Die Aidskrise als Zäsur in der queeren Literatur
„Die Geschichte der LGBTQ+-Literatur ist eine Geschichte der Spurensuche.“ Von diesem Ausgangspunkt schreibt Marlon Brand seit rund 10 Jahren seinen Blog „Books are gay as fuck“, der im Logo den rosa Winkel trägt, auch als Referenz auf ACT UP. Gemeinsam mit Tobi Schiller, der mit ihm auch den Newsletter „Queerer Kanon?“ herausgibt, und Bianca-Maria Braunshofer veröffentlichte er nun das Buch „Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm“. Im Interview erklärt er, warum die Literatur der Aidskrise darin eine wichtige Rolle spielt, was Jüngere aus ihr lernen können, welche Begegnungen daraus entstehen – und wie man auch heute noch mit Sexszenen für Irritation sorgt.
Queere Kanon-Communitys
Euer Buch gibt auf gerade einmal 250 bunt illustrierten Seiten einen Gesamtüberblick zu queerer Literatur: Themen, Historie, Autor*innen, Räume usw. Wie ist dieses ambitionierte Projekt entstanden?
Da wir „Und jetzt queer!“ zu dritt geschrieben haben, gibt es mindestens genauso viele Antworten auf diese Frage. Wir alle haben uns in verschiedenen Kontexten intensiv mit queerer Literatur beschäftigt: Bianca in ihrer queerfeministischen Buchhandlung o*books, Tobi und ich während des Studiums oder auch auf Social Media und seit 2022 dann gemeinsam in Form des Newsletter-Magazins „Queerer Kanon?“, der sich mit Klassikern der queeren Literatur beschäftigt, aber auch mit Neuerscheinungen und Vergessenem. So stand irgendwann die Frage im Raum, ob sich aus unseren Themen nicht auch ein Buch machen ließe. Schließlich hat Ludwig Lohmann vom Leykam Verlag dann ganz konkret angefragt.
Wir wollten von Anfang an unsere Perspektive erweitern und nicht nur als zwei schwule weiße cis Dudes über Queerness schreiben. Mit Bianca haben wir eine wunderbare Co-Autorin gefunden, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Erfahrungen als Buchhändlerin auch eine ganz eigene Perspektive ins Buch eingebracht hat. Außerdem kennt sie sich im Gegensatz zu Tobi und mir wahnsinnig gut in der Kinder- und Jugendliteratur aus. Ohne ihren Blick wäre das Buch in seiner jetzigen Form undenkbar.
Obligatorische Frage: Was bedeutet für euch „queere Literatur“ im Kern bzw. wo zieht ihr evtl. Grenzen?
Ganz kurz: Literatur, die sich mit dem Leben und Lieben jenseits heteronormativer Vorstellungen beschäftigt. Abseits davon versuchen wir ja möglichst keine Grenzen zu ziehen, auch weil queere Literatur in den unterschiedlichsten Genres zuhause ist. Mittlerweile gibt es queere Krimis, queere Science-Fiction, queere Familienromane, queere Romances und so weiter. Wir sprechen im Buch von „Arbeitsdefinitionen“, auch weil Queerness etwas Fluides ist und Leser*innen mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen ihre Lektüre auswählen.
Einigen genügt es, wenn im Roman eine Hauptfigur ganz selbstverständlich queer ist, ohne, dass dies großartig thematisiert wird. Andere wünschen sich wiederum Romane, in denen das Zusammenspiel von Identität, Begehren und Gender verhandelt wird, queere (Sub-)Kulturen vorkommen und dies vielleicht auch auf formaler Ebene reflektiert wird – wie z. B. in „Die Argonauten“ von Maggie Nelson oder „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon. Ich denke, das sind alles wichtige und gleichberechtigte Perspektiven, die viel über unsere unterschiedlichen Bedürfnisse verraten.
Beim Thema „Queerer Kanon“ – dem Tobi und du auch euren Newsletter widmet – zitiert ihr die schöne Idee von „canon communities“. Wie kann ein Kanon verbindend sein, Gemeinschaft erschaffen?
Die Vorstellung des einen verbindlichen Kanon, der nur alte weiße Männer kennt, ist natürlich total überholt, hält sich aber weiterhin hartnäckig. Ich denke, solange sich Menschen akademisch mit Literatur beschäftigen, Genres, Strömungen, Epochen, Traditionen etc. irgendwie zu fassen bekommen wollen, wird es auch Kanones in den unterschiedlichsten Ausprägungen geben. Kanones – und dazu gehören auch die queeren – fungieren ebenso als Speichermedium einer Kultur, ihrer Tradition und Werte. Sie sind also identitätsstiftend und
-versichernd. Wir verstehen queere Kanones als eine Art Spurensuche oder auch eine Roadmap, anhand derer sich die Traditionen der eigenen Community erlesen lassen. Kurzum: Sie zeigen, dass es ‚uns‘ schon immer gegeben hat.
Es ist aber auch möglich, oftmals im Austausch mit anderen Queers, von den vorgegebenen Strecken abzuweichen und zu erkunden, was jenseits der vorgefertigten Pfade liegt und zu entdecken ist. Gerade im digitalen Zeitalter ergeben sich hier Möglichkeiten, bisher vergessene Traditionen zu erkunden und gemeinsam neue Verlinkungen sichtbar zu machen.
Schreiben angesichts der Katastrophe
Ein verbindender historischer Einschnitt für viele queere Menschen ist die Aidskrise. Welche Rolle spielt sie in der Literatur?
Das ist eine Frage, deren Beantwortung ein ganzes Buch füllen könnte. Die Aidskrise stellt auch innerhalb der queeren Literatur eine Zäsur dar, die vielen der gesellschaftlichen wie politischen Errungenschaften der Emanzipationsbewegung ein Ende bereitet hat. Viele Autor*innen haben sich gefragt, wie sie im Angesicht dieser Katastrophe schreiben können. Für den Autor und Aidsaktivisten Larry Kramer z. B. stand fest, dass es die Verantwortung aller schwulen Autoren sei, sich der Epidemie zu stellen. Edmund White, selbst HIV-positiv, war zu dieser Zeit in Frankreich und schrieb seine Biografie über Jean Genet, auch um zu beweisen, dass es weiterhin ein Leben jenseits der Krankheit gibt. Die Literatur der Aidskrise lässt sich also nicht so leicht auf eine Sache herunterbrechen. Sie ist ein Zeitdokument individueller und kollektiver Schicksale und sie erzählt vom politischen Widerstand und vom Leben im Angesicht des Todes. Und vieles mehr.
Marlon BrandDie Aidskrise stellt auch innerhalb der queeren Literatur eine Zäsur dar, die vielen der gesellschaftlichen wie politischen Errungenschaften der Emanzipationsbewegung ein Ende bereitet hat. Viele Autor*innen haben sich gefragt, wie sie im Angesicht dieser Katastrophe schreiben können.
Von klar politischen Schriften bis zu Lyrik: Stimmst du dem Eindruck zu, dass es HIV-Literatur quasi in allen Genres gibt?
Ja, absolut! Diese Vielfalt ist ja auch der Tatsache geschuldet, dass viele Autor*innen damit gerungen haben, wie sie überhaupt über eine Krankheit wie HIV bzw. Aids schreiben können. Welche Form, welche Sprache ist angemessen? Darauf wurden ganz unterschiedliche Antworten gefunden in Form von Sachbüchern, Ratgebern, Romanen, Memoiren, Lyrik und Theaterstücken.
Ich finde es weiterhin erstaunlich, dass mit Napoleon Seyfarth („Schweine müssen nackt sein“) und Detlev Meyer („Ein letzter Dank den Leichtathleten“) ausgerechnet zwei deutsche Autoren mit beißendem Humor eine literarische Antwort auf die Aidskrise gefunden haben.
Ihr beschreibt, wie die Aidskrise und der HIV-Aktivismus damals Brücken zwischen den einzelnen Communitys geschlagen haben. Meinst du, dieser Brückenschlag gelingt der Literatur auch zwischen den Generationen? Ist das Thema heute noch relevant für junge Queers?
Viele der Autor*innen, die Zeugnis über die HIV- und Aids-Epidemie abgelegt haben, gehören zu ihren Opfern. Infolge ihres Todes werden ihre Texte nicht mehr verlegt oder sind nur noch einem eingeweihten Publikum bekannt. Eine der größten Herausforderungen ist also, dass viele der Texte, nur noch schwer erhältlich sind. Ich halte das Thema dennoch für absolut relevant für junge Queers. Die Literatur der Aidskrise ist auch eine Dokumentation ihrer politischen Kämpfe, die uns noch viel über die Gegenwart verraten können. Die Aktivist*innen haben im Kampf gegen die apathische Regierungspolitik Solidarität und Kreativität bewiesen. Das kann in Zeiten rechten Pushbacks Vorbildcharakter haben.
Aber unabhängig davon, was die Aidskrise uns lehren kann: Es gibt ja die Legende, dass eine ganze Generation infolge der Aids-Epidemie gestorben sei. Es haben aber auch viele überlebt, Menschen, die mit ihren Traumata allein gelassen wurden. Ich denke, wir jüngeren Queers haben eine gewisse Pflicht, ihre Geschichten zu kennen. Literatur kann da ein guter Anfang sein.
Bianca widmet sich im Buch auch geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in Schullektüre. Hier taucht das Thema allerdings nicht auf. Welches Buch zur Aidsgeschichte würdest du Jugendlichen empfehlen?
Es gibt weiterhin leider eine recht überschaubare Liste an Jugendbüchern, die HIV und AIDS thematisieren wie z. B. einige der Romane von Lutz van Dijk oder „Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt“ von David Levithan. Es gibt allerdings zwei Sachbücher, die intelligent und zugänglich sind, und die ich für junge Erwachsene geeignet halte: „Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute“ von Benno Gammerl setzt die Aidskrise innerhalb eines Kapitels in den Kontext der gesamten deutsch-queeren Geschichte. „Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik“ von Martin Reichert setzt sich unter anderem auch mit der Frage auseinander, warum Menschen, welche diese Zeit selbst nicht miterlebt haben, sich mit ihr beschäftigen sollten.
Marlon BrandEs haben viele überlebt, Menschen, die mit ihren Traumata allein gelassen wurden. Wir jüngeren Queers haben eine gewisse Pflicht, ihre Geschichten zu kennen.
Am Beispiel von „Ein wenig Leben“ wird gezeigt, dass heutige Bestseller durchaus auf Aidsgeschichte zurückgreifen, aber teilweise ohne es deutlich zu machen – in diesem Fall ohne HIV oder Aids zu benennen. Kehrt da ein Tabu zurück?
Vermutlich ist dieses Tabu nie ganz verschwunden. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zeigen aber durchaus die traurige Tendenz, Wörter wie HIV und Aids oder auch Queerness nicht mehr auszusprechen und sie unter dem vermeintlichen Banner der Universalität unsichtbar zu machen – so wie es ja auch zahlreiche Politiker*innen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD getan haben. Auch einige Autor*innen haben es vermieden, in ihren Texten explizit von HIV und/oder Aids zu schreiben.
Dazu gehört z. B. der italienische Schriftsteller Pier Vitorrio Tondelli mit seinem Roman „Getrennte Räume“. Trotzdem wird anhand des Textes sehr deutlich von welcher Krankheit hier die Rede ist. Als „Getrennte Räume“ 2025 in einer Neuauflage erschien, hat der Gutkind Verlag den Roman trotzdem als eine universelle Liebesgeschichte beschrieben, dessen Protagonist den langen Tod seines Partners nicht erträgt. Das ist zum einem falsch, da im Roman die Eltern des Sterbenden jeglichen Kontakt zwischen den Liebenden untersagen, zum anderen reproduziert es das gängige Klischee des feigen Homosexuellen, der vor der Verantwortung flieht und den Sterbenden dadurch in den rettenden Schoß der Kernfamilie zurücküberführt. In der Realität war es aber genau andersrum. Dieses Verschweigen halte ich für sehr gefährlich, auch weil HIV und Aids nicht der Vergangenheit angehören und für viele eben weiterhin eine Lebensrealität darstellen.
Neugierde und der Wunsch einander zu verstehen
Zu queerer Literatur gehört selbstverständlich Sexualität. Das Kapitel zu erotischer Literatur stellt – „Sappho wäre happy“ – überraschend lesbisch-queere Bücher vor. Ist Sex in schwuler Literatur zu selbstverständlich, um extra thematisiert zu werden? Oder habt ihr hier bewusst den Fokus auf andere Aspekte dieser Bücher gelegt?
Wir haben mit Bianca ganz bewusst eine Co-Autorin für das Buch gewinnen dürfen, deren Perspektive und Lesebiografie sich von der von Tobi und mir unterscheidet. Hätte einer von uns beiden, und nicht Bianca, über erotische Literatur geschrieben, hätte sich dieser lesbisch-queere Fokus mit Sicherheit verschoben. Das wäre schade, gerade weil weibliche und vor allem lesbische Sexualität so oft unsichtbar gemacht wird und weil Queerness natürlich mehr ist als schwul und cis.
Ich würde aber behaupten, dass auch schwule Sexualität weiterhin alles andere als selbstverständlich ist. Denn Geschichten wie „Heated Rivalry“ sind zwar punktuelle Hypes, die in ihnen dargestellte Sexualität soll aber vor allem für ein weibliches und nicht-queeres Publikum konsumierbar sein. Wäre schwule Sexualität selbstverständlich, wären beispielsweise die erotischen und selbstbewusst schwulen Romane von Phil Andros nicht in Vergessenheit geraten. Mehr Menschen würden die Romane von Guillaume Dustan oder Brontez Purnell kennen. Und vermutlich hätte im vergangenen Jahr „Hundesohn“ von Ozan Zakariya Keskinkılıç mit seinen wirklich ganz wunderbaren Sexszenen für nicht für so viel Irritation bei der Leser*innenschaft auf Social Media gesorgt.
Schon beim Lesen von „Und jetzt queer!“ ist ganz klar, dass es ein offenes Community-Projekt ist, das zur weiteren Debatte einlädt. Wie erlebst du den Austausch seit dem Erscheinen?
Die bisherigen Lesungen haben ein wunderbar gemischtes Publikum angelockt, sowohl queere als auch nicht-queere Menschen aller Altersklassen und mit ganz unterschiedlichen Biografien. Viele, vor allem junge Menschen, freuen sich natürlich über die Anregungen zu queerer Literatur. Besonders schön sind die Begegnungen mit Familienmitgliedern, die dankbar sind, ihren queeren Kindern durch die Gespräche über Literatur etwas näher zu kommen.
Für mich besonders schön: Eine ältere Lesbe drückte mir nach einer Lesung einen Empfehlungszettel mit Titeln in die Hand, was ich ihrer Meinung nach noch lesen muss (sie sind alle auf die Liste gekommen, versprochen!). Das mag etwas pathetisch klingen, aber diese Begegnungen geben mir Hoffnung. Dahinter stecken immer sehr viel Neugierde, Offenheit und der Wunsch einander zu verstehen.
Marlon Brand, Bianca-Maria Braunshofer, Tobi Schiller: UND JETZT QUEER! Lesen jenseits der Norm. Mit Illustatrationen von EL BOUM (Jasmina El-Bouamraoui). Leykam Verlag 2026. 25,50 Euro.
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