Ungefiltert, offenherzig und ehrlich bis zur Schmerzgrenze:  J. Jackie Baiers preisgekrönter Dokumentarfilm „Julia“ über eine litauische Trans*-Sexarbeiterin in Berlin kommt am 8. Januar in die Kinos.

Julia macht es ihren Mitmenschen nicht leicht, sie ins Herz zu schließen. Das Leben auf dem Straßenstrich hat sie hart und kompromisslos werden lassen. Ihr loses Mundwerk ist Schutz und Waffe zugleich. Wer sich mit ihr anlegt, darf nicht zart besaitet sein. Aber auch sich selbst schont die inzwischen 31-Jährige nicht.

„Gott hat nicht aufgepasst bei meiner Geburt“

Aufgewachsen im litauischen Klaipeda, kam sie in den 1990er Jahren nach Berlin. In ihrer Heimat sah sie keine Chance, so leben zu können, wie sie es sich wünschte: „Ich kann nicht sagen, dass ich eine Frau bin, aber ich bin auch kein Mann. Ich bin ein krummes Geschöpf Gottes. Gott hat nicht aufgepasst bei meiner Geburt“, sagt Julia über sich.

Ihr Studium, das sie an einer litauischen Kunstschule absolvierte, zählt in ihrem neuen Leben nichts mehr. Nur wenn sie mal abschalten möchte, holt sie ihre Aquarellfarben hervor und malt Blumen. Ein Freund oder jemand, den sie für einen solchen hielt, hatte sie seinerzeit an einen Zuhälter nach Deutschland verkauft. 50 D-Mark soll er dafür bekommen haben.

Seitdem verdient Julia ihren Lebensunterhalt als Sexarbeiterin. Bevor sie auf der Straße anschaffen ging, arbeitete sie eine Weile in einer Animierbar, eckte dort aber zu oft an. Auch die Fotografin und Filmemacherin J. Jackie Baier arbeitete zu dieser Zeit dort. „Die Chefin war aber nicht davon überzeugt, dass ich eine gute Hure sei, und sie hatte eigentlich auch recht damit – obwohl ich mir einige Tricks bei Julia abgeschaut hatte“, erzählt Baier.

Über zehn Jahre wurde Julias Leben dokumentiert

„Es war vom ersten Moment an klar, dass ich Julia fotografieren musste“, so Baier weiter. „Und umgekehrt war auch vom ersten Augenblick an klar, dass sie sich gern fotografieren ließ. Es bestätigte sie anfangs darin, schön zu sein – für die Ewigkeit! Später darin, dass sie noch da war. Die Fotos waren ihr Beweis, dass sie noch lebte.“

Über ein Jahrzehnt hat Baier das Leben von Julia seitdem dokumentiert, hat sie immer wieder fotografiert und dann auch mit der Filmkamera in ihrem Alltag begleitet – in schmierige Pornokinos, auf den Berliner Transenstrich an der Bülowstraße und auf eine Reise zurück in ihre Heimatstadt – und zeigt sie im Kreis ihrer Kolleginnen, Freier und Freunde.

Fasziniert habe sie Julias „Unbedingtheit in beinahe jeder Hinsicht: in ihrer Euphorie und Begeisterung, endlich ihr Leben zu leben, das Leben, das sie für sich erfochten hat“, sagt Baier.

Der Preis allerdings, den Julia für ihr unangepasstes Leben bezahlt, ist hoch. Immer wieder stürzt sie ab, nimmt Kokain und Heroin, liegt nach Alkohol- und Drogenexzessen im Koma oder wird von Freiern und organisierten Straßengangs zusammengeschlagen. „Wenn man nichts riskiert, kriegt man keinen Champagner“, sagt Julia lapidar.

Körperliche und psychische Verletzungen

„Man muss immer damit rechnen, dass man verletzt wird, nicht nur moralisch, sondern auch körperlich.“ Dann schimpft sie über „notgeile Idioten“, aber auch über die anderen osteuropäischen Frauen, denen in ihrem täglichen Überlebenskampf alle Mittel recht sind: Freier werden mit Dumpingpreisen gelockt, um sie nebenbei um ihre Brieftasche erleichtern zu können.

J. Jackie Baier zeigt in ihrer Dokumentation, die 2013 beim Filmfestival von Venedig uraufgeführt wurde, eine Parallelwelt, die sich meist schmutzig-grau oder in diffusem nächtlichem Licht präsentiert; eine Welt jenseits bürgerlicher Normen und gewohnter gesellschaftlicher Strukturen. Die zehn Jahre, die dieser Film umspannt, haben Julia sichtlich gezeichnet. Es sind zehn Jahre des Überlebenskampfes auf der Straße, der Sucht, der Selbstzerstörung.

Möglich war dieses intime, schonungslose Porträt vor allem durch die freundschaftliche Nähe Baiers zu ihrer Protagonistin. Und weil Baier, die seit 1998 als Frau lebt, den Film wie auch schon ihr Debüt „House of Shame – Chantal All Night Long“ (2011) weitgehend selbst finanziert hat. Das ermöglichte eine künstlerische Freiheit, die bei einer TV-Koproduktion kaum vorstellbar wäre.

Baier beschönigt nichts, sie stellt aber auch nichts aus und niemanden bloß. Sie gibt Julia mit ihren Fotografien und Interviews Raum, sich selbst darzustellen und sich zu verewigen: ungefiltert, offenherzig und ehrlich bis zur Schmerzgrenze. Auch für die Zuschauer.

„Julia“. Buch und Regie J. Jackie Baier. 90 min., Originalfassung (deutsch, litauisch, russisch) mit deutschen Untertiteln. Kinostart 8. Januar 2015

Offizielle Webseite zum Film: www.julia-der-film.de

 

 

Fotos: J. Jackie Baier/gmfilms

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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