Gesellschaft & Kultur
Corona-Tagebuch

Leben in Zeiten von Corona: Beobachtungen und Tipps der magazin.hiv-Redaktion

Die Corona-Pandemie hat den (Arbeits-)Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Die Ausnahmesituation deckt dabei viele Probleme schonungslos auf. Zugleich gibt es aber viele inspirierende Ideen für ein besseres (Zusammen-)Leben in und nach der Ausnahmesituation. Die Mitarbeiter_innen der magazin.hiv-Redaktion sammeln Beobachtungen, Gedanken und Tipps in einem Corona-Tagebuch. Wir sind uns dabei bewusst, dass die meisten von uns in einer privilegierten Situation sind – zum Beispiel Zugang zu Wasser, Seife, Nahrung und Informationen haben –, und versuchen das so gut wie möglich zu reflektieren.

21.04.2020

Und plötzlich war alles anders. (Beruf)

Ich erinnere mich noch gut an meinen Jahresendurlaub von 2019. Diesen nutzte ich, um mich auf das neue Jahr 2020 vorzubereiten. So beschloss ich, meine Social-Media-Nutzung stark herunterzufahren, und loggte mich dazu am 1.1.2020 auf meinem Smartphone aus Facebook, Instagram und Twitter aus. Zu groß war mir das permanente Hintergrundrauschen mit zig Benachrichtigungen am Tag mittlerweile geworden.

Daneben sollte mir ein neuer Terminplaner (und ein paar andere praktische Dinge) helfen, mein Berufs- als auch Alltagsleben besser zu strukturieren. Dazu gehört u. a. eine wöchentliche Reflexion mit Highlights und Lowlights sowie einem Learning aus der Woche.

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Am Ende eines Quartals steht ebenfalls immer eine Rückschau an, um sich bewusster zu machen, was eigentlich so in den verschiedenen Lebensbereichen „Persönliches“, „Familie/Freunde“, „Arbeit“ sowie „Gemeinschaft/Soziales“ im positiven als auch im negativen Sinne passiert ist und was ich daraus mitnehme.

Die Auszeit von Social Media spürte ich bereits sehr schnell in positiver Weise. Am Anfang klickte ich oft noch routiniert auf die Apps, um kurz mal reinzuschauen. Dies lies aber nach kurzer Zeit nach und ich spürte, wie mein Kopf wieder freier wurde.

Da ich von Beruf Projektkoordinatorin bin, gehört es zu meinem Aufgabenbereich, Quartals- und auch Jahresplanungen zu machen. Mein neuer Planer half mir sehr dabei. So machte ich mich gemeinsam mit meinem Team zu Beginn des Jahres an die Planung. Ui, da erwartet uns aber einiges an Arbeit, dachte ich mir.

Eines dieser großen Projekte war unser Kampagnenteamtreffen mit unseren Ehrenamtlern Anfang März. Geplant war, unsere Themen sowie unsere neue Kampagne für den Vor-Ort-Einsatz während der CSD-Saison vorzubereiten.

Als einer meiner Kollegen Mitte Februar aus seinem Südostasienurlaub wiederkam, las man hierzulande bereits von dem neuartigen Coronavirus in China und, wie rasant sich dieses dort ausbreitete.

Bereits einige Tage vorher, am 28. Januar, wurde der erste Covid-19-Fall in Bayern bekannt.
Zum Zeitpunkt der Rückkehr meines Kollegen gab es jedoch erst weniger als 15 Fälle in gesamt Deutschland. Alles schien noch weit weg und unbedrohlich.

Die Gefahr vor Corona schien weit weg und nun war sie plötzlich direkt hier auf unserem Treffen

Die Woche vor dem Kampagnenteamtreffen ließ uns noch bangen, ob es überhaupt stattfinden konnte. Es galt vor allem, die Gesundheit der Teilnehmer_innen im Blick zu haben. Wir entschieden uns für die Durchführung unter Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen.

Der Freitag lief super und alle waren voller Motivation für den Rest des Wochenendes. Nach dem Bekanntwerden eines Trauerfalls am Samstagmorgen, gedachten wir unseres ehemaligen ehrenamtlichen Teammitglieds. Emotional berührt, widmeten wir uns dennoch der weiteren geplanten Arbeit auf dem Treffen, bevor einer der Teilnehmer einen Anruf erhielt, der uns allen noch lange in Erinnerung bleiben sollte.

Sein Kollege sei positiv auf Covid-19 getestet worden und er war einige Tage zuvor den ganzen Tag mit ihm gemeinsam im Büro.

Und plötzlich war alles anders. Die Gefahr vor Corona schien bis gerade eben noch weit weg und nun war sie plötzlich direkt hier auf unserem Treffen. Wir brachen das Treffen ab. Später klärte sich allerdings noch, dass es doch keinen Direktkontakt gab.

Unglaublich, wie schnell sich alles ändern kann

Dennoch war es nach dieser emotionalen Achterbahnfahrt unmöglich, das Treffen fortzusetzen. Die Teilnehmer_innen traten den Heimweg an und wir empfahlen ihnen, bis zur Mitteilung des Testergebnisses der betroffenen Person zu Hause zu bleiben sowie weitere Kontakte zu vermeiden. Alle hielten sich daran, was ich wirklich großartig fand.

Das Testergebnis war negativ und wir atmeten auf. Bereits einen Montag später wurden alle Veranstaltungen der DAH bis Ende April abgesagt. Vor wenigen Tagen nun alle Veranstaltungen bis zum 17. Mai. Unglaublich, wie schnell sich alles ändern kann.

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Treffen, welches emotional abwechslungsreicher nicht hätte sein können: von Trauer über Freude bis hin zur Ungewissheit – und der Erkenntnis, nochmal zu Beginn der Pandemie mit einem Schrecken davongekommen zu sein. Am Ende hat es uns aber noch mehr zusammengeschweißt und uns gezeigt, was in diesen Zeiten notwendiger ist denn je: Zusammenhalten und füreinander da sein! (rs)

Und plötzlich war alles anders. (Freunde/Soziales)

Im Juli letzten Jahres hatte ich mein Coming-out als trans* Frau. Komplett öffentlich machte ich dies über Facebook einen Tag vor dem CSD Berlin und feierte tags darauf eine sehr besondere Pride für mich.

Einen Monat zuvor war ich auf einem queeren Festival, das mir sehr viel positive Energie schenkte, weil ich dort einfach ich selbst sein konnte. Gemeinsam mit meinen Freund_innen beschloss ich, dass wir 2020 unbedingt wieder dorthin müssen.

März 2020. Und plötzlich war alles anders. Empfehlung, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmer_innen abzusagen. Zwei Wochen später bundesweite Kontaktbeschränkungen.

Es sah schlecht für eine Festivalwiederholung in diesem Jahr aus. Die Tickets hatten wir bereits gekauft, waren uns aber immer mehr bewusst, dass es dieses Jahr mit diesem besonderen Erlebnis wohl nichts mehr wird. Dennoch wollten wir die Hoffnung nicht ganz aufgeben und auch der Veranstalter sagte auch noch nicht offiziell ab.

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April 2020. Großveranstaltungen sind bis 31. August untersagt. Jetzt haben wir Gewissheit. Ich bin mir sicher: Festivals und CSDs wird es in dem gewohnten Rahmen in diesem Jahr nicht mehr geben.

Persönlich denke ich, dass sich daran auch nach Ende August nichts ändern wird. Ein normales Leben wird für mich erst wieder mit gut funktionierenden Medikamenten sowie einem Impfstoff gegen das Coronavirus möglich sein.

Ich hatte mich auf dieses Jahr gefreut. Es ist das erste ganze Jahr, in dem ich endlich komplett ich sein kann. Ich möchte das wieder feiern und bin gespannt, welche alternative Formen und Gelegenheiten es in diesem Jahr dafür geben wird. (rs)

Und plötzlich war alles anders. (Persönliches)

Seit 35 Wochen nehme ich nun schon Hormone und spüre die positiven Veränderungen auf meine Psyche und meinen Körper.

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Als die Corona-Krise noch an ihrem Anfang war, las ich in trans* Gruppen bei Facebook, dass einige bereits anfingen, Hormone zu hamstern. Viele dieser Präparate werden in China hergestellt. Da viele Fabriken dort aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen wurden, machte sich schnell die Angst unter einigen trans* Menschen breit, es könnte bei den überlebensnotwendigen Hormonen in der nächsten Zeit zu Lieferschwierigkeiten oder gar -engpässen kommen.

Ich verstand ihre Sorgen, betrafen sie doch auch mich. Ich brauche diese Hormone auch mein Leben lang, da mein Körper sie nicht selbst produzieren kann. Dennoch fand ich es kontraproduktiv, nun Hormone zu hamstern. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagte mal jemand zu mir. Ich habe daher bisher die Ruhe bewahrt.

In fünf Wochen habe ich wieder einen Kontrolltermin bei meinem Endokrinologen. Dort werde ich ein neues Rezept für mein Hormonpräparat bekommen. Meine letzte Packung reicht dann noch genau eine Woche. Statt auf die Angst, möchte ich auf meine Vernunft hören.

Wissen statt Angst

In der 11. Kalenderwoche notierte ich mir in meinen Planer folgendes Learning: „Eine Situation, die man nicht kennt, kann sich binnen einer Woche komplett ändern.“ Dieser Montag in der 11. KW ist seitdem mein Ankerpunkt in der Corona-Zeit. Er steht für „Und plötzlich war alles anders.“ und macht mir deutlich, wie schnell und in welchem für mich damals kaum vorstellbaren Maße sich die gesamte Situation geändert hat.

Hoffnung ist weiterhin da und es kommen nun seit diesem Montag erste Lockerungen der Corona-Eindämmungsmaßnahmen, denen ich jedoch mit gemischten Gefühlen gegenüberstehe.

Für etwas mehr Klarheit und Sicherheit werde ich in den nächsten Tagen aber nun doch einmal in meiner Apotheke anrufen und fragen, wie es derzeit mit der Lieferbarkeit meines Hormonpräparats aussieht. Also Wissen statt Angst. (rs)

15.04.2020

Während sich vor allem Politiker_innen derzeit profilieren, wann über das Wie der Rückkehr zur Normalität diskutiert wird, bin ich schon einen Schritt weiter: Was werde ich in der wiedergewonnenen Freiheit des Gewohnten und Alltäglichen als Erstes tun? Oder anders gefragt: Worauf freue ich mich am meisten?

Diese Wochen der Einschränkungen und des Ausnahmezustands haben so manche Prioritäten verrutschen lassen. Was ist einem wirklich wichtig? Was hat plötzlich eine Bedeutung gewonnen, was zeigt einen bisher unterschätzen Wert? Was schon mal klar ist: Der Besuch beim Friseur (Nachfärben, Schneiden, Legen) entfällt. Mein karger Rest an Haupthaar wird seit Jahr und Tag eh schon selbst gekürzt.

Freund_innen endlich wieder in den Arm nehmen

An oberster Stelle aber steht der Wunsch, Freund_innen und Familie besuchen zu können. Selbst wenn in diesen Wochen eine Reise dorthin gar nicht geplant gewesen wäre: wie überraschend fern, unerreichbar erscheinen sie einem jetzt. Überhaupt Freunde: Sie zur Begrüßung wieder wie gewohnt in den Arm nehmen, sich ganz ungezwungen um einen Tisch scharen zu können. Oder den Betagteren unter ihnen – mit dem derzeit aus Rücksicht auf sein Alter und Vorerkrankungen jegliche Treffen tabu sind – überhaupt mal wieder zu sehen und nicht nur mit ihm zu telefonieren.

Was mich dann selbst auch überrascht: Wie sehr mir das Sportstudio fehlt. Zur häuslichen Gymnastik konnte ich mich immer noch nicht aufraffen, obgleich die Kondition zunehmend und spürbar schwindet und dafür der Bauch zunimmt.

Und ja, auch die regelmäßigen Theater- und Kinobesuche vermisse ich. Zwei-, dreimal die Woche sitze ich sonst unter anderen Menschen und lasse mich von dem, was auf der Bühne oder auf der Leinwand passiert, überraschen, überwältigen, anrühren, zum Nachdenken bringen. Wann wird das wieder möglich sein – und wie? Links und rechts jeweils einen Sitz frei? Ein Gemeinschaftserlebnis mit Sicherheitsabstand? (ascho)

14.04.2020

In the past few weeks, globally, we’ve seen folks in prison being released, plans to establish Universal Basic Income discussed in many countries, housing secured for those who are homeless or who are involved in sex work, carbon emissions plummeting, dolphins swimming again in Venetian canals and corporations suddenly making decisions, not in service of profit, but out of care for those in need. There is always more that needs to be done, but these examples are proof that what was until recently thought of as ‘impossible’, is possible.

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On a personal note, I talk to my family and those in my community more and engage in email exchanges with people I otherwise don’t really know. I have also learned how to cut out the ‘unnecessary’ at work, and in life; I don’t consume on a daily basis and I don’t miss it. My partner and I take a daily walk or bike in the sun and have fun doing sports activities together. Even though I am quick to criticize capitalism, I have realized that I have been overtaken by its engine — the p word — productivity. It is all coming undone. So let it.

This is not to suggest that people are not suffering, indeed, they are. The coronavirus does not discriminate, but existing inequities and structural oppression will affect who is hit the hardest. Within communities that have always been oppressed and excluded: homeless people, refugees, sex workers, People of Color, Indigenous and racialized folks… More lives will be lost.

To me social distancing” is a privilege. I am able to go to the grocery shop and buy what I need for weeks, I have a safe and secure roof over my head, my job is not under threat and I can earn an income from home. As a white woman with a German passport, I am not at risk for being hassled by the police if I leave my home. I am not immuno-compromised.

A time of new relationships and imaginaries

We are indeed in a crisis and on the brink of the catastrophe. And, it will likely get worse before it gets better. This is the earth rising up against us, shaking us by the shoulders, and telling us to ‘wake up!’. But, with breakdown comes the possibility of renewal. There is a juncture here. An opening. A time of new relationships and imaginaries. This may seem abstract, but these conceptual shifts are massive, especially when they happen on a global level.

My thoughts are inspired by Rebecca Solnit and so I want to finish with her words:

“Ireland nationalized its hospitals, something ‘we were told would never happen and could never happen’, an Irish journalist commented. Canada came up with four months of basic income for those who lost their jobs. Germany did more than that. Portugal decided to treat immigrants and asylum seekers as full citizens during the pandemic. […]

The word “crisis” means, in medical terms, the crossroads a patient reaches, the point at which she will either take the road to recovery or to death. The word “emergency” comes from “emergence” or “emerge”, as if you were ejected from the familiar and urgently need to reorient. The word “catastrophe” comes from a root meaning a sudden overturning.

We have reached a crossroads, we have emerged from what we assumed was normality, things have suddenly overturned. One of our main tasks now — especially those of us who are not sick, are not frontline workers, and are not dealing with other economic or housing difficulties — is to understand this moment, what it might require of us, and what it might make possible.” (tg)

Deutsche Übersetzung
In den letzten Wochen haben wir weltweit beobachtet, wie Menschen aus Gefängnissen entlassen werden, wie Pläne zur Etablierung eines universellen Grundeinkommens in einigen Ländern entwickelt werden, wie Wohnraum für Obdachlose oder Sexarbeitende zur Verfügung gestellt wird, wie CO₂-Emissionen sinken und Delfine in den venezianischen Kanälen schwimmen, wie Unternehmen plötzlich Entscheidungen treffen, die nicht nur dem Profit dienen, sondern sich nach der Sorge um Bedürftigen richten. Es gibt immer noch viel, was erledigt werden muss, aber diese Beispiele sind ein Beweis dafür, dass das, was bis vor kurzem als „unmöglich“ galt, möglich ist.

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Was mich persönlich angeht, ich spreche mehr mit meiner Familie und den Menschen, die mir wichtig sind. Ich tausche E-Mails und Gedanken mit Menschen aus, die ich nicht wirklich kenne. Ich habe auch gelernt, wie man das „Unnötige“ bei der Arbeit und im Leben loswird. Ich konsumiere nicht mehr täglich und ich vermisse es nicht. Meine Partnerin und ich machen täglich einen Spaziergang an der Sonne und haben Spaß daran, gemeinsam Sport zu treiben. Obwohl ich dazu tendiere, den Kapitalismus schnell zu kritisieren, habe ich festgestellt, dass ich von seinem Motor – dem P-Wort – Produktivität überrollt worden bin. It is all coming undone. So let it!

Dies soll nicht bedeuten, dass Menschen nicht leiden ­– sie tun es. Das Coronavirus selbst diskriminiert nicht, aber die bestehenden sozialen Ungleichheiten und strukturellen und institutionellen Unterdrückungsmechanismen bestimmen, wer am härtesten betroffen ist – nämlich Communitys, die schon immer unterdrückt und ausgegrenzt waren: Obdachlose, Geflüchtete, Sexarbeitende, Schwarze, People of Color… Noch mehr Menschen werden ihr Leben verlieren.

Für mich ist „Social Distancing“ ein Privileg. Ich kann in die Lebensmittelgeschäfte gehen und alles kaufen, was ich brauche. Ich habe ein sicheres Dach über dem Kopf. Mein Job ist nicht bedroht und ich kann ein Einkommen von zu Hause aus verdienen. Als weiße Frau mit deutschem Pass bin ich nicht gefährdet, von der Polizei belästigt zu werden, wenn ich mein Zuhause verlasse. Ich bin auch nicht immungeschwächt.

Es ist Zeit für neue Bündnisse

Wir befinden uns in der Tat in einer Krise und stehen kurz vor einer Katastrophe. Und es wird wahrscheinlich erst einmal schlimmer, bevor es wieder besser wird. Dies ist die Welt, die sich gegen uns erhebt, uns an den Schultern schüttelt und uns sagt, wir sollen aufwachen! Mit dem Zusammenbruch kommt die Möglichkeit einer Erneuerung. Hier öffnet sich eine Tür, eine Chance… Es ist Zeit für neue Bündnisse und Ideen. Dies mag abstrakt erscheinen, aber diese konzeptionellen Verschiebungen sind massiv, insbesondere, wenn sie auf globaler Ebene stattfinden.

Meine Gedanken sind von Rebecca Solnit inspiriert und deshalb möchte ich mit ihren Worten abschließen:

“Ireland nationalized its hospitals, something ‘we were told would never happen and could never happen’, an Irish journalist commented. Canada came up with four months of basic income for those who lost their jobs. Germany did more than that. Portugal decided to treat immigrants and asylum seekers as full citizens during the pandemic. […]

The word “crisis” means, in medical terms, the crossroads a patient reaches, the point at which she will either take the road to recovery or to death. The word “emergency” comes from “emergence” or “emerge”, as if you were ejected from the familiar and urgently need to reorient. The word “catastrophe” comes from a root meaning a sudden overturning.

We have reached a crossroads, we have emerged from what we assumed was normality, things have suddenly overturned. One of our main tasks now — especially those of us who are not sick, are not frontline workers, and are not dealing with other economic or housing difficulties — is to understand this moment, what it might require of us, and what it might make possible.” (tg)


05.04.2020

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Ich bin frisch geduscht, meine Wohnung ist so aufgeräumt, wie schon lange nicht mehr und meine Hände sind schwitzig. Noch zehn Minuten, dann habe ich das erste Videodate meines Lebens – zumindest das erste mit einer mir unbekannten Person.

Mir ist schon klar, dass Max durch die Webcam meinen Homeoffice-Schweiß nicht riechen kann und auch nicht das dreckige Geschirr in der Spüle sehen muss. Aber ich hab so Bock auf ein bisschen Normalität.

Da ich gerade mein ganzes Leben in einem Raum gestalte und meine kleine – aber heiß geliebte – Einraumwohnung gleichzeitig Büro und Wohnzimmer ist, brauchte es nach dem Arbeitstag einen Bruch. Wenn noch mein Arbeitskram und das Geschirr vom Mittagessen rumstehen würden, würde es sich anfühlen, als hätten wir unser erstes Date in meinem Büro. Das wäre schräg, daher der Aufräumwahn.

Unterschied zu Dates vor Corona: Ich trage keine richtige Hose

Der Laptop steht bereit, aufgebahrt auf zwei Yogablöcken. Den Tipp hab ich von Holger, unserem Pressesprecher. Wenn man den Laptop auf eine Kiste oder eben Yogablöcke stellt, ist die Webcam auf Höhe der Augen und man schaut direkt in die Kamera. Funktioniert für Tagesschau-Liveschalten genauso gut wie für Dates.

Der einzige Unterschied zu Dates vor Corona: Ich trage keine richtige Hose. Ein Freund hat mich vor dem Date gefragt „Was wirst du anziehen? Wirst du eine Hose tragen?“ Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen behaupten, dass man bei Videocalls keine Hose tragen muss. Zumindest ich stehe in Gesprächen auch mal auf. Allein schon, um Pullern zu gehen. Keine Hose wäre mir zu heikel. Aber fürs Gemütlichkeitsgefühl und eine gewisse „Ich hab mir nicht zu viel Mühe gegeben“-Lässigkeit lass ich einfach die Yoga-Leggings an, die ich seit Tagen trage.

Mein Skype klingelt. Max. Uff. Ich könnte auch einfach nicht rangehen und mich aus der Affäre ziehen, aber dann klicke ich wie automatisch auf „Anruf annehmen“ und da sitzt er. Die ersten fünf Minuten sind sehr holprig. Die Aufregung ist auf beiden Seiten gleich groß. Wein soll helfen und wir prosten dem Kamerabild des jeweils anderen zu. Max seufzt erleichtert und meint „Schon gleich ein bisschen besser. Ich bin schon den ganzen Tag aufgeregt und eigentlich hatte ich mir ein paar Themen überlegt. Die hab ich nun aber vergessen. Sorry.“ Er meint, er kann Smalltalk nicht so gut. Das gefällt mir. Obwohl ich es kann, langweilt mich Smalltalk vor allem im Datingkontext zu Tode.

„Welche Probleme löst eine gute Ehe?“

Mir kommt eine Idee: Ich lade einen zweiten Max zu uns an den Küchentisch ein und hole das Tagebuch von Max Frisch[1] aus dem Bücherregal. Wir gehen seinen Fragebogen durch und starten direkt mit den Fragen zur Ehe: „Welche Probleme löst eine gute Ehe?“

Dann geht es weiter mit Fragen zu Freundschaft („Halten Sie sich für einen guten Freund?“), Humor („Wie unterscheiden sich Witz und Humor?“), Besitz („Haben Sie schon gestohlen: a) Bargeld, b) Gegenstände, c) eine Idee?“) und dem Tod („Haben Sie Angst vor dem Tod?“).

Ich wähle die Fragen aus, lese sie vor und Max und ich antworten abwechselnd.

Der Fragebogen öffnet Türen zu unserem Leben. Wir erzählen uns alles: Kindheitserinnerungen, Spleens, Überzeugungen, Anekdoten von gestern und von früher. So tief bin ich selten in das Leben eines anderen beim ersten Date eingetaucht. Obwohl wir an zwei unterschiedlichen Enden der Stadt sitzen, fühlt es sich erstaunlich nah an.

Wäre das ein normales Date unter normalen Umständen, würden wir schon längst rumknutschen. Ich bin ein bisschen traurig, dass das heute nicht geht, aber absolut begeistert vom Abend und von Max. Ein Blick auf die Uhr lässt uns beide zusammenschrecken. Es ist mittlerweile fast 2 Uhr nachts und auf uns beide wartet am nächsten Morgen Arbeit. Wir wünschen uns eine gute Nacht und gehen ins Bett. Das Gute an Videodates: Der Heimweg ist für alle sehr kurz. (cku)

[1] Max Frisch: Tagebuch 1966–1971. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972

03.04.2020

Ich reaktiviere mein OK-Cupid-Profil. Eigentlich bin ich gar nicht in Dating-Stimmung: Meine engsten Freund_innen fehlen mir und fremde Menschen, die ich ohnehin nicht treffen kann, reizen mich gerade so gar nicht. Aber ich bin neugierig. Ich will wissen, was die Corona-Krise mit Onlinedating macht.

Anfang März schien die Krise für viele Menschen offenbar noch weit weg zu sein. OK-Cupid hat am 10. März eine Umfrage veröffentlicht, die zeigt: 95 Prozent der deutschen Nutzer_innen würden für ein Date weiterhin das Haus verlassen. Das überrascht mich.

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Kurz darauf reagieren die großen Plattformen. Tinder blendet wohl Hinweise wie „Bleibt zu Hause, wascht euch die Hände“ ein – das habe ich nicht überprüft, weil ich die App nie mochte. OK-Cupid twittert am 17. März: „We don’t know who needs to hear this, but now is NOT the time to go out with your date to a bar. FaceTime, Skype, call, text, call, message on our app….all very romantic right now.“ [Anm. d. Red.: „Wir wissen nicht, wer das hören muss, aber jetzt ist NICHT die Zeit, um mit eurem Date in eine Bar auszugehen. FaceTime, Skype, Anrufe, Nachrichten, Anrufe, Nachrichten auf unserer App … alles sehr romantisch gerade.“]

Ich swipe mich durch die ersten Profile. Chris schreibt über sich „Viel daheim derzeit“, Lara macht einen Chuck-Norris-Corona-Witz und Toms Profiltext sagt, er sitze gern mit einem 1,5 Meter langem Zollstock auf dem Tempelhofer Feld und trinkt da Sekt.

Offenbar ist das Thema angekommen. Ich überlege, ob ich meinen Profiltext anpassen sollte. Aber was soll ich schreiben? „Ich will niemanden von euch sehen, will nur mal schauen, ob ihr auch alle brav zu Hause bleibt.“ Das kommt mir unpassend vor und ich lasse es.

Dann stoße ich auf das Profil von Alex „COVID-19 positiv, aber ansonsten okay. Ich hab es überstanden.“ An einem Gesprächsthema würde es mit ihr auf jeden Fall nicht mangeln. Ich wische trotzdem weiter.

Die ersten Matches entstehen. Tom, der mit dem Zollstock, will mit mir in den nächsten Tagen auf dem Feld gemeinsam Sekt trinken. Nein, danke. Mit Verweis auf die Kontaktsperre wimmle ich ihn ab.

„Suche Hefe und Online-Sachpartner_innen“

Dann holt mich die Vergangenheit ein. Loris schreibt: „Hey, eigentlich antworte ich nicht auf Anfragen für Dreiergeschichten, aber du siehst interessant aus. Wie stellst du dir das denn vor?“ Mir bleibt kurz das Herz stehen.

Meine erste Nachricht an Loris ist eine halbe Ewigkeit her. Abgeschickt wurde sie in einer lauen Sommernacht, in der man draußen sitzen konnte und als ich mir das Profil noch mit einer weiteren Person geteilt habe. Ich kläre Loris auf: „Sorry, die Nachricht von mir ist fast zwei Jahre alt. In der Zwischenzeit hat sich viel verändert. Den Menschen, mit dem ich damals gemeinsam auf der Suche war, gibt es in meinem Leben nicht mehr und gerade ist wirklich nicht die Zeit für Dreier.“ Wir wünschen uns alles Gute. „Danke, bleib gesund!“

Der Austausch mit Loris bringt mich aber auf die Idee die Profile anzugucken, mit denen es irgendwann ein Match, aber nie eine Konversation gab.

Max fällt mir ins Auge. Er sucht Hefe und Online-Schachpartner_innen. Irgendwie herzig. Obwohl ich weder Hefe noch Schachkenntnisse habe, entwickelt sich ein netter Chatverlauf. So nett, dass wir uns in den nächsten Tagen für einen Videocall verabreden.

Eigentlich bin ich sehr schüchtern, wenn es darum geht mit fremden Menschen ohne konkreten Anlass zu telefonieren. Was sollen wir aber sonst machen? Bar ist erst mal nicht. Vielleicht reicht Corona als konkreter Anlass auch aus. Es soll ja dieser Tage sehr romantisch sein, bei Kerzenschein auf einen Bildschirm zu starren. (cku)

02.04.2020

#CoronaSolidarität: Beim Duschen höre ich im Radio von der Aktion des Berliner Vereins Be an Angel, des Restaurants Kreuzberger Himmel, das von Geflüchteten aus sieben Nationen geführt wird, und des Catering-Start-ups Bab al-Jinan: Seit dem 24. März 2020 werden täglich bis zu 70 Mahlzeiten an sieben Tagen die Woche an vier verschiedenen Standorten in Berlin an Obdachlose ausgegeben.

Über einen Spendenaufruf hat Be an Angel e.V. rund 2.000 Euro für die Nahrungsmittel gesammelt. Einer der führenden Großhändler unterstützt mit Produkten zum Einkaufspreis oder Nahrungsmitteln, die kurz vor dem Verfallsdatum nicht mehr in den Verkauf gelangen. Das Küchenteam vom Kreuzberger Himmel stellt seine Zeit zur Verfügung, Bab al-Jinan stellt den Food-Truck. Hut ab! (hs)


In den letzten Tagen bin ich immer wieder Menschen begegnet, die meinten: „Vielleicht hat die Krise ja auch etwas Gutes an sich.“ Darauf folgten Ausführungen, wofür die Corona-Pandemie gut sein soll (sich besinnen, das Klima usw.).

Ich sträube mich sehr gegen diese Erzählung. Dafür geht es den Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld einfach zu schlecht.

Trotzdem gibt es Momente, die wie ein kleiner Lichtblick sind und die mir Mut machen. Unzählige Onlineangebote schießen aus dem Boden – alle mit dem einen Ziel: diese beschissene Situation ein klein bisschen besser machen. Sei es mit Stretching-Kursen am Morgen, Benefiz-Lesungen meines Lieblingsautors Saša Stanišić oder das Angebot vom Momentum Lab – eine Vereinigung von Trainer_innen, die mit kostenlosen Onlinetrainings eine Möglichkeit schafft, die Zusammenarbeit von Aktivist_innen und anderen engagierten Menschen in der Krise zu stärken. (cku)

01.04.2020

„Ich habe den Eindruck, dass sich die erste Aufgeregtheit wegen Corona etwas gelegt hat.“, sagte ich letzte Woche zu meiner Arbeitskollegin Brigitte, bevor ich mich ins Wochenende verabschiedete.

Die notwendigsten Dinge auf der Arbeit habe ich geregelt: Die Onlineberatung kann von jedem Computer aus durchgeführt werden, die bundesweite Telefonberatung vom heimischen Wohnzimmer aus aufrechterhalten werden – selbst die Schließung der Aidshilfen ist da kein Problem. Da ich kein Freund des Homeoffice bin, gehe ich aber weiterhin ins Büro – von meinem Zuhause aus ein schöner Spaziergang. So bleibe ich in Kontakt mit Kolleg_innen und erhalte mir ein Gefühl von Normalität.

Privat fühle ich mich sowieso privilegiert: Da ich fest angestellt bin, muss ich mir keine finanziellen Sorgen machen. In meiner Wohnung kann ich es gut aushalten. Sozial fühle ich mich gut eingebunden und pflege jetzt eben meine Kontakte hauptsächlich am Telefon.

Vereinsamen werde ich auch nicht, ich halte es gut mit mir selbst aus. Es gibt jede Menge ungelesener Bücher. Falls ich Hilfe brauchen sollte, stünden sicherlich meine Nachbar_innen bereit. So weit, so gut.

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Und dann kriecht Corona doch in meine Wohnung, in der ich mich doch eigentlich gewappnet fühle. „Warum meldest du dich nicht mehr?“, schreibt mir Aon, den ich im Dezember im Thailand-Urlaub kennengelernt hatte und mit dem ich seitdem im losen Facebook-Kontakt stehe.

Schon beim ersten Hin- und Hertexten merke ich, dass etwas nicht stimmt. Und dann wird es mir, Message für Message, immer klarer: Aons Leben steht Kopf. Innerhalb weniger Tage hat er seine beiden Jobs als Tauchlehrer und im Restaurant verloren, weil der Tourismus auf der Insel vollkommen zum Erliegen kam. Zudem gibt es eine strikte Ausgangssperre. Die Wohnung darf er nur aus wichtigen Gründen verlassen, Spaziergänge am Strand sind tabu.

„Es ist alles so still draußen.“, schreibt mir Aon. „Es fühlt sich für mich eher wie eine gespenstische Stille an.“ Er schreibt mir weiter, dass die Reisebeschränkungen so schnell kamen, dass es keine Zeit für alternative Planungen gab. „Hätte ich gewusst, dass das passiert, wäre ich zu meiner Familie nach Nordthailand gefahren. Dort kann man mit sehr wenig Geld überleben. Hier weiß ich nicht, wie lange ich Miete und Strom zahlen kann, wenn ich keine Einkünfte habe.“

Was mich aber am meisten trifft ist die Frage: „Meinst du, ich habe eine Depression?“ Das kann ich nicht beantworten, aber ich stelle mir vor, wie sich Aon eingesperrt und von der Welt abgeschnitten fühlt, wie die Gedanken kreisen, die Sorgen und die Verzweiflung in die Kleider kriechen, wie die Leichtigkeit verschwindet.

Und auch ich merke, wie aus einer sorglosen Urlaubsliebelei plötzlich ernsthafte Fragen für mich entstehen: Muss/soll/kann ich helfen? Wozu bin ich bereit? Was erscheint mir angemessen? Was ist meine Verantwortung? Und wo muss/soll/kann ich eine Grenze ziehen?

Soll ich jetzt Geld überweisen? Wie kann ich mental unterstützen? Kann ich Bilder vom Frühlings-Spaziergang in Berlin schicken, während Aon seine Wohnung nicht verlassen darf? Und darf ich den Spaziergang überhaupt genießen? Wie sorge ich für mich – und für andere? Welche Verantwortung entsteht durch Privilegien? All das beschäftigt mich seit dem Wochenende.

Corona stellt viele Fragen. Ich bin dabei, für mich Antworten zu finden. (wb)


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In meiner Nachbarschaft gibt es eine Trainierbahn für Pferde, auf der ich seit vielen Jahren regelmäßig laufen gehe. Seit der Corona-Krise sehe ich hier täglich sehr viele Pferde. Wenn ich es mir so recht überlege, meine ich, es sind mehr als ich in den letzten 10 Jahren zusammen gesehen habe.

Sie laufen ihre Runden, egal, ob mit Sulky, neben dem Fahrrad hertrabend, oder unter der_dem Reiter_in. Die Pferdebesitzer_innen scheinen seit der Krise mehr Zeit mit ihren Tieren zu verbringen und sie öfter aus den Stallungen zu holen. Zumindest die Pferde also können sich während der Corona-Krise über mehr Zuwendung freuen. Das ist schön für Tier und Mensch! (js)

31.03.2020

Das Coronavirus ist mit heftiger Stigmatisierung verbunden. Trump spricht vom „Wuhan-Virus“, in Brandenburg verstecken Berliner_innen ihre Autos mit dem B-Kennzeichen, es fallen Worte wie „Virenschleuder“ – aber richtig hart trifft es die Schwächsten, die sowieso schon stigmatisiert werden.

Aus Uganda, wo „homosexuelle Handlungen“ strafbar sind und immer wieder über die Todesstrafe für Schwule debattiert wird, kommt eine erschreckende Meldung: Über 20 LGBT aus einer Notunterkunft, in der einige von ihnen sich von Übergriffen erholten, wurden zum öffentlichen Marsch durch die Siedlung zur Polizeiwache gezwungen.

Die Anwohner_innen beschuldigten sie „unnormalen Verhaltens“ und fürchteten außerdem, sie könnten das Coronavirus übertragen, weil sie in der Notunterkunft keinen Abstand hielten. Auf der Polizeiwache wurden die LGBT geschlagen, jetzt kommen sie vor Gericht.

Und im Hintergrund mischen evangelikale Pastoren mit. Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte, um es mit Max Liebermann zu sagen. (hs)


Die Einschränkungen der Grundrechte im Zuge der Coronakrise machen mir zunehmend Angst. Und dabei rede ich noch nicht einmal von dem – hoffentlich noch abzuwehrenden – Sammeln von Handydaten.

In Berlin zum Beispiel wurde de facto eine Ausgangssperre verhängt (obwohl sie niemand von den Verantwortlichen so nennen möchte). Die eigene Wohnung darf man nicht mehr „ohne triftigen Grund“ verlassen – und wenn, muss man stets einen Ausweis mitführen. Sogar das Verweilen auf der Parkbank oder Wiese alleine ist verboten und auch Demonstrieren ist nicht mehr gestattet.

Innerhalb weniger Tage und Wochen scheinen Grundrechte und Grundfesten des Rechtsstaates gar nicht mehr so unerschütterlich. Normalerweise kritisieren die Deutschen gerne andere Staaten ob ihrer mangelhaften Rechtsstaatlichkeit von oben herab. So etwas könnte doch nicht bei uns in Deutschland passieren …

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Eine öffentliche Auseinandersetzung und Reflexion der Verordnungen im Zuge der Corona-Bekämpfung findet aber auch hierzulande noch kaum statt, außer in Jurist_innen-Medien und Rechtsblogs. Die breite Öffentlichkeit scheint die Maßnahmen zu billigen oder hat sich zumindest ohne großes Hinterfragen damit abgefunden. Das ist fatal, denn Grund- und Menschenrechte sowie die Recht- und Verfassungsmäßigkeit von Verordnungen müssen auch – oder gerade – in Krisenzeiten gewährt bleiben.

Knapp eine Woche ist die geänderte Corona-Verordnung in Berlin nun in Kraft. Berichte über polizeiliche Willkür, Racial Profiling und Anzeigen durch Mitmenschen häufen sich. Rassifizierte Menschen, Menschen ohne Papiere, Obdachlose, Drogengebraucher_innen, psychisch Kranke und bedürftige Menschen werden von repressiven Gesetze immer am härtesten getroffen. Sie müssen nun noch mehr anlasslose Kontrollen und Kriminalisierung fürchten als ohnehin schon. Doch das scheint niemand bei dem Ruf nach „härterem Durchgreifen des Staates“ bedacht zu haben. Ein Versagen der zivilen und politischen Öffentlichkeit.

Mehr zum Thema: www.zeit.de/gesellschaft/ausgangssperren-coronavirus

Und immer mehr beschäftigt mich die Frage, wie psychisch Kranke, traumatisierte Menschen und Menschen, die von HIV betroffen sind, mit dieser Ausnahmesituation umgehen und wer dabei mitbedenkt, diesen Menschen bei allem Krisenmanagement nicht Gewalt anzutun.

Über den Häusern kreisende Polizeihubschrauber, von den Gesundheitsämtern an die Polizei weitergeleitete Daten über Infizierte, Kriminalisierung des Verlassens der Wohnung, Überwachung von Bewegungsdaten. All das sind nicht nur potenzielle Trigger und somit Falltüren in psychische Notsituationen, sondern auch massive Einschnitte in die Freiheits- und Grundrechte.

Wir müssen jetzt eine breite Debatte darüber forcieren. In der Krisenbewältigung müssen Gesetze und Maßnahmen öffentlich und mit Betroffenenvertretung reflektiert werden. Das Einschränken von Rechten und der Sicherheit von Marginalisierten darf auch in Ausnahmesituationen nicht als „Kollateralschaden“ hingenommen werden. (sd)

30.03.2020

Knapp zwei Jahre ist es meiner Partnerin und mir bisher gelungen, unser kleines Kind möglichst digitalarm aufzuziehen. Smartphone und Co. kamen nicht in die Kinderhände, wurden meist auf lautlos gestellt und auch wir selbst begrenzten unsere Nutzung, um gute Vorbilder zu sein. Mit der Coronakrise wurde jetzt alles anders.

Die geschlossene Kita hält per Online-Morgenkreis Kontakt zu den Kindern, organisiert über einen Messenger-Chat. Unser Kind freut sich über die Lieder, tanzt mit und ich bin ganz gerührt, weil ich so auch etwas von seinem Kita-Alltag mitbekomme. Mit den Großeltern werden – neben guten alten Briefen! – Fotos und Clips per Messenger geteilt und auch die ersten Videotelefonate haben stattgefunden. In die Freude darüber, den Kontakt mit Oma und Opa zumindest auf diesem Weg halten zu können, mischt sich immer auch die traurige Frage, wann wir uns denn ganz in echt werden wiedersehen können.

Ich selbst schaue viel häufiger auf mein Telefon oder gehe schnell mal an den Laptop, wenn mein Kind anderweitig beschäftigt ist. Die Digitalisierung zieht mit Corona im Schnellverfahren also auch in den Kinderalltag ein. Mal schauen, wie es nach Corona wird. (lf)


Das Stadtbild verändert sich zunehmend. Leere Straßen, einzelne rasende Autos, Fußgänger und Radfahrer, die keine Verkehrsregeln mehr kennen (ok, war früher auch schon so), und immer mehr Plastikhandschuhe und Mundschutzmasken.

Als wir noch glaubten, COV sei „nur eine Grippe“, und kein alles auffressendes Virus, das HIV den Rang abläuft und alles, was man in den letzten Jahren aufgebaut hat, einzureißen droht, schien das Leben noch geordnet, der eigene Umgang mit HIV geklärt, das öffentliche Outing erledigt. Das Leben konnte an Normalität gewinnen, HIV wurde in seinen Bereich eingewiesen und ansonsten beschäftigte man sich mit anderen Dingen.

Corona/SarsCov2/Covid19 ist aber zum Supervirus mutiert. Überall lauert die unsichtbare Gefahr: misstrauische Blicke, gespannte Aufmerksamkeit, Stresslevel auf Hochtouren. Hustet da eine_r? Wer hat geniest? Warum trägt die Person Mundschutz?

Das neue Virus stellt alles auf den Kopf

Auch in den Medien ist kein Entkommen. Keine Timeline mehr, die nicht mit (wissenschaftlich fragwürdigen) Infos auflauert, kein Youtube-Kanal, der nicht Erfahrungen, Einschätzungen, Meinungen präsentiert. Man beobachtet Zahlen, die kein Ende mehr nehmen, wäscht sich täglich tausendmal die Hände, steht vor leeren Supermarktregalen und fragt sich, ob jetzt alle verrückt geworden sind? Und man selber natürlich auch.

Bild: © privat

Die Trigger-Warnung: „Wann hast du dich angesteckt? Bei wem hast du dich angesteckt? Wen hast du angesteckt?“

Zunehmend zuckt man zusammen, wenn man den Umgang mit COV wahrnimmt, oder selbst erfährt. Denn die Verbreitung des Virus – die Pandemie, die HIV hierzulande zum Glück erspart blieb – verhindert nicht die Suche nach Schuldigen, das Wehen mit der Moralfahne, das Misstrauen gegenüber denjenigen, die aussehen, als könnten sie Träger_innen sein.

Tagelang wurden die ersten Fälle wie Säue durchs Dorf getrieben – „Er hat zwei Wochen lang im Großraumbüro gehustet!“ Ist jemand, der in Italien im Urlaub war, selber schuld, wenn er sich ansteckt? Spielt Schuld denn noch eine Rolle bei einer Pandemie?

Nicht einmal vor dem einst verhöhnt geglaubten Schimpfwort „Virusschleuder“ scheut man noch zurück. Im Gegenteil, die Berührungsängste kochen hoch. Das kenn ich doch alles irgendwoher …

Wie lange hält man das durch?

Das letzte Mal wurde ich so getriggert, als die Physiofachkraft, die meine verspannten Muskeln lösen sollte, das Behandlungszimmer mit Plastik auslegte, selber Handschuhe anzog und meinte, danach müssten sie aber den Raum komplett desinfizieren, denn sie behandelten ja auch Kinder … Und das alles wegen HIV.

Jetzt erlebt man das tagtäglich: Abstand und Handschuhe, Mundschutz und Berührungsangst.

Und ansonsten: Stillstand, Krise, Luftanhalten. Wie lange hält man das durch?

Da haben wir uns jahrelang abgemüht, die Bevölkerung aufzuklären, Speichel und Schwitzen sind keine Infektionsmöglichkeiten für HIV. Endlich ist geschützter Sex ohne Kondom möglich unter Therapie. Und die medizinischen Fachkräfte wurden langzeitgeschult, dass die normalen Hygienevorschriften auch bei HIV vollkommen ausreichen; man muss nicht als Letzte_r in die Praxis und es muss auch kein Zimmer nach uns grundgereinigt werden.

Jetzt kommt dieses neue Virus daher und stellt alles auf den Kopf. Reaktiviert alte Ängste, produziert neue, triggert alte Bilder, Ablehnung und Diskriminierung.

Wir werden in allen Bereichen verunsichert

Schafft es die Pandemie wenigstens, die Kriminalisierung zu verhindern? Bekannte aus Bayern berichten, man sei froh, der Söder habe so durchgegriffen. Die Landsleute erfreuten sich einer hohen Anzeigebereitschaft: Gruppenbildungen, Spielplatzbesuche, Partys im Haus, „Three makes a crowd“ (2 Frauen aus demselben Gebäude feiern 1 Party und werden angezeigt) – alles, was man selber nicht darf, sollen die anderen ja auch nicht machen.

Wir werden verunsichert, in allen Bereichen. Husten & Niesen ok, aber wie lauten die Spuck- und Schnäuzregeln? Darf ich da mal schnell vorbei? Wie lange soll das so gehen? Schaffe ich das finanziell? Kann ich noch irgendwas planen? Ich bräuchte so dringend Urlaub, und noch nie war Balkonien so out.

(Den letzten langen Urlaub hatte ich vor einem Jahr, als meine Mutter einen Schlaganfall erlitt. Ich fiel mit in ihr zeitloses Koma. und draußen drehte sich die Welt weiter, als wäre nichts. Meine Mutter hat es geschafft, aber sie hat seitdem ein anderes Tempo. Und ich vielleicht auch. Vielleicht hilft mir jetzt diese Erfahrung, mit all den Einschränkungen umzugehen: Krisenmanagement.)

Und nun? In welche Welt kehren wir HIV-Positiven nach COV zurück? Das COV-Virus kann wie HIV verfolgt werden: Infektionsketten werden nachgestellt, Kontaktpersonen identifiziert, alle werden kontaktiert und in Quarantäne gesteckt – undenkbar für HIV?!

Bleibt die Hoffnung auf die Heilung, den Impfstoff – all das, was HIV bislang versagt blieb. Wer weiß: Wenn alle jetzt so sehr ihre Kräfte in die Eliminierung eines neuen Virus stecken, … (ks)

29.03.2020

Inmitten der ganzen Abschottung – Europa als Ganzes, die einzelnen Staaten, Bundesländer, demnächst gar einzelne Landkreise? – und Entsolidarisierung lese ich am Beispiel Portugals, dass es auch solidarisch geht: Menschen, die vor dem 18.03.2020 eine Aufenthaltsgenehmigung in Portugal beantragt haben, wird diese automatisch bis mindestens 01.07.2020 gewährt. Dies gilt auch für Schutzsuchende im offenen Asylverfahren. Damit wird die Aufnahme in die Sozial- und Krankenversicherung sowie der Zugang zum Arbeitsmarkt sichergestellt. Wie schon bei der Drogenpolitik zeigt Portugal, wie menschliche Politik aussehen kann. Das sollte Schule machen – und nicht an den EU-Außengrenzen Halt machen. Weitere Infos: taz.de/Portugal-zeigt-Solidaritaet-in-Coronakrise (hs)

28.03.2020

Die Idee des „Gabenzauns“, so einfach wie großartig, ist schon älter, und nahm in Hamburg ihren Anfang. Idealerweise wasserdicht verpackt können an öffentliche Zäune Sachspenden für Wohnungs- und Obdachlose und andere Bedürftige gehängt werden.

Gabenzaun

Bild: © Axel Schock

In die Tüten kommt alles, was mensch braucht: Wasserflaschen, Lebensmittel, Kleidung, Zahnpasta und Duschgel oder auch Hundefutter. Manche packen auch eigens Beutel für Frauen mit entsprechenden Hygieneartikeln. Am besten beschriften die Spender_innen die Plastikbeutel, damit die Menschen sofort erkennen können, was sich darin befindet.

In Zeiten von Corona, wo vielerorts selbst Einrichtungen der Tafel und Notunterkünfte geschlossen sind, haben es Bedürftige schwerer denn je – und solche Gabenzäune können zumindest ein wenig die Not lindern.

Mittlerweile gibt es Gabenzäune in vielen Städten, von Bochum und Darmstadt bis Goslar und Leipzig. Und auch in meinem Kiez habe ich bereits zwei solcher „Gabenzäune“ entdeckt. Ausgerechnet das Hamburger Projekt, wie ich heute lese, ist wegen Corona in Gefahr: Zuviel Andrang und damit eine zu große Gefahr der Ansteckung. (ascho)

27.03.2020

Tipp: Im Netz hat der #Quarantänekerker seine Tore geöffnet. Ein Safespace in merkwürdigen Zeiten für Nerds, Freaks, Kinkster und alle anderen, die der Isolation entgegentreten wollen und lieber gemeinsam einsam sind. Aktuelle Infos auf Twitter unter https://twitter.com/Quarantaenekerk. (hs)


Während das Reisen weltweit nahezu komplett zum Erliegen gekommen ist und die Bundesregierung ihre Bürger_innen vor Reisen in Risikogebiete warnt, möchte sie Menschen dennoch weiterhin abschieben. Trotz Covid-19-Pandemie und einer ausdrücklichen Warnung für den Iran, hält die Bundesregierung an der Abschiebung einer Frau nach Teheran fest. Da es aber kaum noch Flüge dorthin gibt, soll die Frau jetzt per Privatjet ausgeflogen werden: www.tagesschau.de/investigativ (sd)


Die Sonne scheint und die Welt sieht so friedlich aus. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Normalität: Kinder spielen in den Gärten und auf der Straße, Menschen spazieren in der Sonne. Doch nichts ist mehr so, wie es war. Corona – ein kleines Virus hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt.

Manchmal wache ich morgens noch erholt und entspannt auf, sehe die ersten Sonnenstrahlen, die unseren Garten erleuchten und fühle mich wohl. Leider dauert dieser Augenblick nicht lang, dann bahnt sich die Realität wieder ihren Weg in mein Bewusstsein. Mein Herz fängt an zu rasen und ich bekomme Atemnot, fühle die Last der Welt auf meinen Schultern. Es kostet mich sehr viel Kraft, um mich dann wieder zu beruhigen und den Tag zu starten.

Meine Situation ist genau betrachtet nicht dramatisch: wir haben ein Haus mit Garten, Kinder, Jobs und viele Dinge, die für andere Menschen Luxus sind. Auch Vorräte sind angelegt. Dennoch, Angst und Panik sind seit 3 Wochen mein ständiger Begleiter.

Bild: © privat

Die Sonne kann über die Situation, die mittlerweile alle Länder ergriffen hat, nicht hinwegtäuschen. Viele Menschen werden sterben. Das Wissen darum ist es, was mir täglich die Kehle zuschnürt, mir nicht gestattet, mich entspannt zurückzulehnen. Ich kann die Augen vor dem Rest der Welt nicht verschließen, auch wenn mir etwas Abstand zu den ständigen Corona-Meldungen etwas mehr Seelenfrieden geben würde. Immer wieder durchforste ich das Netz nach den neusten Nachrichten zur Krise, schaue Nachrichtensendungen und Corona-Specials.

Ich sehe die Kinder in den griechischen Flüchtlingslagern, die der Pandemie schutzlos ausgeliefert sind, sehe die Obdachlosen in den großen und kleinen Städten der Welt, sehe die erschöpften Pflergerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte in Italien und Spanien und bin froh, hier in Deutschland zu sein, kann den Gedanken an diese Menschen aber nicht verdrängen.

Meine Kinder habe ich in Sicherheit gebracht. Ich habe sie sozusagen aufs Land geschickt, so wie man das zu Kriegszeiten gemacht hat. Sicherheit ist in diesem Fall aber trügerisch – die Pandemie wird den Weg auch in die weniger urbanen Gegenden finden.

Ich habe meine Kinder zu Oma und Opa gebracht, noch bevor die Kitas und Schulen im Land geschlossen wurden. Mir kam das vorausschauend vor. Doch dann kamen die Warnungen, dass man die Kinder nicht zu den Großeltern bringen solle. Verunsicherung. In mir die Frage, ob das richtig war. Meine Eltern haben keine Sozialkontakte, Kinder gibt es in dem Ort nicht viele. Noch fühlen sich alle wohl. Meine Söhne genießen es, Zeit für sich zu haben. Keine Termine, nur Zeit zum Spielen, Fernsehen und von Oma und Opa verwöhnt werden. Quality-Time hat man das vor Corona genannt.

Ich weiß nicht, wie lange das gut geht, aber es gibt mir die Möglichkeit, mich an die derzeitige Situation zu gewöhnen und meine Angstattacken in den Griff zu bekommen, ohne dass ich meine Kinder damit ängstige.

Vor Corona – before Corona – b.C. eine neue Bedeutung, eine neue Gesellschaft, neue Umgangsformen … alles neu, dabei ist noch nicht mal Mai. Wie lange kann eine Gesellschaft, ja die ganze Menschheit, eine solche Situation ertragen, ohne Schaden zu nehmen?

Meine Kollegin ist Optimistin. Sie sagt, dass eine solche Krise das Positive in den Menschen hervorbringen kann. Ich habe mich früher auch immer für eine Optimistin gehalten, aber in der Krise muss ich erkennen, dass ich durch und durch Pessimistin bin. Wann ist mir der Glaube an das Gute im Menschen abhandengekommen? Das muss ein schleichender Prozess gewesen sein, denn ich habe es nicht bemerkt.

Derzeit sieht die Welt so friedlich aus. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ruhe zieht in mein Gemüt. Ich hoffe, die Sonne bleibt noch etwas! (js)


26.03.2020

Tipp: Der Bundesverband Trans* bietet Unterstützung in Zeiten von COVID-19 und Corona. Auf seiner Webseite finden sich z.B. Informationen und Tipps rund um laufende TSG-Verfahren sowie aktuell laufende Therapien sowie eine Übersicht über Angebote (nicht nur) von Mitgliedsorganisationen. (hs)


Spaziergang, um Abstand zu bekommen. Ein kleines Kind fährt jauchzend auf seinem winzigen Fahrrad an mir vorbei. „Guck mal, Mama, jetzt kann ich alleine!“ „Das erste Mal?“, frage ich die Mutter. Der körperliche Abstand zwischen ihr und mir schmilzt durch ihr Lächeln. Ja, es ist das erste Mal, dass niemand anschubsen muss. Pures Glück.

Viele sind unterwegs, joggend, radfahrend, spazierend. Viele halten Abstand. Viele leider auch sozial. Ängstliches Ausweichen, die Blicke starr auf den Boden gerichtet, das Gesicht weggedreht. Andere suchen den Blick, lächeln – und wir sagen mit den Augen: Wir halten Abstand, obwohl – weil – wir soziale Wesen sind. (hs)


Als Theaterfan schaut man dann doch immer wieder mit Neid und Verwunderung in die USA, wo trotz des durchkommerzialisierten Betriebes Produktionen und Karrieren möglich sind, die man sich hierzulande kaum vorstellen kann. Terrence McNally ist so ein Beispiel. Ein Dramatiker, Drehbuchautor, Opern- und Musical-Librettist, der auf vielfältige Weise das Leben, Lieben und Leiden von Lesben und Schwulen wie auch die Aidskrise in den USA („Lips Together, Teeth Apart“, „Andrew‘s Mother“) unverkrampft und für ein tatsächlich großes Publikum auf die Bühne und auf die Leinwand gebracht hat.

Terrence McNally | Bild: © Al Pereira (CC BY-SA 4.0)

Viele seiner Dramen, etwa „Meisterklasse“ und „Die Lissaboner Traviata“, wie auch seine Musicaladaptionen („Kuss der Spinnenfrau“, „Ragtime“) sind Welterfolge. Sein Bühnenstück über schwules Leben in Zeiten von Aids „Love! Valour! Compassion!“ wurde fürs Kino verfilmt. Gemeinsam mit seinem Ehemann, dem Broadway-Produzenten Tom Kirdahy, hat McNally die Aidskrise überstanden und sich in verschiedenen Organisationen für Menschen mit HIV/Aids engagiert.

Nun ist McNally am Dienstag, dem 24. März, an den Folgen von Covid-19 gestorben. Als damals in der Hochphase der Aidskrise Künstler_innen oft noch zu Beginn ihrer Laufbahn aus dem Leben gerissen wurden, prägte der Berliner Kurator Frank Wagner dafür den Begriff der „unterbrochenen Karrieren“. Auf den 81-jährigen Terrence McNally trifft das freilich nicht mehr zu. Und doch frage ich mich, ob wir wohl bald wieder Listen führen werden von prominenten, bedeutenden Menschen, die Opfer der Epidemie geworden sind – nur, dass diese nun COVID-19 heißt und nicht HIV. (ascho)

25.03.2020

Auf dem Weg zur Arbeit entdecke ich eine soziale (Distanz-)Skulptur. WOYY hat eines dieser typischen Sperrmüll-Möbel-Ensembles in einen Kommentar zur Corona-Epidemie verwandelt. Die weltberühmte Figur des kleinen Prinzen ist da auf seinem Planeten zu sehen, wie er die rechte Hand hebt und einer zweiten Person damit „Distanz bitte!“ signalisiert. (hs)

Straßenszene in Schöneberg, 25.3.2020. Foto: hs


Heute Morgen am sonst wuseligen und jetzt fast menschenleeren S-Bahnhof. Auf der digitalen Werbetafel hopsen kleine Kinder fröhlich über einen Spielplatz. Waren das noch Zeiten! Die Treppe hoch. Nicht weit weg vom Kiosk lehnt ein Mann mit strähnigen Haaren an einem Pfeiler. Ich kenne sein Gesicht und seine Stimme; ich habe ihm in der Bahn ab und zu ein Obdachlosenmagazin abgekauft, und er hat mir dafür immer eine gute Fahrt und einen besonders schönen Abend gewünscht. Ich bin zu feige, ihn zu fragen, wie es ihm jetzt geht. Ich weiß ja, dass er bei den meisten Einrichtungen vor verschlossenen Türen steht und die wenigen, die noch geöffnet sind, vielleicht meidet. Auch ein Obdachloser hat Angst vor Corona. Er kann sich nicht mal waschen, jetzt, wo Händewaschen doch so wichtig ist. Aber würde ich ihm mein Waschbecken anbieten? Ach, geht ja gar nicht, ich wohne ja viel zu weit weg. Was für ein Glück, denke ich, dass sich mir die Frage dadurch nicht wirklich stellt. Ich sehe ihm nicht mal in die Augen, als ich ihm ein paar Münzen in den Becher werfe, den er vor sich aufgestellt hat, in mindestens 1,5 Meter Abstand. (af)

24.03.2020

Ich glaube, neben all den schrecklichen Bildern (Lastwagen-Kolonnen, die Särge abtransportieren), der Informationsflut, dem Erschrecken darüber, wie schnell unsere elementaren Rechte eingeschränkt werden, und viel Arbeit werde ich mich später einmal auch an meine Hände erinnern: So geschunden und ausgetrocknet durch vieles Waschen waren sie noch nie. Und gleichzeitig denke ich: Das „Problem“ hätten Millionen Menschen auf der Welt gerne. Sie haben weder Zugang zu Wasser noch zu Seife. (hs)


Am frühen Sonntagabend ist für meine Friseurin Antje aus banger Befürchtung Gewissheit geworden: Auch Frisör_innen dürfen jetzt wegen des engen Kontakts zu den Kund_innen nicht mehr arbeiten. Als Antje daraufhin alle Termine für die nächsten Wochen absagte, ploppten immer mehr Nachrichten auf ihrem Handy auf. Die Kund_innen sorgten sich um ihre Existenz, hatten Ideen, wie sie die schwierige Zeit überbrücken könnte – und einige boten spontan an, einfach für den nächsten Haarschnitt schon im Voraus zu bezahlen. Antje ist überwältigt und kann hoffen, dass es für sie weitergeht. So kann Solidarität auch aussehen. (af)

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