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Erinnern und Gedenken

„Sie wollte etwas bewegen und verändern“

Im Dezember 2020 ist Janka Kessinger nach einem Herzanfall gestorben. Sie war eine zentrale Person der JES-Südschiene und eine wichtige Mitstreiterin im Bundesverband. Ihr Mann Günter erinnert an sie.

Recherchiert und aufgezeichnet von Axel Schock

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids– und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

Über 20 Jahre hat die Sucht Jankas Leben bestimmt, und fast ebenso lang hat sie immer wieder versucht, von den Drogen loszukommen – und damit auch vom ständigen Druck, sich Heroin besorgen und das Geld dafür beschaffen zu müssen. Doch die Erfolge der Therapien und Aufenthalte in Entziehungskliniken waren nie von Dauer.

Das Medikament Methadon schien ein Lichtblick zu sein und die Chance zu bieten, aus diesem Kreislauf ausbrechen zu können. Eine Behandlung war sogar in ihrer Heimatstadt Singen möglich, einer Kleinstadt an der deutsch-schweizerischen Grenze.

In der Schweiz machte Janka eine ganz andere Erfahrung, wie Sucht behandelt wird

Doch Janka scheiterte an den strikten Therapierichtlinien. Ab und zu hatte sie das Gefühl, sich selbst etwas gönnen und sich belohnen zu müssen, zum Beispiel, wenn es ihr an Anerkennung fehlte oder der Suchtdruck zu stark war. Dann besorgte sie sich etwas Kokain. Beikonsum aber wurde in Deutschland hart sanktioniert: ihr Arzt beendete die Methadonbehandlung.

Dass es auch ganz anders geht, erlebte Janka nur wenige Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt: Als sie mit mir in die Schweiz zog – ich pendelte damals schon einige Jahre beruflich zwischen Singen und der Schweiz –, konnte sie sich dort recht schnell und unkompliziert substituieren lassen.

In der Schweiz machte Janka nun eine ganz andere Erfahrung, wie Sucht behandelt wird. Beikonsum und Rückfälle wurden und werden als Teil der Krankheit betrachtet, weshalb es auch keine Sanktionen gibt. In Deutschland hingegen geht man stur nach Schema F vor.

Vor allem aber war es Janka nun auch möglich, im nahegelegenen Schaffhausen eine Therapie mit Diamorphin zu beginnen. Zwar musste sie dafür jeden Morgen auf dem Weg zu ihrer Arbeit in Singen und jeden Abend auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in der dortigen Abgabestelle einlegen, doch diese Form der Therapie trug entscheidend zu ihrer Lebensqualität bei, weil sie kein Bedürfnis nach Beikonsum mehr hatte.

In JES fand Janka ein Selbsthilfenetzwerk aus Menschen, die ebenfalls an Lösungen interessiert waren

Und auch wenn es nur sporadisch vorgekommen war, so war der Heroinkonsum doch ins Geld gegangen. Und die Beschaffung war zudem sehr zeitaufwendig.

Für die Diamorphin-Therapie musste Janka nun lediglich einen Eigenanteil von fünf Franken pro Tag leisten, also rund 140 Euro im Monat. Wir hatten nun Zeit für uns selbst, und finanziell ging es natürlich besser.

Warum aber musste sie dazu erst in die Schweiz ziehen? Weshalb gibt es in Deutschland so wenige Diamorphinpraxen? Und weshalb wird an dem für viele Suchtkranke unrealistischen Ziel völliger Abstinenz festgehalten?

Janka hat das alles damals umgetrieben, und sie wollte sich damit nicht abfinden. Sie wollte etwas bewegen und verändern.

Als sie vor rund zehn Jahren im Internet auf JES stieß, hatte sie ein Selbsthilfenetzwerk gefunden, in dem sie sich mit Menschen mit den gleichen Erfahrungen und Problemen austauschen konnte, die ebenfalls an Lösungen interessiert waren und sind. Diese Gemeinschaft hat ihr die Kraft gegeben, sich zu engagieren. Zum Beispiel für die Ausweitung des Diamorphinprogramms.

Als sie sich in Radolfzell mit dem damaligen CDU-Landtagsabgeordneten der Grenzregion zu einem Gespräch traf, um ihm ihr Anliegen zu schildern, fand Janka tatsächlich sein Verständnis. Mehr allerdings auch nicht. Sich aktiv für die Sache einzusetzen, so der Politiker, verbiete ihm der Fraktionszwang.

Janka hat sich von solchen Erfahrungen jedoch nicht entmutigen lassen. Sie wusste, dass Änderungen nicht von heute auf morgen passieren, sondern einen langen Atem brauchen. Aber als Gemeinschaft kann man doch etwas bewegen. Das hat Janka motiviert.

Sie wusste, dass Änderungen nicht von heute auf morgen passieren

Sie hat sehr viel Zeit und Energie dafür aufgewendet, diese Gemeinschaft zu stiften, die Menschen zu vernetzen und zu motivieren. So war es ihr beispielsweise sehr wichtig, die Drogengebraucher*innen, Ex-User*innen und Substituierten in ihrer Region in persönlichen Gesprächen oder in Telefonaten zu ermuntern, zu den JES-Treffen mitzukommen.

Vieles konnte sie glücklicherweise im Büro erledigen. Sie arbeitete in der Anwaltskanzlei ihres Stiefvaters, der sie immer sehr unterstützt hat. An einem anderen Arbeitsplatz wäre das sicherlich nicht so einfach gewesen. Sie hat das alles gern gemacht und hätte sicher auch noch viel mehr getan, aber als Vollzeit-Berufstätige geriet sie immer wieder auch an die Grenzen ihre Möglichkeiten – vor allem, wenn sie zu Treffen des JES-Bundesvorstands fuhr und längere Anreisen notwendig waren. Da musste dann auch noch die Diamorphinabgabe organisiert werden. Wenn Treffen in Köln oder Berlin stattfanden, war das zum Glück nicht ganz so kompliziert. Es genügte eine E-Mail der Abgabestelle in Schaffhausen an die dortigen Kolleg*innen, aber es war eine besondere zeitliche Logistik erforderlich.

Auch um an der JES-Mitgliederversammlung im Dezember 2020 in Berlin teilnehmen zu können, hat Janka diese Mühen auf sich genommen – obwohl sie erst kurz zuvor nach einem Herzanfall aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

Nur wenige Tage später, am 13. Dezember 2020, hatte sie einen weiteren Infarkt und verstarb mit gerade einmal 49 Jahren.

Ihr Tod bedeutet nicht nur für mich, ihre Angehörigen und Freund*innen und für die Mitstreiter*innen aus dem JES-Bundesverband einen großen Verlust, sondern ganz besonders für die JES-Gemeinschaft im Süden Deutschlands.

Für sie war Janka eine zentrale Ansprechperson. Ich kann diese Lücke nicht ausfüllen, möchte aber das für mich Mögliche dazu beitragen, dass die Verbindungen unter den JES-Mitstreiter*innen in der Region nicht abbrechen.

Es wäre einfach schade, wenn sich nach Jankas Tod all das einfach auflösen würde, was sie aufgebaut hat.

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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