Szene & Community
Fotokunst

Studio Peace: Kraftvolle Porträts von LGBTIQ* in Berlin

Für die erste Masterclass der Gesellschaft für humanistische Fotografie hat Renata Chueire LGBTIQ*-Personen porträtiert, die in der queeren Community in Berlin einen Ort des Friedens gefunden haben.

Von Jacqueline Speer

Eine Person mit Bart steht in einem tief ausgeschnittenen roten Abendkleid regungslos auf dem Potsdamer Platz, einen wuscheligen Pelzmantel hat sie lässig über die Schulter geworfen. Der Blick ist stolz, das Haar wird vom Wind zerzaust, das Kleid weht fließend um die Beine. Im Hintergrund flanieren Tourist_innen.

Studio Peace von Renata Chueire: LGBTIQ* aus aller Welt in Berlin

Die porträtierte Person ist Marcelo Kuna, Performance-Künstler_in und eine_r von vielen LGBTIQ* aus Berlin, welche die Fotografin Renata Chueire für ihr Projekt „Studio Peace“ fotografiert hat. Renata ist Absolventin der ersten Masterclass der Gesellschaft für humanistische Fotografie (GfhF) unter der Leitung von Andreas Herzau. Die Abschlussarbeiten der Masterclass waren im Januar 2020 in der Galerie des f³ – freiraum für fotografie zu sehen und sind auch auf Renatas Instagram-Kanal zu finden.

Zu den Porträtierten gehört auch Rodrigo Garcia Alves, ebenfalls ein_e junge_r queere_r Performance-Künstler_in. Er_sie steht in High Heels, fast nackt, vor einem Baum. Im Hintergrund sehen wir das Café Hasenschänke in der Berliner Hasenheide. Verhüllt wird Rodrigo von einem bunt bedruckten Tuch mit einem Werk des portugiesischen Künstlers Cardo Matos, das er_sie selbst produziert hat und für Performances verwendet.

[Anm. d. Red.: Rodrigo verwendet für sich die englischen Pronomen they/their/them, für die es im Deutschen noch keine allgemein akzeptierte Entsprechung gibt. Cardo Matos gestaltete unter anderem die Bühne und Prints für Rodrigo Garcia Alves’ Stück STUDIO DISORDER’S LA MAISON BAROQUE, das 2016 im Rahmen der Tanztage Berlin in den Sophiensälen zu sehen war.]

Marcelo Kuna, Performance-Künstler_in (© Renata Chueire)

Von Marcelo und Rodrigo eingerahmt wurde in der Ausstellung ein Foto von Sanni Est, einer jungen trans* Performance-Künstlerin, die in den ärmsten Gegenden im Nordosten Brasiliens groß geworden ist und ihr Leben lang Repressionen und Diskriminierung ausgesetzt war. Ihr herausfordernder Blick wird durch den kräftigen roten Lidschatten unterstrichen, zum „Kleinen Schwarzen“ trägt sie ein Basecap mit den großen silbernen Lettern EXU, dem Namen einer afrobrasilianischen Gottheit. Sie hält einen schwarzen Regenschirm fest in der Hand und steht vor dem Eingang zum Haus Bethanien in Berlin, wo sie Gesangsübungen macht. Die gelbe Backsteinmauer im Hintergrund bildet einen starken Kontrast zu ihrer Person.

Von Community und Diskriminierung

Die Fotografin Renata Chueire ist selbst Migrantin aus Brasilien. Sie hat ihr halbes Leben in Deutschland verbracht, pflegt aber weiterhin engen Kontakt zu ihrer Familie. Durch einen Auftrag der Deutschen Aidshilfe (DAH) kommt sie mit der LGBTIQ*-Community in Berlin in Kontakt. Sie sucht dort Modelle, welche die Zielgruppen der Deutschen Aidshilfe widerspiegeln, und fotografiert sie für die Internetseite der DAH.

„Wer mit sich selbst in Frieden leben will, muss sich so akzeptieren, wie er ist“

Chueire lernt dabei Menschen aus vielen verschiedenen Ländern kennen, die nun Teil der Berliner Community sind. Diese wird immer bunter, internationaler und größer, da die politischen Entwicklungen in vielen Ländern die LGBTIQ* aus ihrer Heimat vertreiben.

Renata findet schnell Freund_innen in diesem Kreis. Sie hört zu, wenn sie von ihren Diskriminierungserfahrungen berichten. Sie interessiert sich für ihre Geschichten, für ihr Leben, für sie. Sie fängt an, die Menschen, die sie fotografiert, auch zu interviewen. Diese Erzählungen lassen sie nicht mehr los.

Gefahren rechter Einflüsse auf unsere Gesellschaft

Kurz nach der Wahl des rechtsextremen und reaktionären Jair Bolsonaro zum brasilianischen Präsidenten fliegt Renata nach Brasilien. Sie kommt verstört und schockiert von dieser Reise zurück nach Berlin.

Geschockt von der rasanten Spaltung, die dieser Mann so kurz nach seiner Wahl in der Gesellschaft hinterlassen hat. Selbst vor ihrer Familie hat dieser Spaltung nicht haltgemacht.

Rodrigo Garcia Alves, ein_e junge_r queere_r Performance-Künstler_in (© Renata Chueire)

Chueire fasst einen Entschluss: Sie will auf die Gefahren rechter Einflüsse auf unsere Gesellschaft hinweisen. So entsteht das Projekt Studio Peace. Frei nach dem Zitat von Selma Lagerlöf „Wer mit sich selbst in Frieden leben will, muss sich so akzeptieren, wie er ist“ findet sie Menschen aus der Community, die einen langen Weg gegangen sind, um sich selbst zu finden und in Frieden so zu leben, wie sie es möchten.

Studio Peace: Augenblicke des Friedens mit sich selbst

Und so zeigen ihre Fotos Menschen in einem, Augenblick des Friedens, den sie mit sich geschlossen haben. Einen Augenblick ihrer selbst, in dem sie sich stolz präsentieren.

Ihre Augen aber erzählen ihre Geschichten.

Viele der Menschen, die Renata fotografiert, sind geflohen, weil sie verfolgt wurden oder nicht so leben konnten, wie sie es wollten. Sie haben in Berlin ein neues Zuhause gefunden, einen Ort des Friedens.

Sanni Est, Performance-Künstlerin (© Renata Chueire)

Aber auch hier ist dieser Frieden bedroht, wenn man aus der geschützten Community heraustritt. Immer wieder stößt man auf Menschen, die auf von ihnen als „andersartig“ Wahrgenommene(s) mit Aggressionen reagieren.

Auch Renata hat schon bei miterleben müssen, dass eines ihrer Modelle bei einem Shooting von Passanten beschimpft und angegriffen wurde. Ihre Fotos sieht sie deshalb auch als Statement gegen ein politisch nach rechts rückendes Deutschland.

Weitere Fotos aus dem Projekt „Studio Peace“ sind auf Instagram unter https://www.instagram.com/r.chueire/ zu finden.

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