Was hilft Männern, die beim Sex psychoaktive Substanzen nehmen und ihren Konsum reduzieren möchten? Das Pilotprojekt Quapsss hat in sechs deutschen Städten Selbsthilfegruppen organisiert. Im Dezember 2021 endete es nach über zwei Jahren. Ein Teilnehmer und der Projektleiter blicken zurück.

Für viele waren die Corona-Lockdowns eine Zeit der Enthaltsamkeit, aber nicht für Erik. Der 25-Jährige hatte 2020 mit mehr Männern Sex als vor der Pandemie – und hat dabei deutlich öfter Metamphetamin genommen. Vor den Kontaktbeschränkungen war schlicht weniger Zeit dafür, der Terminkalender des Profimusikers war prall gefüllt: Stimmtraining, Konzertproben, Tourneen … „Wenn Auftritte bevorstanden, habe ich nie Substanzen konsumiert“, erinnert sich Erik, „sondern nur, wenn ich frei hatte“.

Im Lockdown blieben nur Sex und Drogenkonsum

Dann kam Corona, die Theater wurden geschlossen und mit einem Schlag war der Kalender des Jazzsängers leergefegt: „Übriggeblieben sind nur Sex und Drogenkonsum“, sagt Erik und lacht. Schon zuvor, als Musikstudent in Berlin, hatte Erik Chemsex schätzen gelernt – so die gängige Bezeichnung für Sex, bei dem die Beteiligten psychoaktive Substanzen nehmen. In Datingapps für schwule Männer ist das Stichwort „chemsfriendly“ ein gängiger Begriff.

Ich muss verstehen, was da in mir vorgeht

„Statt zwei-, dreimal im Monat war das dann zwei-, dreimal pro Woche – mindestens“, erinnert sich Erik an diese Zeit. Die Phasen, in denen er nüchtern war, wurden immer kürzer. Darunter litten seine Beziehungen: zu seinem Partner, zu seinen Freund*innen. „Wenn ich mir vorgenommen hatte, in einer Woche mal nichts zu konsumieren, habe ich das nicht mehr geschafft. Das war der Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Ich muss verstehen, was da gerade in mir vorgeht!“

Quapsss: Ein Selbsthilfeprojekt für Männer, die Chemsex mit Männern haben

Der erste Schritt: Erik googelte nach den Begiffen „Sucht“, „Chemsex“ und „Hilfe“. So kam er nach einigen Beratungsgesprächen im Frühsommer 2020 in eine angeleitete Selbsthilfegruppe im Mann-O-Meter, einer schwulen Beratungsstelle in Berlin-Schöneberg. Die hatte sich frisch zusammengefunden und war Teil von Quapsss, einem Pilotprojekt der Deutschen Aidshilfe (DAH). Gefördert vom Bundesgesundheitsministerium lief es von April 2019 bis Dezember 2022.

Inhaltlich war Quapsss präzise zugeschnitten auf Männer, die Chemsex mit Männern haben. (Die Abkürzung steht für „Qualitätsentwicklung in der Selbsthilfe für Männer, die Sex mit Männern haben und psychoaktive Substanzen im sexuellen Setting konsumieren“.) Zwischen Februar und September 2020 starteten zehn Quapsss-Gruppen in sechs deutschen Großstädten von Hamburg bis München. Alle bestehen bis heute, eine elfte ist im Laufe der Zeit dazugekommen.

Struktur in einer Zeit ohne Termine

Erik hat seine Gruppe im Berliner Nollendorfkiez inzwischen verlassen. Aber anderthalb Jahre lang hatte er sie regelmäßig besucht. Als der Wahlberliner davon berichtet, ist er seit mehr als 50 Tagen clean – und dankbar für die Eindrücke, die er dort gesammelt hat. „Allein die Struktur war sehr hilfreich“, stellt Erik im Rückblick fest. „Einmal in der Woche, jeden Donnerstag, immer um 18 Uhr geht man wohin, bekommt einen Input – und ist quasi gezwungen, sich Fragen zu stellen: zu seinem Substanzkonsum, zu seiner eigenen Sexualität.“

Es war eine große Ehrlichkeit und Zerbrechlichkeit zu spüren

Gut in Erinnerung ist ihm eine Übung, bei der alle Beteiligten auf eine „Mindmap“ zeichnen sollten, was sie beim Sex eigentlich geil finden: Was will ich machen? Und mit wem? Mit meinem Freund oder einem Fremden? Und wo? Im Bett oder im Darkroom? Nach der Bestandsaufnahme ging es darum: Wie bewerte ich meine sexuellen Präferenzen? Was ist
cool für mich? Was möchte ich gerne ändern? „Da schreibt jeder komplett andere Sachen auf“, erzählt Erik. „Das ist sehr spannend – und es hat mir Klarheit verschafft, was ich selbst will!“ Für Erik war das einer der besten Momente in seiner Quapsss-Gruppe. „Es war eine große Ehrlichkeit und auch Zerbrechlichkeit zu spüren, weil man die Geschichten der anderen kennt und auch selbst offenbart, womit man hadert.“

Balance zwischen Selbsthilfe und Anleitung

Als nützlich empfand Erik auch die fachlichen Informationen, so erfuhr er, dass der Körper bis zu sechs Wochen braucht, um alle Amphetamin-Rückstände abzubauen. Erst dann ist der Kopf wieder völlig klar. „Das Wissen hätte ich gern gehabt, bevor ich bestimmte Substanzen genommen habe“, sagt Erik. „Denn das bedeutet: Entscheidungen, die ich ein paar Wochen nach dem Konsum treffe, sind immer noch von ihm geprägt.“ Das dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum er es in den Lockdown-Monaten nicht geschafft hat, nüchtern zu bleiben: Er war noch immer leicht berauscht, als er sich schon zum nächsten Chemsex-Date verabredet hat.

Kernidee des Quapsss-Konzepts ist der sogenannte Peer-Support: Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und vor ähnlichen Herausforderungen stehen, beraten und unterstützen sich gegenseitig. Unter den eigens fürs Projekt ausgebildeten Gruppenleitern waren nicht nur professionelle Sozialarbeiter und Therapeuten, sondern auch ehrenamtliche „Peers“, also Männer, die selbst Chemsex haben oder früher hatten.

Man teilt intime Sachen eher mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation stecken

Eriks Gruppe wurde von einem Profi-Berater aus dem Mann-O-Meter-Team angeleitet. Im Laufe der Monate empfand Erik das manchmal als störend, auch wenn sich der Leiter die meiste Zeit im Hintergrund hielt. „Anfangs war ich froh, dass ein Profi dabei war, der Struktur in unsere Gruppe gebracht hat“, erinnert sich Erik. „Später gab es Momente, wo ich mir dachte: Die Sessions sind einfach besser, wenn er nicht dabei ist. Dann ist mehr Vertrauen da. Man teilt intime Sachen eher mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation stecken. Sie wissen, wovon ich spreche.“

Eigentlich war es anfangs auch so gedacht: Jede Quapsss-Gruppe soll sich nach einer Anlaufphase selbstständig organisieren. Vorbild war unter anderem die Selbsthilfe-Bewegung der Anonymen Alkoholiker*innen. „Im Idealfall soll nur in den ersten drei Monaten ein Gruppenleiter dabei sein“, erläutert Projektleiter Urs Gamsavar. Der Berliner Sexual- und Suchtberater hat das Quapsss-Konzept entwickelt und das Projekt geleitet. „Am Anfang ist ein Gruppenleiter notwendig, um Vertrauen aufzubauen und eine Gruppenkultur zu etablieren, aber dann soll er sich zurückziehen.“

In der Praxis hat das nur selten geklappt – auch weil Corona die Organisation erschwert hat. „In allen funktionierenden Gruppen hat es eine Person gebraucht, die sich verbindlich kümmert: um Räume, Termine und Programm.“ Die Auswertung des Pilotprojekts Ende 2021 zeigte, dass es viele Teilnehmer sogar gut fanden, dass der Profi immer wieder mal mit in der Runde saß – um Feedback zu geben, aber auch um die Sitzung zu steuern. Urs Gamsavar nennt ein Beispiel: „Eine Bedingung ist, dass alle Teilnehmer beim Treffen nüchtern sind. Wenn einer betrunken kommt, ist es sehr schwierig, ihm zu sagen: ,Geh bitte wieder!‘ Einem Profi fällt das leichter.“

Handwerkskoffer zur Selbsthilfe

Obwohl Quapsss fast zeitgleich mit der Pandemie begann, haben alle zehn Gruppen die zwölf Monate der Durchführungsphase durchgehalten. Manche haben sich geteilt, um kleiner zu werden. Andere mussten auf große Säle oder ins Netz ausweichen. „Dass die Quapsss-Gruppen trotz der Lockdowns so gut besucht waren, spricht dafür, wie wichtig das Thema für die Teilnehmer war“, betont Urs Gamsavar. Quapsss fülle eine Lücke im professionellen Hilfsangebot. In vielen Städten gebe es noch immer keine speziellen Angebote für Männer, die Chemsex praktizieren. „Unser Ziel war es, diese Männer zusammenzubringen und in einen Austausch zu bringen – damit sie mit ihren Erlebnissen und Gefühlen nicht alleine sind!“

Gerade das flexible Modulsystem von Quapsss habe sich in der Pandemie bewährt, sagt Urs Gamsavar. Das Quapsss-Handbuch, das sich Interessierte kostenlos herunterladen können, listet fünf „Lebensbereiche“ auf, die für Chemsex-User von Bedeutung sind. In jedem können die Gruppenteilnehmer durch gemeinsame Übungen ihre Kompetenzen trainieren: Soziales Miteinander, Sexualität, Substanzkonsum/Sucht, Körperwahrnehmung und Selbstbestimmung.

„Jede Gruppe konnte ihr Angebot flexibel an die jeweiligen Bedürfnisse der Teilnehmer anpassen und selbst entscheiden, wie intensiv sie sich der einzelnen Module annehmen wollte“, sagt Urs Gamsavar. Ein wichtiger Unterschied war etwa die Haltung zum Konsum. In manchen Gruppen waren alle Teilnehmer schon clean und wollten sich dabei unterstützen, es zu bleiben. Dort wurde das Modul zum Substanzkonsum oft weggelassen. „Quapsss funktioniert wie ein Handwerkskoffer“, erläutert Urs Gamsavar. „Jede Gruppe benutzt ihn nach ihrem Bedarf und nimmt sich aus ihm die Instrumente, die den Teilnehmern weiterhelfen.“

Die Quapsss-Idee lebt weiter!

Mit dem Anfang 2022 vorgelegten Abschlussbericht ist Quapsss offiziell abgeschlossen. „Aber die Quapsss-Idee lebt weiter!“, betont Urs Gamsavar. Zum einen seien neue professionelle Netzwerke entstanden, etwa die Bundesinitiative Sexualisierter Substanzkonsum (BISS). Zum anderen laufen die Trainerausbildungen weiter. Die nächste startet im September 2022. An drei Wochenenden lernt man auf Basis des Quapsss-Handbuchs, wie man eine neue Gruppen gründen und anleiten kann. „Eingeladen sind sowohl Profis aus dem Hilfesystem als auch Betroffene“, sagt Urs Gamsavar. „Wichtig ist nur, dass sie jeweils an eine größere Organisation angebunden sind, zum Beispiel an eine Aidshilfe. Es hat sich gezeigt, wie wichtig so eine unterstützende Infrastruktur ist. Es wäre schön, wenn an noch mehr Orten Gruppen entstehen würden, welche Quapsss gemeinsam weiterentwickeln!“

Sex ohne Rausch

Für Erik ist Quapsss dagegen Geschichte. Im November 2021 hat er seine Gruppe verlassen, obwohl sie noch weitergeführt wird. Inzwischen hätten sich die Teilnehmer auf ein neues Ziel geeinigt: Sie wollen den Substanzkonsum nicht nur unter Kontrolle bringen, sondern in Zukunft ganz darauf verzichten. „Diese Entscheidung habe ich für mich selbst noch nicht getroffen“, erklärt Erik seinen Entschluss.

Wenn meine Zukunftsangst sehr groß war, habe ich mich mit Konsum abgelenkt

Stattdessen macht der Musiker nun eine klassische Verhaltenstherapie – solo, nicht in einer Gruppe. Und er hat sich seine eigenen Ziele gesteckt: „Ich möchte für mindestens drei Monate komplett abstinent sein von allen Substanzen.“ Sex will er dauerhaft ohne „Chems“ genießen. „Aber sobald es jobtechnisch wieder mehr Sicherheit und Planbarkeit gibt, möchte ich einen geplanten Konsum mit 3-MMC noch nicht ausschließen.“

Die positiven Effekte der Gruppentreffen sind geblieben. „Ich habe mehr Antrieb, auch die Auswirkung auf meine Beziehung ist positiv“, berichtet Erik. „Aber ich weiß auch: Ich werde immer Junkie sein. Und in manchen Lebensbereichen, in der Musik ist das auch toll und gut. Nur: Man ist halt sein Leben lang süchtig. Ich kann mich nie zurücklehnen und sagen: ,Ich hab’s geschafft!‘“

Zudem weiß Erik nun genauer, warum er beim Sex so oft „Chems“ genommen hat: „Wenn meine Zukunftsangst sehr groß war, die Unsicherheit als Freiberufler, dann habe ich mich mit Konsum abgelenkt – und das in einem sexuellen Kontext, weil die Ablenkung dadurch noch intensiver wird. Erst durch meine Gruppe habe ich darüber Klarheit bekommen.“

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