prävention in Belarus zwischen Kooperation und Repression“: Gespräch mit Oleg Eryomin von der NGO „Vstrecha“

„Jeden Tag stirbt in Weißrussland ein Mensch mit HIV“: Gespräch mit der Aktivistin Lena Grigoryeva

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