Chemsex

„Wenn Personen konsumieren, dann wünsche ich ihnen einen Buddy an ihrer Seite“

Von Holger Sweers
Bild zum Interview mit Markus Dezemberkind über Chemsex
© Volker Glasow
Markus Dezemberkind im April 2025

Wir haben mit Markus Dezemberkind über seine Geschichte mit Chemsex und sein Engagement beim niedrigschwelligen Selbsthilfeprogramm CheMP gesprochen.

Markus Dezemberkind sieht sich als humorvollen, bunten, lebensfrohen Menschen. Obwohl er seit seiner Kindheit „sehr viel Dreck fressen“ musste, sieht er sich als „hoffnungslosen Optimisten“.

Anfang des Sommers 2026 haben wir mit ihm über seine Geschichte mit Chemsex und sein Engagement bei CheMP gesprochen, einem niedrigschwelligen Selbsthilfeprogramm der Deutschen Aidshilfe für Männer, die Sex mit Männern haben.

Hallo Markus, wo bist du gerade, wie geht es dir?

Ich bin mitten in den Vorbereitungen für das neue Show-Programm bei einem großen Reiseveranstalter. Die haben mich nach einigen Jahren Sendepause wieder angefragt. Gleichzeitig habe ich mich an der Universität eingeschrieben und werde ab September erneut Sozialpädagogik studieren, um später als Suchtberater arbeiten zu können. Ich bin gerade auf einer sehr guten Welle.

Herzlichen Glückwunsch und viel Power dafür! Lass uns zunächst bitte über dich sprechen. Magst du davon erzählen, wie du aufgewachsen bist?

Also, ich war immer schon sehr dick, auch als Kind. Ich habe mit Puppen gespielt. Ich habe mich als Frau verkleidet und schon immer viel gesungen. Und ich bin groß geworden in einer Familie mit braunem Gedankengut, in der sehr heftig getrunken und geraucht wurde. Deshalb habe ich mich auch immer vor Alkohol und Zigaretten geekelt. Meine Kindheit war gewaltvoll, Schläge waren die einzige körperliche Nähe.

Hast du Geschwister?

Ja, ich bin der Älteste von zehn Kindern von vier Männern. Nach der Scheidung meiner Eltern, als ich drei Jahre alt war, bin ich allein bei meinem Papa groß geworden, kam dann aber mit zehn Jahren im tiefsten Schwarzwald in ein kleines familiengeführtes Kinderheim. Das waren die schönsten vier Jahre meiner Kindheit. Mein Papa war eigentlich ein toller Mensch, aber er war mit mir haushoch überfordert.

Was ich als Kind nicht wusste: Es gab schon damals Morddrohungen gegen mich. Ich war in diesem kleinen Ort bei Saarbrücken der dicke, schwule Junge, Mobbing-Opfer hoch zehn. Zigarettenausdrücken auf der Haut oder Attacken mit Reißnägeln waren noch harmlos.

Wie ging es nach der Zeit im Kinderheim weiter?

Mit 14 hatte ich Tuberkulose und kam in eine Spezialklinik im Allgäu. Da war ich dann zwei Jahre, ein Jahr davon komplett unter Quarantäne. Nach der Entlassung kam ich in eine Jugendwohngruppe im Saarland. Ich konnte kochen, konnte putzen – das habe ich mir alles bei meiner Oma und der Köchin im Heim abgeguckt. Und so habe ich schon mit 16 Jahren eine eigene Wohnung im betreuten Wohnen bekommen.

Ich war in diesem kleinen Ort bei Saarbrücken der dicke, schwule Junge, Mobbing-Opfer hoch zehn.

Markus Dezemberkind

Seit ich 18 war, bin ich dann als Schlagerkünstler und Animateur durch die Welt gezogen. Mit 23 habe ich neben einem freiwilligen sozialen Jahr in einem Seniorenheim meinen Hauptschulabschluss gemacht. Im Anschluss bin ich von Saarbrücken nach Duisburg gezogen, habe zwei Ausbildungen gemacht, zum Kinderpfleger und zum Erzieher, und hab schließlich als Einziger in der Familie studiert – Sozialpädagogik –, wenn auch wegen meiner Sucht nicht zu Ende.

Trotz Abneigung gegen Zigaretten und Alkohol hast du irgendwann angefangen, Drogen beim Sex zu nehmen. Wie kam das?

2013, da war ich 29, habe ich das erste Mal auf einer privaten Party Drogen konsumiert. Das waren ein Pärchen, das ich kannte, und ein dritter Mann, der auch auf Chubbys stand. Der meinte, dass der Sex mit Drogen besser zu machen ist und ich entspannt bin. Und dann hat er mir Zeug hingelegt und ich habe jedes Mal, wenn ich auf die Toilette gegangen bin, wieder gezogen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das war und wie das wirkt. Ich hab es einfach gemacht, für den Kick. Bis ich dann nachts um drei Uhr auf der Intensivstation gelandet bin.

Was hast du im Krankenhaus gedacht?

Das weiß ich gar nicht mehr. Aber der eine von dem Paar hat mich am nächsten Morgen abgeholt und nach Hause gebracht. Die hatten totalen Schiss, dass ich eine Anzeige mache oder so was. Für mich war das aber einfach passiert.

Wie ging es für dich weiter mit dem Thema Sex und Drogen?

Ich wog immer so um die 160 Kilo, hatte immer irgendwie ein gestörtes Sexualleben. Entweder habe ich mich im Doggy-Style aufs Bett gekniet, die Wohnungstür war angelehnt und es kamen irgendwelche Männer, die sich abgerackert haben; wenn sie fertig waren, haben sie ihren Ehering wieder angezogen und sind gegangen. Oder ich hab in der Sauna meine Dildos an die Wand gepackt. Einmal habe ich einen heftigen Chaser kennengelernt, mit dem ich eine Sexbeziehung hatte. Aber Sex so mit Zärtlichkeiten und Küssen kenne ich gar nicht. Das erlerne ich gerade erst.

2014 bin ich nach Berlin gezogen. Wegen der Entfernung eines Magentumors habe ich mir einen Schlauchmagen machen lassen und dann innerhalb von einem halben Jahr 80 Kilo abgenommen. Und auf einmal war ich in Berlin in der Szene.

Ich bin von einer Sexparty zur anderen mitgekommen, war in den ganzen Clubs. Da waren halt auch irgendwann mal Drogen mit dabei. Am Anfang war es nur GBL. Letztendlich habe ich aber alles konsumiert habe, was da auf dem Tisch lag. Ich wusste zum Teil gar nicht, was ich nehme, und auch nicht die Menge und die Häufigkeit.

Ich wusste zum Teil gar nicht, was ich nehme, und auch nicht die Menge und die Häufigkeit.

Markus Dezemberkind

Dein Sexualleben war irgendwie gestört, hast du gesagt. Siehst du da für dich eine Verbindung zu deiner Kindheit und zu deiner Chemsex-Geschichte?

Im Nachhinein, auch mit dem Wissen, von wie viel Suchtproblematiken ich als Kind umgeben war, sehe ich hier schon eine Verbindung. All das hat dazu beigetragen, dass ich später keine Selbstakzeptanz hatte, keine Eigenliebe, keinen Eigenwert sah.

Ist dir beim Konsum eigentlich mal was passiert, wenn du so viele Sachen genommen hast?

Nach dieser Sache mit der Intensivstation nie wieder was Schlimmeres. Es waren immer mal so Kleinigkeiten, ich bin hingeflogen, hab mir Rippenprellungen geholt und, und, und, aber Gott sei Dank nie wieder was Schlimmes, obwohl ich wirklich extrem heftig konsumiert habe. Ich war immer schon ein Grenzgänger.

Hattest du das Gefühl, du konntest deinen Konsum kontrollieren, auch weil nichts Schlimmes passiert ist?

Zu Anfang ja. Als Entertainmentmanager bei einem Reiseveranstalter waren es immer nur diese langen Wochenenden, also ich sag mal, Pfingsten, Ostern, Weihnachten. Da habe ich es krachen lassen, wenn ich in Deutschland war. Ansonsten nicht, da konnte ich auch aufhören. Und ich habe auch nie alleine konsumiert, immer nur auf Sexpartys mit anderen Männern.

Das hat sich dann irgendwann geändert?

2018 auf 2019 habe ich ein halbes Jahr lang jemanden intensiver gedatet. Durch ihn bekam ich dann eine Nummer von einem Dealer. Und da habe ich dann das erste Mal meine eigenen Drogen bestellt. Das war auch die Phase, als es mit dem Job Probleme gab.

Und dann wurde es mehr. Ich war auf einmal viel mehr zu Hause in Berlin, da ging es jede Woche von Donnerstag bis Sonntag. Donnerstag Fetisch-Club, dann in der Nacht weiter in die Bars. Samstag in den KitKatClub und Sonntag oder am Montagmorgen als Letzter wieder raus. Plus zwischendurch oder danach noch mal irgendwelche Privatpartys.

War der Chemsex immer noch reizvoll?

Jeder User, mit dem du sprechen wirst, wird dir sagen: Es hat ja auch was Geiles. Ich fand dieses Gefühl, dieses anfängliche Fliegen, dieses zappelige Durch-die-Wohnung-Laufen und du hast gefühlt fünf Füße, schon immer geil.

Und dass ich auch sexuell alles machen konnte. Und man ist kommunikativer. Und du nimmst alles anders wahr als im normalen Zustand.

Du sagtest, es wurde schlechter im Job. Wie war es bei den Chills?

Damals nannte man es „Long Sessions“. Auch da wurde es immer heftiger. Ich habe zum Beispiel mal aus Wut eine Glastür eingetreten, weil ich aus einer Session rausgeflogen bin, und mir dadurch eine so tiefe Wunde geholt, dass ich zwei Monate im Krankenhaus war, mit zehn OPs. Es war kurz davor, dass sie mein Schienbein amputieren mussten, weil einfach sämtliche Nerven kaputt waren.

Warum bist du rausgeflogen?

Weil ich eingeschlafen bin, während ich jemanden penetriert habe. Wegen einer Überdosis GBL.

Oder ich war fünf Tage unterwegs und hatte einen Cockring an, der dann aufgesägt werden musste. Der Hoden war so entzündet, dass ich fünf Tage ins Krankenhaus musste.

Ein anderes Mal bin ich in einem U-Bahnhof die ganzen Treppen runtergeknallt und hatte Rippenbrüche und einen Lendenwirbelbruch und musste auch ein paar Tage ins Krankenhaus.

Hat mal irgendjemand gefragt: „Mensch Markus, was ist denn da eigentlich los?“

Durch die Arbeit beim Reiseveranstalter konnte ich nie einen wirklichen Freundeskreis aufbauen. Meine Freunde waren die Gäste. Ich kann heute in fast jeder Stadt umsonst schlafen, aber außer meiner Seelenfreundin, welche im Saarland lebt, hatte ich niemanden. Die hat immer gesagt: Markus, das hört sich alles nicht gut an, das ist alles zu exzessiv.

Sonst hatte ich keinen, der was hätte merken können. Ich war für mich alleine. Wenn ich meine Jobs hatte, habe ich funktioniert. Dann war ich 100 Prozent da.

Gibt es auf den Chills Austausch? Setzt man sich mal zusammen und fragt: Wie geht es dir?

Nein, man spricht meistens nur im sexuellen Kontext oder sehr oberflächlich miteinander. Alle leben das so für sich alleine durch. Da entwickeln sich keine großen Freundschaften. Ich hatte einen einzigen Fuck-Buddy aus der Schweiz, mit dem ich wirklich viel unterwegs war. Wir haben auch Kurzurlaub zusammen gemacht, aber da ging es dann auch öfters um gemeinsamen Konsum und Gruppensessions. Ich war sehr oft Host [Gastgeber, Anm. d. Red.] in der Zeit.

Dieser Buddy hat aber irgendwann den Kontakt beendet, weil er gesagt hat, das ist mir zu viel mit dir. Ich hab jedes Mal meinen Schlüssel verloren, jedes Mal wurde mein Handy geklaut. Ich war wirklich dieser Kandidat, der in der Ringbahn fünfmal um Berlin gefahren ist und wach wurde und nichts mehr hatte.

Hast du damals mal über eine Therapie nachgedacht?

Das kam bei mir durch die Corona-Pandemie. Bei meinem Arbeitgeber hat das bereits Ende Januar zugeschlagen. Auf einmal war ich für unbestimmte Zeit in meiner Wohnung allein. Im April war ein Fuckboy bei mir und hat seine Drogentasche unter meiner Couch vergessen. Da habe ich das erste Mal allein zu Hause konsumiert. Ich konnte nach Wochen endlich mal wieder schlafen. Doch die Konsummengen wurden in sehr kurzer Zeit extrem. Im August wollte ich dann aus dem vierten Stock springen und war schon mit einem Bein aus dem Fenster, als in einer Halluzination meine verstorbene Oma im saarländischen Dialekt sagte: „Spring doch, du bisch eener vun de Dreckssäck, die leie bleiwe“ – heißt, ich werde als Querschnittsgelähmter überleben. Wie mit einem unsichtbaren, aber für mich spürbaren Schubs bin ich in mein Wohnzimmer zurückgeflogen. Da sind dann bei mir alle Alarmglocken angegangen. Hier stimmt was nicht!

Warum wolltest du nicht weiterleben?

Weil ich auf einsam war. Ich hatte eine 90-Quadratmeter-Bumshöhle in Berlin, wo wir nachts, also während der Corona-Pandemie, trotzdem Partys gemacht haben. Aber tagsüber war ich alleine und es hat keinen interessiert. Es hat keiner bei mir angerufen. Keiner meiner Kollegen kam, keiner meiner „Freunde“. Ich hätte in dieser Wohnung sterben können und es wäre wahrscheinlich erst ein halbes Jahr später aufgefallen, weil keine Mietzahlungen eingegangen wären. Selbst an meinem 40. Geburtstag haben nur fünf Leute an mich gedacht. Gefeiert und doch einsam und allein. Das zieht sich mein ganzes bisheriges Leben so durch.

Was hast du nach deinem Suizidversuch gemacht?

Ich hatte ein längeres Telefonat mit einer tollen Mitarbeiterin von der Telefonseelsorge und dann schnell einen Termin in einer Suchtberatungsstelle in meiner Nähe. Am 1. Dezeber 2020 fing dann schon meine Langzeittherapie inklusive Entgiftung an.

Wenn ich heute zurückblicke, denke ich: Ja, ich hätte einen „Buddy“ gebraucht, der mir sagt: Hör zu, da ist ein Risiko, pass da und da auf, versuche dich da und da zu schützen, halte dich an ein paar Regeln.

Markus Dezemberkind

Ich bin da rein und ich wusste, ich war durch mit den Drogen, auch wenn die Therapie insgesamt 15 Wochen ging.

In der Therapie ging es aber nur um das Thema Drogen. Das Thema Chemsex hatte bis 2022, bis ich eine Suchtverlagerung auf Alkohol hatte und 2023 eine weitere Therapie machte, keinen Namen. Ich wusste all die Jahre gar nicht, was ich da betrieben habe.

Hättest du dir gewünscht, dass dich schon früher mal jemand mal angesprochen hätte, abgesehen von deiner Seelenfreundin?

Wenn ich heute zurückblicke, denke ich: Ja, ich hätte einen „Buddy“ gebraucht, der mir sagt: Hör zu, da ist ein Risiko, pass da und da auf, versuche dich da und da zu schützen, halte dich an ein paar Regeln. Wahrscheinlich hätte ich das nicht befolgt, aber ich hätte es gehört, und vielleicht wären bei mir viel früher die Alarmglocken angegangen.

Spätestens, als ich die zwei Monate wegen des Beins im Krankenhaus war, da hätte ich gern jemanden an meiner Seite gehabt. Vielleicht hätte ich dann schon mal reflektiert und gesagt: Okay, das ist gerade nicht gut, was ich da mache.

Wieso meinst du, du hättest das wahrscheinlich nicht angenommen?

Ich weiß nicht. Für mich waren ja die Drogen der einzige Türöffner, um Sex zu haben, um gesehen zu werden, um Spaß zu haben, um überhaupt zu irgendeiner Clique, zu irgendeiner Community dazuzugehören. Ansonsten war ich für mich alleine.

Die Leute denken immer, auf der Bühne in ihrem Urlaub, da werde ich gefeiert und habe jeden Tag meine eigene Show. Aber auf dem Zimmer war ich allein. Ich war alleine mit meinen Kollegen unterwegs. Wir waren so eine Zwangsfamilie in dem Moment, aber ich saß dann alleine im Flieger, 23 Stunden. Ich saß stundenlang alleine im ICE. Weihnachten, Silvester? Ich war alleine zu Hause.

Und die Drogen waren auch meine einzige Möglichkeit, um meine Komplexe wegen meines Körpers auszuschalten. Ich konnte einfach jemand sein, der ich nicht war.

Und wie war es dann, durch zu sein mit den Drogen?

Ich hatte nichts mehr, keine Lebensfreude, keine Perspektive mehr. Die Therapie hat mir meinen Sex genommen, meine Kontakte, alles. Ich bin jetzt sechseinhalb Jahre abstinent, aber ich habe alles verloren, was ich jahrelang geil fand, was mir Spaß gemacht hat.

Als ich aus der Klinik kam, habe ich meine Wohnung für viel Geld saniert und neue Möbel gekauft. Aber dann war ich doch wieder alleine. Und ich fühlte mich auf einmal unwohl in dieser großen Stadt, in dieser großen Wohnung. Da kam auf einmal zu der Einsamkeit, die ich in mir hatte, Lebensfrust dazu. Ich rutschte immer öfter in Depressionen

Und in dieser Corona-Einsamkeit kamst du zum Alkohol?

Ja. Ich habe studiert, Sozialpädagogik, aber durch die Suchtverlagerung den Bachelor nicht gemacht. Also, wir reden über sieben Flaschen Weißwein am Tag. Da war natürlich nicht mehr an Prüfungen zu denken. Damals habe ich auch wieder ein bisschen für meinen Reiseveranstalter gearbeitet. Diesmal nur in Deutschland, also meine ganzen längeren Reisen waren weg. Da habe ich dann schon im Hotelzimmer oder Zug auf dem Heimweg getrunken. Und es gab mehrere Meetings, nach denen Kollegen auf mich zukamen und sagten: Irgendwas stimmt doch hier gerade nicht, geh dich mal bitte auskurieren.

Ich bin dann zu meiner Beraterin gegangen und habe gesagt: Okay. jetzt haben wir ein anderes Problem. So kam ich in eine Traumata-Sucht-Therapie in NRW. Durch meine sehr tolle Therapeutin bekam das Kind endlich mal einen Namen: Chemsex! Und nach einem für mich sehr intensiven Sechs-Tage-Workshop „Wege aus dem Chemsex – Schritte zur Nähe & Verbundenheit“ im Village Berlin[1] wurde mir dann auch klar, dass ich in einem anderen Klinikkonzept besser aufgehoben wäre. Nach einigem Hin und Her bin ich dann in die Salus Klinik in Hürth gekommen. Das war damals die einzige Klinik in Deutschland, die das Thema Chemsex mit einem speziellen „Lust-und-Rausch“-Konzept für schwule Männer behandelt.

War das eine Entlastung für dich? Hast du vorher gedacht, du bist mit diesen Problemen alleine?

Ja, absolut. Da hatte ich mal ein Aha-Erlebnis, und zwar beim Infoabend zu dem Workshop im Village Berlin. Da war so ein richtig hübscher Typ, der sagte auf einmal: Ich habe seit vier Jahren keinen Sex mehr, weil ich mir das ohne Drogen nicht vorstellen kann. Und ich sah den an und dachte: Krass. Ich bin nicht alleine.

Die Drogen waren meine einzige Möglichkeit, um meine Komplexe wegen meines Körpers auszuschalten. Ich konnte einfach jemand sein, der ich nicht war.

Markus Dezemberkind

Dieser Workshop an drei Wochenenden hat ganz viel mit mir gemacht. Eine Aufgabe war zum Beispiel, sich mit einem Partner zusammenzutun und sich von dem für drei Minuten was zu wünschen. Und er hat sich von mir gewünscht, mich drei Minuten in den Arm nehmen zu dürfen. Ich hab ihm dann drei Minuten das T-Shirt vollgeheult, weil das das erste Mal war, dass mich jemand einfach nur in den Arm genommen hat.

Danach war die Aufgabe, sich drei Minuten in die Augen zu gucken. Das war das Intimste, was ich jemals gemacht habe. Weil ich bei klarem Verstand war, weil ich auf einmal gemerkt habe: Darum geht es also. Ich muss erlernen, wie es ist, Gefühle zuzulassen. Wie es ist, einfach nur mal gestreichelt zu werden ohne sexuellen Aspekt.

Vermisst du Chemsex manchmal?

Ich will nicht sagen, dass ich Chemsex vermisse. Ich bin eher an dem Punkt, dass ich es vermisse, dass jemand neben mir liegt, mich streichelt und mich küsst und ich einfach kuscheln kann und auch weiß, dass Sexualität auch ohne Drogen geht.

Deswegen habe ich jetzt eine Sexualtherapie angefangen. Das Nächste, was ich mache, ist ein Kuschelworkshop. Und dann will ich Gay Tantra versuchen.

Lass uns jetzt bitte über CheMP sprechen. Da hat kürzlich das Auftakttreffen stattgefunden und du warst dabei. Kannst du kurz erzählen, wie du von CheMP erfahren hast und was das das Projekt für dich bedeutet?

Mir wurde immer wieder gesagt, ich solle meine Geschichte „laut“ erzählen.

Seit 2024 bin ich unter anderem bei SHALK NRW – Selbsthilfe queerer suchtkranker Menschen – aktiv und habe dort bei der Fachtagung „Queere Suchtselbsthilfe“ in einer Podiumsdiskussion über meine Erlebnisse in den Online- und Präsenz-Selbsthilfegruppen gesprochen. Dort war auch ein Mitarbeiter der Deutschen Aidshilfe anwesend. Den habe ich kurz darauf bei einem Seminar zu „Beratungskompetenz Chemsex“ wiedergetroffen, und dort war auch ein anderer DAH-Mitarbeiter, mit dem ich früher mal eine tolle Schlager-Freundschaft gehabt hatte. Er ist der Gründer des CheMP-Programms, das er dort auch vorstellte.

Ich war bei dem Seminar der Einzige unter den 20 Teilnehmenden, der eigene User-Erfahrungen mit Sucht hatte und nun als Beratender in der Selbsthilfe tätig ist, und deshalb haben sie mich gebeten, zu CheMP dazuzukommen – als Ex-Chemsex-User neben Beratenden und Menschen, die aktuell konsumieren.

Was sind die Ziele von CheMP?

Ziel ist es, Chemsex-User*innen, die Chills besuchen oder veranstalten, praktische Hilfen und Orientierung an die Hand zu geben, um Chills möglichst gesund, sicher und erfolgreich zu gestalten.

Was für Hilfen zum Beispiel?

Es gab schon viele tolle Vorschläge, zum Beispiel einen „Buddy in der Hosentasche“ – eine Faltkarte oder ein kleines Checkheft zum Mitnehmen. Bewusst nicht als App, denn ein Akku kann auch einmal leer sein. Den Geldbeutel oder Rucksack hat man dagegen meist dabei, sodass die Informationen jederzeit griffbereit sind.

Was könnte auf dieser Klappkarte stehen?

Zum Beispiel eine Checkliste, mit der sich User*innen vorbereiten können: Habe ich alle meine Sachen eingepackt –Gleitgel, Crisco, Röhrchen –, habe ich Aufkleber, wo ich Namen draufschreiben kann, habe ich einen Kugelschreiber, habe ich Hygienetücher, den Anal-Duschaufsatz, evtl. eine Wechsel Unterhose, Medikamente, meine Konsum-Sachen, hab ich Bargeld (keine EC-Karte mitnehmen), hab ich eine Notfallnummer im Handy – solche Sachen. Und vor allen Dingen die wichtigsten drei Fragen: Wie geht es mir heute? Habe ich wirklich Bock auf den Chill? Fühle ich mich safe?

Genauso für den Host: Habe ich genügend Teller oder Tabletts für die verschiedenen Drogensorten? Habe ich blaue Säcke für die Sachen der Gäste, die man mit Namen beschriften kann, damit man später nicht rumsuchen muss? Habe ich eine Playlist mit Pornos und mit Musik erstellt? Haben wir eine Liste mit Notfallnummern an der Tür? Gibt es besondere Regeln für den Abend, zum Beispiel keine Fotos und Videos?

Mein Motto ist immer: Meine Geschichte muss nicht deine Geschichte werden.

Markus Dezemberkind

Eine andere Möglichkeit wäre vielleicht eine Safety-Tasche mit verschiedenen Röhrchen oder Hygienetüchern und einem Hinweis wie: Hier kriegst du Hilfe, wenn was passiert – Aidshilfe, Suchtberatungsstellen usw.

Der zentrale Gedanke: Wir brauchen was für das Davor, das Währenddessen und das Danach.

Für das Danach?

Ja, für die Tage danach: Habe ich mir was vorgekocht? Habe ich eine Freundin, mit der ich sprechen kann, jemanden, der Bescheid weiß, dass ich am Wochenende losziehe, der mich telefonisch erreichen kann, gibt es einen festen Termin in der Woche danach, wo ich definitiv wieder fit sein muss? Was kann ich mir am Tag danach Gutes tun?

Also Regeln und Grenzen setzen. Das war so der Kern der Gedanken, den wir hatten.

Hat dich etwas in diesem Auftaktworkshop besonders berührt?

In erster Linie die respektvolle, sehr offene und großartige Zusammenarbeit unter uns 20 Entwicklern. Es waren Konsumenten wie Beratende mit und ohne Konsumerfahrung dabei. Wir hatten drei sehr konstruktive Tage mit dem gleichen Ziel und Wunsch: ein großartiges und hilfegebendes Projekt auf die Beine zu stellen.

Mich persönlich hat das erste Mal in den sechs Jahren Abstinenz Suchtdruck besucht. Ich war am Abend mit fünf Männern der Gruppe in der Sauna, und dort wurde über mein Hauptkonsummittel Ketamin hitzig und aufgeilend gesprochen. Da war zwei Minuten so ein Kribbeln und der Gedanke an schöne Erinnerungen, aber dann hat mein inneres System Alarm geschlagen und meine erlernten Skills haben gegriffen.

CheMP ist ja ein Projekt der Aidshilfe. War eigentlich in deiner Konsumzeit HIV ein Thema für dich? Hast du zum Beispiel mal über das Thema PrEP nachgedacht?

Ja, als 2017 die 50-Euro-PrEP zum Selbstzahlen verfügbar wurde, hab ich gedacht, die PrEP wäre gut für mich, weil es alle ohne Kondom gemacht haben. Wir haben dann die Tests gemacht für die PrEP und dann kam Freitag spät – ich war gerade auf einem Seminar – ein Anruf und der Arzt hat mir am Telefon gesagt: Sie haben HIV.

Ich hatte damit gerechnet, für mich war es nur eine Frage der Zeit, dass ich HIV bekommen werde. So wie ich unterwegs war … Ich hätte die PrEP genommen, aber da war es dann eben schon zu spät.

Engagierst du dich auch deshalb, damit es anderen nicht so geht wie dir?

Ja, mein Motto ist immer: Meine Geschichte muss nicht deine Geschichte werden. Was mir dabei auch ganz wichtig ist: Es gibt durchaus Leute, die können das kontrollieren. Die können sagen: Heute Abend gönne ich mir das. Oft machen das Leute nur mit ein, zwei festen Partnern. Nicht jeder, der konsumiert, ist suchtkrank und abhängig.

Wenn Personen konsumieren, dann wünsche ich ihnen einen Buddy an ihrer Seite. Jemanden, der offen von seinen eigenen Erfahrungen berichtet, ein offenes Ohr hat und seine Gedanken, Meinungen und Anregungen respektvoll, ehrlich und unterstützend teilt. Jemanden, der einfach da ist, wenn er gebraucht wird – einen Buddy, den ich selbst damals gebraucht hätte. Und weitere Harm-Reduction-Projekte wie CheMP!


[1] Anm. d. Red.: Dieser Workshop geht auf das Bundesmodellprojekt quapsss der Deutschen Aidshilfe zurück. Das Gruppenangebot gibt es in verschiedenen Städten in Deutschland. Weitere Infos und Materialien: https://www.aidshilfe.de/de/chemsex-support-quapsss.


Informationen zum Selbsthilfe-Projekt ChemP: https://www.aidshilfe.de/de/chemp-selbsthilfe-bei-chemsex

Weitere Beiträge zum Thema Chemsex (Auswahl):

Klarheit über Chemsex dank quapsss (magazin.hiv, 1. März 2022)

Chemsex: Erfahrungen, Konzepte und hilfreiche Infos (Landingpage zu einer Artikelserie auf magazin.hiv, 18. April 2019)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert