Gesellschaft & Kultur
sexuelle und reproduktive rechte

„Die Perspektiven von Schwarzen Menschen und People of Color sichtbar machen”

Melody Makeda Ledwon ist Sexualpädagogin, begleitet Gruppenangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und Veranstaltungen zu sexueller Selbstbestimmung. Sie beschäftigt sich besonders mit dem intersektionalen Blick auf Feminismus, Sexualität, sexuelle Rechte und Reproduktion.

Woran denken Sie beim Begriff „reproduktive Rechte“?

Zum ersten Mal hörte ich von diesem Begriff, als ich mich in New York als Aktivistin für die Organisation „Sister Song“ engagiert habe. Wir haben mit dem Konzept von „Reproductive Justice“ (Anm. d. Red.: auf Deutsch etwa „Reproduktive Gerechtigkeit“) gearbeitet, das ganzheitlicher ist als „reproduktive Rechte“ im Sinne eines Rechts auf Schwangerschaftsabbruch der Pro-Choice-Bewegung.

Es gibt viele Aspekte, die dazugehören – beispielsweise auch das Recht, Kinder zu haben, und das Recht der Kinder, alles das zu haben, was sie brauchen, um gesunde erwachsene Menschen zu werden. „Reproductive Justice“ ist im Kontext der Schwarzen feministischen Bewegung entstanden und hatte zum Ziel, die Perspektiven von Schwarzen Frauen und Frauen of Color in den USA sichtbar zu machen, die beispielsweise für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch im Kontext einer langen Geschichte der Zwangssterilisation durch die US-amerikanische Regierung kämpften.

„Bei Abschiebungen wird das Recht auf Familiengründung verletzt“

Welche Bedeutung hat das Thema im deutschen Kontext?

Bei sexueller Selbstbestimmung im deutschen Kontext geht es mir besonders darum, marginalisierte Perspektiven rund um Reproduktion, aber auch Sexualität sichtbar zu machen und zu stärken. Was bedeutet sexuelle Selbstbestimmung für Menschen, die in unserer Gesellschaft beeinträchtigt werden, für queere Menschen oder Sexarbeiter_innen? Dabei soll es nicht nur um den Kampf gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen durch § 218 und § 219a gehen, sondern auch um Themen wie Lust oder Beziehungen.

Welche Einschränkungen reproduktiver und sexueller Rechte beobachten Sie in Deutschland?

Aufenthaltsrecht und Abschiebungen sind beispielsweise wichtige Themen, die mit dem Thema verknüpft sind: Wenn Paare getrennt werden, weil der Staat beispielsweise eine*n der Partner*innen abschiebt, wird das Recht auf Familiengründung für Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis verletzt. Leider werden Aufenthaltsrecht und Abschiebung im Diskurs um reproduktive Rechte und sexuelle Selbstbestimmung noch zu selten mitgedacht.

„Rassismuserfahrungen sind in der gesundheitlichen Versorgung noch Alltag“

Gibt es in Deutschland auch einen Zusammenhang zwischen sexuellen und reproduktiven Rechten und der Hautfarbe oder dem Migrationshintergrund?

Ja, auf jeden Fall. Leider gibt es hier noch keine Datenerhebung, mit der wir uns ein Bild davon machen können, wie sich beispielsweise die Erfahrungen von Schwarzen und PoC-Menschen (Anm.: PoC steht für People of Color) von denen weißer Menschen – mit und auch ohne Migrationserfahrung – im deutschen Gesundheitswesen unterscheiden.

Aus den Berichten Schwarzer Menschen weiß ich, dass Rassismuserfahrungen leider in der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland noch Alltag sind. Das beeinträchtigt die Qualität der Versorgung und kann Menschen davon abhalten, Ärzt*innen aufzusuchen oder Angebote in Anspruch zu nehmen.

Um dem entgegenzutreten, ist es wichtig, dass die Perspektiven von Schwarzen und People of Color auf sexuelle Selbstbestimmung Einzug ins deutsche Gesundheitswesen finden. Ein Weg wäre, Schwarze und PoC-Ärzt*innen, -Psycholog*innen, -Sozialarbeiter*innen und -Leitungen in Gesundheitszentren einzustellen, die die spezifischen Bedarfe erheben und diese in den Mittelpunkt der gesundheitlichen Angebote rücken.

„Es gibt zu wenige Materialien, die Vulven darstellen“

Was kann noch getan werden?

In der Arbeit im sexualpädagogischen Bereich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wir viel mit Modellen, Schaubildern und anderen Methoden, um Inhalte zu vermitteln. Auch auf dieser Ebene sollten Schwarze und PoC-Perspektiven mitgedacht werden. Beispielsweise habe ich vor kurzem Vulva- und Klitoris-Modelle bestellt. Die Vertreiber*innen der Modelle bieten Vulven in drei unterschiedlichen Hauttönen an. Es ist auf jeden Fall schon mal positiv, dass es mehr als einen Hautton gibt, aber es ist noch weit davon entfernt, eine adäquate Vielfalt von Hauttönen oder auch von Größen der inneren Lippen der Vulva darzustellen. Grundsätzlich gibt es noch zu wenige Materialien, die überhaupt Vulven darstellen. Oft verlassen wir uns hier auf Zeichner*innen und Künstler*innen wie beispielsweise Hilde Atalanta, die die „Vulva Gallery“entwickelt hat.

Wie sieht es mit Aktionen rund um den Internationalen Frauentag aus?

Am 8. März findet die Frauen*streik-Demo statt. Seit einigen Jahren organisiert das Netzwerk „International Women Space“ auch eine eigene Demo, die dieses Jahr unter dem Motto „United We Get What We Want“ läuft. IWS ist ein Netzwerk, welches hauptsächlich migrantische Frauen*vereine in Berlin zusammenbringt.

Das Netzwerk ist ursprünglich entstanden, da die Vertreter*innen dieser Organisationen mit ihren Perspektiven nicht bei denen der Organisator*innen der Frauen*streik-Demo andocken konnten. Zum Beispiel mussten sie häufiger feststellen, dass nicht bedacht wurde, dass nicht alle Frauen Deutsch oder gut genug Deutsch sprechen, um dem Geschehen in Sitzungen folgen zu können.

Auch auf der Ebene politischer Vereine und Netzwerke ist es daher wichtig, diverse Perspektiven auf reproduktive Rechte und sexuelle Selbstbestimmung einzubeziehen. Auch hier besteht Bedarf, dass die Arbeit des IWS-Netzwerks, welches unter anderem auch zu Themen wie (reproduktive) Rechte von Frauen* in Unterkünften für geflüchtete Menschen tätig ist, noch mehr Einzug in Gesundheitsorganisationen findet.

„Nachhaltige Strukturen schaffen, die Diversität auf allen Ebenen umsetzen“

Was können Organisationen wie die Deutsche Aidshilfe tun?

Im Allgemeinen würde ich sagen, dass es erst einmal wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche Perspektiven innerhalb einer Organisation vertreten sind und warum es wichtig ist, fehlende Perspektiven mit an den Tisch zu holen. Der Prozess, Vielfalt mitzudenken, erfordert Selbstreflexion, Expert*innenwissen und die Entwicklung von Strategien – mit dem Ziel, nachhaltige Strukturen zu schaffen, die Diversität auf allen Ebenen umsetzen.

Wie weit sind deutsche Organisationen in dieser Hinsicht?

Mein Eindruck ist, dass noch viel Arbeit vor uns liegt. Dabei ist das Thema eigentlich nicht neu. Trotz einer langen Geschichte von beispielsweise migrantischem, Schwarzem und queerem Wissen in Deutschland dringt dieses Wissen nur schleppend in Institutionen ein oder verweilt dort nur eine begrenzte Zeit, da die Person, die das Wissen mitbringt, dieses oft wieder mitnimmt, wenn sie die Organisation verlässt.

„Das Recht, Familien zu gründen, wird im Mainstream-Diskurs ausgeblendet“

Wie empfinden Sie die aktuelle Debatte um Schwangerschaftsabbrüche?

Ich finde es sehr wichtig, für die Abschaffung von § 218 (Anm.: Schwangerschaftsabbruch) oder auch § 219a (Anm.: Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft) des Strafgesetzbuches zu kämpfen. Aber ich glaube, dass die Debatte darüber hinausgehen muss.

Ich nehme den Mainstream-Diskurs in Deutschland so wahr, dass sexuelle Selbstbestimmung mit dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch gleichgesetzt wird. Ich sehe hingegen das Recht, Familien zu gründen, als ein zentrales Thema für einige marginalisierte Communities in Deutschland, das jedoch im Mainstream-Diskurs ausgeblendet wird.

Auch in Deutschland gibt es eine schmerzhafte Geschichte der Zwangssterilisation und der Schwangerschaftsverbote. Beispielsweise wurde es vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen in der DDR verboten, schwanger zu werden. Geschah es doch, wurden sie in den meisten Fällen direkt in das Nachkriegs-Vietnam abgeschoben. Mit dem Hintergrund dieser Geschichte lautet die Frage: Wie kann ich beeinträchtigte, Schwarze, PoC-, trans* und inter* Menschen dabei unterstützen, ihr Recht, Kinder zu haben, einzufordern?

Wie steht es um die Repräsentation unterschiedlicher Communities in der Öffentlichkeit, wenn wir uns das Thema sexuelle Selbstbestimmung angucken?

Da bedarf es noch viel Veränderung. Spontan fällt mir da die Safer-Sex-Kampagne „Liebesleben“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein. Überall in Berlin sind Poster mit Comicfiguren zu sehen, die dazu ermutigen sollen, dass Menschen beim Sex Kondome benutzen. Alle diese Figuren sind weiß, sehr dünn, fast ausschließlich heterosexuell – und wenn das nicht der Fall ist, dann handelt es sich um schwule Männer. Sie spiegeln das Stadtbild Berlin überhaupt nicht wider. Ich fühle mich davon nicht angesprochen und viele, mit denen ich mich darüber ausgetauscht habe, auch nicht. Die Kampagne vermittelt eine wichtige Botschaft, doch wen erreicht sie?

„Es fehlen Abbildungen von ganz unterschiedlichen Familien“

Wie kann man es anders machen?

Was mir im öffentlichen Raum auch sehr häufig fehlt, sind Abbildungen von ganz unterschiedlichen Familien. In den sexualpädagogischen Angeboten für Kinder in der dritten und vierten Klasse sprechen wir beispielsweise anhand eines Posters über Familien. Dieses Poster zeigt Fotos von muslimischen, queeren, Schwarzen und Of-Color-Familien sowie Familien mit Alleinerziehenden, Patchwork-Familien, große oder kleine Familien sowie Kinder, die andere Bezugs- und Fürsorgepersonen haben als ihre Eltern.

Es ist immer wieder schön zu beobachten, wie die Kinder anfangen, von ihren eigenen Familien zu erzählen, weil es eine Familie auf dem Poster gibt, die ihrer eigenen auf irgendeine Weise ähnelt. Diese Diversität an Familien wünsche ich mir auf Abbildungen und Werbekampagnen im öffentlichen Raum. Damit würden wir als Gesellschaft ein starkes Zeichen dafür setzen, dass alle Familien hier gewünscht sind.

Wie beschäftigen sich die jungen Frauen, mit denen Sie zu tun haben, mit ihren sexuellen Rechten?

Die Jugendlichen, die in meine sexualpädagogischen Gruppenangebote kommen, machen sich sehr viele Gedanken zu sexuellen Rechten. Sie bringen immer ganz viele tolle Fragen mit – gerade auch zum Thema sexuelle Selbstbestimmung: Je nach Alter wollen Sie mehr über Menstruation, Beziehungen, Sex, Körper – und wie sich diese verändern – wissen. Sie haben die Möglichkeit, Fragen offen in die Runde zu stellen oder diese anonym auf Zettel zu schreiben. Die Fragen von letzter Wochen, die mir noch im Kopf schwirren, waren: Was passiert, wenn die Schnur vom Tampon abreißt? Tipps für Analsex?

„Selbstbefriedigung bei Menschen mit einer Vulva und Klitoris ist besonders tabuisiert“

Oft wird auch gefragt, ab welchem Alter Jugendliche in Deutschland Sex haben dürfen. Dann bespreche ich mit ihnen die Gesetzesgrundlage zu sexueller Mündigkeit und erkläre, dass diese dazu da ist, sie zu schützen. Gleichzeitig versuche ich sie darin zu stärken, herauszufinden, welche Bedingungen für sie wichtig sind, bevor sie Sex mit einer anderen Person haben. Es gibt einzelne Themen, die besonders stark tabuisiert sind und zu denen nur selten Fragen kommen – wie beispielsweise Selbstbefriedigung bei Menschen mit einer Vulva und Klitoris. Mir fällt immer wieder auf, dass es immer noch viel Bedarf gibt, Räume anzubieten, in denen Jugendliche wirklich offen Fragen stellen können zum Thema Sexualität.

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Inga Dreyer

Inga Dreyer

Inga Dreyer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt über Kultur, Politik und soziale Themen.

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