Gesellschaft & Kultur
Erinnern und Gedenken

Don Camillo und Peppone in einer Person

Als tiefgläubiger Katholik und zugleich überzeugter DKP-Anhänger lebte er für die Aidshilfe: Manuel Izdebski erinnert an Rolf Ringeler, der am 21. März 2012 im Alter von 58 Jahren starb.

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids– und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

An Rolf Ringeler zu erinnern fällt nicht schwer. Auch wenn sein Tod inzwischen fünf Jahre zurückliegt, dürfte die Erinnerung an ihn im Gedächtnis vieler Menschen noch sehr lebendig sein. Das liegt nicht nur an seinem großartigen Engagement für die Aidshilfe-Bewegung, die er vor Ort in seiner Heimatstadt Duisburg, im Land NRW bei der Positiven-Selbsthilfe und im Bund als Mitglied des Delegiertenrates der Deutschen AIDS-Hilfe nach Kräften unterstützte und mitgestaltete. Rolf war vor allem eine besondere Persönlichkeit. Er lebte die Widersprüche in seiner Biografie ganz selbstverständlich und mit einer ausgeprägten Leichtigkeit.

Begründen lässt sich das vielleicht damit, dass er das pralle Leben liebte und von seiner italienischen Mama die südländische Gelassenheit geerbt haben musste: Die Dinge sind nun einmal so, wie sie eben sind! Ich jedenfalls habe in meinem Leben keinen anderen Menschen kennengelernt, der tiefgläubiger Katholik und zugleich überzeugter Anhänger der DKP gewesen wäre. Bei Rolf ging das ohne Probleme. Er war ein gutmütiger Kerl von kräftiger Statur und voller Energie. Und er war ein echtes Stehaufmännchen! Seine Krankengeschichte kannte viele Tiefpunkte, doch Rolf mit seinem optimistischen Wesen hatte die Gabe, sich immer wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Die AIDS-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel

Hart und verbissen wurde er, wenn es darum ging, gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Das hatte etwas mit seiner eigenen Lebenserfahrung als schwuler und positiver Mann zu tun, der sich relativ früh mit dem HI-Virus infiziert hatte und den alle Höhen und Tiefen der Aidskrise prägten. Vorbildlich war auch sein solidarisches Handeln für die Belange der Drogenkonsumenten. Dass in Duisburg die Methadonvergabe an Wochenenden trotz geschlossener Arztpraxen organisiert werden konnte, ging auch auf ihn zurück. Als sich die Nachricht von seinem Tode verbreitete, waren es vor allem die Junkie-Verbände, die dankbar daran erinnerten. In beinahe 20-jähriger Vorstandstätigkeit für seine Aidshilfe hat Rolf viele Pflöcke gesetzt und stets großen Wert darauf gelegt, dass man neben Duisburg auch für den nördlicher gelegenen Kreis Wesel Zuständigkeit besaß. Den Landkreis zu vergessen oder gar bewusst zu unterschlagen, führte unweigerlich zu einem Rüffel. Überhaupt macht es gar keinen Sinn zu verschweigen, dass Rolf manches Mal die schwule Diva gab. Viele Menschen können sich auch an seine Zickereien erinnern.

Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten

Beinahe aufopferungsvoll kümmerte er sich um seine Mutter, die er nur um wenige Jahre überlebte. Wenn seine Termine als Vorstand nicht mit den familiären Verpflichtungen vereinbar waren, wurde die alte Dame kurzerhand zu den Veranstaltungen der Duisburger Aidshilfe mitgenommen. So wurde die italienische Mama zu einer festen Größe im Vereinsleben. Seine Fürsorge galt auch seinem behinderten Bruder, den die Familie Ringeler einst als Pflegekind angenommen hatte. Ihn allein zurücklassen zu müssen war für Rolf eine schlimme Vorstellung, die ihn bekümmerte. Es ist ganz passend, wenn man die Worte Friedrich Schillers bemüht, um sein jahrelanges Wirken und seine Sorge um die Menschen, die ihm wichtig waren und die er liebte, zu würdigen: Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten.

Ich erinnere mich an unsere letzte Zusammenkunft bei einem Treffen in der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin. Die Zugfahrt zurück ins Ruhrgebiet verbrachten wir gemeinsam im Bordrestaurant. Rolf erzählte viel von seiner Krankheit und von einem Heiler, den er regelmäßig besuchte. Der hatte ihm ein Wundermittel verordnet, das gleichermaßen gegen Aids und den Krebs wirken sollte, aber als mögliche Nebenwirkung den Verlust seiner Homosexualität zur Folge haben könnte. Ich fühlte mich etwas hilflos ob dieser völlig absurden Quacksalberei. Rolf war klug genug, um zu wissen, dass er mit diesem Kraut weder Krebs noch Aids würde besiegen können. Was aber sagt man einem Menschen, der nach dem sprichwörtlich letzten Strohhalm greift und auf ein Wunder hofft? Als ich in Dortmund den Zug verließ, da ahnte ich, dass ich Rolf nicht mehr wiedersehen würde. Und so kam es auch.

Die rote Fahne und eine Regenbogenflagge auf dem Sarg

Einige Zeit später erreichte uns die Nachricht, dass Rolf ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Von dort führte sein letzter Weg in eine Hospiz-Einrichtung. Die letzten Tage seines Lebens war er nur noch selten bei Bewusstsein. Aus einem dieser klaren Momente ist ein Satz überliefert, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: „Ich habe das Gefühl, mein Körper löst sich auf.“ Den Kolleginnen und Kollegen der Duisburger Aidshilfe ist hoch anzurechnen, dass sie sich bis zum Ende rührend um Rolf gekümmert haben. Auch meine damalige Vorstandskollegin Sylvia Urban wachte mehrfach an seinem Sterbebett. Die beiden verband eine innige Beziehung. Rolf starb am 21. März 2012, nur fünf Tage nach seinem 58. Geburtstag. Bei der Trauerfeier schmückten die rote Fahne und eine Regenbogenflagge seinen Sarg. Aus allen Teilen der Republik waren Weggefährten aus unserem Verband nach Duisburg angereist, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Rolf wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht über das eigene Sein hinaus an die Organisation gedacht, die ihm so sehr am Herzen lag. Der Deutschen AIDS-Hilfe vermachte er seine Ersparnisse, die AIDS-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel erbte sein kleines Haus. So war er!

Über das eigene Sein hinaus

Im Jahre 2008 wurde Rolf Ringeler für sein langjähriges Engagement mit dem Ehrenamtspreis der Aidshilfe NRW geehrt. Für ihn eine angemessene Lobrede zu entwerfen, muss für seine Laudatorin Maya Czajka, damals noch im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe, keine leichte Aufgabe gewesen sein. An einen Satz von ihr kann ich mich ganz genau erinnern: „Rolf Ringeler ist Don Camillo und Peppone in einer Person.“ Er selbst quittierte diese sehr zutreffende Beschreibung mit einem verschmitzten Lächeln. Und so will ich ihn auch in Erinnerung behalten – dankbar, dass sich unsere Lebenswege gekreuzt haben.

Ich vermute, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet ein schönes Plätzchen für Rolf bereitgestellt hat. Von dort schaut er ganz zufrieden auf Duisburg und den Kreis Wesel (!), wo engagierte Menschen in der Aidshilfe sein Werk fortführen.

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