Porno ohne schlechtes Gewissen?
Ein Blick auf Forschung, Kritikpunkte und bewussten Pornokonsum.
Für viele Menschen gehören Pornos selbstverständlich zur Sexualität dazu. Sie machen Lust, liefern Inspiration und geben Fantasien Raum, die wir im echten Leben vielleicht nie ausleben wollen. Gleichzeitig werden Pornos von verschiedenen Seiten kritisiert: Sie würden Gewalt verherrlichen, Frauen objektifizieren, Geschlechterklischees reproduzieren und unsere Sexualität negativ beeinflussen.
Sind Pornos Inspirationsquelle oder Problem? Gibt es so etwas wie ethischen Pornokonsum?
Die kurze Antwort: Es ist kompliziert.
Bewusster Pornokonsum beginnt vermutlich nicht mit dem perfekten Porno, sondern mit besseren Fragen.
Zunächst braucht es eine Einordnung: Dieser Text spricht ausschließlich über den Pornokonsum von Erwachsenen. Dass Jugendliche Pornos schauen, obwohl dies erst ab 18 Jahren erlaubt ist, gehört zur Realität. Wie junge Menschen vor ungeeigneten Inhalten geschützt werden können, verdient allerdings eine eigene Debatte.
Ein Streit, der nie aufgehört hat
Die Diskussion über Pornografie ist älter als Internetpornografie. Schon in den 1980er-Jahren wurde darüber gestritten, ob Pornos grundsätzlich schädlich sind. Die Feminist Sex Wars oder Porn Wars wurden in den USA unter anderem von Gruppen wie Women Against Violence in Pornography and Media geprägt. Anders als der Name vermuten lässt, richtete sich ihre Kritik allerdings nicht nur gegen Pornografie, sondern sie lehnten auch strikt BDSM-Praktiken oder sogar jegliche Penetration ab. In Deutschland wurde die Debatte vor allem durch die von Alice Schwarzer initiierte Kampagne PorNO bekannt, die Pornografie stärker regulieren wollte.
Dem widersprachen sexpositive Feminist*innen. Sie sahen Pornografie nicht grundsätzlich als Problem, sondern kritisierten vor allem dominante Darstellungen von Sexualität. Ihre Frage lautete:
Was passiert, wenn Frauen und queere Menschen Pornos selbst gestalten?
Aus dieser Perspektive entstand eine Bewegung, die Pornografie nicht abschaffen, sondern verändern wollte: mehr Vielfalt, andere Körper, neue Perspektiven auf Lust. In Deutschland steht dafür unter anderem die PorYES-Initiative von Laura Méritt, die seit 2009 Pornoproduktionen auszeichnet, die rassistische, sexistische oder ableistische Stereotype bewusst vermeiden.
Gewalt oder Kink? Die Sache mit den Studien
Fast vierzig Jahre später hat sich die Debatte erstaunlich wenig verändert. Noch immer lautet die Kritik: Pornos reproduzieren stereotype Rollenbilder, normalisieren Gewalt und reduzieren die Darsteller*innen auf ihre Körper.
Gleichzeitig zeigt der Blick in die Forschung, dass vieles weniger eindeutig ist, als oft behauptet. Wie gesagt: Es ist kompliziert.
Wie kann das sein? Die Antwort liegt oft im Studiendesign: Forschende definieren „Gewalt“ unterschiedlich. In manchen Untersuchungen zählen bereits Praktiken wie Spanking oder Bondage als Gewaltdarstellung. Andere codieren nur Szenen als Gewalt, in denen Menschen gegen ihren Willen handeln oder sichtbar leiden.
Einen direkten Zusammenhang will ich hier nicht unterstellen. Trotzdem drängt sich bei der Codierung von kinky Praktiken als Gewalt die Erinnerung an die BDSM-feindliche Haltung der Anti-Pornografie-Bewegung auf. Die Frage bleibt:
Ist jede Darstellung von Schmerz automatisch Gewalt?
Aus sexualpädagogischer Perspektive möchte ich sagen: nein. Wenn alle Beteiligten einer Praxis zustimmen und diese lustvoll erleben, handelt es sich nicht um Gewalt. Wer BDSM oder andere kinky Praktiken pauschal problematisiert, läuft schnell Gefahr, Menschen für ihre sexuellen Vorlieben abzuwerten.
Das bedeutet nicht, dass problematische Inhalte nicht existieren. Natürlich gibt es Pornos, die Grenzverletzungen sexualisieren oder stereotype Machtbilder reproduzieren. Der Punkt ist nur: Alarmierende Zahlen sagen wenig aus, wenn unklar bleibt, wie sie zustande kommen.
Objektifizierung: Ein Pornoproblem?
Ein zweiter Vorwurf lautet: Pornos objektifizieren Frauen. Was heißt das denn konkret? Dass wir Frauen in Pornos vor allem auf ihre Geschlechtsorgane reduziert sehen? Dass wir sie nicht als ganzheitliche Subjekte kennenlernen? Wenn das die Messlatte ist, dann lautet die Antwort: Ja, Pornos objektifizieren Frauen. Trotzdem möchte ich zwei Gegenargumente anführen.
Erstens: Dieser Punkt trifft genauso stark auf Männer zu. Oft reduziert sich der Blick der Pornokamera fast ausschließlich auf den Penis des Darstellers. Hier ist auch schwule Pornografie keineswegs davon ausgenommen. Das liegt in der Natur des Genres: Pornos zeigen nackte Körper und Sexualität mit dem Ziel, zu erregen. Wer Objektifizierung allein daran festmacht, dass Menschen auf einzelne Körperteile reduziert werden, muss diese Kritik daher geschlechterübergreifend formulieren.
Darüber hinaus ist der sexistische Blick auf Frauenkörper kein exklusives Pornoproblem. Werbung, Musikvideos oder Serien reproduzieren ähnliche Bilder. Pornografie existiert nicht außerhalb gesellschaftlicher Normen. Pornos spiegeln sie oft wider und verstärken sie manchmal.
Das macht Kritik an Pornos nicht überflüssig, unabhängig davon, ob sie sich an ein hetero-, bi- oder homosexuelles Publikum richten. Rassistische Stereotype, unrealistische Körperbilder oder Drehbücher, in denen männliche Lust im Mittelpunkt steht, existieren. Auch die Fetischisierung von trans* Personen ist ein wiederkehrendes Problem. Trans* Körper werden dabei häufig nicht als selbstverständlicher Teil sexueller Vielfalt dargestellt, sondern als besondere sexuelle Kategorie inszeniert. Die Kritik daran ist wichtig. Genau daraus entstand auch die Idee feministischer Pornografie.
Kann Porno feministisch sein?
Feministische Pornografie will Sexualität vielfältiger erzählen. Sie stellt gängige Vorstellungen von Geschlecht, Alter, Sexualität, Ethnie, sozialer Klasse und Schönheit infrage und will vielfältigere Körper, Perspektiven und Formen von Lust sichtbar machen.
Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Die Sexualpädagogin und Kulturwissenschaftlerin Madita Oeming beobachtet, dass über dieses Genre häufig mit Begriffen wie „stilvoll“, „künstlerisch“ oder „anspruchsvoll“ gesprochen wird.[3] Darin zeigt sich aber auch ein Problem: Die Unterscheidung zwischen „ethischem“ und „unethischem“ Porno wird oft vor allem ästhetisch getroffen.
Schnell geraten sexuelle Vorlieben selbst in eine moralische Bewertung. Das vermeintlich „schöne“ Begehren gilt als anspruchsvoll, während das Explizite oder vermeintlich „Billige“ abgewertet wird. Dahinter steckt oft weniger Ethik als kultureller Geschmack oder klassistische Zuschreibung. Nur weil mir eine Fantasie fremd erscheint oder eine Ästhetik nicht gefällt, ist sie nicht automatisch problematisch.
Die wichtigere Frage: Wie entstehen Pornos?
Die Debatte kreist oft um das Was der Bilder und seltener um das Wie ihrer Entstehung. Vielleicht führt deshalb eine andere Perspektive weiter: Die Frage nach den Produktionsbedingungen.
Pornos sind Medienprodukte. Hinter ihnen stehen Menschen, Arbeit und Produktionsprozesse. Wer bewussten Pornokonsum ernst nimmt, kommt an Fragen nach Fairness kaum vorbei: Wer verdient an den Inhalten? Unter welchen Bedingungen wird gearbeitet? Wurden Grenzen respektiert und Beteiligte fair bezahlt?
In Deutschland gelten rechtliche Standards für alle Pornoproduktionen. Inhalte, Beteiligte und Bezahlung werden vorab abgesprochen. STI-Tests gehören in professionellen Produktionen selbstverständlich dazu (unser Video-Short zum Thema). Der entscheidende Unterschied zwischen Mainstreamproduktion und kleinem feministischen Projekt liegt oft im Budget. Gerade kleinere Produktionen arbeiten mit knappen Mitteln, was nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen bedeutet.
Warum kostenlos selten fair ist
Mit Internetpornografie sind sexuelle Inhalte so zugänglich wie nie zuvor. Viele Menschen konsumieren Pornos kostenlos über Tube-Seiten. Wer allerdings nie für Inhalte bezahlt, macht faire Produktionsbedingungen schwerer finanzierbar.
Wenn wir über ethischen Konsum sprechen, führt deshalb kaum ein Weg an der Frage vorbei: Sind wir bereit, für Pornografie zu bezahlen?
In anderen Bereichen reflektieren wir Konsumentscheidungen oft bewusst. Wir achten auf Lieferketten bei Kleidung oder auf Produktionsbedingungen bei Lebensmitteln. Warum sollten ähnliche Maßstäbe nicht auch für Pornografie gelten?
Bessere Fragen statt perfekte Pornos
Am Ende gibt es keine einfache Formel für den „richtigen“ Pornokonsum. Wer den immer gleichen Bildern entkommen will, kann Vielfalt ausprobieren: neue Ästhetiken, vielfältige Körper und ungewohnte Perspektiven. Vielleicht auch einmal Audio-Pornografie statt Video. Bewusster Pornokonsum beginnt vermutlich nicht mit dem perfekten Porno, sondern mit besseren Fragen.
Die Pornoproduzentin Paulita Pappel gibt praktische Anregungen für einen bewussteren Umgang mit Pornografie. Mit einem Gedanken daraus möchte ich schließen: Sharing is caring.[4] Pornos müssen nichts rein Privates sein. Sie können geteilt, gemeinsam geschaut und zum Anlass für Gespräche über Wünsche, Grenzen und Lust werden. Und das lässt mein sexualpädagogisches Herz ehrlich gesagt ein bisschen höherschlagen.
[1] Bridges, Ana J.; Wosnitzer, Robert; Scharrer, Erica; Sun, Chyng; Liberman, Rachel (2010): Aggression and sexual behavior in best-selling pornography videos: A content analysis update. In: Violence Against Women, 16(10), S. 1065–1085.
[2] Miller, D. J.; McBain, K. A. (2022): The Content of Contemporary, Mainstream Pornography: A Literature Review of Content Analytic Studies. In: American Journal of Sexuality Education, 17(2), S. 219–256.
[3] Oeming, Madita (2023): Porno. Eine unverschämte Analyse. Berlin: Rowohlt Polaris, S. 85.
[4] Pappel, Paulita (2023): Pornopositiv. Was Pornografie mit Feminismus, Selbstbestimmung und gutem Sex zu tun hat. Berlin: Ullstein extra, S. 182.
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