Gesellschaft & Kultur
Filmkritik

Love, Simon: Verliebt in einen Unbekannten

Matt Bomer und sein Ehemann haben es getan, Neil Patrick Harris, Kristen Bell und auch andere Hollywoodstars: Sie haben komplette Kinovorstellungen von Love, Simon gebucht und die Tickets verschenkt.

„Ich war zu Tränen gerührt“, schrieb der schwule Schauspieler Harris auf Instagram, nachdem er den Film gesehen hatte. „Wie sehr hätte ich mir etwas so Mutiges, Kraftvolles und Selbstbewusstes gewünscht, als ich selbst um meine Identität rang. … Ich kann nur jeden ermutigen, sich diesen wundervollen Film anzusehen.“

Regisseur Greg Berlanti dürfte nach diesem Lob im Kreis gehüpft sein. Wer hätte gedacht, dass ein schwuler Film einen solchen Hype auslösen könnte? Und dann auch noch mit dem wahrlich nicht neuen Thema Coming-out und erstes Verliebtsein?

Love, Simon: eigentlich nichts Neues

Erzählen wir zunächst einmal die Geschichte, die auf Becky Albertallis Jugendbuch „Nur drei Worte“ basiert (Original: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda):

„Ich kann nur jeden ermutigen, sich diesen wundervollen Film anzusehen“

Eigentlich läuft für den 17-jährigen Simon (gespielt von Nick Robinson) alles prima. Die Eltern sind nett und verständnisvoll, auch in der Schule ist alles paletti. Doch da ist etwas, das Simon selbst seiner besten Freundin Leah (Katherine Langford) bislang nicht anzuvertrauen wagte: Er ist schwul.

Als sich auf dem beliebten Schul-Blog ein Mitschüler anonym als schwul outet, nimmt Simon mit dem Unbekannten Kontakt auf. Mehr noch: Sie beginnen einen intensiven E-Mail-Wechsel, und Simon verliebt sich sogar ein bisschen in den mysteriösen Jungen.

So weit, so romantisch. Durch eine Unachtsamkeit allerdings entdeckt ein Klassenkamerad den Chatverlauf und erpresst Simon damit. Doch wird er tatsächlich wagen, Simon zu outen? Wie würden die Eltern und Mitschüler_innen reagieren? Und wer nur ist der geheimnisvolle Unbekannte, der sich in seinen Mails „Blue“ nennt?

Die erste Hollywood-Highschool-Coming-out-Liebeskomödie

Hm, mag man denken, was ist denn an dieser doch eigentlich recht gewöhnlichen Coming-out- und High-School-Geschichte besonders?

Das Besondere ist genau diese Mischung. Berlanti hat mit „Love, Simon“ ein klassisches (amerikanisches) Filmsetting gekapert – die Highschool-Coming-of-Age-Liebeskomdödie – und einen schwulen Teenager ins Zentrum gestellt.

Vor allem aber hat er damit ein großes US-Filmstudio überzeugen können.

So überraschend es klingen mag: „Love, Simon“ ist tatsächlich der erste Hollywoodstreifen dieser Art mit einem schwulen Jugendlichen als Hauptperson.

Brav, unaufgeregt und einfühlsam

Im Vergleich mit Marco Kreuzpaintners längst zum Klassiker avancierten deutschen Film „Sommersturm“ (2004) erscheint „Love, Simon“ zwar sehr artig und undramatisch.

Dass Simon aber trotz der coolen Freundesclique und seines liberalen Elternhauses so sehr mit seinem Coming-out hadert, macht umso deutlicher, welchem Druck und welchen Ängsten sich queere Jugendliche auch heute noch ausgesetzt fühlen können.

„Ich muss euch was sagen – ich bin hetero“

Regisseur Greg Berlanti – von ihm stammt auch die romantische Komödie „Der Club der gebrochenen Herzen“ (2001) – verdeutlicht den Kinobesucher_innen auf ganz unterschiedliche Weise, wie sehr heterosexuelle Denkmuster für einen schwulen Jungen wie Simon zum Problem werden können.

Etwa, wenn seine Mitschüler blindlings davon ausgehen, dass er die gleichen Frauen scharf finden müsse wie sie selbst. Oder wenn sein Vater beim gemeinsamen Fernsehen einen „Bachelor“-Kandidaten gedankenlos als Superschwuchtel verlacht.

Hetrosexuelle Normen machen es queeren Menschen schwer

An einer Stelle schiebt Berlanti aber auch einen Clip ein, in dem er die Sache einfach mal umdreht: Simons Mitschülerinnen und Mitschüler outen sich bei ihren Eltern als heterosexuell und erfahren die unterschiedlichsten Reaktionen.

Gerade weil das ganz große Drama fehlt und nicht das Schwulsein an sich, sondern vielmehr die schwule Pubertät für Konflikte sorgt, kann Berlanti unaufgeregt und humorvoll die ganze Unsicherheit und das Herzklopfen beim ersten Verliebtstein feinfühlig und glaubwürdig darstellen.

Ein bisschen Kitsch muss sein…

Ganz ohne Kitsch freilich kommt auch „Love, Simon“ nicht aus. Schließlich haben wir es mit einer romantischen Komödie und einem Hollywoodfilm zu tun. Es sei nicht zu viel verraten, aber bb schwul, hetero, jung oder jung geblieben – man verlässt das Kino beseelt.

Für so manchen Jugendlichen im Coming-out wird „Love, Simon“ so ganz sicher der Mut machende Film sein, von dem Neil Patrick Harris schrieb.

Und auch wenn es nicht zum Blockbuster gereicht hat, konnte der Film in den USA immerhin das Dreifache der 17 Millionen Dollar Produktionskosten wieder einspielen. Das dürfte den Weg auch für andere vergleichbare Produktionen ebnen.

„Love, Simon“. USA 2018. Regie: Greg Berlanti; Darsteller: Nick Robinson, Jennifer Garner, Josh Duhamel, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Logan Miller, Keiyan Lonsdale, Tony Hale. 110 Minuten. Kinostart in Deutschland: 28.06.2018

www.lovesimon.de

Deutscher Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=O-3cO-NmjfA

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

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