Ein Workshop bringt acht Teenager mit HIV mit verschiedenen Hintergründen zusammen – für viele das erste Mal, dass sie sich mit Gleichaltrigen austauschen können.

Gloria (Anm. d. Red.: Die Namen der Jugendlichen sowie einige andere Angaben wurden zu ihrem Schutz geändert) ist fünfzehn Jahre alt, kommt aus Namibia und lebt seit mehreren Jahren in einer westdeutschen Großstadt. Sie spricht fließend Deutsch, aber wenn sie müde ist, switcht sie lieber ins Englische. „I can’t believe it“, sagt sie und schlägt mit den Handflächen auf ihre Oberschenkel. „Ich kann das einfach nicht glauben. Alle hier sind so hübsch, so clever, so ganz normal! Wie kann das sein, dass sie alle HIV haben? Manchmal vergesse ich das sogar, und dann fällt es mir wieder ein und ich kann es wieder nicht glauben.“

Eine Afrikanerin in Deutschland zu sein ist hart, eine HIV-positive Afrikanerin – doppelt hart.

Gloria (Name geändert), Teilnehmerin eines Workshops für Jugendliche mit HIV

Bis zu diesem herbstlichen Wochenende in der Nähe von Duisburg, zwischen Feldern und Teichen, waren sie selbst und ihre Eltern die einzigen Menschen mit HIV, die Gloria kannte. Zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie nun darüber in einer Gruppe von Gleichaltrigen sprechen, ihre Gefühle teilen.

Ein Workshop schafft einen Raum ohne HIV-Diskriminierung

Hier, im Rahmen dieses Workshops, soll ein diskriminierungsfreier Raum entstehen. „So, wie ihr seid, seid ihr richtig“, sagt Seminarleiter Christoph Leder, 42, der selbst seit über 15 Jahren mit HIV lebt.

Die Gruppe ist sehr heterogen, viele Jugendliche haben Wurzeln in verschiedenen Ländern Afrikas und Osteuropas. Es gibt auch queere Teilnehmer*innen. Fast alle verbindet, dass sie oder ihre Eltern Erfahrungen mit Flucht oder Migration gemacht haben.

„Eine Afrikanerin in Deutschland zu sein ist hart, eine HIV-positive Afrikanerin – doppelt hart“, sagt Gloria. Und das noch im Teenager-Alter, eine absolute Katastrophe. In der Zeit, in der viele sich ausprobieren, fühlt sich Gloria wie viele andere hier in der Gruppe irritiert und herausgefordert. „Es gab Erwachsene, sogar Ärzte, die mir gesagt haben, dass ich niemanden küssen darf.“ – „Was für ein Quatsch!“, erwidert Christoph. „Vom Küssen kriegt man kein HIV“, sagt er. „Und vom Küssen wird man nicht schwanger,“ fügt Julia, auch eine Teilnehmerin der Gruppe, hinzu.

Jugendliche mit HIV werden eher von sozialen Fragen umgetrieben

Dank der HIV-Medikamente geht es allen acht Jugendlichen, die aus verschiedenen Ecken Deutschlands angereist sind, körperlich gut. Es sind eher soziale Fragen, die sie umtreiben. Wie sage ich jemandem, dass ich HIV-positiv bin? Wann muss ich das sagen, wenn ich jemanden date?

„Ich habe eines Tages für mich beschlossen, es den Männern, die ich mag, so früh wie möglich zu sagen. Wenn jemand blöd reagiert, dann ist es einfacher für mich, über ihn hinwegzukommen, solange wir nicht so eng sind und ich mich nicht richtig verliebt habe“, erzählt Christoph. Jeder und jede müsse aber für sich selbst entscheiden.

Alle hier Anwesenden sind von Geburt an HIV-positiv. Schon als Kinder haben sie Medikamente genommen, aber viele wussten nicht, warum. So dachte zum Beispiel Vlad aus der Ukraine, dass er Pillen nehmen muss, weil etwas mit seiner Leber nicht stimme. Erst Jahre später hat ihm seine Mutter die Wahrheit offenbart.

Vlad ist fünfzehn und in Kyjiw aufgewachsen. Er ist mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, weil sie vor dem russischen Angriffskrieg fliehen mussten, und besucht eine Willkommensklasse. Allmählich klappt es, sich mit den anderen Jugendlichen zu verständigen.

Auch Vlad hat bis zu diesem Wochenende niemanden mit HIV persönlich gekannt, außer seine Eltern. „Manchmal habe ich überlegt, es vielleicht meinen Freunden zu erzählen, aber dann habe ich mich doch anders entschieden. Wenn wir uns mal streiten, können sie diese Information gegen mich verwenden, das will ich nicht.“

Tanzen bringt die Gruppe zusammen

Der Workshop, den die Deutsche Aidshilfe für Jugendliche anbietet, wird von Carlinhos Bata, 52, durchgeführt, Tänzer und Sozialarbeiter. Bata kommt aus Brasilien und lebt schon seit 25 Jahren in Deutschland. Er bringt den Jugendlichen Tanzschritte bei, um eine gemeinsame Show auf die Beine zu stellen. Die Idee dahinter ist, als Gruppe zusammenzufinden, aber auch, bei sich selbst, im eigenen Körper, anzukommen.

Die Jugendlichen gestalten die Show mit: Sie bringen ihre eigenen Lieblingstracks mit und entscheiden, wer an welchem Teil der Performance teilnimmt. So wird zu „Hamba Wena“ getanzt, zu den südafrikanischen Beats von Deep London und Boohle, zu „Blase Blah“ vom New Yorker Kwest Tha Madd Lad und zum alten Hit „Macarena“ der spanischen Band Los del Río.

„Kick, Ball, Change, Kick, Ball, Change“, leitet Bata die Teilnehmer*innen an, während sie die Tanzbewegung ausführen. Drei Schritte, die auf zwei Zähler getanzt werden, den Fuß vor, dann nach hinten.

Manche haben bereits Tanzerfahrung, sind sicher und energetisch dabei, andere tasten sich schüchtern heran. Carlinhos Bata macht dabei mehr, als ihnen nur den Tanz beizubringen, er motiviert. Als Gloria plötzlich ihren Teil nicht vorführen will, bleibt er geduldig, geht mit ihr noch mal die Bewegungen durch.

Das HIV-Stigma belastet Jugendliche

Amara, 17, die Älteste in der Gruppe, bekommt eine spezielle Aufgabe: Sie soll rappen. Der Text wurde kollektiv Zeile für Zeile geschrieben, aber Amara hat ihn zusammen mit Aygul verfeinert und ergänzt. Daran hatten sie Spaß. Sich vor die Gruppe zu stellen und den Text laut vorzutragen, findet Amara dann doch peinlich. Aber es dauert letztendlich nur drei, vier Versuche, bis es klappt. Es geht dann ungefähr so: „Ich habe keinen Bock, willkommen in meinem Block. Du kriegst gleich einen Schock von meinem großen Wok.“

Ihre Eltern kamen als Geflüchtete aus Ghana nach Deutschland. Amara ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Von ihrer HIV-Infektion hat sie erst mit 12 erfahren. Bis dahin dachte Amara, dass sie ihre Medikamente wegen einer anderen Krankheit nimmt.

HIV ist ein Stigma. Ich erzähle es nicht, weil ich nicht verurteilt werden will.

Amara (Name geändert), Teilnehmerin eines Workshops für Jugendliche mit HIV

Eines Tages, bei einer Kontrolluntersuchung, hat ein Arzt sich dann mit ihr zusammengesetzt und ihr erklärt, dass sie HIV-positiv ist und was das bedeutet. Sie habe geweint, erzählt sie. „Das klang so groß und so negativ.“ Später fand sie Unterstützung bei ihrer Mutter. Die beiden können offen über die Infektion sprechen, auch über die Erfahrungen, die sie damit machen. Außerhalb des engen Kreises der Familie darf aber niemand davon wissen.

„HIV ist ein Stigma. Ich erzähle es nicht, weil ich nicht verurteilt werden will. Manchmal fühlt es sich okay an, damit zu leben, manchmal ist es doch sehr frustrierend. Man hat viele Fragen: Wie soll ich jemals jemanden kennenlernen? Wird mich jemand heiraten? Werde ich Kinder kriegen? Kann ich eine Familie gründen? Aber irgendwann werden die Antworten kommen“, sagt Amara. Dieses Wochenende mit den anderen Teenagern habe ihr ein bisschen mehr Sicherheit und Glauben an sich selbst gegeben.

Mehr Treffen von Jugendlichen mit HIV wären wichtig, aber es fehlen die Gelder

Nach zwei Tagen Proben ist die Show komplett. Die Jugendlichen wirken, als würden sie sich schon Monate lang kennen. Sie tanzen selbstbewusster, auch die Stimme von Amara wird etwas lauter.

Am letzten Abend wird zusammen gekegelt. Hawi aus Äthiopien führt. Bei jedem Wurf legt er sechs bis neun Kegel um. Aber auch die anderen sind gut im Kegeln. Als die Teilnehmer*innen die Kegelbahn verlassen, ist die Nacht vom Licht des Vollmondes erhellt und niemand will schlafen gehen.

Gloria will unbedingt noch mal ihren Tanz draußen üben und macht Musik an. Vlad spricht Christoph an: „Ganz ehrlich, ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man über HIV so frei reden kann. Dieses Wochenende bringt mich auf ein neues Level.“

„Es wäre schön, wenn solche Treffen öfter stattfinden könnten“, sagt Christoph. Er leitet bereits seit zwölf Jahren Seminare für Jugendliche. „Aufgrund der mangelnden Finanzierung findet nur ein Seminar pro Jahr statt. Ich bin der DAH für die Organisation und der Michael Stich Stiftung für die Förderung sehr dankbar –  sie haben dieses Jugendtreffen möglich gemacht. Aber für Jugendliche in diesem Alter fühlt sich ein Jahr wie fünf Jahre für Erwachsene an. Ich wünsche mir sehr, dass es mehr Mittel für die Jugendtreffen gäbe. Auch betreute Online-Angebote wären wichtig, damit die Jugendlichen in Kontakt bleiben können“, fügt Christoph hinzu.

Es ist schon spät, aber die Gespräche und das Lachen wollen nicht aufhören. Alle hier sagen, dass sie sich bereits auf das nächste Treffen freuen.

Mondschein über dem Ort des Workshops für Jugendliche mit HIV; Foto: Inga Pylypchuk
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Inga Pylypchuk

Inga Pylypchuk, geboren 1986 in Kyjiw, lebt und arbeitet als Journalistin und Dokumentarfilmregisseurin in Berlin.

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