Für Ärzte wie für Patienten ist es oft nicht einfach, über Sexualität, HIV und sexuell übertragbare Infektionen (kurz: STIs) ins Gespräch zu kommen. In Zusammenarbeit mit der Charité Berlin hat die Deutsche AIDS-Hilfe bereits zum dritten Mal einen eintägigen Workshop veranstaltet, in dem Ärzten didaktische Methoden zur Kommunikation mit Patienten vermittelt werden.

Arzt Patient
Rollenspiele sind Teil der Praxis-Module des Seminars (Foto: sparkie/ pixelio.de)

Konzipiert ist diese Weiterbildung speziell für Klinikmitarbeiter, die als Referenten und Dozenten in der Lehre tätig sind und dieses Wissen so an die nächste Generation von Ärzten weitergeben können. Einer der Seminarteilnehmer war Dr. Christoph Heintze, kommissarischer Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Charité Berlin. Axel Schock hat sich mit ihm über seine Eindrücke unterhalten.

Was hatte Sie bewogen, an diesem Workshop teilzunehmen?

Christoph Heintze: Die Charité hatte allen Dozenten, die im Modul „Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit“ Studierende unterrichten, die Teilnahme an dieser Veranstaltung zur Vorbereitung des Unterrichts empfohlen. Das Thema ist aus hausärztlicher Sicht sehr wichtig und relevant, daher habe ich das Angebot der Deutschen AIDS-Hilfe sehr gerne angenommen.

Gab es für Sie neue Erkenntnisse oder überraschende Momente?

Ich denke, einerseits ist es generell sehr gut, dieses Thema einmal offen anzusprechen und auch mit eigenen Hemmungen konfrontiert zu werden. Das eröffnet die Möglichkeit, die eigene Umgangsweise mit Sexualität zu reflektieren. Das wurde insbesondere durch die praktischen Übungen erreicht. Ich denke, dass dies ein besonders wichtiges Element für uns Dozierende ist und wir dies später in der Arbeit mit den Studenten auch entsprechend kenntlich machen werden: Nämlich dass auch der eigene Umgang mit der Sexualität entscheidend damit zu hat, wie wir in der Arzt-Patient-Kommunikation das Thema einbringen.

„Unter Ärzten existieren sicherlich sehr viele Tabus“

Konnten Sie für sich weitere Erkenntnisse für Ihre ärztliche Arbeit ziehen?

Mir ist durch das Seminar noch einmal deutlich geworden, wie groß der Wunsch vieler Patienten ist, auf das Thema Sexualität angesprochen zu werden. Es existieren unter den Ärztinnen und Ärzten sicherlich sehr viele Tabus, mit der Folge, dass Sexualität noch zu wenig in der Arztpraxis thematisiert wird.

Charité Berlin
„Let’s talk about Sex“: Modellprojekt an der Charité Berlin (Foto: Charité Berlin)

Inwieweit können Sie das, was Sie nun an Erkenntnissen gewonnen haben, an die Studierenden, d.h. die nächste Generation von Ärzten, weitergeben?

Alle Charité-Referenten, die an diesem Workshop teilgenommen haben, unterrichten im Modellstudiengang. Ich spreche sicherlich auch im Sinne der anderen Teilnehmer, wenn ich sage, dass wir alle gewinnbringende Anregungen für unsere Dozententätigkeit aus der Fortbildung mitgenommen haben. Manche der praktischen Module lassen sich vielleicht sogar direkt im Studentenunterricht nutzen. Ich denke da zum Beispiel an die Übung, in der wir über die unterschiedlichen Bezeichnungen für männliche und weibliche Geschlechtsorgane sprachen und darüber, was diese Metaphern im Einzelnen ausdrücken.

„Es ist wichtig, mit dem Patienten darüber  zu sprechen“

Haben Sie rückblickend Situationen in Ihrem ärztlichen Alltag erkannt, in denen man mit dem Patienten über dessen Sexualität hätte ins Gespräch kommen müssen?

Ich erinnere mich tatsächlich an Konsultationen, bei denen ich selbst sehr zurückhaltend war, weil ich das Gegenüber ebenfalls als zurückhaltend erlebt hatte, und man noch keinen Modus dafür gefunden hatte, um über dieses Thema zu reden. Ich denke, es ist generell wichtig, mit dem Patienten darüber zu sprechen, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt. Der Workshop hat noch einmal sehr deutlich gezeigt, wie hilfreich es ist, dafür Strategien zur Hand zu haben, um diese dann patientenrelevant und individuell einsetzen zu können und damit letztlich auch zu mehr Informationen für die Behandlung zu kommen.

Was ließe sich am Konzept des Workshops verbessern?

Da das Seminar von der Deutschen AIDS-Hilfe angeboten worden war, widmete es sich schwerpunktmäßig der homosexuellen Orientierung und den dazu aufkommenden Fragen. Dieser Fokus hat sicherlich den Effekt, dass einige der teilnehmenden Referenten und Dozenten in diesem Bereich noch viel Neues dazulernen konnten. Im ärztlichen Alltag ist dies selbstverständlich ein relevanter Bereich, aber man sollte die anderen Facetten im Zusammenhang von Sexualität nicht aus dem Blick verlieren. Daher wäre es schön, wenn man auch diese anderen Teilaspekte noch stärker in das Seminar integrieren könnte.

 

Weitere Informationen:

Interview mit der Seminarleiterin Gabi Jung über die Konzeption des Seminars

Programm „Tag der Allgemeinmedizin 2013“

 

Die nächsten offenen Veranstaltungen im Rahmen der Reihe „Let’s talk about Sex“:

30.10.2013, Tag der Allgemeinmedizin in Göttingen mit Gabi Jung, HIV-Arzt Wolfgang Schulz, Jörg Lühmann (AIDS-Hilfe Göttingen)
9.11.2013, Tag der Allgemeinmedizin in Hamburg, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit Prof. Arne Dekker, Helga Neugebauer (Hamburger AIDS-Hilfe) und HIV-Arzt Dr. Michael Sabranski
22.02.2014, Tag der Allgemeinmedizin in München, u.a. mit Helmut Hart
19.03.2014, Tag der Allgemeinmedizin in Essen u.a. mit Helmut Hartl

 

 

 

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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