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ATLAS2018

Männergespräch über HIV: Moses aus Simbabwe

Zwei Gruppen sind in Südafrika besonders stark von der HIV-Epidemie betroffen: Fernfahrer und Sexarbeiterinnen. Am Truck Stop Pomona bei Johannesburg treffen sie aufeinander. ATLAS 2018 hat mit Moses* gesprochen

Ich sitze auf der Veranda der Klinik am Truck Stop Pomona und döse, als ich ihn das erste Mal sehe, den Lastwagenfahrer in seiner dunklen, abgetragenen Kleidung. Ruhig, aber entschlossen kommt er auf mich zu.

Wegen der Staubwolken, die in dem hellen Sonnenlicht herumwirbeln, sieht es so aus, als schwebte er in seinem eigenen Tempo, in seiner eigenen Welt.

Als er ein paar Sekunden später vor mir steht, bin ich überrascht, als er seine Hand ausstreckt und mich freundlich grüßt.

„Guten Tag, mein Herr.“

Ein Entdecker, ein bemerkenswerter Mann

Jetzt erkenne ich, dass er noch ein junger Mann ist. Die Falten, die das Leben hinterlässt, wenn man älter wird, haben in seinem Gesicht noch keine Spuren hinterlassen.

Er schaut mich ohne Schuld oder Scham an. Ein Entdecker, der erst noch die ersten Schritte auf seiner langen Reise machen muss, aber darauf vertraut, dass die Zukunft ihm Glück bringen wird.

Das Leben hat noch keine Spuren in seinem Gesicht hinterlassen

Ein bemerkenswerter Mann.

Bevor ich überhaupt etwas sagen kann, überrascht er mich zum zweiten Mal.

„Ich bin wegen des HIV-Tests gekommen. Ich habe der Krankenschwester gestern gesagt, dass ich kommen würde. Hier bin ich also.“

Ich bin sprachlos.

Fast alle Männer und Frauen hier haben HIV

Natürlich ist HIV in dieser Welt weit verbreitet. Die Krankenschwestern in der Container-Klinik hinter mir schätzen, dass 80 Prozent der Lastwagenfahrer und 60 Prozent der Prostituierten, die sich hier auf diesem staubigen Stück Land versammelt haben, mit HIV infiziert sind.

Das bedeutet, dass beinahe alle Männer und Frauen auf diesem Gelände HIV haben. Als mir das klar wird, haut es mich um.

Aber obwohl HIV so verbreitet ist, wird kaum darüber gesprochen. Im Gegenteil.

Über HIV wird hier nur geflüstert

Hier auf diesem LKW-Rastplatz wird überhaupt nicht über HIV gesprochen. Hier wird nur darüber geflüstert, am besten erst nach Sonnenuntergang.

Mit einem fremden weißen Mann über den eigenen HIV-Test zu reden, das tut niemand.

Nur der ungewöhnliche Mann, der vor mir steht.

„Wenn du in der Klinik fertig bist, sollen wir dann reden?”, frage ich ihn.

Erstes HIV-Gespräch von Mann zu Mann

„Hast du dein Ergebnis schon bekommen?“

Er nickt. „Es war positiv.“

„Das tut mir leid.“

Er wirkt gefasst, aber ich spüre, dass der äußere Schein trügt.

Es muss ein Schock für ihn gewesen sein. Ein positiver HIV-Test ist immer ein Schock.

„Ich werde die Pillen nehmen. Jeden Tag. Dann werde ich nicht sterben, und alles ist gut.“

„Ja“, sage ich, „das ist richtig. Sieh mich an. Ich nehme seit 20 Jahren Tabletten ein und lebe immer noch. Und ich werde auch noch lange nicht sterben.“

Er schaut mich mit großen Augen an. Und bittet mich drei Mal, „20 Jahre“ zu wiederholen.

„Ich werde die Pillen nehmen und nicht sterben“

Klar, man hat ihm gesagt, dass man mit HIV alt werden kann und nicht wie noch vor zehn Jahren zwangsläufig krank wird und sterben muss.

Aber es wird so viel erzählt, so viel geflüstert…

„Wie alt bist du?” fragt er. Er möchte sichergehen, dass ich ihm keinen Unsinn erzähle.

„56.“

Gut, denkt er, dann kannst du tatsächlich seit 20 Jahren das Virus haben.

Er nimmt meine Hand, schüttelt sie lange und begeistert.

„Ich bin 28“, sagt er. „Und du bist 56!?“

„56.“

„Du siehst nicht wie ein alter Mann aus. Und du bist nicht krank.“

Tun, was Männer so tun

„Ich bin nicht krank. Ich arbeite, ich reise, ich trinke gerade ein Bier, ich spreche mit dir… und mach immer noch alles, was Männer so tun.“

Der letzte Satz macht ihn extrem glücklich.

Männer legen nun mal viel Wert auf diese Dinge, die Männer so machen, so einfach ist das.

Wir unterhalten uns mindestens fünf Minuten lang über diese Dinge, über die man nicht so oft spricht, aber auf die man nicht verzichten kann.

Er äußert sich noch drei Mal überrascht darüber, dass ich schon 56 bin. Das ist ziemlich alt, wenn man bedenkt, wie lange das Virus schon in meinem Körper ist.

Mein Beispiel hat ihm viele Jahrzehnte Leben geschenkt

Und überrascht darüber, dass man – auch wenn man schon so alt ist und das Virus schon so lange im Körper hat –, immer noch glücklich sein und „es“ tun kann.

Ich habe ihm durch meinen kleinen Ausbruch viele Jahrzehnte Leben geschenkt.

So sieht er es. Nach dem Schlag durch den positiven HIV-Test ist das ein unverhofftes Geschenk für ihn.

Ob er mir erzählen möchte, warum er sich jetzt hat testen lassen? Kein Problem, wir sind ja jetzt Freunde. Obwohl er sich schon fragt, was mir das helfen kann.

Moses’ Geschichte

„Ich bin Lastwagenfahrer. Ich arbeite elf Monate, aber im Dezember habe ich frei. Dann gehe ich nach Hause. Wir feiern den ganzen Monat und machen Party. Ich wohne in einem Dorf in Simbabwe, zwei Stunden von Harare entfernt.

Aber im letzten Dezember war meine Frau irgendwie komisch. Sie hat sich nicht gefreut, mich wiederzusehen. Im ganzen Dorf wurde geredet. Meine Schwester sagte mir, dass ich meine Frau ansprechen müsse.

Dann erfuhr ich, dass meine Frau heimlich Tabletten gegen das Virus nahm. Sie war mit einem anderen Mann zusammen, sagte sie, der auch das Virus hatte.

Ich war extrem sauer und hab das Haus verlassen. Als ich wieder zurückkam, war meine Frau nicht mehr da. Nur unsere Töchter waren noch zu Hause. Seitdem habe ich meine Frau nicht mehr gesehen.

Er hätte seine Frau nicht wegen HIV rausgeschmissen

Meine Schwester sagte, ich sie solle sie anrufen. Einmal habe ich auch mit ihr gesprochen. Aber sie wollte nicht zurückkommen. Und dann ging das Telefon nicht mehr.

Meine Schwester war sauer auf mich. Sie sagte, ich solle zu ihr gehen und sie bestrafen und auch den Mann, mit dem sie weggelaufen ist.“

„Hast du das getan?“

„Nein.“

Er hat seine Frau wirklich sehr geliebt. Sauer war er, natürlich war er sauer, aber wenn sie zurückgekommen wäre, wäre alles wieder okay gewesen.

Wegen HIV hätte er sie nicht rausgeschmissen. Sie hätten das gemeinsam durchgestanden.

Es wurde Januar, und er musste zurück zur Arbeit. Seine Mutter und seine Schwester haben ihm versprochen, sich um seine Töchter zu kümmern.

„Meine Töchter sind gesund“

„Sind deine Töchter gesund?“

„Ja, meine Töchter sind gesund.“

Die Siebenjährige wurde zuerst getestet, und dann noch einmal, um sicherzugehen. Zweimal konnte ihm seine Mutter eine gute Nachricht überbringen.

Dann wurde die Vierjährige getestet, und auch sie war virusfrei. Sie muss noch ein zweites Mal getestet werden, aber er ist zuversichtlich, dass auch sie nicht infiziert ist.

Eine Zigarette, Ajax und Afrika

Er raucht nicht. Das erkennt man daran, wie ungeschickt er die Zigarette zwischen den Fingern hält. Aber das schmälert nicht den Genuss.

Wir spüren beide das Glück dieses besonderen Moments.

Wenn zwei Männer an einem Tisch sitzen, um über das Leben zu reden, wird die Vertrautheit zwischen ihnen mit jedem Zigarettenzug tiefer.

„Was machst du, wenn du frei hast, wenn du auf die nächste Ladung warten musst?“

„Dann mache ich den Truck sauber. Und ich rede mit meinem Freunden.“

Zwei Männer, die über das Leben reden

„Worüber?”

„Über alles Mögliche! Über Lastwagen, über zu Hause, über Fußball… Wir sehen uns oft gemeinsam Fußballspiele an.“

„Ich wohne in Amsterdam und guck mir da auch oft Fußball an. Ich bin Fan von Ajax. Manchmal geh ich auch ins Stadion, um mir ein Spiel anzuschauen.“

Er glaubt mir nicht. Wie kann es sein, dass er hier mit jemandem spricht, der tatsächlich manchmal im Stadion beim großen Fußballverein Ajax sitzt?

Dann fängt er an zu lachen, ein Lachen, das immer lauter wird und allmählich an den Nähten zu platzen scheint. Sein fröhlicher Unglaube lässt sich nicht bremsen.

Er schlägt mit der Hand auf den Tisch. „Ajax!!! Ajax Amsterdam!!??“

„Ja, Ajax Amsterdam!“

„Gut für dich, Mann. Gut für dich!“

Moses ist wie Afrika im 21. Jahrhundert

Er ist ein intelligenter Kerl. Klug, auf afrikanische Art. Er kann besser mit den Härten des Lebens umgehen als die meisten anderen Leute, die ich kenne.

Ich bin sicher, dass er ein Überlebenskünstler ist. Er wird immer positiv in die Zukunft blicken können, wo das Glück auf ihn wartet, wird nicht untergehen.

Moses ist wie Afrika im 21. Jahrhundert. Arm, an den Rand gedrängt, HIV-infiziert, aber mit dem unerschütterlichen Glauben, dass ihm die Zukunft gehört.

Er kennt meine Welt nicht. Ajax Amsterdam in der Arena ist für ihn unerreichbar.

Aber der Tag wird kommen, wenn das anders sein wird, wenn er neben mir auf der Tribüne sitzen wird.

Zweites HIV-Gespräch von Mann zu Mann

Es ist nicht einfach, wieder auf den ursprünglichen Anlass unseres Gesprächs zurückzukommen. HIV ist nie ein einfaches Gesprächsthema.

„Also im April hast du dich testen lassen, aber das Testergebnis war unklar, und deshalb bist du heute zu einem weiteren Test gekommen?“

Er nickt.

„Hast du dir in den letzten Monaten keine Sorgen gemacht, wie dieser neue Test ausfallen könnte? Hast du daran gedacht, überhaupt nicht mehr herzukommen?“

HIV ist nie ein einfaches Gesprächsthema

„Nein. Ich wusste, dass ich wieder nach Pomona kommen würde. Ich komme hier immer wieder her. Vor zwei Nächten bin ich angekommen und hab einen Termin für den Morgen vereinbart. Ich hab den Krankenschwestern in der Klinik bereits schon im April gesagt, dass ich wiederkomme.“

Er hatte einige körperliche Beschwerden und machte sich Sorgen. Aber der wichtigste Grund für einen erneuten Test war die Verantwortung, die er als ältester Sohn und als Vater von zwei Kindern empfand.

„Ich habe meiner Mutter in Simbabwe mein Geld geschickt, damit sie und meine Töchter etwas zu essen haben und meine Kinder in die Schule gehen können. Wenn ich die Tabletten weiterhin einnehme, werde ich gesund bleiben und weiter Lkw fahren. Ich muss weiter fahren, denn in Simbabwe gibt es keine Arbeit.“

Wiedersehen in 20 Jahren

Ich spare jetzt Geld für meine Mutter. Dann kann sie in ein paar Jahren ihr eigenes Geschäft eröffnen.

Danach spare ich für ein Geschäft für mich selbst. In meinem Dorf, wenn das möglich ist. Das ist besser für meine Töchter.

„Nicht mehr mit dem Lastwagen durch Afrika fahren?“

„Wenn ich ein Geschäft habe, werde ich natürlich auch einen Wagen haben!“

Klar!

Wir trinken noch etwas, ohne uns zu unterhalten, und dann sind wir fertig.

„Wir müssen uns in 20 Jahren noch mal treffen“, sage ich. Er nimmt das ernst.

„Das ist gut, das wäre eine hervorragende Idee.“

„Dann bist du 48“, sage ich.

„Ja, 48, und du…“

„76.“

Es dauert eine Weile, bis sich der Gedanke gesetzt hat.

„Das ist okay. Weil du noch nicht sterben wirst.“

„Nein, und du auch nicht.“

*Pseudonym; „Moses“ blieb anonym

 

Text: Erwin Kokkelkoren

Foto: Erik Smits

Übersetzung: Agentur MacFarlane

Der Beitrag erschien zuerst auf atlas2018.org. Auf der Website zum Projekt „ATLAS2018“ erzählen die niederländischen Künstler Erwin Kokkelkoren und Bert Oele die Geschichten von Menschen mit HIV aus aller Welt (wir berichteten auf magazin.hiv). Die Porträts und Interviews werden zur Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam präsentiert (23.–27. Juli 2018).

Eine Auswahl stellen wir hier vor und danken Erwin Kokkelkoren und Bert Oele für das Recht zur Zweitveröffentlichung. Bisher erschienen sind

Truck Stop Pomona: Fernfahrer, Prostituierte und HIV (Südafrika)

Leben mit HIV in Suriname (Ethel, Jennifer, Frau Malats, Richard)

HIV mit 16 – ist das ein Witz?! (Alexej, Russland)

Ich liebe meinen Vater sehr“ (Herr Kachidza und Enock, Sambia)

Wir können Aids besiegen“ (Carsten Schatz, Deutschland)

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