Aidsgeschichte

Schwules Power Couple aus Ost-Berlin

Von Axel Schock
schwarzweißes Foto von zwei jungen Männern vor einem Fenster
ZDF / Beate Heidelbach
Originalfoto des Schauspielers Dirk Nawrocki (l.) und des Bühnenbildners und Künstlers Heiko Zolchow (r.) kurz nach ihrer gemeinsamen Ausreise aus der DDR.

Die ZDF-Doku-Serie „AIDS – In Zeiten der Liebe“ über den Bühnenkünstler Heiko Zolchow und seinen Partner Dirk Nawrocki erinnert an eine außergewöhnliche deutsch-deutsche Geschichte und an ein besonderes Beziehungsgeflecht. Ab 14. Mai in der Mediathek.

Berlin 1987

Seinen ständigen Husten hatte Heiko Zolchow mehr oder weniger ignoriert. Doch dann verschlechtert sich sein Gesundheitszustand und er landet in einem West-Berliner Krankenhaus. Als ein enger Freund zu Besuch kommt, zieht er das Hemd hoch und zeigt die Kaposi-Sarkome. „Hättest du gedacht, dass ich der Erste bin?“, sagt der damals 30-Jährige und weiß, dass sein Gegenüber die bläulichen Flecken zu deuten weiß: Heiko Zolchow ist an Aids erkrankt. Die Medizin weiß 1987 der Immunschwächeerkrankung noch nichts entgegenzusetzen und so stirbt der Künstler und Bühnenbildner nur wenige Monate nach der Diagnose.

In der Kunst- und Theaterwelt hat Heiko Zolchow kaum Spuren hinterlassen. Zwar war es ihm nach seiner Ausreise aus der DDR 1984 gelungen, langsam Fuß im westdeutschen Kulturbetrieb zu fassen, ein Engagement an der West-Berliner Schaubühne versprach den endgültigen Durchbruch. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen. In Erinnerung geblieben ist er jedoch bei seinen Freund*innen, Weggefährt*innen und Geliebten. Und sie erzählen in der dreiteiligen Dokumentation „AIDS – In Zeiten der Liebe“ von einer in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Geschichte und einem besonderen Liebes- und Beziehungsgeflecht.

ZDF / Elliott Kreyenberg
Heiko (Evangelos Tsarkowistas, l.) und Dirk (Benjamin Viziotis, r.) gelten als unzertrennliches Paar.

Ausreise genehmigt!

In den frühen Achtzigerjahren ist Heiko Zolchow Teil der Ost-Berliner alternativen Künstlerszene, jung verheiratet, bald zweifacher Vater. Doch er fühlt sich zunehmend zu Männern hingezogen. Seine Frau Sabine lässt sich auf dieses Beziehungsmodell ein, denn sie weiß, dass Heiko sie weiterhin liebt und die Nächte bei ihr und den Kindern verbringen wird. Das ändert sich erst, als er den Schauspieler Dirk Nawrocki kennenlernt. Der junge Mann mit dem wuscheligen Lockenkopf und der unangepasste, charismatische Künstler bilden, wie man heute vielleicht sagen würde, ein Power Couple. Ihre Wohnung wird zum Treffpunkt der Boheme und der schwulen Szene. Das bleibt auch den Behörden nicht verborgen. Aber auch als unangepasster Theatermacher gerät Zolchow in deren Visier, arbeitet er doch mit dem bereits in die Provinz nach Anklam strafversetzten Regisseur Frank Castorf zusammen. Weil sie in der DDR für sich keine Zukunft sehen, stellen Zolchow und Nawrocki einen Ausreiseantrag – der zu ihrer Überraschung bereits nach einem Jahr bewilligt wird. „Homos!“ hatte man handschriftlich auf ihren Unterlagen vermerkt.

Schwarz-weiß-Foto junge Mann vor Stadtbild
ZDF / Beate Heidelbach
Heiko Zolchow in Westberlin. Seine Ex-Frau Sabine und die zwei gemeinsamen Kinder sind in Ost-Berlin geblieben.

Im Westen angekommen genießt das Paar die neuen künstlerischen wie sexuellen Freiheiten, pflegt Freundschaften zu Theaterschaffenden aus ihrer alten Heimat und zu schwulen West-Berliner Kolleg*innen, die sie bereits vor der Ausreise kennengelernt haben. Mit dem jungen Biologiestudenten Nikolaus Heveker beginnen sie eine – offenbar recht konfliktfreie – Ménage-à-trois.

Bühnengerechte Wendung

All das wissen wir, weil der Journalist, Autor („Nachwendekinder“) und Filmemacher Johannes Nichelmann das Vertrauen der überlebenden Beteiligten gewonnen hat und sie ganz offen vor der Kamera erzählen. Es ist eine Geschichte mit solch überraschenden Twists, dass sie in einen Roman oder Spielfilm fast unglaubwürdig erschienen. Etwa, dass der junge Assistenzarzt, der Heiko in seinen letzten Lebenswochen im Krankenhaus versorgt, sich in Dirk verliebt und die beiden ein Paar werden. Der Verstorbene wird, wie es ein Freund beschreibt, als „stillen Seele“ in dieser Beziehung bleiben.

Dieser Arzt mit Namen Bernd Hoestermann wird Dirk helfen, in der westdeutschen Film- und Fernsehwelt an Jobs zu gelangen. Er managt ihn so gut, dass sich nach der Wende immer mehr Stars der ehemaligen DDR an ihn wenden, und Hoestermann steigt zu einem der wichtigsten Schauspielagenten der Bundesrepublik auf. Doch auch er erkrankt an Aids. Die hochwirksame Kombinationstherapie kommt für ihn gerade noch rechtzeitig; für Dirk hingegen zu spät. Er stirbt 1994.

ZDF / Elliott Kreyenberg
Der junge Arzt Bernhard (Clemens Bobke, r.) lernt bei seiner Arbeit im Krankenhaus Heiko (Evangelos Tsarkowistas, M.) und Dirk (Benjamin Viziotis, l.) kennen.

Einträge ins kollektive Gedächtnis

Zugegeben, der Titel dieser auf drei halbstündige Episoden aufgeteilten Dokumentation klingt wenig originell. Auch die Machart ist eher konventionell. Johannes Nichelmann montiert Archivmaterial – private Fotos, Ausschnitte aus Dirk Nawrockis Filmauftritten, aber auch Dokumentarisches zum Leben in der DDR und den Reaktionen auf Aids in der BRD – mit Zeitzeug*inneninterviews. Bebildert werden diese Originaltöne zudem mit überzeugend umgesetzten Spielszenen. Daraus fügt sich nicht nur ein sehr feinfühliges und offenherziges Doppelporträt dieses besonderen Paares. Denn die Lebensgeschichten der mit ihm verbundenen Menschen machen deutlich, wie tiefgreifend Aids in den Achtziger- und Neunzigerjahren wirkte – und sogar bis in die Gegenwart hinein. Wie Menschen in diesen unsicheren Zeiten es verlernten, wieder eine eigene Zukunft zu haben, wie unverarbeitete Trauer und verdrängte Ängste ein Weiterleben sabotierten. Wenn aus Angst vor beruflichen Nachteilen die eigene HIV-Infektion verschwiegen werden musste.

„Vieles von dem“, sagt Johannes Nichelmann, „was diese Zeit geprägt hat – die Ängste, die Debatten, die gesellschaftliche Kälte – ist heute in Vergessenheit geraten. Außer bei denen, die es selbst erlebt haben.“ Die gesellschaftspolitische Dimension dieser im Film aufgerollten Einzelschicksale ordnet der Historiker Hennig Tümmers. Er ist Autor von „AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland“, einer lesenswerten Analyse der Aidspolitik in der Bundesrepublik und der DDR, und damit bestens prädestiniert, wichtige Informationen beizutragen, insbesondere im Umgang der DDR mit der Aidskrise.

Im kollektiven Gedächtnis Deutschlands hätten die Schicksale der vielen jungen Menschen, die in der Aidskrise gestorben sind, keinen festen Platz erhalten, stellt Johannes Nichelmann fest. Seine sehenswerte Dokumentation ist der Versuch, diese Lücke zumindest ein klein wenig zu füllen. Dass sie das ZDF zu nachtschlafender Zeit ins Programm genommen hat, ist bedauerlich, fast schon ärgerlich. Bleibt deshalb zu hoffen, dass sie viele Menschen in der ZDF-Mediathek entdecken werden.

„AIDS – In Zeiten der Liebe“, Buch und Regie: Johannes Nichelmann. mit Evangelos Tsarkowistas, Benjamin Viziotis, Konrad Damer, Clemens Bobke, Antonia Jungwirth sowie in Interviews u. a. Zolchows Ex-Frau Sabine Zolchow, Theaterregisseur Frank Castorf, Szenenbildner Karl-Hermann Reith, Schauspieler Bernd Stegemann, Regisseur und Autor Jean-Claude Kuner und Historiker Henning Tümmers.

ZDF, 22. Mai, 23.30 Uhr sowie bereits ab 14. Mai in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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