Ein neues Handbuch mit dem Titel „Gesundheit und Haft“ setzt sich in umfassender Weise mit der Gesundheit von Inhaftierten auseinander. Mit Marcus Behrens, einem der Herausgeber, sprach Christina Laußmann auch über die Frage, warum dieses Thema nicht nur dem Justizvollzug ein Anliegen sein sollte.

Der Paritätische Berlin veranstaltete im März 2012 in Zusammenarbeit mit den Senatsverwaltungen für Justiz und Verbraucherschutz sowie für Gesundheit und Soziales den Fachtag „Gesundheit und Haft“. Akteure verschiedener Disziplinen aus den Bereichen Justizvollzug, Freie Träger, Wissenschaft, Medizin und Politik kamen damals zusammen, um die gesundheitlichen Bedürfnisse von Menschen, die von Haft bedroht sind, sich darin befinden oder vor der Haftentlassung stehen, zu diskutieren. Nun ist ein Handbuch erschienen, das auf rund 600 Seiten und in über 40 Beiträgen die Themen der Tagung vertieft und ergänzt, Handlungsempfehlungen bereitstellt und an Fallbeispielen verdeutlicht.

Einer der Herausgeber ist der Psychologe Marcus Behrens. Seit über 20 Jahren ist er in der Haftarbeit tätig. In dem Berliner Informations- und Beratungszentrum für schwule Männer „Mann-O-Meter“ leitet er die „AG Haft“, einen Zusammenschluss von Mitarbeitern, die schwule und bisexuelle Inhaftierte in Berliner Justizvollzugsanstalten betreuen.

„95 Prozent der Inhaftierten haben psychische Störungen“

Herr Behrens, allein der Umfang des Handbuchs lässt darauf schließen, dass unter Gesundheit mehr zu verstehen ist als die bloße Abwesenheit von Krankheit. Was gehört alles dazu?

Portrait Marcus Behrens
Marcus Behrens (Bild: privat)

Gesundheit verstehen wir nach der WHO-Definition im Sinne eines Zustands vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Um dieser Definition nachzukommen, haben wir in unserem Handbuch verschiedene Blickwinkel einander gegenübergestellt.

Natürlich beschäftigen wir uns mit Körper und Psyche, wir haben aber zum Beispiel auch geguckt, welche juristischen Faktoren maßgeblich sind. Und so richtet sich unser Handbuch auch an eine weit gefasste Zielgruppe: Denn alle, die irgendwie im Feld Justizvollzug arbeiten – ob sie Strukturen schaffen oder direkt mit den Inhaftierten zu tun haben –, tragen zum Wohlbefinden und damit zur Gesundheit der Inhaftierten bei.

Ergeben sich aus diesen verschiedenen Blickwinkeln auch Konflikte?

Ein Spannungsverhältnis entsteht beispielsweise durch die Gegenüberstellung von Ökonomie und Gesundheit: An einigen Ecken fehlt es schlichtweg an Ressourcen, so etwa im Bereich psychologische Behandlung. 95 Prozent der Inhaftierten haben psychische Störungen, doch darauf sind die Haftanstalten zu wenig eingestellt. Ein weiterer Punkt sind kostenintensive Therapien. Inhaftierte sind ja nicht krankenversichert; ihre Gesundheitskosten müssen von der Anstalt getragen werden. Zwar haben Gefangene Anspruch auf die gleiche Behandlung wie Menschen in Freiheit, wenn aber zum Beispiel eine Hepatitis-C-Therapie anfällt, die ungefähr 80.000 Euro kostet, wird das zum Problem.

Man hört immer wieder Klagen, dass Inhaftierten eine Behandlung verweigert wird.

Das liegt aber meistens nicht an den Anstaltsärzten. Wenn es diese Budgetierung gibt und die Politik nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stellt, können die Ärzte da nichts machen. Die Anstalt muss hier schwierige Entscheidungen treffen. Was die Finanzierung angeht, ist ganz klar die Politik gefragt.

„Die meisten Suizide finden kurz nach Haftantritt statt“

Ein weiteres Spannungsfeld ist das Thema Spritzentausch in Haft. Nachweislich reduzieren solche Programme die Zahl der HIV- und Hepatitis-Übertragungen sowie andere Gesundheitsschäden bei Drogengebrauchern. Trotzdem gibt es dieses Angebot in Deutschland nur noch in einer einzigen Haftanstalt.

Hier gibt es Vorbehalte vonseiten der Anstalt, denn die Bediensteten befürchten, dass sie durch die ausgegebenen Spritzen angegriffen werden könnten. Das ist in der Realität zwar noch nie vorgekommen, trotzdem muss man mit solchen Ängsten irgendwie umgehen.

Eine Besonderheit unseres Handbuchs ist, dass wir uns auch gefragt haben, welche psychischen Belastungen eigentlich Bedienstete aushalten müssen. Inhaftierte sind nicht immer freundlich und zugewandt, sondern da herrscht häufig eine latente Aggression und mitunter manifeste Gewalttätigkeit – das versetzt Bedienstete ständig in Alarmstimmung. Unter diesen Umständen ist das Thema Spritzentausch bei ihnen schwer anzubringen. Hier muss man sie aufklären und zeigen, dass so ein Programm vielleicht auch für das Gefängnispersonal weniger Stress bedeuten kann.

Und welche Auswirkungen kann die Haftumgebung auf die Gesundheit von Inhaftierten haben?

Auch für die Insassen ist die Haft eine enorme psychische Belastung. Beleidigungen und Bedrohungen durch Mitinsassen stehen quasi auf der Tagesordnung. Wenn ich diese Klientel nicht gewohnt bin, da nicht reinpasse oder dauernd Angst haben muss, kann ich ganz schnell eine Angststörung entwickeln. Die meisten Suizide finden kurz nach Haftantritt statt.

Ein Abschnitt des Handbuchs beschäftigt sich mit dem Zeitraum vor der Haft. Gibt es denn Angebote, die Inhaftierte psychisch besser auf das Leben im Gefängnis vorbereiten?

Kaum. Wir von Mann-O-Meter sind da eine Ausnahme und führen auch haftvorbereitende Beratung durch. Viele, die uns dazu aufsuchen, sind hochgradig ängstlich. Um Anpassungsstörungen vorzubeugen, muss man mit den Leuten reden und sie zu Beginn der Haft ein Stück weit begleiten. Hier fehlt es aber in den Gefängnissen an weiteren Angeboten, um dann auch tiefer zu gehen.

„Haft ist ein männerdominierter Bereich, doch das wird schlichtweg ignoriert“

Dennoch – und das betonen Sie eingangs auch – bietet die Haft zugleich eine Chance für Gesundheit.

Diese Klientel ist gesundheitlich schwer benachteiligt. Die meisten Inhaftierten sind junge Männer; viele von ihnen gehen in der Regel nicht zum Arzt. Im Gefängnis machen sie häufig zum ersten Mal einen Gesundheits-Check mit. Gerade Drogenabhängige befinden sich bei Haftantritt oft in einem schlechten Zustand. Wenn man sie dann nach einem Jahr wiedersieht, haben sich die meisten gut erholt. Sie bekommen regelmäßig etwas zu essen, haben ein Dach über dem Kopf und eine feste Struktur. Das Gefängnis ist zwar kein Sanatorium, hat aber auf viele einen Sanatoriumseffekt.

Rund 94 Prozent der deutschen Gefangenen sind Männer. In Ihrem Beitrag über Männlichkeitsbilder machen Sie darauf aufmerksam, dass dieser Tatsache viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Woran liegt das?

Haft ist ein männerdominierter Bereich, doch das wird schlichtweg ignoriert. Dabei muss man doch sehen, dass es hier einen Ort gibt, an dem man „böse Männer“ wegsperrt – die offensichtlich massive Probleme haben. Die Überforderung der Männer in der Gesellschaft sieht aber keiner. Wir räumen ihnen schon gedanklich zu wenig ein, dass sie Opfer werden und Unterstützung brauchen. Dabei machen sie zwei Drittel aller Gewaltopfer aus, die Suizidrate ist unter ihnen deutlich höher als bei den Frauen, aber keine Kampagne thematisiert das. Gehandelt wird erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, nur dann kommt sofort das Etikett „kriminell“ drauf. Und die betreffenden Männer akzeptieren das gerne, weil es eher ihren Vorstellungen von Männlichkeit entspricht und sie dadurch ihr Gesicht nicht verlieren.

„Gesundheit hat einen kriminalpräventiven Effekt“

Solche Vorstellungen von Männlichkeit sorgen auch dafür, dass sich Männer häufig weniger gesundheitsbewusst verhalten als Frauen. Wie kann man sie denn für das Thema gewinnen?

Indem ich die richtige Ansprache wähle. Wenn ich einen Präventionskurs als Tüchertanz anpreise, werde ich kaum einen männlichen Inhaftierten dafür begeistern können. Wenn ich aber an ihre Verantwortung für andere appelliere – zum Beispiel als Väter –, kann ich sie wunderbar für Gesundheitsthemen einnehmen. Aber auch die Anstalt muss bereit sein, sich mit Männlichkeitsbildern auseinanderzusetzen. Es wird zum Beispiel immer moniert, dass Männer keinen Wert auf gesunde Ernährung legten – trotzdem wird dieses Verhalten zum Teil noch gefördert.

In Berlin hatte sich die Frauen-JVA mal beschwert, dass sie zu wenig Geld für frisches Obst und Gemüse bekommt. Was hat man gemacht? Ihnen hat man zwar mehr Geld gegeben, dieses Budget dafür aber bei den Männern gekürzt – mit der Begründung, die schmeißen das eh nur aus dem Fenster. Ich dachte ich hör’ nicht richtig. Da wird stillschweigend akzeptiert, dass sich Männer schlechter ernähren, und ihre Gesundheitschancen werden noch verschlechtert.

Welche Rolle spielt der Faktor Gesundheit für die Resozialisierung?

Gesundheit hat einen kriminalpräventiven Effekt und spielt für die Resozialisierung eine ganz wichtige Rolle. Eine schwedische Studie hat gezeigt, dass hinter einem Gewaltverbrechen eine ungeklärte psychische Störung stecken kann, und wenn man die betreffenden Leute rechtzeitig behandeln würde, gäbe es 22 bis 29 Prozent weniger Auffälligkeiten mit Gewaltdelikten.

Ein anderes Beispiel ist die Substitutionsbehandlung für Opiatabhängige, die nachweislich die Straffälligkeit minimiert: Sie stabilisiert die Betroffenen, nimmt ihnen den Suchtdruck und beugt so Beschaffungskriminalität vor. Deshalb ist es eine Katastrophe, dass das Bayerische Justizministerium die Substitution partout nicht als Therapieform anerkennen will.

„Wir können den Justizvollzug da nicht alleine lassen“

Wenn dieser Faktor so eine Bedeutung für die Resozialisierung hat, sollte die Gesundheit von Gefangenen doch auch der Gesamtgesellschaft ein Anliegen sein.

Unbedingt, und nicht nur deshalb, sondern auch im Hinblick auf Infektionen. Auch in Haft gibt es Sexualität – oh Wunder! –, und es werden Drogen gespritzt. Die HIV-Rate bei Inhaftierten ist rund 20-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung, die Hepatits-C-Rate etwa 30-mal höher, auch Tuberkulose ist weiter verbreitet. Die meisten Inhaftierten kommen irgendwann wieder raus. Eine angemessene Gesundheitsversorgung für Inhaftierte sollte doch schon deshalb im Interesse aller sein.

Buchtitel
M. Lehmann, M. Behrens, H. Drees (Hrsg.): Gesundheit und Haft. Handbuch für Justiz, Medizin, Psychologie und Sozialarbeit. Pabst Science Publishers 2014

Trotzdem hat man den Eindruck, dass es hier noch an Interesse mangelt.

Haft wird immer als etwas Randständiges gesehen – die sind weggesperrt, fertig, aus. Ich habe das Gefühl, viele sehen Haftanstalten als einen Ort, wo man schlechte Menschen abliefert und gute dann bitteschön wieder rauskommen sollen. Das ist totaler Quatsch! Wir können den Justizvollzug da nicht alleine lassen. Es muss mehr bürgerliches Engagement geben, und wir müssen uns darüber klar sein: Diese Menschen kommen oft aus den widrigsten Verhältnissen – wurden vielleicht in ihrer Kindheit misshandelt. Die Frage ist auch, welche Verantwortung die Gesellschaft hat, wenn so eine Person später straffällig wird. Oft muss erst jemand zum Straftäter werden, bis interveniert wird.

Was ist die Kernbotschaft des Handbuchs?

Eine wichtige Botschaft ist, dass die Gesundheitsversorgung in Haft die riesige Chance birgt, eine Bevölkerungsgruppe zu erreichen, die sonst durchs System rutscht. Hier haben wir sie mal am Wickel und können mit ihr gemeinsam gucken, was sie braucht. Diese Gruppe ist nicht wohlgelitten, sie hat keine Lobby – und wer mit dem Vorwurf des „Hotelvollzugs“ kommt, der immer mal wieder zu hören ist, war noch nie in Haft.

Vielen Dank für das Gespräch!

M. Lehmann, M. Behrens, H. Drees (Hrsg.): Gesundheit und Haft. Handbuch für Justiz, Medizin, Psychologie und Sozialarbeit. Pabst Science Publishers 2014, Hardcover, 612 Seiten, 60,– €

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Über

Christina Laußmann

Christina Laußmann hat Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft und Neuere deutsche Philologie an der Humboldt-Universität und Technischen Universität Berlin studiert. Seit 2013 arbeitet sie als Autorin und Lektorin bei der Deutschen Aidshilfe.

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