1981 wurde die Krankheit, die seit 1982 Aids heißt, Teil unserer Lebensrealität. 1983 wurde das Aids auslösende Virus entdeckt, das seit 1986 den Namen HIV trägt.

Welche Auswirkungen HIV und Aids auf das Leben einzelner Menschen, auf ihre Communitys, die Gesellschaft und ganze Weltregionen hatten und haben, wurde seither in zahlreichen Werken festgehalten – in Büchern und Filmen, Bildern und Installationen, Musikwerken oder digitalen Projekten und in anderen Formen.

Gut vier Jahrzehnte nach den ersten beschriebenen Fällen präsentiert die Redaktion von magazin.hiv in loser Folge ihre Top-Ten-Listen mit Werken zur Aidsgeschichte.

Nach zehn wichtigen Spielfilmen, die einen Blick zurück auf die Aidskrise und die Geschichte des Lebens mit HIV und Aids werfen, stellen wir nun zehn Sachbücher und Autobiografien vor.

Einige der Sachbücher zu unterschiedlichen Aspekten von HIV/Aids haben sich zu Standardwerken entwickelt, andere bündeln Wissen und Erkenntnisse. Auch einige autobiografische Werke, deren Autor*innen ihre persönliche Auseinandersetzung und Geschichte mit HIV schildern, wurden zu Longsellern.

In unserer Auswahl haben wir Werke berücksichtigt, die Anfang 2022 regulär im Buchhandel oder auf E-Book-Portalen erhältlich waren.

Die gelisteten Bücher wecken sicherlich bei vielen Menschen ganz persönliche Erinnerungen oder sind mit wichtigen Erkenntnissen verbunden. Wir freuen uns daher sehr über Kommentare (dazu ganz nach unten scrollen): Welche dieser Bücher haben für Sie und euch eine besondere Bedeutung? Welche fehlen vielleicht auf dieser Liste?

Aidsgeschichte im Sachbuch

1. Martin Dannecker: Fortwährende Eingriffe. Aufsätze, Vorträge und Reden zu HIV und Aids aus vier Jahrzehnten

Cover Martin Dannecker Fortwährende Eingriffe

Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker hat sich von Beginn der Aidskrise an intensiv und kritisch mit der HIV-Epidemie auseinandergesetzt und nicht nur den Diskurs innerhalb seiner wissenschaftlichen Disziplin, sondern auch die HIV-Prävention maßgeblich geprägt. Die für dieses Buch ausgewählten Reflexionen und Analysen sind wichtige Dokumente Themen wie Stigmatisierung und Kriminalisierung von Menschen mit HIV, Prävention, Sexualität in Zeiten von Aids und PrEP. Zugleich zeigen die Reden und Aufsätze, als wie wichtig und richtig sich die sexualitätsbejahende und emanzipatorische Haltung über die Jahrzehnte hinweg erwiesen hat. Der Band wurde 2020 mit dem Medienpreis HIV/Aids der Deutschen AIDS-Stiftung ausgezeichnet.

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Clemens Sindelar und Karl Lemmen. Verlag Männerschwarm 2019. 232 Seiten, 20 Euro.

Außerdem als PDF abrufbar auf aidshilfe.de: https://www.aidshilfe.de/shop/pdf/10470


2. Napoleon Seyfahrt: Schweine müssen nackt sein

Mit seinem autobiografischen Buch „Schweine müssen nackt sein“ wurde 1991 aus dem Postbeamten Napoleon Seyfarth ein Bestsellerautor. Die Schilderung seines schwulen Lebens, das ihn von Oggersheim über Mannheim nach West-Berlin führte, wie auch seines Sexlebens in der Lederszene waren offenherzig, pointiert und witzig. Und genau so thematisierte er in dem Buch auch seine HIV-Erkrankung: ohne Reue, Klage und Selbstmitleid, dafür mit Humor und Selbstbewusstsein. Das Buch ist nicht nur eines der ersten größeren Werke deutscher Belletristik zum Thema Aids, sondern auch eine Zeitgeschichte der Homosexuellenbewegung in Seyfahrts Herkunftsregion Kurpfalz. Seine offensive Auseinandersetzung mit schwuler Sexualität, Aids und mit dem Tod, die er auch als Gast in vielen Talkshows und Interviews fortsetzte, machte in deutschlandweit bekannt.

Edition día (1993) und Deutscher Taschenbuch Verlag (1995), 288 Seiten. Antiquarisch erhältlich sowie als E-Book (5,99 Euro).


3. Paul Schulz/Christian Lütjens

Positive Pictures: A Gay History

HIV und Aids haben das Leben schwuler Männer wahrscheinlich nachhaltiger verändert und geprägt, als es vielen bewusst ist. Der Bildband „Positive Pictures“ stellt wichtige Kämpfe, Ereignisse und Protagonist*innen aus drei Jahrzehnten Aids-Geschichte anhand von rund 200 Abbildungen vor: Filmszenen, dokumentarische Bilder, Zeitschriftencover, Safer-Sex-Plakate und Porträts von Zeitzeug*innen, Aktivist*innen und prominenten Unterstützer*innen. In den Übersichtstexten zu den Kapiteln würdigen die beiden Herausgeber Paul Schulz und Christian Lütjens die Leistungen der Community in Zeiten der Krise und gehen auch auf jüngere Entwicklungen ein, etwa die Einführung der HIV-Kombinations-Therapie oder die Bareback-Welle in der Pornoindustrie.

Verlag Bruno Gmünder 224 Seiten, Großformat, Text engl./dt, 39,95 Euro


4. Ulrich Würdemann

Schweigen = Tod, Aktion = Leben: ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993

Der Hamburger HIV-Aktivist und Blogger Uli Würdemann war bei der Kölner ACT-UP-Gruppe engagiert. In seinem Buch zeichnet er die Entstehung der „AIDS Coalition to Unleash Power“ (zu deutsch: AIDS-Koalition, um Kraft zu entfesseln), der wohl wichtigsten politischen Aids-Aktivismus-Organisation in den USA, und die Geschichte des deutschen Ablegers nach. ACT UP forderte unter anderem freien Zugang zu Medikamenten und kämpfte gegen die Diskriminierung von Menschen mit HIV und Aids und für sinnvolle Prävention. Würdemann porträtiert die wichtigsten Akteur*innen der Bewegung und dokumentiert zudem die wichtigsten in Deutschland durchgeführten Aktionen. Er erinnert damit an ein Stück deutscher Aids-Geschichte und geht auch der Frage nach, ob und was ACT UP uns heute noch zu sagen hat.

epubli 2017, 172 Seiten, 14 Euro


5. Henning Tümmers

AIDS: Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland

Die Aidskrise hat in den 1980er-Jahren auch die beiden damaligen deutschen Staaten herausgefordert. In seiner umfassenden und lesefreundlichen Studie stellt der Medizinhistoriker Henning Tümmers die Aidspolitiken in der DDR und der BRD gegenüber und schildert, wie latente Konflikte über die Rechte und Pflichten von Bürger*innen und Staat, über Sexualität, Lebensstile und Moralvorstellungen unter dem Eindruck einer damals noch unmittelbar tödlich verlaufenden Krankheit zutage traten. Mit seiner historischen Aufarbeitung des gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität und den Lebensstilen etwa von Homosexuellen, Sexarbeiter*innen und Drogengebraucher*innen leistet Tümmers Pionierarbeit.

Wallstein Verlag 2017, 374 Seiten, 39,90 Euro


6. Susan Sontag

Aids und seine Metaphern

In ihrem berühmten Essay „Krankheit als Metapher“ (1977) hatte die US-Autorin Susan Sontag aufgezeigt, wie Krankheiten, etwa Krebs und Tuberkulose, allein durch die Wortwahl dämonisiert und damit die Erkrankten selbst stigmatisiert werden. In ihrem Buch „Aids und seine Metaphern“ (1989) greift sie diese These erneut auf setzt sich mit dem medizinischen wie politischen Diskurs um Aids auseinander. Sie verdeutlicht dabei beispielsweise, wie durch Kriegsmetaphern die Krankheit Aids moralisch aufgeladen, den Erkrankten eine individuelle „Schuld“ an ihrer Infektion zugewiesen und ein Dualismus zwischen „uns“ und „jenen“ konstruiert wird. Beide Essays sind in einem Band vereint erhältlich.

„Krankheit als Metapher & Aids und seine Metaphern“, Fischer Taschenbuch Verlag, 160 Seiten, 9,95 Euro


7. Martin Reichert

Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik

Das Buch des taz-Redakteurs Martin Reichert ist das erste, das sich intensiv mit der Geschichte von Aids in der Bundesrepublik auseinandersetzt. Aus dezidiert schwuler Sicht zeichnet Reichert die Geschichte des Umgangs mit der Krankheit nach: die Stigmatisierung der HIV-Infizierten, den Wandel der deutschen Aidspolitik, die Entstehung der HIV-Bewegung wie den medizinischen Fortschritt und das Trauma der Überlebenden. Reichert verbindet dabei Fakten mit persönlichen Schicksalen und porträtiert dazu Zeitzeug*innen, Expert*innen und Aktivist*innen – darunter der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, der Autor Mathias Frings, die ehemalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth und der Filmemacher Wieland Speck.

Suhrkamp Verlag 2018, 271 Seiten, 25 Euro


8. Benjamin Prüfer

Wohin Du auch gehst. Die Geschichte einer fast unmöglichen Liebe

Benjamin ist 23 Jahre jung, als er als Backpacker-Tourist in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh die Sexarbeiterin Sreykeo kennenlernt und sich in sie verliebt. Wieder zurück in Deutschland, hält er über E-Mail, SMS und Telefon den Kontakt zu ihr. Als bei Sreykeo HIV diagnostiziert wird, setzt er alle Hebel in Bewegung, um ihr eine Behandlung zu ermöglichen.

Benjamin Prüfer erzählt in diesem 2007 erstmals veröffentlichten Buch die eigene ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner späteren Ehefrau. Frei von Kitsch schildert er dabei die Schwierigkeiten, die sich durch die kulturellen Unterschiede und das soziale Gefälle ergeben, und genauso offen werden auch Themen wie HIV und Sexualität angesprochen. Prüfers Buch wurde 2009 von Detlev Buck unter dem Titel „Same same but different“ verfilmt.

Neuausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag 2009, 336 Seiten, 9,95 Euro


9. Henning Mankell

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Paul Zsolnay Verlag/Hanser Literaturverlage

Der vor allem für seine „Wallander“-Krimireihe bekannte schwedische Schriftsteller Henning Mankell reist 2003 für mehrere Wochen nach Uganda, um mit Aidskranken und deren Angehörigen zu sprechen. Entwicklungshelfer*innen unterstützen Eltern dabei, Erinnerungsbücher für ihre Kinder zu verfassen, in denen sie die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens festhalten. Beispielhaft schildert Henning Mankell das Schicksal der an Aids erkrankten Lehrerin Christine Aguga, die sich eine antiretrovirale Therapie nicht leisten kann und daher weiß, dass ihre Tochter Aida bald eine Waise sein wird. Das Memorybook, das sie für ihr Kind gefertigt hat, hat Mankell seinem eindringlichen Text im Anhang beigefügt.

Mit einem Nachwort von Ulla Schmidt. Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, 144 Seiten, 7,50 Euro


10. Sebastian Haus-Rybicki

Eine Seuche regieren. AIDS-Prävention in der Bundesrepublik 1981–1995

Der Historiker Sebastian Haus-Rybicki schildert in seiner zunächst als Dissertation vorgelegten Studie die Entwicklung der HIV-Prävention in der Bundesrepublik vom Beginn der Aidskrise bis ins Jahr 1995. Doch sein Buch leistet weit mehr: Indem er die Reaktionen der politisch Verantwortlichen wie auch der neu entstehenden Netzwerke und der Selbsthilfebewegung analysiert und in einen größeren Rahmen einordnet, werden auch die tiefgehenden politischen und kulturellen Veränderungen deutlich. Besonders anschaulich verdeutlicht Haus-Rybicki dies an der Wechselwirkung zwischen Drogenpolitik und HIV-Prävention.

Transkript Verlag 2021, 414 Seiten, 49 Euro

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„Es gibt ein Lieben mit dem Virus. Es gibt ein Lachen mit dem Tod.“

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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