Aidshilfe bleibt stabil

Lichtblick im Gefängnisalltag: „Gesundheit in Haft“

Von Axel Schock
© DAH / diesuperpixel.de

Die Betreuung und Unterstützung von Menschen in Haft gehört für viele Aidshilfen in Deutschland zu ihren Kernaufgaben. Welche Bedeutung diese Arbeit für die Gefangenen hat, zeigt sich im Emsland. Das Zentrum Sexuelle Gesundheit Ems-Vechte hat hier über Jahrzehnte hinweg das vorbildliche und preisgekrönte Programm „Gesundheit in Haftentwickelt.

Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt die Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen: Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit haben bei uns keinen Platz. Wir stehen zu unseren Werten – und an der Seite all unserer Communitys!

Die Aussicht auf Kaffee und Kuchen, das ist natürlich erst einmal für jede*n ein Anreiz. Aber selbst wer sich nur deshalb zur Gruppe anmeldet, sagt Thomas*, merkt schnell, dass es noch ganz andere Gründe gibt, dabei zu bleiben und mitzumachen. „Melanie und Kerstin schaffen es, alle zusammenzubringen und mitzunehmen, und auf eine nette Art und Weise, Vertrauen aufzubauen.“ Bei den Frauen, denen das gelingt, handelt es sich um Kerstin Billig und Melanie Kura vom Zentrum Sexuelle Gesundheit Ems-Vechte (ZSG), wie die Aidshilfe Emsland seit 2024 heißt. Sie besuchen nicht nur nach Bedarf Gefangene im Justizvollzugskrankenhaus Lingen, sondern bieten in den Haftanstalten Meppen und Hesepe zudem feste Gruppen an.

Hans-Peter-Hauschild-Preis für die AIDS-Hilfe Emsland. Bild: DAH / Brigitte Dummer

Anstoß zur Selbstvorsorge

Seit mittlerweile über sechs Jahren gestalten sie diese wöchentlichen Treffen des eigens entwickelten innovativen Konzepts „Gesundheit in Haft“. Die Hälfte der zehn Sitzungen ist einem bestimmten Gesundheitsthema gewidmet, genauer gesagt sexuell übertragbaren Krankheiten – von Hepatitis und Syphilis bis HPV. „Viele Dinge, insbesondere zu HIV, waren mir tatsächlich neu, etwa die Behandlungsmethoden und die PrEP. Von Mpox hatte ich davor nur in den Nachrichten gehört“, sagt Thomas, der in der JVA Hesepe an dem Gruppenangebot teilgenommen hat. Er fand es zur Erweiterung des eigenen Horizonts beispielsweise auch sehr informativ, von den Infektionsrisiken durch das Teilen von Spritzen und Röhrchen zu erfahren, obwohl er selbst keine Drogen konsumiert. „Aber es ist immer gut, über sowas Bescheid zu wissen und dieses Wissen vielleicht an andere weitergeben zu können.“

Auf diese Weise wächst auch wieder das Vertrauen in die Gesundheitssysteme und ihre Institutionen.

Kerstin Billig, Gesundheit in Haft

Für Kerstin Billig dienen diese Aufklärungsstunden nicht allein der Prävention. Ihr geht es auch darum, die Insass*innen zu mehr Selbstvorsorge zu motivieren. „Wir regen sie auch an, gegebenenfalls HPV- oder Hepatitis-Impfungen nachzuholen.“ In den Sitzungen bekommen sie das Rüstzeug, um mit ihren Anstaltsärzt*innen darüber zu sprechen. Und auf diese Weise, so Kerstin Billigs Hoffnung, wächst auch wieder das Vertrauen in die Gesundheitssysteme und ihre Institutionen.

Vertrauliche Gespräche zu psychischen Sorgen

Für Thomas besonders hilfreich waren jedoch jene Sitzungen, in denen es darum ging, mit welchen Übungen man Stress, dem Inhaftierte unweigerlich ausgesetzt sind, besser bewältigen kann. Und vielleicht noch wichtiger sind für viele die offenen Gesprächsrunden. Denn für Inhaftierte gibt es wenig Möglichkeiten, den Haftraum zu verlassen, unter anderen Menschen zu sein und offen über die alltäglichen Sorgen und Nöte sprechen zu können.

Zwar haben alle Gefangenen die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, doch gerade Männer scheuen sich davor. Zudem bleibt die Unsicherheit, ob das, was mit den Psycholog*innen besprochen wurde, vielleicht doch in der Haftakte landet oder an die Anstaltsleitung weitergegeben wird. In den Gruppen des Zentrums Sexuelle Gesundheit gilt hingegen die Vereinbarung: Alles, was dort besprochen wird, wird nicht weitergegeben.

Kerstin Billig ist selbst immer wieder davon überrascht, wie wertschätzend und respektvoll der Umgang untereinander in den Sitzungen ist und wie schnell die Teilnehmenden sich öffnen. Es sind eigentlich ganz alltägliche Dinge aus dem Haftalltag, die hier ungefiltert ausgesprochen werden können. Ganz häufig, sagt Thomas, geht es um die Sorge, was nach der Haft kommt: „Welche Möglichkeiten habe ich? Wie werde ich draußen angenommen?“

„Hier werden die Inhaftierten nicht darüber definiert, weshalb sie einsitzen. Wir wissen nicht, weshalb sie verurteilt wurden, und wollen dies auch bewusst nicht wissen.“

Kerstin Billig, Gesundheit in Haft

Kerstin Billig weiß, wie wichtig diese wöchentlichen Sitzungen für die Teilnehmenden sind. Diese Treffen sind ein kleiner Lichtblick im Haftalltag. „Wir bieten einen relativ sicheren Raum, sich auszutauschen und auch mal Gefühle zu zeigen. Hier werden sie nicht über die Verbrechen definiert, weshalb sie einsitzen. Das ist für viele eine wichtige Erfahrung. Wir wissen nicht, weshalb sie verurteilt wurden, und wollen dies auch bewusst nicht wissen.“

Oftmals bleibt der Kontakt zum Zentrum Sexuelle Gesundheit auch nach der Haftentlassung noch eine Weile bestehen. Manchmal kommen ehemalige Gefangene einfach mal zum wöchentlichen Regenbogenfrühstück im Zentrum vorbei. Manche benötigen Unterstützung, etwa wenn es um den Kontakt zu Arbeitgeber*innen oder Institutionen geht.

Vor allem während der Haftzeit bleiben die Mitarbeiterinnen des ZSG Ems-Vechte Ansprechpartnerinnen. Die Gefangenen können jederzeit einen Beratungs- und Gesprächstermin in der Haftanstalt vereinbaren. Das Entscheidende dabei: Diese Gespräche sind anonym und finden ohne Anwesenheit von Vollzugsbeamt*innen statt. Diese Beratungstermine können zudem auch für Tests auf HIV, Syphilis und Hepatitis C genutzt werden. Auch das erfolgt völlig anonym und die Ergebnisse werden nicht weitergegeben. Kerstin Billig und Melanie Kura beraten dann im Falle positiver Testergebnisse über Behandlungsmöglichkeiten.

Beharrliches Engagement seit 1986

Dass eine Aidshilfe-Einrichtung innerhalb einer Haftanstalt anonyme Tests durchführen kann, ist keineswegs selbstverständlich, sondern spricht für das Vertrauen, das ihnen von Seiten der Anstaltsleitungen in Meppen und Hesepe entgegengebracht wird. Die Sozialpädagogin Kerstin Billig und die Psychotherapeutin Melanie Mura profitieren hier von der Arbeit ihrer Vorgänger*innen. Denn die Aidshilfe Emsland engagiert sich bereits seit ihrer Gründung 1986 in den Haftanstalten. Über all diese Jahrzehnte hinweg ist so eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erwachsen. Die Arbeit, die das ZSG Ems-Vechte für die Gefangenen leistet, wird von allen Seiten gewünscht, geschätzt und gewürdigt. Probleme und Wünsche können deshalb auf dem kurzen Dienstweg besprochen werden. Der Erfolg ihrer Arbeit und das Engagement des ZSG Ems-Vechte wurde lägst über Niedersachsen hinaus wahrgenommen. 2023 wurde die kleine Aidshilfe im Emsland mit dem Hans-Peter-Hauschild-Preis für besondere Verdienste um die strukturelle Prävention gewürdigt.

Als das ZSG nach einer Corona-bedingten Pause mit dem neuen Konzept wieder die Arbeit in den Justizvollzugsanstalten aufnehmen konnte, war der Zulauf noch verhalten. Mittlerweile ist die Skepsis der Inhaftierten verflogen, und das Angebot wird durch Mund-zu-Mund-Propaganda stetig weiterempfohlen. Auch Thomas hatte darüber von der Gruppe erfahren. Rund 50 Menschen haben übers Jahr die Möglichkeit, an diesem Programm teilzunehmen. Die Nachfrage ist allerdings deutlich höher. Doch für zusätzliche Gruppen fehlt es dem ZSG Ems-Vechte an personellen Ressourcen. Im Mai beginnt in Hesepe ein neuer Durchgang des Seminars. Thomas möchte unbedingt noch einmal daran teilnehmen und wird sich deshalb erneut dafür bewerben.

*Name redaktionell geändert

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