Gesellschaft & Kultur
Interview mit Christophe Honoré

„Das Trauma Aids hat eine gewisse Bigotterie unter Schwulen ermöglicht“

Am Beispiel des ungleichen Paares Arthur und Jacques erzählt Christophe Honoré in Sorry Angel von der Liebe in Zeiten von Aids. Ein Gespräch mit dem französischen Filmemacher über wachsende Homophobie, Lehren aus der Aidsgeschichte und Gegenbilder zu anderen Filmen über die Aidskrise.

Die Tatsache, dass Jacques an Aids erkrankt ist, scheint seinen Liebhaber Arthur recht unbeeindruckt zu lassen. Wir sehen ihn in Ihrem Film weder verzweifelt, verängstigt oder gar panisch. Entspringt diese Reaktion Ihren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen oder ist dies die Reaktion, die sie sich in einer solchen Situation gewünscht hätten?

Christophe Honoré: Das war eine Wahl, die ich als Filmemacher getroffen habe – sowohl was die Zeit angeht, in der die Geschichte spielt, als auch, was ich daraus in der Fiktion gemacht habe. Es geht nicht darum, was ich mir für die damalige Realität gewünscht hätte.

Es gibt allerdings eine Szene, die es nicht in den fertigen Film geschafft hat. In ihr drückt Arthur durchaus Angst vor der Krankheit und vor einer möglichen Ansteckung aus.

Kondom-Check nach dem One-Night-Stand

Stattdessen gibt es jetzt eine Szene, in der Arthur nach dem One-Night-Stand mit dem Tramper im Badezimmer das Kondom checkt, ob es auch wirklich nicht gerissen ist. Für mich ist diese Szene wichtig, um zu zeigen, dass damals Sex außerhalb einer Beziehung möglich war – wenn man sich entsprechend geschützt hat –, ohne dass dies unter Schwulen als moralisch verwerflich betrachtet worden wäre.

In vielen Filmen und Romanen gibt es nach der HIV-Diagnose keine Sexualität mehr

Das gilt auch für Jacques. Er mag zwar HIV-positiv sein, aber das hindert ihn nicht daran, mit anderen Männern zu flirten und sexuell aktiv zu sein. In vielen Filmen und Romanen setzt die HIV-Diagnose einen Endpunkt, danach gibt es keine Sexualität mehr. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.

Ging es Ihnen in erster Linie darum, eine bestimmte Konstellation schwulen Begehrens und bestimmte Liebesmöglichkeiten zu zeigen? Oder stand vor der Blick auf diese besondere Erfahrung mit der Aidskrise im Zentrum?

Interview mit Christophe Honoré

Christophe Honoré Regisseur von Sorry Angel

Meine Absicht war, eine Art schwules Sittengemälde mit vielen unterschiedlichen Figuren zu schaffen, das die Sprache der Liebe zu dieser Zeit noch einmal vergegenwärtigt: Die Riten beim Cruising, das Flirten auf der Straße, das Ausleben der Sexualität.

Ihr Film spielt 1993, also wenige Jahre vor der Einführung der lebensrettenden HIV-Kombinationstherapie. Wie wichtig war für Sie der Zeitraum, in dem Sie die Handlung spielen lassen?

Ich habe dem Film sehr bewusst ein solch präzises Datum gegeben. Das Jahr 1993 war in Frankreich und sicherlich auch in vielen anderen Ländern der Höhepunkt der Aidsepidemie. Das war vor allem die Zeit, bevor es wirksame Medikamente. Für uns damals junge Menschen, egal ob homo- oder heterosexuell, hatte diese Zeit durchaus etwas von einer Endzeitstimmung.

Christophe Honoré zeigt Albernheit statt Ausweglosigkeit

Der Film ist aber nicht von dieser Atmosphäre der Ausweglosigkeit und Verzweiflung geprägt. Selbst bei einem zentralen Motiv des Aidsfilm-Genres nicht, dem Abschied am Krankenhausbett. Auch in „Sorry Angel“ gibt es eine solche Szene, aber hier wird herumgealbert, gestrippt und wir erleben einen Moment absoluten Glücks. Haben Sie hier gezielt ein Gegenbild entwickelt?

Als Regisseur versuche ich zu vermeiden, zu gefühlig und weihevoll zu inszenieren. Das hat im Autorenkino meiner Ansicht nach leider etwas zu sehr zugenommen.

„Meine Filme sollen so zeitgenössisch wie möglich wirken“

Obwohl man als Filmemacher zu diesen inzwischen Jahrzehnte zurückliegenden tragischen Ereignissen bereits etwas Abstand gewonnen haben könnte, werden solche Szenen fast wie eine katholische Messe inszeniert.

Ich versuche meine Filme hingegen so zu gestalten, dass sie so zeitgenössisch wie möglich wirken. Wenn man einen solchen Moment tatsächlich erlebt, liegen Freude und Trauer so nah beieinander, dass sich die Grenze gar nicht ausmachen lässt. Erst im Rückblick beginnen wir zu reflektieren und neu zu werten.

Der Film ist auch eine Antwort auf die Homosexuellenfeindlichkeit

Die Figur des Arthur darf man sicherlich als ein Spiegelbild Ihres eigenen 20-jährigen Ichs verstehen. Ist die Arbeit an einen solchen Stoff besonders schwierig, weil er so persönlich ist? Oder ist es umso einfacher, weil man auf die eigenen Erfahrungen zurückgreifen kann?

Meine eigenen Erfahrungen waren auf jeden Fall ein, aber nicht der einzige Motor des Films. In Frankreich haben wir in den letzten Jahren ganz unerwartet eine massive Welle der Homosexuellenfeindlichkeit erleben müssen. Die zeigte sich massiv in der konservativ-katholischen Bewegung „La Manif pour tous“ gegen die Ehe für alle. Da gingen zum Teil hunderttausende Menschen auf die Straße.

„Ich fühlte mich durch die Demo für alle angegriffen und bedroht“

Diese demonstrative Homophobie schien wie aus einer anderen Zeit und war doch ganz gegenwärtig. Ich fühlte mich dadurch angegriffen und bedroht, als Künstler aber auch mitverantwortlich, ihr etwas entgegenzusetzen. Wir hatten offenbar die Waffen viel zu früh gestreckt.

Ich war bis dahin der Ansicht, dass es keinen Film mehr braucht, in dem Homosexualität besonders thematisiert wird, eben weil es kein gesellschaftliches Thema mehr ist. Ich hatte mich aber ganz offensichtlich getäuscht.

Darauf wollte ich eine Antwort geben, aber das kann ich nur als Filmemacher. Deshalb fing ich an, ein Drehbuch zu schreiben, das zwar autobiografische Anleihen nimmt, aber weit darüber hinausreichen und das besagte Sittenbild jener Zeit werden sollte. Wichtig war für mich, dass ich alle Figuren ernst nehme und ich mich in sie hineinversetzen kann. Dass sie zwar erfunden sind, aber dennoch authentisch und stellvertretend für dieses Zeit sein können.

Aids ist noch lange nicht vorbei

Inwieweit ist dieses im Jahr 1993 angesiedelte Tableau auch ein Spiegel der schwulen Community heute? Ich denke da an die Szene, in der Arthur bei einer Party zu erklären versucht, warum Sex – insbesondere die Freuden der Promiskuität – und Liebe etwas völlig Verschiedenes sind. Und warum er die neue Prüderie der Schwulen für verlogen hält. Dieser Monolog hätte auch auf einer Party des Jahres 2018 gehalten werden können.

Einerseits waren die 90er-Jahre gefühlt erst gestern, weil sie historisch betrachtet noch gar nicht so lange zurückliegen. Anderseits hat man sie schon fast vergessen. Man kann allerdings die Gegenwart, vor allem die politische Gegenwart, besser verstehen, wenn man sich die 90er-Jahre wieder ins Gedächtnis zurückruft. Was die Rolle der Schwulen in der Gesellschaft angeht, so ist man damals mit der Homosexualität sicherlich etwas diskreter umgegangen – bis die Aidskrise kam. Eine Zeit lang hat man da die Schwulen dann auch noch bemitleidet.

„Das Aids-Trauma verhindert, dass die Schwulen wieder an den Hedonismus der 80er-Jahre anknüpfen“

Heute ist Aids weitgehend aus dem gesellschaftlichen Diskurs verschwunden. Aids selbst ist aber noch lange nicht vorbei, nur wird die Krankheit in den Medien immer weniger thematisiert. Das aber, so meine These, hat es weiten Teilen der Gesellschaft ermöglicht, ihrer Homosexuellenfeindlichkeit wieder offener und stärker Ausdruck zu verleihen.

Bei den Schwulen selbst beobachte ich den Wunsch, wieder zur Ordnung zurückzukehren. Dieses Aids-Trauma hat auch verhindert, wieder an der hedonistischen Lebensweise der 80er Jahre anzuschließen. Heutzutage versuchen Schwule lieber zu heiraten und Familien zu gründen, also dem heterosexuellen Leitbild zu entsprechen. Das Trauma Aids hat damit letztlich eine gewisse Bigotterie unter den Schwulen ermöglicht.

Lücken in der schwulen Kulturgeschichte

Wir wissen nicht, ob Jacques’ Selbstzweifel berechtigt waren oder ob aus ihm vielleicht einer der ganz großen Autoren geworden wäre. Es gibt im Film einige Verweise auf solche durch Aids frühzeitig abgebrochene Karrieren: Schriftsteller wie Bernard-Marie Koltès, Hervé Guibert und Pier Vittorio Tondelli oder der Schauspieler Brad Davis, Fassbinders Hauptdarsteller in „Querelle“. Die Lücken, die Aids hier gerissen hat, sind auch Teil dieses Traumas?

Die Liebesgeschichte, die ich mir zwischen Arthur und dem etwas älterem Jacques ausgedacht habe, ist ja auch die Geschichte einer Weitergabe schwuler Kultur. Dieses Weitertragen der schwulen Kulturgeschichte wird durch Jacques’ Tod unterbrochen.

„Vielen der an den Folgen von Aids gestorbenen Künstlern hätte ich gerne meine Arbeit gezeigt“

Als ich um die 20 war, hatten viele schwule Kulturschaffende und deren Werk eine immense Bedeutung für mich. In manche hatte ich mich auf imaginäre Weise regelrecht verliebt.

Als ich mit Mitte 20 dann meine ersten Bücher und Filme veröffentlichte, wurde mir erst klar, dass dies Künstler waren, denen ich meine Arbeit gerne gezeigt hätte, die aber an den Folgen von Aids gestorben waren. Ich war tatsächlich untröstlich, und noch heute spüre ich diese Lücke. Welche großartigen Werke wären von diesen Menschen womöglich noch geschaffen worden!

Ist die Geschichte von HIV und Aids filmisch auserzählt?

Die Aids-Epidemie ist schon in vielen und zum Teil auch sehr guten Filmen behandelt worden. Ist die Geschichte von HIV und Aids damit auserzählt? Oder gibt es so wenige Filme, die HIV thematisieren, weil dies bei Produzenten und Verleihern als Kassengift gilt?

Erst einmal bin ich mir nicht sicher, ob ich einen Film über Aids gemacht habe. Ich selbst definiere ihn zumindest nicht so. Wenn man sich aber das Ausmaß der Katastrophe ansieht, so sind immer noch zu wenig Filme gemacht worden.

„Film wie Literatur sind sehr arm, was die Aufarbeitung von HIV und Aids angeht“

Ich maße mir nicht an, alle Filme zu diesem Themenbereich gesehen zu haben, aber ich kenne beispielsweise keinen Spielfilm über die Auswirkungen von Aids in Afrika. Ich kenne keinen Film über einen jungen Menschen, der sich heute, in Zeiten der neuen Behandlungsmöglichkeiten, mit HIV infiziert und darüber nicht reden kann. Und ebenso wenig kenne ich einen Film über einen jener Aidskranken, die in den 90er-Jahren damit rechneten, binnen kurzer Zeit zu sterben, und heute dank der Kombinationstherapie immer noch leben.

Ich bin daher der Ansicht, dass die Fiktion – der Film wie die Literatur – sehr arm ist, wenn es darum geht, wie HIV und Aids aufgearbeitet sind.

Liegt es womöglich daran, dass sich, gerade junge Schwule nicht so sehr für diese Geschichten von Krankheit, Sterben und Tod interessieren? Oder anders gefragt: Was kann diese nachgeborene Generation aus Ihrem Film, der sich ja nicht ausschließlich um HIV/Aids dreht, für sich mitnehmen?

Einer Generation, die diese Zeit nicht miterlebt hat, kann man nicht vorwerfen, sich dafür nicht verantwortlich zu fühlen. Es ist vielmehr die Aufgabe meiner Generation, sich daran zu erinnern und diese Geschichten zu erzählen.

„Ich bin als Filmemacher weder Soziologe noch Historiker“

Aber ich weiß gar nicht, ob sich der Film nun in erster Linie an junge Schwule richtet. Ich war eher darum bemüht, dass junge Menschen berührt sind, zum Beispiel durch die Liebesgeschichte. Ich bin als Filmemacher weder Soziologe noch Historiker und versuche daher auch Botschaften zu vermeiden.

Dass der Spielfilm „120 BPM“ über die Aidsaktivistengruppe ACT UP in Paris fast zeitgleich mit „Sorry Angel“ produziert wurde, dürfte Fluch und Segen gleichermaßen sein. Ist die Zeit nun reif, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten, oder waren erst jetzt Produzenten bereit dazu, einen solchen Film zu produzieren?

Weder ich noch Robin Campillo können von sich behaupten, dass wir unsere Filme schon vor zehn Jahren haben drehen wollen, aber uns bislang niemand dafür Geld geben wollte. Ich denke aber, dass unsere Generation sich Zeit des Innehaltens auferlegt hat.

Wir kannten in den 90ern ja alle sehr viele Erkrankte und Verstorbene, und da braucht es vielleicht auch 20 Jahre, um von dieser Zeit erzählen zu können. Allerdings unterscheidet sich „120 BPM“ nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich so sehr von „Sorry Angel“, dass ich mich immer etwas unwohl dabei fühle, wenn man beide Filme miteinander vergleicht.

Ich finde interessant, dass Sie vorhin den Begriff Trauma im Zusammenhang mit Aids verwendet haben. In Deutschland beginnt erst jetzt ein Diskurs darüber, zu welchen nachhaltigen psychischen Verletzungen die Aidskrise bei den Überlebenden geführt hat.

Ich glaube, das wurde unterschätzt. Auch wir selbst haben unterschätzt, welche Langzeitwirkungen die Aidskrise für uns hat. „Sorry Angel“ ist nur ein Teil meiner persönlichen Aufarbeitung dieser Geschichte.

„Wir haben unterschätzt, welche Langzeitwirkungen die Aidskrise für uns hat“

Der erste Akt, wenn man so will, ist mein 2017 erschienener Roman „Ton père“ (Dein Vater), wo ich mich selbst als homosexuellen Vater porträtiere. Dann ist da natürlich der Film und als Abschluss mein Theaterstück „Les Idols“, das in Lausanne uraufgeführt wurde.

Zurzeit ist es in Frankreich auf Tour und ab Januar dann in Paris zu sehen. Darin kommen berühmte tote schwule Künstler zu Wort wie die Schriftsteller Hervé Guibert, Bernard-Marie Koltès und Jean-Luc Lagarce, aber auch Filmregisseure wie Jaques Demy und Cyril Collard,

Vielen Dank für das Gespräch!

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

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