Voguing als politischer Akt: The Beauty of Ballroom
Die mitreißende Kinodokumentation „The Beauty of Ballroom“ taucht tief in die queere Ballroom-Szene Asiens ein und stellt empowernde Geschichten von Malaysia über Thailand bis zu den Philipinen vor. Express yourself!
Madonna ist schuld, definitiv. Von ihrer Aufforderung „Strike a pose“ fühlten sich Menschen rund um den Erdball angesprochen. Mit ihrem Video zum Hit „Vogue“ verschaffte die Popdiva einem US-amerikanischen Underground-Phänomen 1990 globale Aufmerksamkeit. Im selben Jahr zeigte Jennie Livingston in ihrem Dokumentarfilm „Paris Is Burning“, was die von Schwarzen, Latinx, queeren und trans Menschen geprägte Szene ausmacht, wie sich ihre Mitglieder zu Wahlfamilien, sogenannten Houses, zusammenschließen und auf fantasievollen Bällen und Wettbewerben eine ganz eigene Form der Selbstermächtigung, Selbstverwirklichung und des künstlerischen Ausdrucks entwickelt haben. Jahrzehnte später brachte die Serie „Pose“ die Ballroom-Szene der 80er und 90er Jahre einem breiten Publikum näher, erinnerte an ihre Kämpfe auch angesichts der Aidskrise und verschafft Voguing neuen Auftrieb. Auch die deutsche TV-Serie „House of Bellevue“ knüpfte zuletzt an das Erbe der New Yorker Community im Berlin der Gegenwart an. Derweil strahlte der Mythos Ballroom in alle Ecken der Welt und inspiriert Menschen, die in ihrer Gesellschaft marginalisiert und diskriminiert werden, eine schützende und bestärkende eigene Gemeinschaft aufzubauen.
Voguing ist für die Beteiligten mehr als Tanzen, es ist ein Mittel zum Überleben und ein politischer Akt.
So wie etwa Aurora Sun Labeija: Er wuchs bei Adoptiveltern in Norwegen auf, ist heute aber das Herz und die Seele der thailändischen Ballroom-Szene und lässt auf ganz selbstverständliche Weise die Spiritualität und die Traditionen dieses Landes in ihre Performancekunst einfließen.
Oder Teddy Oricci. Nachdem er vor der Gewalt seines homophoben Vaters geflohen war, erschuf er in Kuala Lumpur einen Ort, an dem Menschen wie er ein Zuhause finden: The Kiki House for Lost Queers. Alte Familienfotos zeigen einen introvertiert wirkenden jungen Mann. Heute kann der Kontrast kaum größer sein – mit Topfschnitt, extravaganter Brille und Ganzkörpertattoos. Im Film ist Teddy als vor Energie überschäumender Macher zu erleben, der sich auf dem Dancefloor in akrobatischen Moves bewegt, sich aber auch als herzensguter Freund und Seelentröster, als tougher Organisator sowie als HIV-Aktivist erweist. Gleich bei einem seiner ersten sexuellen Erlebnisse infizierte er sich aus Unwissenheit mit dem Virus. Nun nutzt er die Ballroom-Events auch zur HIV-Aufklärung. Vor Ort werden sogar HIV-Tests angeboten.
Die Bälle mögen nicht ganz so überbordend, extravagant und opulent sein wie ihre US-Vorbilder, sind aber mindestens so kreativ.
Mit Xyza Mizrahi wird auch eine hetero cis Frau in der sonst von LGBTIQ-Personen dominierten Ballroom-Szene porträtiert. Die politisch engagierte Philippina hat hier einen Ort gefunden, in der sie sich als Tänzerin ausprobieren kann und gleichzeitig aufgehoben fühlt. Und Voguing ist für sie ein Weg, ihre Weiblichkeit auf neue Weise zu leben. Das von ihr gegründete House of Mizrahi führt sie mit straffer Hand. Sie finanziert es nicht nur weitgehend selbst, sondern ermöglicht, dass alle unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten Kurse belegen können. Die Bälle mögen nicht ganz so überbordend, extravagant und opulent sein wie ihre US-Vorbilder, sind aber mindestens so kreativ.
Für den Film begleitete Choreograf*in und LGBTQIA+-Aktivist*in Chan Sze-Wie – selbst aus Singapur – Persönlichkeiten der Ballroom-Szene in Thailand, Malaysia und auf den Philippinen über einen Zeitraum von sieben Jahren, auch durch die Corona-Zeit. Trotz der durch die Pandemie bedingten Einschränkungen ist die Ballroom-Community nicht zerbrochen, sondern hat dadurch vielmehr einen enormen Aufwind erhalten. Die Menschen saßen zuhause fest, ließen sich von Voguing-Videos dazu inspirieren, selbst ihre Performances ins Netz zu stellen. Statt auf analogen Bällen vernetzten sich und kommunizierten viele queerer junger Südostasiat*innen nun digital. Dabei dokumentiert der Film nicht nur die Entwicklung der Ballroom-Communitys im asiatischen Raum, sondern auch die Lebensgeschichten seiner Protagonist*innen. Chan Sze-Wei liefert den gesellschaftlichen Hintergrund, schöpft aus reichlich dokumentarischem Material und präsentiert natürlich zahlreiche Tanzperformances.
Schließlich begleitet der Film Teddy Oricci und Xyza Mizrahi auf eine Art Pilgerreise nach New York, in die Heimat des Voguing. Dort treffen sie jene legendären Mothers und Ikonen, deren House ihre eigenen inspiriert haben. Mehr als einmal sagen sie, dass sie sich selbst nach der Aneignung dieser Kultur immer noch wie Gäste darin fühlen – ein klares Bekenntnis zu den Black- und Latinx-Communitys, die Ballroom ins Leben gerufen haben. Und doch geht dieser Respekt mit einer starken Rückbesinnung auf ihre eigenen kulturellen Wurzeln einher – Sun beispielsweise greift in seinen Darbietungen auf buddhistische Ikonografie und Philosophie zurück, während Teddy Oricci malaiische Gesänge in seine Performances einfließen lässt.
Bei aller Überfülle verliert der Film nicht den Fluss, sondern gewinnt durch diese offene Struktur an Lebendigkeit. Da sind die euphorische Glücksmomente, energetische von den Beats befeuerte Performances, in denen die Zuneigung und Verbundenheit zu den Community-Mitgliedern, aber auch zu Familienangehörigen auf berührende Weise zum Tragen kommen. Dann wieder erzählen die Protagonist*innen von der Trans- und Queerfeindlichkeit, die sie erlitten haben, von traumatisierenden Konflikten mit der Herkunftsfamilie, von Gewalt und Leid unterschiedlichster Art.
Teddy Oricci und sein House-Mitglied Kimmy werden während der Dreharbeiten 2022 in dem muslimisch regierten Malaysia von der „Religionspolizei“ festgenommen, weil sie sich „als Frau ausgegeben“ hätten. Ohnehin ist die queere Community in dem durch eine repressive Kultur geprägten Land immer wieder Schikanen ausgesetzt. Voguing ist deshalb für die Beteiligten mehr als Tanzen, es ist ein Mittel zum Überleben und ein politischer Akt.
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„The Beauty of Ballroom“. Regie: Chan Sze-Wei. Philippinen, Singapur, Indonesien, Deutschland 2025, 96 Minuten, Kinostart: 24.9.2026.
Events zum Kinostart in Deutschland mit Aurora Su Labeija
- MÜNCHEN: Arena Filmtheater, 18.9., 18.30 Uhr
- WIESBADEN: Caligari Filmbühne, 19.9., 20.00 Uhr
- KÖLN: Odeon, 20.9., 20.00 Uhr
- BERLIN: Kino International, 21.9., 21.30 Uhr, Special Guest: European Mother Leo Saint Laurent
- HAMBURG: Zeise Kino, 22.9., 20.00 Uhr
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