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Dating mit HIV

„Mein Partner soll mich einfach als Mensch sehen“

Corina ist 46, Single und auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Doch wenn sie bei einem Date von ihrer HIV-Infektion erzählt, kommt es zu keinem weiteren Treffen. 

Corina, wie gehen Sie beim Dating mit Ihrer HIV-Infektion um?

Ich habe es bisher immer beim ersten, spätestens beim zweiten Treffen gesagt. Es hieß dann immer: „Ja, das ist doch nichts Schlimmes. Klar, treffen wir uns wieder. Danke, dass du so ehrlich bist und den Mut hast, es zu sagen.“ Es gab aber nie ein weiteres Treffen.

„Ich finde es wichtig, dass man ehrlich damit umgeht“

Ist das mehrmals passiert?

Ja. Aber ich finde es wichtig, dass man ehrlich damit umgeht. Sonst kann doch überhaupt nichts entstehen. Warum sollte man denn warten? Wenn man sich wieder trifft und es verheimlicht: Wohin führt das? Später traut man sich nicht mehr, es zu sagen. Aber es kommt doch irgendwann heraus. Der Mann wird beispielsweise bemerken, dass man Medizin nimmt, und Fragen stellen. Spätestens dann kann es sein, dass er sagt: „Du hast mich angelogen.“

Haben Sie auch gute Erfahrungen mit Ihrer Ehrlichkeit gemacht?

Ja, es gab jemanden, der sehr offen war. Er war dann auch mit mir bei der Aidshilfe, beim Arzt und bei der Selbsthilfegruppe. Wir waren ein halbes Jahr zusammen. Es ging dann wegen einer anderen Sache auseinander, aber es war wirklich eine gute Erfahrung.

Sie wissen seit zweieinhalb Jahren, dass Sie positiv sind. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich war 2015 sehr krank. Es ging los mit einer Lymphknotenschwellung am Hals, Husten, Fieber und Nachtschweiß. Da lag ich dann drei Wochen zu Hause und es wurde nicht besser. Mein ganzer Körper hat verrückt gespielt. Meine Arme, meine Beine – die haben gemacht, was sie wollten. Dann habe ich sehr abgenommen. Die Ärzte haben immer nur gesagt, ich solle mich ausruhen.

„Ich habe in drei Monaten fast 20 Kilo abgenommen“

Dann habe ich Ausschlag im Gesicht bekommen und gesagt: Ich möchte ins Krankenhaus. Dort wurde bei mir EBV, das Epstein-Barr-Virus diagnostiziert – auch Pfeiffersches Drüsenfieber genannt. Ich habe Paracetamol und Halsschmerztabletten bekommen. Nach einer Woche wurde ich entlassen.

Es wurde dann eigentlich immer schlimmer. Mir sind die Haare ausgefallen, ich habe in drei Monaten fast 20 Kilo abgenommen. Ich war dann noch mal beim Hausarzt, beim Hautarzt und später im Krankenhaus. Aber nach einer Woche wurde ich wieder nach Hause geschickt. Irgendwann ging es dann wieder besser.

Aber weder die Ärzt_innen noch Sie selbst sind auf den Gedanken gekommen, dass es HIV sein könnte?

Nein, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich hatte mich mit der Diagnose abgefunden. Für mich war EBV schon etwas ganz Neues. Ich war total überfordert. Ich denke heute: Man kann nicht einfach so eine Diagnose stellen, ohne andere Sachen auszuschließen. Wenn ich damals schon infiziert gewesen sein sollte, hätte ich früher Medizin nehmen können – und ich hätte das Virus nicht weitergeben können. Das Schlimmste war für mich, mit dem Gedanken zu leben, dass ich vielleicht jemanden angesteckt habe, weil ich es nicht wusste.

„Leider konnten wir uns gar nicht richtig kennenlernen“

An wen denken Sie dabei?

Ich habe Anfang Juni 2016 jemanden kennengelernt. Wir waren ein paar Wochen zusammen und haben uns sehr lieb gehabt. Leider konnten wir uns gar nicht richtig kennenlernen. Ich habe ihm auch von dem EBV erzählt. Zum Thema Geschlechtskrankheiten hat er gesagt, bei ihm sei alles in Ordnung. Ich sagte: Bei mir auch – davon ging ich nach den ganzen Blutuntersuchungen aus. Wir haben einander vertraut und kein Kondom benutzt.

Foto Corina

Corina (Foto: privat)

Nach ungefähr zwei Wochen ist er krank geworden – eigentlich genauso wie ich ein Jahr zuvor. Nach zwei Tagen hat er mich weggeschickt. Ich habe erfahren, dass er in Zwickau im Krankenhaus liegt. Ich habe versucht anzurufen und wollte ihn besuchen, ich wurde aber weggeschickt. Dann kam eine SMS: Er wurde positiv getestet und ich solle mal bitte einen Test machen. Mehr nicht. Das ist das Einzige, was ich noch von ihm gehört habe.

Als die SMS kam, stand ich vor dem Freizeitzentrum, in dem ich damals arbeitete. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Meine Chefin hat für denselben Nachmittag einen Termin bei der Aidshilfe gemacht. Zum Glück habe ich schnell einen Termin für einen Bluttest bekommen. Eine Woche später wurde mir dann gesagt, dass ich positiv bin. Der Arzt sagte, die Infektion könne ganz frisch sein, aber auch bis zu einem Jahr zurückliegen. Es ist durchaus möglich, dass das EBV damals eigentlich HIV war.

Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Ich habe ungefähr anderthalb Jahre gebraucht, um das alles zu verarbeiten. Ich habe versucht, an meinen damaligen Partner heranzukommen und ein abschließendes Gespräch zu führen. Ich habe ihm auch geschrieben, es könnte sein, dass ich ihn angesteckt habe, ich aber nichts dafür kann. Es kam nie etwas zurück. Das hat mich richtig fertig gemacht.

Aber Sie haben die Kraft gefunden, weiterzumachen?

Es gibt immer zwei Möglichkeiten. Entweder man gibt sein Leben auf und resigniert – oder man steht wieder auf. Es war am Anfang schlimm, die Diagnose zu bekommen. Ich dachte, es ist zu Ende, ich muss bald sterben. Ich wusste auch nicht, dass es einen Unterschied zwischen Aids und HIV gibt. Aber das Leben muss weitergehen.

Was wünschen Sie sich von einem Partner?

Mein Partner soll mich einfach als Mensch sehen und nicht als bemitleidenswerte Kranke. Er sollte wissen, dass ich mit ihm steinalt werden kann. Das geht bei Männerpaaren doch auch. In meiner Selbsthilfegruppe sind nur Männer – und die haben eigentlich alle Beziehungen. Und der Partner ist meistens negativ.

„Wenn man als Frau HIV hat, wird man gleich in eine Schublade gesteckt“

Denken Sie, es ist für HIV-positive Frauen generell schwieriger als für HIV-positive Männer?

Ich denke, dass es vor allem bei Frauen immer so als schmutzige Angelegenheit dargestellt wird: Wenn man als Frau HIV hat, wird man gleich in eine Schublade gesteckt. Dann ist man selber schuld und eine Schlampe. Mir begegnen viele Vorurteile. Es gab mal jemanden, der hat seiner Ex-Frau sofort erzählt, dass er jemanden mit HIV kennengelernt hat – ohne mich zu fragen, ob ich einverstanden bin. Er hatte Angst, dass ihm seine Kinder weggenommen werden, wenn er mit mir Kontakt hat. Da gab es dann natürlich kein Kennenlernen.

Auf welchen Wegen versuchen Sie, Männer kennenzulernen?

Ich versuche, in Zwickau vor Ort das Gespräch zu suchen und mich dann mal auf einen Spaziergang zu verabreden, um den anderen kennenzulernen. Ich habe es auch schon übers Internet probiert.

Es ist schwer. Ich weiß gerade selber nicht mehr. Irgendwie habe ich die Hoffnung aufgegeben. Es ist immer das Gleiche: Vorurteile, Angst, Nichtwissen. Es gibt Tausend verschiedene andere Krankheiten. Warum wird um HIV so eine große und so eine schmutzige Sache gemacht? Egal, ob man alleine oder verheiratet ist: Wenn man einmal mit jemandem zusammen ist, kann es passieren.

„Wir sind durch HIV keine anderen Menschen geworden“

Versuchen Sie auch, HIV-positive Männer zu treffen?

Zu positiven heterosexuellen Männern habe ich keinen Kontakt. Neulich aber hatte ich ein sehr gutes Treffen mit positiven Frauen im Waldschlösschen bei Göttingen. Ich war zum ersten Mal dabei. Es war eine sehr gute Erfahrung, einfach mal alles rauszulassen. Da fühlt man sich nicht mehr ganz so allein.

Haben Sie auch über Dating gesprochen? Machen andere Frauen ähnliche Erfahrungen?

Ja, bei anderen ist es genauso – und genauso traurig. Es gibt eigentlich immer den Wunsch nach einem Partner, der alles versteht und der einen einfach so nimmt, wie man ist. Durch das Virus sind wir keine anderen Menschen geworden.

Welche Rolle spielt für Sie das Thema „Schutz durch Therapie“?

Ich habe im September 2016 mit Medikamenten angefangen und vier Monate später war meine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Wenn ich zum Beispiel bei Präventionsveranstaltungen mit Schulkindern oder jungen Erwachsenen bin, dann erkläre ich: Wenn ich einen Freund hätte, könnten wir auch ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, weil ich niemanden anstecken kann. Ich sage aber auch, dass ich trotzdem nicht ohne Kondom mit jemandem schlafen würde – weil es auch noch andere Geschlechtskrankheiten gibt. Ich möchte auf mich aufpassen.

„Ich fände es schön, wenn der andere sagen würde: Ich mache auch mal einen Test“

Was müsste sich denn ändern, um die Situation für HIV-positive Frauen zu verbessern?

Ich finde es schwierig, dass gar kein Interesse da ist. Manchmal wird man von Männern belächelt oder es wird heruntergespielt. Aber trotzdem gibt es kein weiteres Treffen. Ich fände es schön, wenn der andere sagen würde: Ich mache auch mal einen Test. Man kann sich und andere nur schützen, wenn man weiß, ob man positiv oder negativ ist. Vielen Menschen scheint das egal zu sein.

Ich habe aber in den letzten Wochen gute Erfahrungen gemacht. Für einen Zeitungsartikel über die Aidshilfe Zwickau habe ich von meinem Engagement und meinen Problemen im Gesundheitssystem berichtet. Zum Beispiel, dass mir nicht die Hand gegeben wird oder ich bei einer Physiotherapie nur mit Handschuhen behandelt werden sollte. Dieser Praxis habe ich sofort den Rücken gekehrt und eine gesucht, in der ich „normal“ behandelt werde. Auf den Artikel wurde ich in Zwickau oft angesprochen. Gestern hat mir eine Frau in einem Geschäft gesagt: „Ich finde gut, was Sie machen.“

Bei der Zwickauer Aidshilfe absolvieren Sie einen Bundesfreiwilligendienst. Was möchten Sie anderen Positiven mitgeben?

Ich möchte mit Positiven, die ihre Diagnose bekommen und nicht wissen, wie es weitergeht, reden und für sie da sein. Ich bin damals zum Glück gleich in eine Selbsthilfegruppe gekommen. Es war viel, was ich erst mal verkraften musste. Aber ich habe neue Freunde kennengelernt, die zu mir stehen. Meine Sichtweise auf das ganze Leben hat sich verändert. Ich habe begriffen, wie kurz es eigentlich ist – und wie schön. Das Positivsein hat etwas Positives gebracht. Und was die Partnersuche betrifft: Was soll’s?

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Inga Dreyer

Inga Dreyer

Inga Dreyer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt über Kultur, Politik und soziale Themen.

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