Gesellschaft & Kultur
serie chemsex

Kleine Chemsex-Substanzenkunde

Chemsex bezeichnet den Konsum von Crystal Methamphetamin, Mephedron und anderen Cathinonen und/oder GHB/GBL im Zusammenhang mit schwulem Sex. Aber auch andere Substanzen spielen eine Rolle.

Crystal Meth…

… ist die psychoaktive Substanz Methamphetamin. Szenenamen sind z.B. Crystal, Meth, Tina, T, Ice.

Methamphetamin ist pharmakologisch verwandt mit den Amphetaminen, die auch unter dem Namen Speed bekannt sind. Allerdings ist die Wirkung von Crystal Meth deutlich stärker und hält länger an, bis zu 30 Stunden.

Crystal Meth wird gesnieft, geschluckt, geslammt (intravenös gespritzt) oder auch anal eingeführt.

Die Substanz wirkt aufputschend, sie steigert sexuelle Lust und unterdrückt Hunger und Schlafbedürfnis.

Crystal steigert die Herzfrequenz, vermindert das Schmerzempfinden und steigert die Bereitschaft zu Risiko und Aggression.

Crystal Meth wirkt zudem extrem lange nach, bis zu 20 Tage. Berüchtigt ist der Crystal-Kater, eine bis zu drei Wochen andauernde Phase, in der Niedergeschlagenheit und erhöhte Reizbarkeit auftreten können.

Zu den Langzeitfolgen eines Dauerkonsums gehören psychische Abhängigkeit, Zahnschäden (Meth-Mouth) und körperlicher Verfall.

Mephedron…

… ist eine vergleichsweise neue Substanz, die in ihrer Wirkung von Konsument_innen oft mit Kokain verglichen wird. Szenenamen sind z.B. Meph, Drone, M-Cat.

Mephedron ist pharmakologisch verwandt mit Cathin, dem Wirkstoff der Khat-Pflanze.

Mephedron wird oral eingenommen oder gesnieft, seltener gespritzt (geslammt).

Die stimmungshebende bis euphorisierende Wirkung beginnt 15 bis 30 Minuten nach der Einnahme und hält für ca. zwei bis drei Stunden an.

Konsument_innen berichten über Nebenwirkungen wie starkes Schwitzen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Herzrasen.

Die Langzeitfolgen von Mephedron sind wenig erforscht.

GHB und GBL…

GHB ist die psychoaktive Substanz Gamma-Hydroxybutyrat.

GHB wird meist in Tropfenform eingenommen und gilt als schwer zu dosieren.

Zum Teil ist auch Gamma-Butyrolacton (GBL) im Umlauf, eine Vorstufe von GHB, die allerdings wesentlich stärker wirkt!

Szenenamen sind z. B. GHB, G, Liquid Ecstasy, K.O.-Tropfen.

In geringer Dosis wirken GHB und GBL entspannend und euphorisierend. Berührungen werden intensiver wahrgenommen, was ihre Beliebtheit im Zusammenhang mit Chemsex erklärt.

In größeren Mengen kommt es zu Übelkeit oder Erbrechen, zu Wahrnehmungsverschiebungen oder plötzlichem Einschlafen.

Hohe Dosierungen können zu Atemlähmungen, Koma und einem Kreislaufschock führen.

GHB sind die berüchtigten K.O.-Tropfen, weswegen die Substanz in der Tanz- und Partyszene zum Teil einen sehr schlechten Ruf besitzt.

Aufgrund der schwierigen Dosierung ist GHB, vor allem aber GBL für einen Großteil der Todesfälle im Zusammenhang mit Chemsex verantwortlich.

Medikamente, die Substanzen aus der Gruppe der Proteasehemmer enthalten, verstärken die Wirkung von GHB noch, weswegen Menschen, die diese Medikamente z.B. im Rahmen einer HIV-Therapie einnehmen, besonders stark durch Überdosierungen gefährdet sind.

Ketamin…

… ist eine stark psychoaktive Substanz, die in der Medizin als Narkosemittel, Schmerzmitel und seit neuestem in leicht veränderter Zusammensetzung in den USA auch als Antidepressivum eingesetzt wird. Szenenamen sind z.B. K, Keta, Ket, Special K, Kate oder Vitamin K.

Ketamin wird geschluckt, gesnieft oder gespritzt (geslammt).

Der Wirkstoffgehalt des auf dem Schwarzmarkt gehandelten Ketamins unterliegt oft starken Schwankungen. Das macht die Substanz unberechenbar und schwer zu dosieren.

Die Einnahme führt in geringen Dosen zu einer leicht euphorisierenden, alkoholähnlichen Wirkung.

Ketamin führt verringerter bis ausgeschalteter Schmerzwahrnehmung, einer Erhöhung von Blutdruck und Puls, häufig auch zu Übelkeit, Erbrechen und Schwindel. Auch Muskelzuckungen und epileptische Anfälle sind möglich.

Optische und akustische Halluzinationen, ein Gefühl der Schwerelosigkeit und Ich-Entgrenzung bis hin zu Angstzuständen, Nahtod-Erlebnissen und dem Gefühl der Ich-Auflösung sind möglich. K-Hole ist der Szenebegriff für derlei Zustände, die bis zu einer halben Stunde andauern könne und bei der die Konsumenten in der Regel nicht ansprechbar sind.

Bei Überdosierung besteht zudem die Gefahr des Herzstillstands.

Die Kombination mit Crystal oder Mephedron führt zu einer verstärkten Herzbelastung.

Poppers…

… nennt man nitrithalitge Wirkstoffe wie Amyl-, Butyl- oder Isobutylnitrit.

Sie sind flüssig, ihre Dämpfe werden geschnuppert.

Die Wirkung setzt sofort ein und dauert nur wenige Minuten an.

Poppers wirkt sexuell stimulierend und muskelentspannend. Es steigert kurzzeitig die Herzfrequenz.

In größeren Mengen eingeatmet kann es zu Kopfschmerzen, Schwindelgefühlen und einem Abfall des Blutdrucks bis hin zum Kreislaufkollaps kommen. Vor allem bei Konsumenten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann Poppers zu Atem- und Herzstillstand führen.

Die Nebenwirkungen verstärken sich dramatisch durch die Einnahme von Potenzmitteln wie Viagra, Cialis oder Levitra. Die Wechselwirkung ist extrem gefährlich, weswegen diese Substanzen nie gemeinsam konsumiert werden sollen.

Der Kontakt der Flüssigkeiten mit Schleimhäuten oder Augen kann zu Verätzungen führen.

Potenzmittel…

… sind rezeptpflichtige Arzneimittel wie Sildenafil (Markenname: Viagra), Tadalafil (Markenname: Cialis) oder Vardenafil (Markenname: Levitra).

Potenzmittelsind als Tabletten auf dem Markt, es existieren diverse Generika.

Die Medikamente verbessern die Blutzufuhr in die Schwellkörper des Penis, der dadurch bei sexueller Stimulierung steif bleibt.

Bei Chemsex werden häufig Potenzmittel eingesetzt, um Erektionsstörungen aufgrund der Einnahme psychoaktiver Substanzen auszugleichen.

Bei der gleichzeitigen Einnahme von Poppers besteht allerdings Lebensgefahr (siehe Poppers). Auch die Kombination mit nitrathaltigen Medikamenten (gegen Angina pectoris) ist lebensgefährlich.

Levitra darf nicht zusammen mit Proteasehemmern eingenommen werden.

Safer Use

… sind Handlungsmöglichkeiten, um bei der Nutzung psychoaktiver Substanzen, vor allem beim Sniefen und bei der intravenösen Einnahme (Slamming), mögliche Schäden wie zum Beispiel HIV- und Hepatitis-Infektionen zu minimieren. Nähere Informationen zum Thema Safer Use finden bietet die Kampagne https://www.iwwit.de/drogen/utensilien-safer-use.

Weitere Informationen rund um das Thema Drogen und Sex finden sich unter https://www.iwwit.de/drogen.

Vorheriger Artikel

Chemsex: Erfahrungen, Konzepte und hilfreiche Infos

Nächster Artikel

Phänomen Chemsex und die Folgen: Wir brauchen neue Konzepte

Dirk Hetzel

Dirk Hetzel

Langjähriger Mitarbeiter der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH). Mitglied der DAH-Online-Redaktion sowie Social-Media-Manager.

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 27 = 37