Gesellschaft & Kultur
Fotografie

„Where Love is Illegal“

Der Fotograf Robin Hammond hat weltweit Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und inter* Menschen porträtiert, die in ihren Heimatländern wegen ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität Gewalt und Strafverfolgung erleben mussten.

In 72 Staaten dieser Welt werden Menschen, deren sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, per Gesetz verfolgt. Die Brutalität der Strafen ist schockierend: Gefängnis, Folter – in einigen Fällen auch
die Todesstrafe – stehen auf der Agenda der täglichen Unterdrückung. Die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und inter* Menschen (LGBTI*) ist jedoch nicht auf diese Länder beschränkt, weltweit nehmen Gewalt und Vorurteile wieder zu.

Der Fotograf Robin Hammond, Mitglied der Amsterdamer Bildagentur NOOR, ist mehrere Jahre durch Länder gereist, in denen LGBTI* verfolgt und bedroht werden. So hat er unter anderem in Südafrika, Uganda, Russland, Jamaika und Tunesien Menschen getroffen, die so mutig waren, ihre Geschichte zu erzählen und sich fotografieren zu lassen.

Über die Jahre sind Porträts von Menschen entstanden, die – offen oder im Geheimen – ihre Identität täglich neu verteidigen müssen, oft unter Lebensgefahr.

Hammonds Fotografien sind keine Porträts im herkömmlichen Sinne: Alle sind in enger Kooperation zwischen den Abgebildeten entstanden. Ihre persönliche Geschichte selbstbestimmt in Wort und Bild zu erzählen und so ein sichtbares Dokument ihrer täglichen Realität zu schaffen, gibt diesen Menschen ihre Identität und Würde zurück.

Anlässlich der Pride Events in ganz Europa zeigt die Berliner Galerie f3 – freiraum für fotografie (Waldemarstraße 17, 10179 Berlin, www.fhochdrei.org) ab 22. Juni Robin Hammonds Porträts. Die Ausstellung unter dem Titel „Where Love is Illegal“ ist dort bis zum 2. September 2018 zu sehen.

Begleitprogramm zur Ausstellung:

17. Juli 2018, 19 Uhr: Film „Displaced: Black and Queer in Africa“ mit Peggy Piesche, Gunda-Werner-Institut (Moderation) und Gästen.

28. August 2018, 19 Uhr: Podiumsgespräch „LGBTI weltweit“
mit Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung (Moderation), und Gästen.

magazin.hiv dankt Robin Hammonds und f3 für die Erlaubnis, eine Auswahl der Porträts zu zeigen:

Buje*

Buje by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Nigeria: Im Dezember 2013 wurde Buje* von einer Bürgerwehr, die mit den Sharia-Gerichten in Bauchi City zusammenarbeitet, aus seinem Haus entführt, weil sie ihn verdächtigten, schwul zu sein. Sie verprügelten ihn und schlugen ihn mit Stromkabeln. Er wurde über 40 Tage lang im Gefängnis festgehalten und mit 15 Peitschenhieben bestraft.

Ruslan Savolaynen

Ruslan by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

St. Petersburg, Russland: Der 25-jährige Ruslan Savolaynen überlebte mehrere homophobe Angriffe. Unter anderem wurde er von Skinheads mit Baseballschlägern bewusstlos geschlagen, als er mit seinem Hund unterwegs war. Er erlitt Hirnverletzungen und verlor kurzzeitig das Gedächtnis.

Ein anderes Mal schlugen ihm betrunkene Jugendliche eine Flasche über den Kopf, als er nachts aus einer Schwulenbar kam. In einer Hetero-Bar wurde er einmal von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen, weil er und ein schwuler Freund mit einer der jungen Frauen getanzt hatte. „Schwuchteln dürfen nicht mit unseren Frauen tanzen!“, so die Schläger.

Ruslan leidet häufig unter Kopfschmerzen und Nasenbluten. Die Ärzt_innen vermuten, dass er eine Hirnblutung hatte.

Wolfheart*

Wolfheart by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Beirut, Libanon: Der 29-jährige Wolfheart* wurde im Juli 2011 verhaftet.

„Ich war mit meinem Partner bei einem Schwulentreffpunkt in Beirut. Wir fuhren einfach so im Auto herum und begannen mit jemandem zu reden, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Ein grünes Auto mit getönten Scheiben hielt hinter uns. Bevor ich wusste, was geschah, hatte ich den Lauf einer Kalaschnikow am Kopf. Mein Partner versuchte zu fliehen, wurde aber eingeholt.

Einer von denen trug eine Militäruniform. Sie brachten uns auf die Polizeiwache und durchsuchten uns. Wir mussten unsere Hosen und Unterhosen ausziehen.
Einer von den drei Polizisten im Raum holte sein Telefon vor und machte Fotos von uns, während die anderen sich abwechselnd über uns lustig machten. Sie brachten meinen Partner in einen anderen Raum, dann hörte ich ihn nebenan schreien. Sie folterten ihn. Wir waren seit sechs Jahren zusammen, es war schlimm, ihn mir in dieser Situation vorzustellen.“

Nach 12 Tagen auf dieser Polizeiwache und 18 weiteren Tagen auf einer Station, die auf die Untersuchung von Sittenvergehen spezialisiert war, wurden die beiden vor Gericht gebracht und zu einer Strafe von 45 Tagen Gefängnis und 200 US-Dollar verurteilt.

„Ich war glücklich, das Gefängnis zu verlassen. Aber ich war unglücklich, weil die Nachrichten bis zur Familie meines Partners vorgedrungen waren, und sie waren sehr bedrückt deshalb. Wir mussten uns trennen.“

Tiwonge Chimbalanga

Tiwonge by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Südafrika: Steven Monjeza Soko und Tiwonge Chimbalanga wurden 2009 in ihrer Heimat Malawi festgenommen und 2010 wegen ihrer Liebe zueinander zur Höchststrafe von 14 Jahren verurteilt. Laut dem Richter sei die Höhe der Strafe notwendig , um „die malawische Gesellschaft zu schützen“ notwendig.

Das Urteil widerspricht jedoch der malawischen Verfassung, ebenso verschiedenen internationalen Menschenrechtsverträgen, die der Staat unterzeichnet hat. Daher verursachte der Fall einen internationalen Aufschrei, und beiden Männern wurde die Strafe später unter der Bedingung erlassen, dass sie keinen weiteren Kontakt miteinander haben. Da er um seine Sicherheit fürchtete, flüchtete Tiwonge nach seiner Freilassung nach Südafrika.

Nisha Ayub

Nisha by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Kuala Lumpur, Malaysia: Die 35-jährige trans* Frau Nisha Ayub wurde verhaftet und zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe wegen Transvestitismus (nach Artikel 66 des malaysischen Sharia-Gesetzes) verurteilt. Sie wurde im Männertrakt des Gefängnisses untergebracht und tagtäglich erniedrigt: Erst im selben Jahr hatte sie sich Brüste implantieren lassen und wurde dann gezwunden, mit freiem Oberkörper durch das Gefängnis zu laufen. Die Wachen rasierten ihr die langen Haare ab, die ein wichtiger Teil ihrer weiblichen Identität sind.

„Meine Haare sind meine Krone, sie sind meine Identität. Das erste, was ich tat, als ich unabhängig war, war, meine Haare wachsen zu lassen. Als sie sie abschnitten, weinte ich. Mit jedem Haar, das fiel, schmerzte mir das Herz.“

Am ersten Tag wurde sie zu Oralsex mit sechs Männern gezwungen. Danach suchte den Schutz eines Gefängniswärters als Gegenleistung für Sex. Nisha sagt: „Mit am schlimmsten im Gefängnis ist, dass man den Eindruck hat, dass einem der eigene Körper nicht mehr gehört. Es ist, als hätten die Leute das Recht, alles mit dir zu machen.“

Miiro und Imran*

Miro and Imran by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Uganda: Der 25-jährige Miiro (links) erzählt, dass er und und sein Partner Imran* (21, rechts) das gemeinsame Haus verlassen mussten, weil sie schwul sind:

„Wir hörten, wie Leute Steine gegen die Tür und die Fenster warfen, während sie schrien und forderten, dass wir das Haus sofort verlassen sollten, weil sie die Nase voll von uns hätten. Sie behaupteten, wir seien ein Fluch für das Dorf und eine Bedrohung für die Teenager im Dorf. Nach einer Weile hielt die Tür nicht mehr stand und man zerrte uns heraus. Man warf uns auf den Boden, schlug uns und peitschte uns aus. Wir waren halbtot. Und nebenbei verbrannten sie alles, was sich im Haus befand. Der Anführer des Dorfes ging dazwischen und sie beschlossen, uns zur Polizei zu bringen, um uns lebenslang einsperren zu lassen.“

Miiro verbrachte vier Tage in einer Gefängniszelle, bevor er von Menschenrechtsanwält_innen befreit wurde. Er tauchte zweieinhalb Monate unter. Er erhielt zwar 160 Dollar Umsiedlungsgeld von einer Nichtregierungsorganisation, doch die Summe reichte nicht, um ein neues Leben aufbauen zu können.

Amina Sboui

Amina by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Tunis, Tunesien: Die 22-jährige bisexuelle Amina Sboui hat seit der Revolution Proteste organisiert und sich engagiert für LGBTI*- und Frauenrechte eingesetzt. Anfang 2016 sagte Amina öffentlich im nationalen Fernsehen, dass sie bisexuell ist. Ihre Wohnung dient als Zufluchtsstätte für obdachlose junge LGBTI*.

„Wenn du deinem Boss sagst, dass du homosexuell bist, verlierst du deinen Job. Und natürlich werfen sie dich aus der Schule, wenn du zu weiblich oder zu männlich bist. Es gibt in Tunesien sogar Morde mit homophoben Motiven.“

Mo und Pinkie

Mo and Pinkie by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Kingston, Jamaika: Der 41-jährige jamaikanische trans* Mann Mo ist Polizist. Er sagt: „Jamaikaner sind sehr intolerant und homophob, aber ich lebe mein Leben dennoch ohne Angst. Man weiß jedoch nie, wann man zur Zielscheibe wird, ich bin also immer auf der Hut.“

Mo lebt seit Jahren in einer Partnerschaft mit der 30-jährigen lesbischen Pinkie. Sie sieht sich selbst kaum Diskriminierungen ausgesetzt und erklärt das mit ihrer weiblichen Ausstrahlung. Sie sagt aber: „In Jamaika denken die meisten Leute nicht selbst, sie brauchen nur irgendwen, der sagt: ‚Also gut, du bist lesbisch, du musst sterben.‘ Es ist, als würde die Masse losbrüllen ‚du musst sterben.‘ Es gibt da niemanden, der sagt ‚Lass sie einfach in Ruhe’.“

„J“ und „Q“

J and Q by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

Uganda: „J“ und „Q“ möchten ihre Identität aus Angst nicht preisgeben. Sie beschreiben die Bedingungen, unter denen sie leben, so: „Wir sind ein verheiratetes lesbisches Paar, dessen Ehe aber nicht anerkannt wird, weil Homosexualität in Uganda als etwas Abnormales gesehen wird, als eine Krankheit, die geheilt werden muss. Homosexuelle gelten als Aussätzige. Wir wurden verbal von Männern angegriffen, die gesehen hatten, dass wir ein Paar sind: ‚Euch muss man vergewaltigen, damit man euch die Dummheit austreibt, ein anderes Mädchen zu lecken.‘“

Ein 2014 in Uganda verabschiedetes Anti-Homosexuellen-Gesetz wurde zwar vom Verfassungsgericht für nichtig erklärt, Schwule und Lesben leben aber dennoch in großer Gefahr. Denn die Debatte habe „die Gedanken vieler Ugander in Bezug auf die LGBTI*-Community vergiftet“.

Darya Volkova

Darya by Robin Hammond

aus „Where Love is Illegal“ | © Robin Hammond

St. Petersburg, Russland: Die 23-jährige Darya Volkova war im März 2011 spät abends auf dem Heimweg von einer Fahrstunde, als sie überfallen wurde. Sie wurde getreten und mit Baseballschlägern verprügelt, bis sie das Bewusstsein verlor. Einer der Männer stach auf ihren Bauch ein. Vier Stunden lang lag sie blutend auf dem Boden, bis man sie fand und ins Krankenhaus brachte. Nach der Operation setzte ihr Herz mehrere Male aus.

Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war und sie sich eine Woche lang erholt hatte, ging sie zur Polizei: „Sie haben mich nur ausgelacht“, erinnert sie sich an die Situation auf dem Revier. Statt Hilfe zu bekommen, musste sie Anfeindungen über sich ergehen lassen. Sätze wie: „Du hast bekommen, was du verdienst – Lesben bedienen wir hier nicht.“ Von da an hatte sie Angst, sich in ihrem Stadtviertel zu bewegen, und zog deshalb fort. Der Angriff wurde nie polizeilich untersucht.

*Name geändert

Vorheriger Artikel

Weg frei für Drogenkonsumräume in Baden-Württemberg

Nächster Artikel

Beruf: Sexarbeiterin

Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 85 = 91