Der Film „All the Beauty and the Bloodshed“ porträtiert die Fotografin Nan Goldin nicht nur als Chronistin queeren Lebens, sondern auch als politische Aktivistin im Zuge der Opioid-Krise in den USA.

Dokumente der Lebensfreude und des Schmerzes

Ihr Leben und ihre Kunst wollte und konnte Nan Goldin nie voneinander trennen. Vielmehr machte sie als eine der ersten Fotograf*innen das eigene Leben zum Gegenstand ihrer Kunst. Ihre Bilder, die sie ab den späten 1970er Jahren veröffentlichte, waren revolutionär. Diese intimen Momentaufnahmen aus ihrem eigenen und dem Leben ihrer Freud*innen und Bekannten zeigen Freundschaft, überschwängliche Lebensfreude und Begehren, aber auch Schmerz und Einsamkeit sowie Sucht und deren Folgen. In den 1980er Jahren wurde Nan Goldin zudem zur Dokumentaristin der Aidskrise und des Sterbens vieler ihr nahestehender Menschen.

Nan Goldin auf dem Bett liegend, davor sitze Brian rauchend mit nacktem Oberkörper auf der Bettkante, an der Wand über dem Bett hängt ein Porträtfoto einer rauchenden maskulienen Person
Nan Goldin und Brian, NYC, 1983
© Courtesy of Nan Goldin

Nan Goldins intensive, wahrhaftige Fotografien, die die Betrachtenden unmittelbar an dieser Nähe teilhaben lassen, sind dabei nie voyeuristisch. Vielmehr wird das Private im größeren Kontext politisch, indem Goldin durch ihre Bilder Lebenswelten von weithin marginalisierten Menschen ins Zentrum rückt.

Seit 24. Mai im Kino: „All the Beauty and the Bloodshed“

Daher kommt auch Laura Poitra in „All the Beauty and the Bloodshed“ (deutsch: All die Schönheit und das Blutvergießen), ihrem großartigen Dokumentarfilm über Nan Goldin, nicht umhin, ihrerseits Privates mit Politischem zu verknüpfen. Die für ihre Dokumentation „Citizenfour“ (2014) über den Whistleblower Edward Snowden Oscar-prämierte Filmemacherin rekapituliert in einem Erzählstrang die Lebensgeschichte und Werkbiografie der heute 70-jährigen Künstlerin. Aus dem Off ist die sonst so verschlossen-scheue Goldin zu hören, die mit unerwarteter Offenheit über ihr repressives Elternhaus, den tragischen Freitod ihrer Schwester und erstmals auch über ihre Zeit als Sexarbeiterin spricht. In der queeren Szene New Yorks fand Nan Goldin schließlich ihre erste Wahlfamilie, eine wirkliche Heimat und künstlerische Anerkennung.

Älteres Selbstporträt Nan Goldins mit Brille und Halstuch, im Hintergund steht eine zweite feminine Person vor einem Toilettenspiegel
Nan Goldin
© Courtesy of Nan Goldin

Im zweiten Erzählstrang begleitet Laura Poitra die Aktivistin Goldin bei ihren Aktionen. Als eine Reaktion auf die Aidskrise hatte Goldin in den USA 1989 die erste Kunstausstellung zum Thema kuratiert und damit heftige Proteste bei der Kunstförderung und in der Politik ausgelöst. 2017 sah Goldin sich erneut zum Handeln gezwungen. Denn wieder starben in den USA Hunderttausende, nun im Zuge der Opioidkrise. Dafür verantwortlich gemacht wird die Pharma-Dynastie Sackler, die ab 1996 mit irreführender Werbung das opioidhaltige Oxycontin massenhaft auf den Markt drückte.

Über Nacht süchtig

Nan Goldin hatte das Schmerzmittel 2014 im Zuge einer Operation verschrieben bekommen. „Obwohl ich es vorschriftsmäßig nahm, wurde ich über Nacht süchtig. Mein Leben drehte sich nur noch um die Beschaffung und den Konsum von Oxycontin“, schrieb Goldin nach ihrem Entzug in einem aufsehenerregenden Artikel, der am Ausgangspunkt ihres Feldzuges gegen die Verantwortlichen stand. Die Unternehmerfamilie verdient mit diesem Medikament Milliarden. „Blutgeld“, wie die 69-jährige Goldin sagt, mit dem die Sacklers – steuersparend – die bedeutendsten Museen in Europa und in den USA, vom Louvre in Paris über das Victoria and Albert Museum in London bis zum New Yorker Guggenheim Museum förderten und sich dafür entsprechend feiern ließen. Ganze Museumsflügel wurden nach den einflussreichen Mäzenen benannt. Gemeinsam mit anderen Geschädigten, mit Angehörigen von Opfern der Opioidkrise und Menschen aus der Kunstszene gründete Nan Goldin deshalb in ihrem Wohnzimmer die Gruppe „Prescription Addiction Intervention Now“ (P.A.I.N.).

Nan Goldin liegt im Harvard Art Museum in schwarzer Kleidung mit Sonnenbrille auf dem Boden, unter ihr liegt ein nicht lesbares Protestschild, neben ihr zahlreiche leere Tablettendosen, im Hinterund ein Schild "Stop the Overdoses"
Nan Goldin bei einer Protestaktion mit P.A.I.N im Harvard Art Museum. Obama Foundation
© 2022 Participant Film, LLC. Courtesy of Participant

Wenn die Sacklers schon nicht von der Politik und der Justiz zur Verantwortung gezogen werden, so sollte das zumindest die Kunstszene tun. Wer Spenden annimmt, sollte zumindest wissen, wie und auf wessen Kosten das Geld verdient wurde.

Von ACT UP und anderen Aids-Aktionsgruppen hatte Nan Goldin gelernt, wie auch mit wenigen Menschen aufsehenerregende, spektakuläre Protestaktionen durchgeführt werden können. Mit „Die-Ins“ verstörten sie die Besucher*innen und Beschäftigen in Museen oder Galerien und erzeugten letztlich eine weltweite mediale Aufmerksamkeit, welche die Verantwortlichen nicht mehr ignorieren konnten.

Goldener Löwe für das eindringliche Filmporträt

Wie in Nan Goldins Kunst fließen auch in Poitras auf dem Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Dokumentation Leben, Fotografie und politisches Engagement zusammen. Und das gleichermaßen lakonisch und lyrisch, mit einer eindringlichen Intensität, dass auch solche Zuschauer*innen unweigerlich gepackt werden, die sich eigentlich weder für Fotografie noch die Opiodkrise sonderlich interessieren. Und nicht zuletzt spiegelt der Film Nan Goldins Persönlichkeit und Gesamtwerk tiefgehender, als man es auf den ersten Blick erwarten würde.

All the Beauty and the Bloodshed”, USA 2022. Mit: Nan Goldin, Marina Berio, Robert Suarez. Regie Laura Poitras. 117 min. Kinostart: 25. Mai 2023.

älteres Selbstporträt Nan Goldins mit pinker Federboa, buntem Make-Up und Kopfschmuck auf der Rückbank eines fahrenden Autos
Nan Goldin
© Courtesy of Nan Goldin

Mehr zu Nan Goldin auf magazin.hiv:

Beitrag über die Auszeichnung mit dem Reminders Day Award 2011

Beitrag über die Ausstellung „Nan Goldin – Berlin Work. Fotografien 1984–2009“ in der Berlinischen Galerie

Trailer auf YouTube

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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