Klassische Selbsthilfe einmal anders: Berthold Münzer hat mit einem von ihm begründeten Bergwandercamp fast 30 Jahre lang Gemeinschaft unter schwulen Männern gestiftet. Unser Ehrenmitglied Michael Jähme erinnert an den eigensinnigen Dickschädel mit rheinischem Charme, der im Dezember 2021 verstarb.

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids- und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

„Die Bachstelze ist ein schlanker, recht hochbeiniger Singvogel mit einem langen Schwanz, der sich beständig in wippender Bewegung befindet.” oder „Die Haut der Lurche hat keinen ausreichenden Austrocknungsschutz, und die Eiablage sowie die Entwicklung der Larven (Kaulquappen) sind bei den meisten Arten ans Wasser gebunden.“ So oder so ähnlich meldete sich der Anrufbeantworter von Berthold. Nach einer Weile der Informationsvermittlung war es dann möglich, eine Nachricht für ihn zu hinterlassen. Jetzt bleibt dieser Anrufbeantworter für immer stumm.

Bald ist es ein ganzes Jahr her, seit Berthold so überraschend am 26.12.2021 gestorben ist. Die Nachricht erreichte mich aus heiterem Himmel. Im Juli war ich mit ihm noch im schwulen Bergwandercamp in der Schweiz zusammen. Wir haben den Piz Mundaun bestiegen und bei weitem Blick über Berge und Täler viele Anekdoten aus der Geschichte des Camps erzählt.

Ein Mann mit Eigensinn und einem großen Herzen

Das schwule Bergwandercamp ist Bertholds großes Lebenswerk, es war sein Projekt, und meine lebendigsten Erinnerungen an ihn sind diese Begegnungen mit ihm in den Alpen. Ich selber bin 1994 zum ersten Mal auf das Camp gefahren und habe seitdem sehr viele Male für eine oder zwei Wochen teilgenommen. Immer wieder habe ich dabei gemeinsame Wochen mit Berthold erlebt. Wie jeder, der ihn kennenlernte, merkte auch ich schnell, dass ich da einen besonderen Charakter vor mir hatte. Berthold war ein Mann mit Eigensinn und Gemeinsinn und einem großen Herzen. Ein Mann mit Ecken und Kanten, der gut zuhörte, der verstehen und zum Kern durchdringen wollte und der an der Welt und dem Leben um ihn herum interessiert war.

Für mich ist es bemerkenswert, wie jemand so kurz nach seinem späten Coming-out im Jahr 1991 mit 39 Jahren unmittelbar so initiativ und mit klarem schwulen Selbstbewusstsein aktiver Teil der Szene wurde. Auch das ist typisch Berthold: Wenn ihm etwas klar geworden war, dann war es eben klar, und der Kompass war neu gerichtet.

Alles, was passiert, ist Teil des Lebens

Über seine Lebensgeschichte erzählte er nicht nur freimütig im Bergwandercamp, sondern auch in der 2002 veröffentlichten DAH-Broschüre zum „Älterwerden schwuler Männer“. Seine Einstellung war: Alles, was passiert, ist Teil des Lebens, und da kann man auch drüber sprechen, da muss man nichts verstecken. In dieser Haltung waren Berthold und ich absolut gleich, und das verband mich stark mit ihm.

Berthold lebte in Bonn und hatte zusammen mit einem schwulen Freund 1993 zum ersten „schwulen Bergwandercamp“ eingeladen. Das Camp ist klassische schwule Selbsthilfe, ein nicht-kommerzieller Erlebnisurlaub für schwule Männer, den sich jeder nach seinen Erfordernissen und seiner Kondition gestalten kann. Im Vordergrund stehen das gesellige Beisammensein und der Aufenthalt in der Natur. Als Organisatoren hatten sie damals für drei Wochen eine Gruppenunterkunft gemietet. Eine schriftliche Anmeldung war jeweils im Wochenrhythmus möglich. Mit dieser Idee trafen die beiden einen Nerv. Es gab bundesweit viele schwule Wanderfreunde. Das Camp war schnell ausgebucht, und es sprach sich herum, dass man mit ihm einen wunderschönen Urlaub in schwuler Gemeinschaft erleben kann. Es verlangte nach Fortsetzung.

Kommerzielle Serviceplattform oder schwule Gemeinschaft?

Zunächst aber gab es eine Grundsatzentscheidung. Berthold wollte das Bergwandercamp als nicht-kommerzielles Projekt mit Konzentration auf das Wesentliche fortführen, der Freund dagegen wollte es zu einer kommerziellen Serviceplattform für schwule Gruppenurlaube – auch mit Komfort – weiterentwickeln. Berthold ging es um die Gemeinschaft, nicht um das Geschäft. Die Wege trennten sich. Berthold behielt die Organisation des schwulen Camps in seinen Händen. Und so blieb es all die Jahre, bis zum Herbst 2021.

Berthold war ein aufmerksamer Zuhörer. Er war offen für Kritik und Anregungen, aber er prüfte alles an seinen Grundwerten und übernahm nur, was dort Bestand hatte. Damit hielt er das Camp über alle Jahre auf Kurs, den ich so verstanden habe: Weniger ist mehr. Zurück zum Wesentlichen. Das eröffnet Freiheit. Es geht um das Erleben von Gemeinschaft. Und das Sein in der Natur ist der optimale Rahmen dafür. Ziel ist die Entschleunigung und ein Leben ohne ablenkenden Schnickschnack.

Die Schlafräume in den Gruppenunterkünften sind in der Regel Mehrbettzimmer, gelegentlich auch mit Doppelstockbetten. Es ist eng in den Zimmern, aber dafür gibt es gute Gruppenräume. Und auf eine gute Ausstattung der Küche legte Berthold besonderen Wert. Wir sind immer Selbstversorger. Jede Woche 35 Männer. Das Camp besteht aus gegenseitigem Geben und Nehmen: An einem Tag der Woche ist jeder einmal dran mit Küchen- und Putzdienst und Service für die Gruppe. Die restlichen sechs Tage wird man von den anderen versorgt. Neben der Hauptorganisation gibt es für jede Woche zwei Männer, die eine Wochenleitung übernommen haben, die Dinge mit den Vermietern regeln, auf die korrekte Mülltrennung achten und die Lebensmittel einkaufen. Diese Struktur entstand schon früh und hat sich bis heute bewährt.

Große Emotionen waren seine Sache nicht

Berthold organisierte das große Camp, das in den letzten Jahren immer über fünf Wochen lief, an seinem kleinen Schreibtisch in seiner Wohngemeinschaft „Dorotheenstift“ in der Bonner Altstadt. Und mit seinem Analog-Festnetz-Telefon. Es fordert mir Respekt ab, dass er in der Regel mit seinem kleinen Auto anreiste und in der ersten Woche als Organisator auch Wochenleiter war, um alles gut ans Laufen zu bringen. Nach dieser Woche reiste er mit dem Zug wieder nach Bonn, zurück an seinen Arbeitsplatz. Sein Auto beließ er für Orgadienste dem Camp vor Ort. Entweder reiste er dann in der letzten Woche als Teilnehmer noch einmal an und fuhr sein Auto selber zurück, oder Freunde aus Bonn machten dies.

Berthold hat Menschen zusammengebracht. Große Emotionen waren seine Sache nicht. Lieber hätte er irgendetwas in seinen Bart gebrummt. Ein oft freundlicher, manchmal unfreundlicher Dickschädel mit einem Herz aus Gold und unnachahmlichem rheinischen Charme. Ein Gemütsmensch, der Weltmusik hörte, bunte Mützen und Hemden trug und dessen Tür immer offenstand für Menschen, die er in sein Herz geschlossen hatte.
Was er mit dem BWC geschaffen, erhalten und wasweißichwievielen Männern ermöglicht hat, ist vorbildliche soziale Bewegungsarbeit, sehr authentisch aus seinem inneren Kompass heraus, mit persönlichem Stil in Kleidung und Umgang, unabhängig von Konventionen und Zeitgeist.

Nach dem Bergwandercamp 2021 entschied sich Berthold schweren Herzens, die Hauptorganisation abzugeben. Er spürte, dass er an seine Leistungsgrenzen kam. Er wählte drei treue Teilnehmer aus, bei denen er das Camp in guten Händen wusste. Die Übergabe im Oktober/November verlief gut. Da war von Bertholds Tod noch nichts zu ahnen.

Engagement im HIV-Präventionsteam der Aids-Hilfe Bonn und für schwule Geflüchtete

Berthold war aber nicht nur das schwule Bergwandercamp. Er war Teil einer Männergruppe in Bonn, hat sich im HIV-Präventionsteam der Aids-Hilfe Bonn „Die Gummibärchen“ engagiert und zuletzt um schwule Geflüchtete gekümmert, die er auch zur Beratungsstelle für queere Menschen, dem „Rubicon“ in Köln begleitete. Und er war wahrscheinlich noch viel mehr, was ich gar nicht weiß.

Musik aus! Wir wollen uns unterhalten und nicht anschreien!

Unvergesslich ist mir meine letzte Begegnung mit Berthold. Es war der Abschiedsabend der ersten Woche im Camp 2021 in Valata, die Berthold mit geleitet hatte: Abends gab es nach dem Essen draußen vor dem Haus ein lockeres geselliges Zusammenkommen am Lagerfeuer. Irgendwer hatte dann auch Musik angestellt, recht angenehme Pop-Songs früherer Jahre. Es machte eigentlich eine schöne Atmosphäre. Da hinein platzte dann Berthold Münzer, der absolut barsch-verärgert anordnete: „Musik aus!! Wir wollen uns hier unterhalten und nicht anschreien! Wir brauchen das nicht!!“ Alle waren völlig verdattert, die Musik verstummte, aber mit ihr auch jegliche Unterhaltung. Alle waren wohl überrascht und durchaus schockiert über die aggressive Vehemenz, mit der Berthold das rausgehauen hatte. Dann ging das Unterhalten aber doch wieder weiter, und es ging auch gut ohne Musik. Berthold hat ja recht, Musik brauchten wir nicht, aber das hätte man auch in einem anderen Ton sagen können. So ist er, so war er, der Berthold Münzer. Jetzt, ein Jahr nach seinem Tod, denke ich zu diesem Abschiedsabend und seinem Auftritt: Wir haben Berthold respektiert, es gab keinen Protest und Aufstand – und wir haben ihn auch in seiner Art „ertragen“. Von meiner Seite aus mit innerem Augenrollen und einem liebevollen Verständnis.

Virtuelles Kondolenzbord und Traueranzeige mit 150 Unterschriften

Berthold ist im Dezember 2021 an Covid-19 gestorben. Die Beerdigung konnte wegen der Schutzmaßnahmen nur im kleinsten Kreis stattfinden. Die Betroffenheit unter den Freunden des Bergwandercamps war groß. Mit einem virtuellen Kondolenzbord fand sich ein Weg, die Trauer zu teilen. Andere ergriffen die Initiative für eine Traueranzeige in der TAZ, die dann mit rund 150 Unterschriften erschien.

Mich erinnert dieses starke Zusammenstehen sehr an die frühen Jahre in der AIDS-Krise, als so viel gestorben wurde und wir schwulen Männer uns selber organisieren mussten. Erst jetzt, wo Berthold gestorben ist, wird sichtbar, dass dieser Spirit es ist, der auch unsere Gemeinschaft vom Bergwandercamp prägt und trägt. Und Berthold hat daran mit seiner über viele Jahre steuernden Hand einen großen Anteil.

Im Mai 2022 gab es zu Bertholds 70. Geburtstag, den er nicht mehr erlebte, ein Zusammenkommen von Freunden und Familie in seinem Haus und Garten, der Wohngemeinschaft „Dorotheenstift“ in Bonn. Sein Bruder ermöglicht es als Erbe, dass die Wohngemeinschaft bestehen bleiben kann. Das Bergwandercamp hat 2022 zum ersten Mal ohne Berthold stattgefunden. Das Anmeldeverfahren ist digitalisiert und läuft online, aber ansonsten sind Konzept und Charakter wie bei Berthold geblieben.

Berthold war ein Original, ein Mensch, an dem man sich reiben und an dem man wachsen konnte. Er hat die Bühne verlassen, der Platz ist frei. Das Feuer ist aus, aber Bertholds Spirit lebt weiter.

Es lohnt, sich immer wieder, an ihn zu erinnern. Danke, Berthold!

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