Zehn Jahre musste die Ursache seines Todes geheim bleiben. Vor 25 Jahren starb der Tennisprofi Michael Westphal an den Folgen von Aids.

Fünfeinhalb spannungsgeladene Stunden dauerte das atemberaubende finale Duell, mit dem sich Michael Westphal den lange vermissten Respekt erkämpfte: „Die Deutschen wollen endlich einen Weltklassespieler. Ich will ihnen den Gefallen tun“, hatte Westphal als 18-Jähriger erklärt.

Zwei Jahre später, an jenem 4. Oktober 1985, verfolgten über zwölf Millionen Menschen an den Fernsehbildschirmen, wie er beim Tennis-Davis-Cup in der Frankfurter Festhalle den Tschechoslowaken Tomáš Šmíd, Nummer 17 der Weltrangliste, im fünften und entscheidenden Satz bezwang. Kurz vor Mitternacht ist es geschafft. Der Außenseiter Westphal hat den Favoriten mit 17:15 niedergerungen und damit den Grundstein für die erste Endspielteilnahme eines deutschen Teams beim Davis Cup nach 15 Jahren gelegt.

Mit diesem Tag hatte es Westphal geschafft, aus dem Schatten der jungen deutschen Tennisstars wie Boris Becker und Steffi Graf herauszutreten. Für Fachleute und Fans war es noch eine Frage der Zeit, bis das Ausnahmetalent selbst die Weltrangliste anführen würde.

Der Sieg über Šmíd sollte jedoch der größte Triumph des 1,91 Meter großen, blondgelockten Athleten bleiben. Anders als die meisten Sportlerkolleg_innen wollte der 1965 in Pinneberg geborene Westphal sein Leben nicht dem Tennis unterordnen. 1986 beginnt Westphals Stern zu verblassen: Er verliert Spiel um Spiel. Bei 13 Grand-Prix-Turnieren scheidet er bereits in der ersten Runde aus.

Der jähe Absturz

Drei Jahre nach dem Triumph von Frankfurt ist Westphal von 49 auf Platz 285 der Weltrangliste abgerutscht. Sein Verein Blau-Weiß Neuss lässt ihn ebenso fallen wie Werbepartner und Sportartikelausrüster. Da hatten Medien wie Tennisfunktionäre bereits ihr Urteil über Westphal gefällt.

Es mangle ihm an Ehrgeiz und Trainingsfleiß, und er gönne sich immer wieder wochenlange Pausen. Die Boulevardmedien lästern über sein „lotterhaftes Leben“. Und beschimpfen ihn als „Versager“. „Am meisten schmerzte mich, dass ich ausgezählt wurde, wie ein k.o. geschlagener Boxer“, sagte Westphal in einem Interview. Gegenüber Freunden schildert er die Folgen dieses Absturzes: „Jetzt merke ich, dass ich überhaupt keinen Beruf habe. Unglaublich, wie schnell man die Beziehung zu seinen früheren Kollegen verliert.“

Was erst viel später bekannt wird: Westphals Leistungen sind spätestens seit 1988 krankheitsbedingt beeinträchtigt. Im Tropenkrankenhaus Hamburg wird Westphal mit AZT, dem einzigen damals verfügbaren Aids-Medikament behandelt, wie seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Jessica Stockmann, Jahre später berichtet.

Die Nebenwirkungen allerdings waren erheblich. Westphal litt unter Herzrhythmusstörungen, Haarausfall und Hautallergien. Nach monatelanger Leidenszeit versuchte Westphal 1990 ein Comeback, doch der Körper war schon zu stark geschwächt.

Späte Enthüllung

Zunehmend zieht sich der zuletzt auf 55 Kilogramm abgemagerte Westphal aus der Öffentlichkeit zurück. In der Nacht zum 20. Juni 1991 stirbt Michael Westphal im Alter von gerade einmal 26 Jahren in der Hamburger Universitätsklinik. Die Todesursache bleibt unklar, in Nachrufen wird über eine Infektion mit einem Herpes-Virus spekuliert.

Erst 2001 gibt Jessica Stockmann bekannt, dass Westphal an Aids verstorben ist. „Ich habe versprochen, zehn Jahre zu schweigen und gegen Aids zu kämpfen“, erklärte sie gegenüber der Presse. 1994 hatte sie gemeinsam mit dem Tennisprofi Michael Stich, den sie zwei Jahre zuvor geheiratet hatte, die Michael-Stich-Stiftung gegründet, die sich für HIV-infizierte Kinder einsetzt.

Die späte Enthüllung von Westphals HIV-Infektion wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die gesellschaftliche Situation von Positiven und Erkrankten in den Achtziger- und Neunzigerjahren, die sich massiver Ausgrenzung und Stigmatisierung gegenüber sahen. Michael Westphal wollte sich und seine Lebensgefährtin dieser Belastung nicht aussetzen. Auch der Queen-Sänger Freddy Mercury, der nur wenige Monate nach Westphal starb, hatte erst wenige Stunden vor seinem Tod seine Aidserkrankung öffentlich gemacht.

Schlagzeilen und wilde Spekulationen

Doch auch ein Jahrzehnt später löst die Nachricht von der wahren Ursache für Westphals frühen Tod immer noch Raunen, sensationsheischende Schlagzeilen und wilde Spekulationen aus. Hatte sich Westphal als Sechszehnjähriger bei einer drogenabhängigen Mitschülerin infiziert oder auch sexuelle Erfahrungen mit Männern gehabt?

Jessica Stockmann gibt in einem Interview mit einem Boulevardblatt zu Protokoll, er sei ein „einziges Mal fremdgegangen. Das muss Anfang oder Mitte der 80er gewesen sein. Ich habe das nicht weiter verfolgt und weiß auch nicht, wer die Frau war.“

Michael Westphal ist auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt. 2004 wurde erstmals ein nach ihm benannter Preis vergeben, mit dem Personen geehrt werden, die sich um den Tennissport verdient gemacht haben. Zuletzt erhielt ihn 2008 die serbische Tennisspielerin Ana Ivanović. Michael Westphals Nachruhm scheint selbst in der Sportwelt zu verblassen.

Von Axel Schock

Foto: Witters Sportfotografie

Zurück

Kinderkriegen – klar doch!

Weiter

Do you have a Yellow Paper?

Über

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

8 + 2 =

Das könnte dich auch interessieren