Mit „Leiti“ bezeichnet man in Tonga Menschen, die dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurden, sich aber mehr als Frauen denn als Männer fühlen. „Miss Galaxy“ heißt das Fest, auf dem sie sich feiern und feiern lassen. Ein Gespräch mit Joleen Mataele von der Tonga Leitis‘ Association.

In Tonga, einem aus 176 Inseln und Atollen bestehenden Königreich im Südpazifik, leben insgesamt 104.000 Menschen. Und wie überall auf dem Erdball gibt es auch dort Homosexuelle und Trans*-Menschen – so zumindest nennt man sie in der westlichen Welt, denn die beiden Begriffe entsprechen nur in etwa den Kategorien von Geschlecht und Sexualität, die von den Kulturen im Pazifik geprägt wurden. Mit „Leiti“, abgeleitet vom englischen Wort „Lady“, werden in Tonga Menschen bezeichnet, die man in Deutschland „Transfrauen“ nennen würde. Doch „Leiti“ ist ein Begriff mit sehr vielen Facetten und kulturell so einzigartig wie andere Identitäten im pazifischen Raum.

Die Tonga Leitis‘ Association (TLA) ist die Interessenvertretung der Leitis von Tonga und zugleich Partnerorganisation von Transgender Europe (TGEU) im Forschungsprojekt „Transrespekt versus Transphobie weltweit“. Carla LaGata (Dr. Carsten Balzer), Leiterin dieses Projekts, bereiste im November und Dezember 2014 den Inselstaat, um seinen berühmtesten Event, den in der Hauptstadt Nuku’alofa veranstalteten „Miss Galaxy Pageant“, zu dokumentieren und als Jury-Mitglied zu wirken. Bei diesem zwei Tage dauernden Wettbewerb werden die Kreativität, die Vielfalt und die Verdienste der Leiti-Community gefeiert und ausgezeichnet. Carla LaGata traf sich dort mit der TLA-Vorsitzenden Joleen Mataele, um mit ihr über das Fest und seine Hintergründe sowie über die Lebensbedingungen der Leitis zu sprechen.

Joleen, der „Miss Galaxy Pageant“ ist die berühmteste Veranstaltung im Königreich Tonga und wird in der „Miss Galaxy-Woche“ entsprechend gefeiert. Warum habt ihr vor 21 Jahren „Miss Galaxy“ ins Leben gerufen?

Weil das die einzige Möglichkeit war, Gelder für die Finanzierung unserer Vorhaben zu organisieren – zum einen Projekte zur HIV-Prävention und zur Aufklärung darüber, dass nicht einzelne Gruppen wie wir Leitis für die HIV-Epidemie im Königreich Tonga verantwortlich zu machen sind. Als nämlich die erste infizierte Person im Königreich, eine Leiti, 1987 von ihrer Familie aus den USA zurückgebracht wurde, damit sie hier sterben kann, waren die Leitis plötzlich als Gruppe „betroffen“, weil man sie als Auslöser der Krankheit stigmatisiert hatte.

Die Leitis wurden als Auslöser der Krankheit stigmatisiert

Zum anderen wollten wir in der Leiti-Community Bildungsstipendien für Schulabbrecherinnen wie auch Fortbildungen anbieten, zum Beispiel in Design, Kochen oder Gastronomie. Und dafür brauchten wir Finanzierungsquellen.

Die Miss Galaxy-Woche startete mit einer katholischen Messe in der Basilika der Hauptstadt Nuku’alofa, an der zahlreiche Leitis in weiblicher Kleidung und mit ihren Miss-Schärpen teilnahmen. Bei einer Gedenkveranstaltung im Rahmen des Welt-Aids-Tages im Zentrum der Hauptstadt nahm nicht nur die Prinzessin Lupepau’u Salamasina Purea Vahine Ar’e Oe Hau Taione, die Schirmherrin der Tonga Leitis’ Association, teil, sondern auch mehrere Politiker_innen und Kirchenoberhäupter. Wie habt ihr es geschafft, dass sogar die Kirchen die Arbeit der TLA öffentlich würdigen? 

Ich bin ein sehr religiöser und gläubiger Mensch und entstamme einer Familie, deren eine Seite der Mormonen-Kirche und die andere Seite der römisch-katholischen Kirche angehört. Für mich basiert unsere Kultur auf Religion, weil sie das ist, woran unsere Vorfahren glaubten. Die Kirchenoberhäupter haben gesehen, dass wir unsere Kultur respektieren, dass wir Verantwortung übernehmen und in vorderster Reihe gegen die Diskriminierung HIV-positiver Menschen kämpfen und dass wir in den Leiti-Communities eine gesunde Lebensweise propagieren.

„Die Kirchenoberhäupter sehen, dass wir Verantwortung übernehmen“

Auf der Veranstaltung zum Welt-Aids-Tag erklärte der Pastor der Siebenten-Tags-Adventisten, ein guter Hirte zu sein, bedeute, aus der Kuschelecke herauszukommen, Minderheiten anzuerkennen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Der Vorsitzende der Freien Kirche des Königreichs Tonga sagte, was die TLA mit der Organisation der Miss-Galaxy-Woche geleistet habe, hätte von den Kirchen geleistet werden müssen. Der Direktor des Gesundheitsministeriums erwähnte die von TLA durchgeführten HIV-Tests und erklärte, er sei stolz, sagen zu können, dass alle Leitis HIV-negativ seien. Außerdem würdigte er die Leitis als wichtigste Unterstützerinnen der staatlichen Maßnahmen zur Aufklärung über HIV.

In mehreren Miss Galaxy-Veranstaltungen sprach eure Schirmherrin von den Leistungen und Erfolgen der TLA und auch von den Herausforderungen, denen ihr euch stellen musstet. Sie scheint nicht nur formell eure Schirmherrin zu sein, sondern überhaupt eine starke und engagierte Verbündete.

Dass die Prinzessin Lupepau’u Salamasina Purea Vahine Ar’e Oe Hau Taione aus ihrer gehobenen Stellung zu uns Minderheiten herabgestiegen ist, mit uns arbeitet und die Leiti-Community anerkennt, ist in den Augen vieler Menschen im Königreich Tonga falsch. Es entspreche nicht ihrer Kultur – so zumindest war die Einstellung früher. Deshalb hat sie in einer ihrer Ansprachen gesagt, man habe es in den vergangenen 20 Jahren mit „The Good, the Bad and the Ugly“ zu tun gehabt. Es ist sehr wichtig, jemanden mit einer so hohen Stellung als Schirmherrin und Anwältin zu haben.

Zusammen mit Transgender Europe hat TLA auf mehreren Inseln im Königreich eine wissenschaftliche Studie zu den Lebensbedingungen von Leitis durchgeführt. Kannst du uns einige Ergebnisse nennen?

Durch unsere gute Vernetzung und Zusammenarbeit waren wir in der Lage, besonders aussagekräftiges Datenmaterial zu sammeln. So hat die Auswertung der 108 ausgefüllten Fragebögen unter anderem ergeben, dass 99 % aller interviewten Leitis der Ansicht sind, in der Gesellschaft geschätzt zu werden. 78 % glauben, Leitis würden nie wegen ihres Leiti-Seins diskriminiert, 17 % denken, dies sei manchmal der Fall, 4 %, das sei häufig und 1 %, das sei immer der Fall.

Mobbing, körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe in der Kindheit

Diese Ergebnisse stehen allerdings im Widerspruch zur rechtlichen Situation der Leitis im Königreich Tonga. Nicht nur, dass die Leiti-Identität nicht rechtlich anerkannt ist: es gibt Gesetze, die Homosexualität und Cross-Dressing kriminalisieren, auch wenn sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr angewendet werden. Zugleich lieferte die Datenanalyse Besorgniserregendes, was die Kindheit und Jugend von Leitis angeht: Ihre Erfahrungen in dieser Lebensphase reichen von Mobbing bis hin zu körperlicher Gewalt und zu sexuellen Übergriffen in der Schule und in der Familie.

Diese Daten sind wichtig für unsere Öffentlichkeitsarbeit, denn häusliche Gewalt beispielsweise ist im Königreich stark tabuisiert: darüber redet man nicht. Aber jetzt haben wir aussagekräftige Daten, mit denen wir an die Öffentlichkeit gehen können, damit sich die Situation junger Leitis verändert.

Joleen, was wünschst du dir für die Zukunft?

Gestern bin ich 50 Jahre alt geworden und habe über das Leben von uns Leitis nachgedacht – ja, es war ein Leben, in dem es Gutes, Schlechtes und Hässliches gegeben hat. Ich wünsche mir für meine nächsten 50 Lebensjahre, dass unser Königreich zu einem Königreich wird, das alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität willkommen heißt. Und ich wünsche mir, dass unsere Regierung, unsere Gesellschaft und unsere Familien Leitis darin unterstützen, hervorragende Entscheidungsträgerinnen, Vorbilder und Leitfiguren zu sein.

Ich danke dir für das Gespräch!

Carla LaGata

 

 

 

Zurück

Einigung über Erstattungsbetrag für Hepatitis-C-Medikament Sovaldi

Weiter

„Hartnäckigkeit, politischer Wille und finanzielle Möglichkeiten“

Über

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

76 + = 80

Das könnte dich auch interessieren