Vor 25 Jahren starb der Münchner Filmemacher und Aidsaktivist Konrad Lutz

Zu Beginn der Aidsepidemie in den Achtzigerjahren, als in weiten Teilen der Gesellschaft nicht nur Angst, sondern geradezu Panik herrschten, bedurfte es noch besonders großen Mutes, um als HIV-Positiver Gesicht zu zeigen.

Erst wenn man sich diese gesellschaftliche Stimmung ins Gedächtnis zurückruft, begreift man die Bedeutung einer Szene wie dieser: „Wir sind mutig. Wir bleiben mutig. Wir werden anderen Mut machen“, rufen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Pfingsten 1988 auf der Abschlusskundgebung des 2. Europäischen Positiventreffens in München.

„Wir sind mutig. Wir bleiben mutig. Wir werden anderen Mut machen“

In zwölf Sprachen skandieren sie diese Worte, gleichermaßen als trotzigen Schlachtruf und sich selbst stärkendes Mantra. Dass dieser bewegende historische Moment mit der Kamera festgehalten wurde, ist eines der vielen Verdienste von Konrad Lutz. Er war nicht nur maßgeblich an der Vorbereitung des Treffens beteiligt, sondern auch an den Protestaktionen gegen den höchst umstrittenen bayerischen Maßnahmenkatalog zur Aidsprävention.

Lutz
Konrad Lutz

Sein Film „Coming Out“, den er gemeinsam mit Claus Strigel und Liane Grimm realisieren konnte, war mehr als nur eine Dokumentation dieser Ereignisse. Mit dem knapp einstündigen Werk, einem der ersten deutschen Filme zu HIV und Aids überhaupt, konnte Konrad Lutz ein Zeichen setzen: Ihm war es gelungen, HIV-positive Männer und Frauen vor die Kamera zu holen, um aus der Anonymität herauszutreten und ihre Geschichte zu erzählen. Sie geben Auskunft darüber, wie das positive Testergebnis ihr Leben verändert hat, und sprechen über ihre Drogenerfahrungen und ihre Sexualität, über Diskriminierungserlebnisse und Solidarität, aber auch von ihrer Angst vor dem Sterben.

„Ich wünsch mir von den Leuten, die diesen Film sehen, dass sie merken, dass wir Menschen sind mit Gefühlen und Ängsten“, so einer der Protagonisten. „Coming Out“, finanziert durch die Deutsche AIDS-Hilfe, ist dies auf eindringliche Weise gelungen.

Ein filmischer Meilenstein

„Fast jeder dürfte sich betroffen fühlen, da hier von noch jungen Menschen in einer Art und Weise über Liebe und über Tod gesprochen wird, wie es in unserer Gesellschaft sehr ungewöhnlich ist“, schrieb damals die „Frankfurter Rundschau“ über den Film. „Noch erstaunlicher, wie Hoffnung und Solidarität der Betroffenen auf den Zuschauer zurückwirken.“

Konrad Lutz, geboren 1955 in München, hatte nach rebellischen Zeiten in politisch aktiven Wohngemeinschaften in München durch seinen Jugendfreund Claus Strigel den Weg zum Film gefunden. Mit 23 Jahren realisierte Lutz mit der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film seinen ersten Kurzfilm „Angriff auf unsere Demokratie“.

Uraufgeführt wurde der gesellschaftskritische Filmessay im Münchner Werkstattkino, das Strigel begründet hatte und zusammen mit Konrad Lutz führte. Auf der Suche nach Lebensformen jenseits der bürgerlichen Konformität verschlug es ihn zunächst nach Süditalien, wo er Freunden half, ein heruntergekommenes Bauernhaus instand zu setzen. Später unterstützte er einen Biobauernhof in Bayern.

„Konrad Lutz war Repräsentant einer politisch-kritischen Bewegung, der alles unternahm, um das, was ihm wichtig war, rücksichtslos und radikal zu vertreten“, erinnert sich Lutz’ Freundin Sigrid Deutschmann. „Zugleich war er ein intuitiver und herzlicher Mensch.“

Radikal und herzlich

1983 ändert sich sein Leben schlagartig, als nach einem körperlichen Totalzusammenbruch die Insuffizienz beider Nieren festgestellt wird. Wochenlang liegt er auf der Intensivstation, wird Dialysepatient und erhält Blutkonserven. Im Jahr darauf erfährt er im Rahmen einer Routineuntersuchung, dass er durch verseuchte Blutpräparate mit HIV infiziert worden war.

Durch diese neue Diagnose wird binnen kürzester Zeit noch einmal die gesamte Existenz und Lebensplanung durcheinandergeworfen.

Die Stigmatisierung und die gesellschaftliche wie auch politische Ausgrenzung, denen Menschen mit HIV – damals mehrheitlich Drogengebraucher und Schwule – ausgesetzt sind, erlebt Konrad Lutz auch in seinem eigenen Umfeld. Abfinden kann und will er sich damit aber nicht. Im Gegenteil: Dass selbst elementarste Rechte von Menschen mit HIV und Aids missachtet werden, lässt ihn – ungeachtet der eigenen Erkrankung ­– nicht ruhen.

Konrad Lutz wird eine der treibenden Kräfte der Münchner HIV-Community, engagiert sich in der örtlichen Aidshilfe und ruft, gemeinsam mit Ernst Häussinger, das erste inoffizielle Positiventreffen ins Leben. „Die Freundschaften zu ihm waren tiefgründig und ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, sagt Häussinger.

Ein gegenseitiges Geben und Nehmen

„Er unterstützte sein Umfeld und konnte andere durch sein visionäres Denken für alle möglichen Ideen und Taten motivieren“, so Häussinger weiter. Der Film „Coming Out“, für dessen Interviewaufnahmen lediglich drei Tage zur Verfügung standen, ist dafür ein eindrucksvoller Beleg.

Im Oktober 1988, wenige Monate nach den Aufnahmen, kann Konrad Lutz beim Bundesweiten Positiventreffen im Tagungshaus Waldschlösschen den fertigen Film in einer Vorabpremiere vorstellen. In der folgenden Zeit verschlechtert sich sein Gesundheitszustand so rapide, dass er beim Positiventreffen im Jahr darauf zusammenbricht und ins Krankenhaus gebracht werden muss. Am 3. Februar 1990 stirbt Konrad Lutz im Alter von 35 Jahren an den Folgen der Immunschwäche.

Ein Kunstpreis zu seinen Ehren

Auch wenn er sein geplantes neues Filmprojekt nicht mehr realisieren konnte: Konrad Lutz hat in den wenigen Jahren seit seiner HIV-Diagnose durch seine Aktivitäten, seine öffentlichen Auftritte und die Gespräche mit seinen Freunden und Mitstreitern viel bewegt – innerhalb der HIV-Community wie auch in der breiten Gesellschaft.

Ihm zu Ehren wurde 1998 von der Deutschen AIDS-Hilfe und mit Unterstützung des Pharmaunternehmens Glaxo Wellcome der Konrad-Lutz-Preis ins Leben gerufen. Mit ihm wurden bis 2011 alljährlich Arbeiten von Amateuren wie auch professionellen Künstlern ausgezeichnet, die sich mit dem Leben von Menschen mit HIV und Aids auseinandersetzen.

Mit dem Preis sollte es HIV-Positiven und Aidskranken sowie Menschen aus deren Nahfeld ermöglicht werden, ihre Gefühle, Ängste und Wünsche im Leben mit HIV und Aids in unserer heutigen Gesellschaft gestalterisch auszudrücken.

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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