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Leben mit zwei Pandemien: Covid-19 und Frauen mit HIV in Osteuropa

50 Frauen, 50 Erfahrungen: Eine Studie des Eurasian Women’s Network on AIDS zu Covid-19 und Frauen mit HIV in Osteuropa beschreibt auf Grundlage von Tiefeninterviews, wie es den Frauen ergeht und wie die Zivilgesellschaft und die Communitys helfen können.

Im Juni und August 2020 haben Community-Organisationen in Armenien, Belarus, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Moldawien, Russland, Tadschikistan, der Ukraine und Usbekistan im Rahmen einer großen Studie Tiefeninterviews mit 50 Frauen mit HIV geführt.

Erforscht werden sollte, wie sich die Covid-19-Pandemie und der Lockdown auf die sexuellen und reproduktiven Rechte, den Zugang zur HIV-Behandlung und den Schutz vor geschlechtsbasierter Gewalt auswirken.

Entwickelt und durchgeführt wurde die Studie von Frauen mit HIV und aus Schlüsselgruppen.

Das Eurasian Women’s Network on AIDS (EWNA) koordinierte die Umsetzung, Unterstützung kam von UNAIDS, dem UN-Bevölkerungsfonds und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNFPA und UNPD).

Im Dezember 2020 erschien ein Kurzbericht zur Studie mit wichtigen Ergebnissen, Zitaten der befragten Frauen und Empfehlungen an die Regierungen, Geldgeber*innen sowie die Communitys (auf Russisch und Englisch).

Wir stellen wichtige Ergebnisse der Studie in einer Übertragung ins Deutsche vor:

Folgen der Covid-19-Pandemie und des Lockdowns für Frauen mit HIV in Osteuropa

  1. Viele Frauen konnten aufgrund des Lockdowns nicht mehr für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Viele Frauen aus Schlüsselgruppen, die schon vor der Pandemie unter der Armutsgrenze lebten, konnten nach Einführung der Quarantänemaßnahmen überhaupt nicht mehr für ihren Lebensunterhalt sorgen. Das hatte katastrophale Folgen für sie und ihre Kinder, bis hin zu Hunger und Obdachlosigkeit.

„Sie hatten kein Geld, um Brot zu kaufen
und wussten nicht, wie sie die Kinder ernähren sollten.
Wer konnte, wer mutig genug war,
schrieb auf Facebook und anderswo: SOS, helft mir.
Das ist beängstigend, wenn man ohne Arbeit dasteht
und zu allem Überfluss auch noch eine Krankheit hat,
die ständig behandelt werden muss.“
(Frau aus Usbekistan)

„Sie haben aufgehört, die HIV-Medikamente zu nehmen, einfach aufgehört.
Die Peer-Beraterinnen konnten sie nicht mehr finden.
Ich habe zwei Migrantinnen in einem Park getroffen
und sie gefragt, was mit der HIV-Therapie ist.
Sie sagten: Warum? Wir haben nichts zu essen,
warum sollten wir irgendwelche Medikamente nehmen?“
(Frau aus Kirgisistan)

„Sexarbeit ist illegal, also bekommt man keinen Arbeitsnachweis.
Es ist schwer, sich als arbeitslos zu melden, sein Einkommen nachzuweisen
oder sich oder ein Kind anzumelden.
Die meisten Sexarbeiterinnen beantragen erst gar keine staatliche Sozialhilfe.“
(Frau aus der Ukraine)


Anna Medvedeva aus Belarus über die soziale und wirtschaftliche Situation von Frauen in Osteuropa in der Corona-Pandemie; mit englischen Untertiteln. © ewna.org; Quelle: http://www.ewna.org/zhenshhiny-vich-i-covid-19/; https://www.youtube.com/watch?v=njRGuk1vd-0&t=109s


Der Zugang der Frauen zu staatlicher sozialer Unterstützung wurde behindert durch Probleme mit Papieren, weil sie nicht registriert waren, nicht offiziell nachweisen konnten, dass sie beschäftigt oder ohne Job waren, Schwierigkeiten beim Zugang zum Internet hatten oder weil die bürokratischen Hürden zu hoch waren.

Und selbst wenn Frauenselbsthilfeorganisationen sie beim Überwinden all dieser Schwierigkeiten unterstützten, war die dann gezahlte staatliche Unterstützung viel zu niedrig.

  1. Die HIV-Prävention bei Schlüsselgruppen hatte keine Priorität mehr für die Regierung und musste von den Community-Organisationen zusammen mit neuen Maßnahmen zur Covid-19-Prävention allein gestemmt werden.

Um die HIV-Prävention unter Sexarbeiter*innen, Drogengebraucher*innen und LGBTIQ* auch im Lockdown fortsetzen zu können, haben sich Community-Organisationen direkt an die lokalen Behörden gewandt.

Zusätzlich mussten sie auch die Covid-19-Prävention integrieren, obwohl es zunächst keine Unterstützung von der Regierung gab.

Möglich wurde dies durch die Grundprinzipien der communitybasierten Arbeit: Flexibilität, unkonventionelle Ansätze bei der Problemlösung und Nutzung der Ressourcen der Community-Mitglieder.

Mit dem Beginn der Pandemie standen Substituierte vor großen Herausforderungen bei der Versorgung mit den Substitutionsmedikamenten, hauptsächlich Methadon.

Normalerweise muss man sich das Medikament dafür jeden Tag im Substitutionszentrum geben lassen. In Georgien, Kirgisistan, Moldawien und der Ukraine wurde dank der hartnäckigen Forderungen aus der Community dann eine Take-Home-Vergabe für mehrere Tage möglich, wodurch Behandlungsunterbrechungen vermieden werden konnten.

„Wir haben unsere Mitarbeiter*innen mit Desinfektionsmitteln und Masken ausgestattet,
und zwar in ausreichender Menge, damit sie nicht zwei Wochen lang dieselbe Maske verwenden müssen.
Und unsere Mitarbeiter*innen haben dann ihre Klient*innen mit Masken versorgt.
Um Frauen mit Kindern und Frauen in schwierigen Situation direkt mit humanitärer Hilfe unterstützen zu können,
haben wir einige Projektbudgets umgewidmet.
Außerdem haben wir Flyer mit Basis-Informationen zu Covid-19 produziert
und an unsere Klient*innen verteilt
und psychologische Unterstützung rund um die Auswirkungen der Pandemie angeboten.“
(Frau aus der Ukraine)

„Jeden Morgen mussten sie nach NN fahren.
Dort bekamen dort ihr Substitutionsmedikament
und wurden anschließend wieder zum Sammelpunkt gefahren.
Von da mussten sie dann nach Hause laufen.
Sie sind es leid, jeden Tag 20 km zum Substitutionszentrum unterwegs zu sein.
Wir haben deshalb im Namen der Kasachischen Vereinigung von Menschen mit HIV
an den Chef-Drogenarzt des Landes geschrieben –
nur dem Präsidenten noch nicht.
Sie sind müde.
Drei von ihnen haben schon ihre Dosis reduziert,
viele wollen aus der Substitution aussteigen.“
(Frau aus Kasachstan)

  1. Das staatliche System war nicht darauf vorbereitet, die Versorgung mit HIV-Medikamenten unter den Bedingungen eines harten Lockdowns sicherzustellen.

Keine Informationen für Menschen mit HIV, wie und wo sie ihre Medikamente bekommen können, das Fehlen einer HIV-Medikamentenreserve für ein halbes Jahr (wie von der WHO empfohlen), Medikamenten-Lieferprobleme aufgrund von Transportunterbrechungen, Abriegelung von Städten und Gebieten durch Straßensperren – all das kann dazu führen, dass Frauen zumindest vorübergehend ihre HIV-Medikamente nicht mehr bekommen.

Migrantinnen, die nicht in ihr Heimatland zurückkehren können, können sogar dauerhaft ihren Zugang zur HIV-Behandlung verlieren.


Evgeniya Korotkova aus Usbekistan erzählt, wie Frauennetzwerke dafür sorgten, dass Frauen mit HIV ihre Medikamente bekamen; mit englischen Untertiteln. © ewna.org; Quelle: http://www.ewna.org/zhenshhiny-vich-i-covid-19/; https://www.youtube.com/watch?v=pzAo7y3joXg&t=19s


Zum Glück konnte das verhindert werden: Durch die Zusammenarbeit zwischen Community-Organisationen und Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens, oft auf Basis persönlicher Kontakte und ehrenamtlich.

Frauennetzwerke und andere Community-Organisationen haben Frauen mit HIV über die neuen Regeln für die Diagnostik und die Abgabe von HIV-Medikamenten informiert und die Medikamente auch verteilt.

Möglich wurde das durch die persönlichen Kontakte, die über viele Jahre aufgebaut wurden, durch Transporte auf eigene Kosten und dank der Unterstützung einiger Spenderorganisationen, die flexibel genug waren, ihre laufenden Projekte neu auszurichten.

„Es gab keine Koordination, als die Grenzen geschlossen wurden.
Als die Menschen aus Aserbaidschan, der Ukraine und Moldawien in Georgien strandeten
und es keine Kommunikation [zwischen den Ländern] mehr gab,
bekamen sie trotzdem Zugang zu HIV-Medikamenten,
aber nicht durch staatliche Stellen.
Es gab keine offiziellen Informationen für Migrant*innen:
was zu tun ist, wenn man in einem anderen Land ist,
was man bei knapp werdenden Medikamenten macht,
wohin man sich wenden kann und wie man das alles regelt.“
(Frau aus Georgien)

„Ich habe persönlich HIV-Medikamente nach NN gebracht,
das ist nicht weit von hier.
Ich musste zu Fuß gehen,
etwa eine Stunde und vierzig Minuten pro Strecke
von sieben bis acht Kilometer, und das bei etwa 30 Grad.
Ich setzte meine Maske auf, zog Handschuhe an,
nahm Medikamente oder Babynahrung mit
und ging einfach los,
auf eigene Faust und eigenes Risiko.“
(Frau aus Kirgisistan)

 

  1. In den EECA-Ländern (Osteuropa und Zentralasien) hat sich der eh schon eingeschränkte Zugang zu sexuellen und reproduktiven Dienstleistungen zum Teil dramatisch verschlechtert.

Der Zugang zu sexuellen und reproduktiven Dienstleistungen ist eng mit der Infrastruktur und den Verkehrsverbindungen verbunden, die durch die Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die polizeilichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit innerhalb und zwischen den Städten hat den Zugang der Frauen zusätzlich erschwert und sie gezwungen, gegenüber der Polizei ihre HIV-Infektion offenzulegen.

Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass in vielen Ländern der Zugang zu Abtreibungen deutlich eingeschränkt oder ganz abgeschnitten wurde, selbst bei einer Vergewaltigung.

Schwangere Frauen mit HIV hatten Angst vor der Entbindung oder davor, während der Schwangerschaft unter Beobachtung zu stehen.

Gynäkolog*innen haben ihre Arbeitszeiten deutlich reduziert oder gar keine Patientinnen mehr empfangen; auch viele Kliniken für Geschlechtkrankheiten waren geschlossen.

NGOs und Community-Organisationen dagegen haben ihre Arbeit nicht eingestellt und zum Beispiel weiterhin Kondome verteilt oder HIV-Medikamente über mobile Kliniken verteilt, die sie bereits vor Beginn der Pandemie organisiert hatten.

„Eine schwangere Frau kann sich nicht einmal in einer Entbindungsklinik anmelden,
wenn sie keinen Corona-Test gemacht hat.
Aber der kostet Geld, und das hat sie nicht.
Und solange sie kein Testergebnis vorweist,
wird sie nicht gynäkologisch untersucht.
Sie kommt aus einem Dorf, hat also kein Geld.
Muss sie deswegen zu Hause entbinden?“
(Frau aus Moldawien)

„In NN wollte eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen.
Sie haben sich aber geweigert und gesagt:
‚Kommen Sie später wieder, nach dem Lockdown.‘
Aber dann war es schon zu spät, und sie musste das Kind bekommen.
Sie sagte: ,Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann das Baby nicht ernähren.
Ich habe schon drei Kinder, keinen Job, keinen Ehemann.‘“
Frau aus Kirgisistan

  1. Die Covid-19-Pandemie hat zu einer neuen Welle von Gewalt gegen Frauen geführt, auf die die staatlichen Systeme nicht angemessen reagieren konnten.

Die Hauptgründe für den Anstieg der Gewalt sind sozialer und wirtschaftlicher Natur. So müssen sich viele Frauen länger im selben Raum mit gewalttätigen Männern aufhalten und ihre finanzielle Situation hat sich verschlechtert. Das gilt sowohl für Frauen aus der Allgemeinbevölkerung als auch für Frauen aus den besonders gefährdeten Gruppen.



Alla Bessonova aus Kirgisistan berichtet von der Zunahme der Gewalt gegen Frauen in der Corona-Pandemie; mit englischen Untertiteln. © ewna.org; Quelle: http://www.ewna.org/zhenshhiny-vich-i-covid-19/; https://www.youtube.com/watch?v=wZbz-rRpWMI&t=18s


Die Reaktion der Polizei auf diese Gewalt hängt stark von den nationalen Gesetzen ab; so haben nicht alle EECA-Länder die Istanbul-Konvention ratifiziert oder Gesetze gegen häusliche Gewalt eingeführt.

Die Covid-19-Pandemie hat sich auch auf die Arbeit von Krisenzentren oder Frauenhäusern ausgewirkt. Einige Einrichtungen nahmen keine neuen Frauen mehr auf, in anderen gab es Probleme, weil neue Frauen isoliert werden mussten.

Die Stigmatisierung und Diskriminierung von HIV-positiven und drogengebrauchenden Frauen sowie von Sexarbeiter*innen und trans* Frauen haben ihren Zugang zu Hilfe bei Gewalterfahrungen weiter eingeschränkt.

„Während früher die Gewalt von Freiern ausging, ist es jetzt die Gewalt von Familienmitgliedern.
Sie arbeitet nicht, sie bringt kein Geld nach Hause, ist die Ausgestoßene.“
(Frau aus Tadschikistan)

„Krisenzentren gab es schon immer zu wenig.
Normalerweise konnten nur Frauen aufgenommen werden,
die keine Drogen nehmen und nicht HIV-positiv sind.“
(Frau aus Russland)

  1. In der Pandemie standen die Community-Organisationen und Frauennetzwerke an vorderster Stelle der HIV-Prävention: Sie wurden zum Bindeglied zwischen Frauen mit HIV und aus den Schlüsselgruppen sowie den lebensnotwendigen Dienstleistungen.

Als die COVID-19-Pandemie begann, haben sich Frauen in Communitys und Gruppen selbst mobilisiert. Sie haben zum Beispiel persönliche Schutzausrüstungen (PSA) für sich produziert, auf eigene Kosten HIV-Medikamente an Menschen mit HIV geliefert, über COVID-19 aufgeklärt und Frauen aus den Schlüsselgruppen umfassend unterstützt.

Aktivist*innen haben neue Initiativen gestartet, Selbsthilfe-und Gesprächsgruppen zur gegenseitigen psychologischen Unterstützung sind aktiver geworden, die Organisationen und Communitys haben ihre Zusammenarbeit verstärkt, Partnerschaften zwischen Community-Organisationen und NGOs haben beim Austausch von Ressourcen und der Bereitstellung von Hilfen geholfen.

Zugleich mussten aber auch einige Projekte ihre Aktivitäten wieder einstellen, weil sie weder Mittel vom Staat bekamen noch von ihren Spender*innen bei ihren neuen Aktivitäten unterstützt wurden.

Durch die Pandemie stieg die Arbeitsbelastung der Aktivist*innen schlagartig an. Viele Frauen mussten ihre eigenen Ressourcen einsetzen, um den Zugang zu Dienstleistungen zu sichern und Dienstleistungen zu erbringen: eigene Transportmittel, eigene Mittel und eigene Zeit.

Folge dieser Überlastung war, dass sich viele Frauen zu Beginn der zweiten Pandemiewelle in einer emotionalen, mentalen und finanziellen Notlage wiederfanden.

Die Ressourcen der Community sind erschöpft.

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Holger Sweers

Holger Sweers, seit 1999 als Lektor, Autor und Redakteur bei der Deutschen AIDS-Hilfe, kümmert sich um die Redaktionsplanung des Magazins.

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