Gedenken an Michael Jähme

Von Redaktion
Bild zum Online-Gedenkbuch für Michael Jähme
© Andreas Kring

Leidenschaftlicher Aktivist, Zeitzeuge und Geschichtsforscher: Unser Ehrenmitglied Michael Jähme ist am 13. August 2026 nach einem Unfall in den Bergen verstorben. Wir erinnern mit einem Gedenkbuch an ihn.

Michael hat uns oft an unseren Anspruch „Selbstvertretung geht vor Stellvertretung“ erinnert – besonders im Zusammenhang mit der für Menschen mit HIV so befreienden n=n-Botschaft, mit der wir uns als Aidshilfe anfangs schwertaten. Er hat Gesicht gezeigt und stand für eine selbstbewusste, unbequeme Selbsthilfe, die auf Augenhöhe agiert und sich Rechte erkämpft – auch das auf eine selbstbestimmte Sexualität. Ob in seiner Arbeit als Sozialpädagoge, als Projektbeirat der positiven stimmen oder mit seinem öffentlichen Auftreten: Michael hat sich immer vehement gegen Stigmatisierung und Diskriminierung eingesetzt. Sein Herzensprojekt in den letzten Jahren war, die Biografien von Menschen aus der Community zu dokumentieren und die Geschichte von HIV/Aids in Köln aufzuarbeiten.

Jetzt ist Michael im Alter von 67 Jahren verstorben. Er ist Teil dessen, was uns ausmacht, und bleibt mit seiner ungewöhnlichen Ausstrahlung und seinem warmherzigen Charme in unserer Erinnerung.

Wer Bilder (nur mit Einverständnis der abgebildeten Person/en und Fotograf*innen-Angabe), Zitate von Michael oder andere Erinnerungen teilen möchte, kann sich gerne an die Redaktion wenden (redaktion@dah.aidshilfe.de).


Sylvia Urban, Bundesvorstand der Deutschen Aidshilfe

Michael hat an die Veränderbarkeit von Dingen geglaubt. Er hat vorgelebt, dass Aidshilfe die Vielfalt von Selbsthilfe als wertvolle Ressource von Fähigkeiten begreifen und die Menschen aus den Communitys mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen ernstnehmen und beteiligen muss. Eine „echte Kooperation“ hat er das einmal genannt. Er hat sie besonders unnachgiebig eingefordert, als mit dem Schweizer EKAF-Statement die bahnrechende Nachricht veröffentlicht wurde, dass das Virus unter funktionierender Therapie nicht weitergegeben werden kann. Dass wir den Schutz durch Therapie schließlich als wirkungsvolle Präventionsmethode propagiert haben, hat auch viel mit Michaels Beharrlichkeit zu tun.

Michael hat Diskurse eingefordert, die im Alltagsgeschäft oft verlorengehen – zum Beispiel zum Drogenkonsum oder zur Genderfrage. Sein Credo war: „Wir finden doch Bündnispartner, wir können doch überzeugen! Ich glaube an die Werte, an die freiheitliche Kultur von Aidshilfe. Wir können Prozesse anstoßen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung.“

Wir sehr könnten wir diesen kämpferischen, kritischen Geist gerade in diesen Zeiten gebrauchen! Michaels Stimme fehlt uns, aber wir werden sie im Ohr behalten und in seinem Sinne weiterarbeiten. Unsere Gedanken sind bei allen, die um Michael trauern.


Christoph Weber, Vorstand der Aidshilfe Wuppertal

Keinen bezahlten Job habe ich in meinem Leben so lange ausgeübt wie mein Ehrenamt als Vorstand der Aidshilfe Wuppertal. Wir gelten im Verband als eine „kleine“ Aidshilfe, aber dank Personen wie Michael Jähme war die AHW immer größer, als sie hätte sein müssen. Michael nahm mich unter seine Fittiche, als ich vor 22 Jahren mit der Vorstandsarbeit begann. Er war das institutionelle Gedächtnis nicht nur für unseren Verein, sondern auch für die alptraumhaften Jahre der Aids-Krise vor der Einführung der Kombinationstherapie. Ich habe durch Michael unendlich viel über Mut und Kampfgeist gelernt. Und auch, wenn es zwischen ehrenamtlichen Chef und hauptamtlichen Mitarbeitern manchmal krachen muss, waren wir irgendwann Freunde und sind es immer geblieben. Beim CSD-Empfang 2025 klagte er über die Spuren des Alters: Das Gehör, das Augenlicht. Ich erwiderte: Michael, wer hätte 1995 gedacht, dass du 2025 mal über das Altwerden klagen würdest? Da musste er lachen und sagte: „Ja, ich bin noch hier.“

Jetzt ist Michael nicht mehr hier, aber es war weder die Krankheit noch das Alter, die ihn erwischt haben. Es war die Liebe zur Natur und zum Abenteuer. Und das macht mich wieder, ein letztes Mal, stolz auf Michael Jähme.


Corinna Gekeler und Axel Schock

Was bleibt von einem langen Aktivistenleben, wenn irgendwann die Erinnerungen der Menschen verblasst sind? Michael Jähme hat seine Auseinandersetzung mit HIV, seine Arbeit in der Selbsthilfe, in Aidshilfen und in einer Vielzahl von Projekten, Gruppen und Initiativen in zahlreichen Aufzeichnungen und Dokumenten festgehalten. Zunächst einmal für die eigene Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung. Aber ihm war auch stets bewusst, dass, wer zur Geschichte von HIV und Aids forschen, wer über die herausfordernden Kämpfe, Errungenschaften und Bewegungen schreiben will, authentische Quellen benötigt. Und dass diese bewahrt werden müssen.

Vor mittlerweile fast 15 Jahren haben wir Michael in einer Arbeitsgruppe kennengelernt, die sich genau diese Aufgabe gestellt hat. Ein paar Jahre später saßen wir gemeinsam in seiner Kölner Wohnung und er zeigte uns Unmengen an Kartons und Aktenordnern, um seinen Vorlass zu sichten. Fein säuberlich und mit bemerkenswerter Akkuratesse hat Michael sein Leben mit HIV und den Einsatz für andere Menschen mit HIV in eigenen Texten, Materialsammlungen und Dokumenten archiviert.  Dieses bemerkenswerte Konvolut war einer der ersten Vorlässe, die wir in das damals noch entstehende Aids-Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin einbringen konnten.

Michael blieb aber danach nicht untätig. Die letzten Jahre hat er mit der gleichen Akribie und einem enormen Rechercheaufwand die Geschichte von HIV und Aids seiner Wahlheimat Köln erforscht, und an der Kölner Uni konnte er als Zeitzeuge angehende Historiker*innen dafür begeistern, sich mit der Thematik zu beschäftigen.

Michael wird sehr vielen Menschen für sehr vieles in Erinnerung bleiben, auch, weil er in den vielen Jahrzehnten in so unterschiedlichen Kontexten und an so vielen Orten sich eingebracht hat – und sich damit selbst auch in die Geschichte von HIV und Aids in Deutschland an vielen Stellen eingeschrieben hat. Was als Vorlass ins Haeberle-Hirschfeld-Archiv der Historischen Sammlung der HU-Bibliothek eingegangen ist, ist nun auch ein Teil seines Vermächtnisses. Und eine Aufforderung, sich der Geschichte von HIV und insbesondere auch der HIV-Selbsthilfebewegung anzunehmen.


Wolfgang Vorhagen, DAH-Ehrenmitglied, Berlin

Ach Michael!

Sechs Wochen ist es her, dass wir beide während der Gesundheitstage für Positive im Waldschlösschen bei einem gemeinsamen Spaziergang darüber sprachen, wie sehr es dich inzwischen in deinem Alltag beeinträchtigt, immer schlechter hören und sehen zu können.

Aber das Thema streiften wir nur, denn aufs Klagen hast du dich nie lange zurückgezogen, sondern dich trotz der krankheitsbedingten Zumutungen, die du in deiner langen Biografie mit HIV ertragen musstest, nicht von deiner Neugier und dem Interesse für die Menschen und das Leben um dich herum abbringen lassen.

Es ging bei unserem Spaziergang auch um deine große Vorfreude auf das schwule Bergwandercamp in Mogno im Tessin, dass du nicht zum ersten Mal besuchtest, aber meintest, dass es aufgrund deiner körperlichen Verfassung vermutlich das letzte Mal sein würde.

Du warst nicht jemand, mit dem ich in einem ständigen Kontakt war, aber alle paar Wochen tauschten wir uns per SMS oder auch bei längeren Telefonaten aus, wenn es einen Anlass gab. Unser Telefonat nach dem Tod von Rita Süßmuth und unser Versuch der Selbstanalyse, warum ihr Ableben bei uns beiden so erstaunlich viel Trauer hervorrief, ist mir noch so gut in Erinnerung geblieben. Es war immer wieder überraschend, wie oft du und ich Parallelen in unserem „In-der-Welt-Sein“ entdeckten.

Dankbar bin ich dir für dein Angebot von biografischen Interviews als Rückblick auf Stationen meines Lebens, die du mir als Geschenk angeboten hattest und in denen sich dann oft viele Anknüpfungspunkte für tiefe Gespräche unter uns beiden ergaben, festgehalten auf Band! Dabei entwickelte sich eine gemeinsame Zeitreise, du vor allem in der Rolle des aufmerksamen Zuhörers mit wohlbedachten und klugen Fragen. Für deinen nächsten Berlinaufenthalt hatten wir ein weiteres Interview vorgesehen, in dem es dann vor allem um meine Zeit im Waldschlösschen gehen sollte, die du als noch junger Teilnehmer seit 1992 mit begleitet hast.

In unseren Gesprächen warst du aufmerksam und zugewandt, mit manchmal überraschend neuen Perspektiven auf unsere Themen, hattest deinen manchmal etwas eigenen Kopf und zugleich einen wunderbaren Humor! Unvergesslich ist mir ein Interview im Tempelgarten auf dem Tempelhofer Feld, einem der Lieblingsorte in meiner Berliner Heimat, bei dem du nach einem zweistündigen intensiven Gespräch feststelltest, dass du vergessen hattest, die Batterien zu wechseln. Zwei ältere schwule Herren, die statt großem Bedauern in großes Gelächter ausbrachen, da wir wussten, dass diese zwei Stunden nicht umsonst gewesen waren – vielleicht die Gelassenheit des Älterwerdens.

Als Teilnehmer warst du ein Gewinn in den vielen meiner Seminare, in denen ich dich erleben durfte. Du konntest viel zu den Themen aus deinem reichen und wechselvollen Leben beitragen, manchmal auch anecken, und immer mit einer großen Präsenz.

Als Referent z.B. bei den Positiventreffen oder den Seminaren für ältere Schwule gaben deine Impulse oft Anstöße für weitere gute Diskussionen mit einem oft hohen Erkenntnisgewinn.

Andere Nachrufe werden zurecht deine großen Verdienste bei der Aufarbeitung der Aidsgeschichte und in Köln und in NRW hervorheben, die du mit großer Leidenschaft betrieben hast, und dabei deine wichtige Rolle in der Positivenselbsthilfe und der Aidshilfe. Du warst auch Gründungsmitglied bei BISS e.V. und an den Diskussionen um die von uns gesetzten inhaltlichen Schwerpunkte engagiert beteiligt.

Mit deinem Tod verliere ich einen langjährigen Wegbegleiter und Gesprächspartner, wenn es um Aspekte meiner Arbeit im Waldschlösschen, aber auch im privaten Leben ging, im Diskurs über das Leben mit HIV/Aids, aber auch im Austausch über unsere Erfahrungen als ins Alter gekommene schwule Männer. Das du es so weit geschafft hattest vor dem Hintergrund der höchstens zwei bis drei Jahre an Lebenszeit, die dir nach deiner HIV-Diagnose damals Anfang der 90iger-Jahre gegeben wurden, erfüllte dich immer wieder auch mit Dankbarkeit und zurecht auch mit einem gewissen Stolz.

Deine Nachricht am 25. Juli vom Wandercamp im Tessin lautete:

„Angekommen! Es ist ganz schön wild und steil hier. Und angenehme Temperaturen und rauschender Wind. Jetzt geht´s los, all die Namen von uns 35 zu lernen und Eselsbrücken zu finden. Es ist schön, hier zu sein…“  

Ich werde dich, unsere Gespräche, deine unverwechselbare Stimme mit dem mir so vertrauten rheinischen Singsang und dein wunderbares Lachen vermissen. In Dankbarkeit und Erinnerung an einen besonderen Menschen!


Patrik Maas

Es ist wohl um die dreißig Jahre her. Wir trafen uns das erste Mal beim Runden Tisch von Herzenslust „kreathiv – präventhiv“. Es ging um die Vision einer Zeit nach Aids. Was würde sich verändern, was wären unsere Wünsche, unsere Sehnsüchte, wenn wir dieses Aids endlich hinter uns gelassen hätten? Für Dich, lieber Michael, ging es dabei erst mal nicht nur um Sterben, um Tod oder um Leid. Für Dich ging es darum, wieder lustvoller sein zu können. Dein Satz in dieser Runde „Endlich wieder Sperma schlabbern dürfen“ hat mich als Mittzwanziger Jungschwulen doch erst mal ziemlich irritiert. Aber wie man heute sieht: Diesen Satz habe ich nie vergessen. Ich war vielleicht auch ein bisschen neidisch, dass Du Zeiten erleben durftest, in denen so vieles unbeschwerter war. Beeindruckt war ich von diesen klaren, auch scharfen, Worten, ohne Angst, was diese bei anderen auslösen könnten – daraus durfte ich lernen.

So habe ich Dich in den Folgejahren auch immer wieder erleben dürfen: Leicht hast Du es Deinem Umfeld nie gemacht, Du bist für Deine Interessen eingetreten, hast Deine Ansprüche und Interessen formuliert. Ich gebe zu, nicht immer fiel es mir leicht, mit Dir ins Gespräch zu gehen, denn ich wusste, danach würde sich meine To-do-Liste deutlich füllen. Dabei warst Du aber immer zugewandt, Du konntest auch wertschätzen, Du konntest loben. Und ein Lob von Dir tat gut, kam an und bestärkte.

Das letzte Mal, als ich Dich sah, war vor wenigen Wochen, beim Bäcker an der Straßenecke in der Nähe des Büros. Ich stand auf der anderen Straßenseite und überlegte noch kurz, dich anzusprechen. Wie so oft war ich in Eile und dachte, das nächste Mal, schnell vorbei und an den Schreibtisch – das ist mir gelungen, Du hattest mich nicht gesehen. Wie schade! Nun gibt es kein nächstes Mal. Wie gerne würde ich mich erinnern, dass ich Dich dort angesprochen hätte, wir uns wie immer herzlich umarmt hätten. Diesen kurzen, wertschätzenden Austausch geführt, der immer mir Dir möglich war. Gerne hätte ich auch den obligatorischen Auftrag mitgenommen, den Du mir dieses Mal mitgegeben hättest. Dein Herzensanliegen war es, zu erinnern an die Verfolgung, an die Geschichte von Aids. Dabei hast Du aber auch immer die Gegenwart und die Zukunft lustvoll mitgestaltet. Diese Erinnerung werde ich nun als Dauerposten auf meine Aufgabenliste setzen!

Du wirst mir fehlen!


Matti Seithe, Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Och Mensch Michael, jetzt bist Du wirklich fort? Die Nachricht von Deinem Tod hat mich und auch meine Kolleg_innen in der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sehr berührt und einfach traurig gemacht. Natürlich hatte ich schon früher von Dir gehört, als ich selbst für die Deutsche Aidshilfe arbeitete. Näher kennenlernen durfte ich Dich dann letztes Jahr auf der Dezembertagung der Akademie Waldschlösschen, die wir von der BMH unterstützt haben. Du hast uns damals ohne zu Zögern aus der kleinen Patsche geholfen und bist für den Themenblock zur Geschichte von HIV und Aids eingesprungen, nachdem wir eine kurzfristige Absage vom ursprünglich geplanten Referenten hatten. Vorab meinte ich im Small Talk zu Dir „Ja, Dich, Michael, kennen wir in der BMH natürlich gut. Du hast ja unserem Archiv der anderen Erinnerungen 2023 mit acht Stunden das bislang längste lebensgeschichtliche Interview im gesamten Projekt gegeben… .“

Und Du nur so: „Ja, aber ich bin ja nur bis zur Hälfte gekommen!“ Von Dir ganz ernst gemeint, hast Du mich damit dennoch spontan zum Lachen gebracht.

Das Gespräch dann selbst, das wir beide vor den Teilnehmenden der Dezembertagung miteinander geführt haben, ist mir noch in klarer Erinnerung. Deine warme Stimme und Deine präzisen Erinnerungen an die Zeit in der Aidshilfe Wuppertal und an viele weitere Stationen – ebenso wie Deine Reflexionen dazu, wie geschlechtliche Vielfalt im Laufe der Jahre auch in den Aidshilfen mehr und mehr mitgedacht wurde – und Deinen unverkrampften und stets respektvollen Umgang damit.

Ich war fest davon ausgegangen, dass wir uns auch dieses Jahr wiedersehen würden im Waldschlösschen und unsere Gespräche von 2025 vertiefen könnten. Das wird es nun nicht mehr geben. „Michael, Du fehlst“ lese ich in nicht wenigen Posts auf Social Media. Da möchte ich einfach ein leises „Mir auch“ hinzufügen. Danke Michael und mach es gut!


1 Kommentare

Manuel Izdebski 17. August 2026 15:31

Ein geschätzter Kollege, streitbarer Aktivist, kluger und reflektierter Kopf unserer Bewegung. Er wird fehlen!

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