Gesellschaft & Kultur
Lebensgeschichte

Julies Leben: Chronik der Chancenlosigkeit

18 Jahre lang begleitete die Fotografin Darcy Padilla die drogensüchtige Julie, die 2010 mit nur 36 Jahren an Aids starb. Die Geschichte dieser ungewöhnlichen Freundschaft erzählt Emmanuel Carrère in seinem Buch „Julies Leben“.

Julie sitzt am Fenster und blickt gedankenverloren auf die wenig belebte Mason Street. Wäre da nicht ihr kleinteilig gemustertes Mickey-Mouse-T-Shirt, ihre Klamotten würden sich mit dem schwarzen Sessel zu einer dunklen Fläche verbinden und Julie darin verschwinden lassen. Nur Julies müdes Gesicht leuchtet hell – und ihr drei Monate altes Baby, das schlafend neben ihr auf dem Sessel liegt.

Entstanden ist dieses Porträt 1993 in der Lobby des „Ambassador“ in San Francisco. Das Hotel hatte damals seine besten Zeiten längst hinter sich. Die Zimmer waren heruntergekommen und voll Ungeziefer. Wer hier lebte, war abgeschrieben.

Die Sozialbehörde der Stadt hatte dort auf dem Höhepunkt der Aidskrise drogenabhängige Obdachlose ohne Krankenversicherung untergebracht, um die Krankenhäuser zu entlasten.

Mehr als tägliche Morphiumspritzen und ein Dach über dem Kopf konnte oder wollte man ihnen nicht anbieten. Im von Armut, Prostitution, Drogen und Beschaffungskriminalität geprägten Stadtteil Tenderloin, wo das sechsstöckige Hotel liegt, gab es viele solcher Menschen.

Julies Leben: Dokumente der Hoffnungslosigkeit

Fotografiert hat das Bild Darcy Padilla. Es ist eines von vielen hundert weiteren Porträts, die den folgenden 18 Jahren bis zu Julies Tod im September 2010 entstehen sollten und die sich zu einem bemerkenswerten fotografischen Dokument eines hoffnungslosen Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen am Rande der Gesellschaft fügen.

Dieses Porträt entstand 1992 bei Darcy Padillas erster Begegnung mit Julie Baird. Ihre Tochter Rachel ist gerade eine Woche alt.
Foto: Darcy Padilla

Darcy Padilla, damals 26 Jahre alt, hatte das „Ambassador“ kennengelernt, als sie für eine Fotoreportage Ärzt*innen und Sozialarbeiter*innen zu ihrer Arbeit in dieses Hotel begleitete. Bei einem ihrer Besuche begegnete sie in der Lobby Julie Baird und machte das erste Bild von ihr und ihrem damals erst wenige Tage alten Baby.

Anders als die meisten anderen Bewohner*innen des Hotels war Julie noch nicht an Aids erkrankt. Sie hatte im Rahmen der Schwangerschaftsuntersuchung ihre HIV-Diagnose erhalten. Auch ihr damaliger Partner Jack war infiziert.

Als Darcy Padilla später die beiden mit ihrem Kind fotografiert, ist das für Julie und Jack ein hochemotionaler Akt. Zum ersten Mal haben sie das Gefühl, wie „normale Leute“ zu sein, als „hätten sie eine richtige Familie“.

Wie groß diese Sehnsucht nach Normalität und einem friedlichen Familienleben gewesen sein muss und wie wenig sie tatsächlich erfüllt wurde, ist in Emmanuel Carrères „Julies Leben“ nachzulesen. Auf gerade einmal 60 Seiten komprimiert der französische Filmproduzent und Schriftsteller („Limonow“, „Alles ist wahr“) in einer Mischung aus sozialkritischer Reportage und Chronik ein von Beginn an chancenloses Leben.

Sucht und Krankheit, Entzüge und Gewalt

Es ist geprägt von Sucht und Krankheit, von Entzug und Gewalt. Julies Mutter ist alkoholkrank, ab ihrem sechsten Lebensjahr wird Julie von ihrem Stiefvater vergewaltigt. Mit 14 läuft sie von zu Hause weg, mit 15 ist sie drogenabhängig, mit 19 schwanger und HIV-positiv.

„Diese Schwarz-Weiß-Abzüge … sind die einzigen Spuren, die von ihrem Erdendasein übrig sind“

Sie wird fünf weitere Kinder von drei verschiedenen, oft gewalttätigen Männern zur Welt bringen. Bis auf Elyssa, ihr jüngstes Kind, werden ihr alle andern von den Behörden weggenommen und zur Adoption freigegeben.

Darcy Padilla wird zur einzigen Konstante in ihrem Leben. Die Fotografin ist Ansprechpartnerin, Freundin, Ratgeberin, Vermittlerin, die Person, die Julie Baird anruft, wenn sie dringend Hilfe benötigt – und sie ist die Dokumentaristin ihres Lebens. Eines Lebens, das stellvertretend steht für das vieler andere sozialer Außenseiter*innen, die allzu oft übersehen und vergessen werden.

„Diese Schwarz-Weiß-Abzüge, auf denen man sie lachen, weinen und ihre Wunden, Ängste und Nöte ausstellen sieht, sind die einzigen Spuren, die von ihrem Erdendasein übrig sind“, schreibt Carrère über Julie Baird.

Ungewöhnliche Nähe zwischen Fotografin und Fotografierter

Carrère hat Julie Baird nie persönlich kennengelernt: Sein Ausgangsmaterial sind Gespräche mit der Fotografin und deren Fotos. Sein Text, gleichermaßen Schilderung von Julies Leben und der engen, ungewöhnlichen und schicksalhaften Verbindung mit Darcy Padilla, ist weitgehend wohltuend-sachlich, aufs Notwendigstes reduziert. Diese Nüchternheit verleiht dem Text auch seinen Sog.

Ganz durchhalten kann Carrère dieses erzählerische Konzept allerdings nicht: Bisweilen erliegt er als Schriftsteller der Versuchung, eine Situation so lebendig und direkt zu schildern, als sei er selbst dabei gewesen.

Carrères Text wie auch Darcy Padillas Fotoserie werfen unweigerlich Fragen zur Legitimation und Moral auf: Bedient sich der Schriftsteller hier etwas zu selbstverständlich an Padillas Material und persönlichem Engagement? Und ist der Fotografin der Vorwurf zu machen, Julies Leid für ihre eigenen künstlerischen Zwecke ausgebeutet zu haben? Schließlich hat Padilla für ihre Fotoserie, die sie in verschiedenen Ländern auch als Buch veröffentlichen konnte, mehrere Preise und Stipendien erhalten.

Die Bilder, die sie über die Jahre von Julie, ihren wechselnden Lebenspartnern und ihren Kindern macht, sind voller Anteilnahme und nie voyeuristisch. Sie hält zutiefst berührende zärtlich-intime, familiäre Momente fest, die auf den ersten Blick jene Normalität ausstrahlen, nach der sich Julie sehnt.

In anderen Bildern lässt sich nicht verdrängen, wie Sucht und Krankheit Julie bereits angegriffen haben, wie schwer es ihr fällt, den Alltag zu stemmen. Mal lebt Julie mit ihrem kleinen Kind in einem Autowrack, mal in einem zugemüllten Zimmer. Die Ausweglosigkeit, die diese Aufnahmen vermitteln, ist bedrückend.

Julies Leben: Moralische Gratwanderungen

Noch schwerer auszuhalten ist ein Foto aus Julies letzten Tagen. Ihr Mund ist weit aufgerissen, in der Nase ein Beamtmungsschlauch, die Augen sind verdreht. Julie ist ganz offensichtlich bereits im Stadium der Agonie. Ihre zweijährige Tochter Elyssa, die neben ihr auf dem Bett liegt, fasst ihr ins Gesicht und scheint nicht zu begreifen, dass ihre Mutter im Sterben liegt.

„Ohne Darcy wäre dasselbe Scheißleben schlimmer gewesen, denn es wäre ohne Zeugen gelebt worden“

Hat Padilla hier eine Grenze überschritten? Ist es moralisch gestattet, in das kaputte Leben eines zerbrochenen, zuletzt sterbenden Menschen einzudringen, auch dessen letzten Momente festzuhalten? Diese Fragen diskutiert Carrère nicht, nimmt vielmehr die Fotografin in Schutz: Was das Leben für Julie an Gutem bereitgehalten habe, schreibt er, „konnte man an fünf Fingern abzählen, aber trotzdem, ja, es hatte Darcy gegeben. Ohne Darcy wäre dasselbe Scheißleben schlimmer gewesen, denn es wäre ohne Zeugen gelebt worden.“

Für Carrère ist Darcy Padilla weniger Künstlerin denn Journalistin, „deren Mission es ist, Zeugnis abzulegen“ und in jene Ränder der Gesellschaft hineinzuleuchten, in die sonst niemand schauen möchte. Tatsächlich hat Darcy Padilla auch schon vor ihrer Begegnung mit Julie unter anderem das Leben von Straßenkindern in Guatemala, von Aidskranken in US-Gefängnissen und von obdachlosen Frauen in Notunterkünften fotografisch dokumentiert.

Als Julie Baird am 27. September 2010 im Alter von 36 Jahren nach drei langen, schweren Wochen stirbt, ist für Padilla als Fotografin auch die Dokumentation zwangsläufig zu einem Ende gekommen. Als Freundin fühlt sie sich aber der Verstorbenen und ihrer Familie weiterhin verpflichtet. Es gelingt ihr, alle fünf zur Adoption freigegebenen Kinder ausfindig zu machen, die nun – wenn auch nur durch die Fotografien – ihre Mutter kennenlernen können.

Emanuel Carrère: „Julies Leben“. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Mit Fotografien von Darcy Padilla. Verlag Matthes und Seitz, 59 Seiten, 10 Euro

Wir danken Darcy Padilla für die freundliche Erlaubnis, zwei ihrer Fotos auf magazin.hiv veröffentlichen zu dürfen.

Warnhinweis: Einige Bilder, die man unter den folgenden Links sehen kann, zeigen die gewaltvollen Lebensbedingungen von Julie.

    • Darcy Padillas 2014 erschienener Fotoband „Family Love“ zum Leben von Julie ist vergriffen, eine Auswahl aus der „Julie“-Serie ist online auf Granta.com zu sehen.
    • Die Internetseite der Fotografin Darcy Padilla findet sich unter darcypadilla.com.
    • 2015 wurde Padillas Serie „Family Love 1993–2014“ beim Contest World Press Photo of the Year in der Kategorie Long-Term Projects mit dem ersten Preis ausgezeichnet.
    • Ein Trailer zum Projekt „Family Love“ findet sich auf YouTube.
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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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