80 Jahre wäre er jetzt. Doch Klaus Nomi ist bereits 1983 als einer der ersten Prominenten an den Folgen von Aids gestorben. Monika Hempel erzählt in der ersten deutschsprachigen Biografie, „Klaus Nomi. Stimme im Orbit“, die Geschichte des unverwechselbaren Countertenors und seiner viel zu kurzen Karriere.

Mit acht Oktaven in der ZDF-Familienshow

Für das deutsche Fernsehpublikum musste er wie ein Alien wirken und auch etwas deplatziert in dieser ZDF-Familiensendung: Es war die erste Ausgabe von Thomas Gottschalks Musik- und Unterhaltungshow „Na sowas“ und Klaus Nomi war gleich sein erster Gast. Sein ikonisches Outfit – ein schwarz-weißer Anzug in kubistischen Formen mit überdimensionaler Fliege, das Gesicht bleich geschminkt, die dunklen Haare zu einer Krone mit drei Spitzen geformt – ließen Nomi retro-futuristisch und roboterhaft erscheinen. Seine abgehackten Bewegungen verstärkten diesen Eindruck zudem. Und als er zu singen begann, war die Verblüffung perfekt. Sechs Oktaven umfasste seine Stimme. „Klaus Nomi – Mezzosopran“ wurde für die Zuschauer*innen zuhause auf dem Bildschirm eingeblendet. Countertenor, das genau war Nomi, was als Begriff seinerzeit nicht geläufig war.

Der Schwabe hatte erst nach New York gehen müssen, um zum Geschlechtergrenzen sprengenden Gesamtkunstwerk zu werden.

Als Klaus Nomi sich 1982 anlässlich der Veröffentlichung seines Debütalbums erstmals dem deutschen Publikum präsentierte, war er hierzulande ein Unbekannter. Klaus Sperber, als der er 1944 in schwäbischen Immenstadt geboren wurde, hatte erst nach New York gehen müssen, um dort zur Kunstfigur Klaus Nomi und einem die Geschlechtergrenzen sprengenden Gesamtkunstwerk zu werden. Nomi bewegte sich spielend zwischen Klassik, New Wave und Rock. Wie er die musikalischen Genres miteinander verwob, so verband er Science-Fiction, Trash und Avantgarde auch in seinen Performances und selbst entworfenen Outfits. 

Seine Auftritte bei Gottschalk und in zahlreichen weiteren Fernsehshows in Europa machten ihn einem breiten Publikum bekannt. Endlich konnte die Karriere aus der Off-Szene New Yorks hinaus in die Welt abheben. Doch bereits ein Jahr später war Nomi tot – und wurde weniger für sein künstlerisches Werk berühmt, denn als einer der ersten prominenten Aidstoten.

Schwarz-weißes Plakat mit typischem Bildnis von Klaus Nomi mit überklebtem Gesicht
Plakat aus einer von D-L Alvarez und Gwenaël Rattke für die Deutsche Aidshilfe gestalteten Kampagne

Klaus Nomi inspiriert bis heute

Gerade einmal zwei Alben hat Klaus Nomi veröffentlichen können, mit denen er es nie in die Charts schaffte. Dennoch ist er bis heute präsent. Sechs Seiten umfassen die künstlerischen Referenzen, die Monika Hempel im Anhang ihres Buches „Klaus Nomi. Stimme im Orbit“ zusammengetragen hat: Bühnenproduktionen wie die erst im vergangenen Jahr an der Staatsoper Unter den Linden Berlin uraufgeführte Perfomance „Don’t You Nomi“, Ballette, Performances, Opern etwa von Eberhard Schöner und Olga Neuwirth, Kunstprojekte, die musikalische Hommage vom Countertenor Andreas Scholl oder die 2001er „Total Eclipse“-Coverversion von Rosenstolz und Marc Almond. Die Deutsche Aidshilfe ehrte Nomi 2003 im Rahmen einer von D-L Alvarez und Gwenaël Rattke gestalteten Plakatkampagne in Berlin anlässlich der Ausstellung „Chironex fleckeri oder Momente in der Schwebe“.

Allein diese Liste zeigt, wie inspirierend und beeindruckend Nomis Künstlerpersönlichkeit bis heute wirkt. Umso erstaunlicher ist, dass mit „Klaus Nomi. Stimme im Orbit“ tatsächlich die erste deutschsprachige Biografie über ihn erschienen ist. Sie ist das Werk eines Fans, das verheimlicht Monika Hempel nicht. Wie viele Menschen in Deutschland ist sie durch den legendären ZDF-Auftritt Nomis Stimme und Erscheinung verfallen. Das Buch ist dennoch kein reines Fan-Produkt, sondern die sachliche, sehr gründlich recherchierte und dabei unterhaltsam zu lesende Lebensgeschichte eines kreativen, suchenden und nicht immer glücklichen Außenseiters.

Monika Hempel (Foto privat)

Deutsche Torten fürs Guggenheim Museum

Monika Hempel beginnt sie klassisch linear bei der Kindheit im Allgäu, den Nachkriegsjahren im Ruhrgebiet und der frühen Liebe für Operngesang, insbesondere für Maria Callas. 1965 folgt der Ausbruch nach West-Berlin. Sein Traum, sich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst zum Countertenor ausbilden lassen zu können, platzt, denn diese Stimmlage galt seinerzeit als zu exotisch. Als lyrischer Tenor, den seine Lehrer in ihm sahen, fühlte er sich nur bedingt. Auf die große Opernbühne schaffte er es nie. Seine Gesangsqualitäten kann er in der Deutschen Oper, wo er sich als Logenschließer den Lebensunterhalt aufbesserte, zumindest den Kolleg*innen präsentieren – und nächtens den Gästen des Kleist-Casinos, eines legendären schwulen Nachtclubs. Zum Erblühen kommt Sperber erst in New York. 1973 landet er im damals heruntergekommenen, von Künstler*innen wegen der niedrigen Mieten geschätzten Viertel Greenwich Village.

Monika Hempel schildert detailliert die New Yorker Undergroundkultur der Siebzigerjahre, wo sich sukzessive die Kunstfigur Klaus Nomi herausschälte.

Seine Lebensverhältnisse blieben auch hier prekär. Von der Kunst allein konnte er nicht leben; Geld verdiente er vor allem als Konditor: Seine Schwarzwälder Kirsch- und Linzer Torten fanden nicht nur bei der deutschen Community in Manhattan Absatz, sondern er belieferte sogar das Guggenheim Museum. Vor allem aber fand er in der Musik-, Kunst- und Avantgardeszene ein Netzwerk, das ihn dazu beflügelte, sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Monika Hempel schildert detailliert die New Yorker Undergroundkultur der Siebzigerjahre, wo Nomi etwa mit dem legendären queeren Off-Theater-Impressario Charles Ludlam oder Künstlern wie Keith Haring, David McDermott und Kenny Scharf zusammenarbeitete. Diese Jahre, in denen Kaus Sperber sich unermüdlich in Kunst, Musik, Mode, Performance und Bühne ausprobierte und sich sukzessive die markante Kunstfigur Klaus Nomi herausschälte, sind ein bislang weitgehend unerzählter Abschnitt seines Leben.

Ein Künstlerleben verpackt in 15 Kartons

Der kreative Entwicklungsprozess ist auch im Bildteil des Buches gut nachvollziehbar. Denn Monika Hempel konnte nicht nur einige zentrale Menschen aus Nomis New Yorker Umfeld sprechen, sondern auch seinen Nachlass in der Theatersammlung der Harvard University einsehen: 15 Kartons mit Teilen seiner Plattensammlung, Adressbüchern, Zeitungsausschnitten, Tonbänder und Videokassetten, Fotos, Briefen, Manuskripten und Skizzen. Erstaunlicherweise hat Nomi Zeichnungen aus seiner Kindheit in die USA mitgenommen und sein Leben lang aufbewahrt.

Die Autorin geht auch ausführlich auf die gesellschaftliche Situation und Debatte um die neue Krankheit ein.

Im Dezember 1982 hatte Nomi erneut einen denkwürdigen Auftritt im deutschen Fernsehen. Der Dirigent und Komponist Eberhard Schoener hatte ihn zu seiner mehrstündigen Klassik-Rock-Nacht eingeladen. Nomi trug, passend zu „Cold Song“, ein barockes, blutrotes Samtgewand inklusive weißer Halskrause. Bis heute ist diese Opernarie des Komponisten Henry Purcell eng mit Nomi verbunden. Sein Auftritt – auf YouTube abrufbar – berührt gerade in der Rückschau schmerzlich. Nomi nimmt die wenigen Stufen zur Bühne sehr vorsichtig, bewegt sich behutsam und kann die Töne nicht mehr so souverän halten wie gewohnt. Kurz vor der Abreise aus New York hatte er bereits einen körperlichen Zusammenbruch. Zurück aus Deutschland erhielt Nomi seine Diagnose: Aids. Wirklich überraschend kam sie für ihn möglicherweise nicht. Er hatte bereits mehrfach wegen einer Lungenentzündung behandelt werden müssen und im Nacken waren dunkle Flecken – das aidsbedingte Karposi-Sarkom – aufgetaucht. Nomi hatte diese Anzeichen jedoch verdrängt oder einfach verschwiegen. Monika Hempel widmet dem letzten Lebensabschnitt viel Raum und geht auch ausführlich auf die gesellschaftliche Situation und Debatte um diese neue Krankheit ein, insbesondere in den USA.

Nomis Zustand verschlechterte sich. Mehrmals musste er ins Sankt Mary’s Hospital eingeliefert werden und er litt unter den aidsbedingten körperlichen Entstellungen. „Er begann wie ein Monster auszusehen: Seine Augen waren nichts als purpurrote Schlitze, er war mit Flecken überzogen und sein Körper war vollkommen ausgemergelt“, schildert Joey Arias, ein langjähriger Freund und Bühnenpartner, Nomis Zustand. Im Februar 1983 erscheint in Ohio im „Akron Beacon Journal“ eine Kleinanzeige mit der Überschrift „Do you Nomi?“. Der Musiker werde in New York im Krankenhaus behandelt und würde sich freuen von Freunden zu hören. In Akron hatte Nomi 1980 mit seinen Auftritten für Furore gesorgt und die dortige Undergroundszene aufgewirbelt. Aufgegeben hatte die Annonce vermutlich Jimi Imij, der sich damals in Nomi verliebt hatte und ihm sogar für eine Zeit nach New York gefolgt war.

Dia mit Porträt von Klaus Nomi in einem Fotostudio vor hellen Stoffen stehend
Klaus Nomi 1983 in New York (Dia-Scan aus dem Nachlass © Harvard-University-Collection)

Die Einsamkeit der Aidskranken

Tatsächlich erhielt Klaus Nomi im Krankenhaus nur wenig Besuch. Viele waren überfordert von dem, was sie da erwartete, oder hatten Angst vor einer möglichen Infektion. Die Vorschriften schürten diese Paranoia zudem. So mussten Besucher*innen Kittel und Masken tragen und wurden angehalten, die Patient*innen nicht zu berühren.

Die Krankenhausrechnung übernahm ohne großes Aufsehen David Bowie. 

Nach seiner Entlassung stand Nomi vor weiteren Problemen. Seine Wohnung befand sich im vierten Stock, ohne Fahrstuhl. Er wusste, dass er das Haus kaum mehr eigenständig würde verlassen können. Seine Schallplatten waren in Europa, insbesondere Frankreich, sowie in Japan zwar recht erfolgreich, doch sie brachten ihm aufgrund der schlechten Verträge finanziell nur wenig ein. Er konnte sich weder ein Krankenbett für seine Wohnung leisten noch die Kosten für den Klinikaufenthalt bezahlen.

Der Erlös eines von Freund*innen organisieren Benefizkonzertes reichte lediglich, um ihm einen damals teuren Wunsch zu erfüllen: einen Videorecorder. Da er die Wohnung kaum mehr verlassen konnte, schaute er sich Aufzeichnungen eigener Auftritte an: Dokumente einer Karriere, die er nicht würde fortsetzen können. Die Krankenhausrechnung übernahm, unerwartet und ohne großes Aufsehen, David Bowie. 

Klaus Nomi starb am 6. August 1983 im Alter von nur 39 Jahren. Seine Asche wurde wunschgemäß in New York City verstreut. Seine Stimme ist weiterhin im Orbit und auf Tonträgern konserviert.

Monika Hempel: „Klaus Nomi: Stimme im Orbit“, Verlag Andreas Reiffer, 288 Seiten, 22 Euro

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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