Julia Ritter, 62, sucht einen Job – und arbeitet ehrenamtlich bei der AIDS-Hilfe Hamburg mit, um ihre Qualifikationen als Bürokauffrau zu trainieren. Ein Porträt von Philip Eicker

Julia Ritter
Julia Ritter (Foto: Matteo Napodano)

„Es ist sehr schade, dass man mit über 60 kaum noch einen Job bekommt.“ Julia Ritter klagt nicht, sie stellt schlicht die bittere Wahrheit fest. Seit langer Zeit ist die 62-jährige Bürokauffrau aus Hamburg-Eppendorf arbeitslos. Die Arbeitsagentur empfiehlt ihr Minijobs, um doch noch eine Stelle zu bekommen. Derweil ist die zierliche kleine Dame mit den sorgfältig frisierten Haaren aber nicht untätig. Im Gegenteil. Seit 2010 arbeitet Julia mindestens vier Stunden pro Woche ehrenamtlich im Büro der AIDS-Hilfe Hamburg. Vor Großveranstaltungen wie dem Hafengeburtstag, wo die Aidshilfe mit einem Stand vertreten ist, sind es oft weit mehr.

„Als ich wusste, dass ich meinen Job verlieren würde, war ich sehr depressiv“, erinnert sich Julia. „Alle Bewerbungen verliefen im Sande. Dabei fühlte ich mich so fit und wollte mich einbringen in die Gesellschaft.“ Damals entschied Ritter: „Dann arbeite ich halt ehrenamtlich. Man muss ja fit bleiben!“

Die Entscheidung für die Aidshilfe lag nahe. Julia Ritter hat viele schwule Freunde und Bekannte. „In meinem Umfeld sind leider viele Männer qualvoll an Aids gestorben“, erinnert sie sich an den Aids-Schock der 90er Jahre. Julia hat deshalb großen Respekt vor dem Einsatz ihrer Kollegen, die unermüdlich über HIV und die Schutzmöglichkeiten informieren. „HIV und Aids sind ja in den Medien leider kein Thema mehr.“

„Ich wollte mich in die Gesellschaft einbringen“

Schon am ersten Infoabend der Aidshilfe für neue Ehrenamtler hat Julia Ritter klargestellt, dass ihre Stärken in der Büroarbeit liegen: „Ich habe gleich gesagt, dass ich ’ne Bürotante und für andere Aktivitäten nicht so geeignet bin.“ Die AIDS-Hilfe Hamburg hat dieses eindeutige Angebot gerne angenommen. Nun hilft Julia Ritter dem zuständigen Mitarbeiter dabei, Einsatzlisten für die Veranstaltungen zu führen. Bei Events wie dem Kulturfest Altonale oder dem Alsterlauf sind immer mehrere ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter für die Aidshilfe im Einsatz, die an einem Stand die Besucher informieren und Spenden sammeln.

„Ich versuche, die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Schichten zu koordinieren“, erklärt Julia ihre Aufgabe. Am Anfang hatte sie noch ein bisschen Hemmungen, bei Ehrenamtlichen anzurufen und nach möglichen Einsatzzeiten zu fragen. „Man kannte sich ja noch nicht persönlich“, erzählt sie. „Und es sind fast 150 Personen, die ich anrufen kann.“ Mittlerweile aber hat sich das gelegt. „Wenn jemand zugesagt hat, schicke ich ihm eine Bestätigungsmail und trage ihn in unseren Schichtplan ein.“ Natürlich in verschiedenen Farben, damit jeder Nutzer sofort auf den ersten Blick sieht: Wo gibt es noch Lücken? „So liebe ich das“, schwärmt Julia, „das Genaue, das Akkurate. Da kommt wieder die Buchhalterin bei mir durch.“ Ein wichtiger Nebeneffekt ihrer Organisationsaufgabe: Julia bleibt fit im Umgang mit aktueller Software. „Das sind ja meine beruflichen Grundlagen.“

„Es ist eine gute Aufgabe und nicht profitorientiert“

Ihre ehrenamtlichen Aufgaben erledigt Julia Ritter genauso zuverlässig und präzise wie ihre Arbeitsaufträge als Festangestellte in den 46 Jahren zuvor. „Es ist wie ein Beruf“, bestätigt Julia, „aber auf einer ganz anderen Ebene – weil es eine gute Aufgabe ist und nicht profitorientiert.“ Die Folge: „Es gibt keinen Druck. Man kommt gerne zur Arbeit, weil es ein freundliches Umfeld gibt.“ Dass alle ehrenamtlichen Kollegen einen Teil ihrer Freizeit opfern, beeindruckt Julia immer wieder aufs Neue. „Es berührt mich, dass sich meine Kollegen neben ihrem Beruf und ihrer Familie einem Ehrenamt widmen.“ Und auch Julia Ritter dürfte mit ihrer bescheidenen, fleißigen Art viele Kollegen in der Aidshilfe motivieren.

Philip Eicker

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