„Regierungen entscheiden über Leben wie meines“

Von Holger Wicht
Luca Wolff | Checkpoint Hannover
Erika Castellanos bei der Eröffnungspressekonferenz von AIDS2026 in Rio de Janeiro

Die HIV- und Trans-Aktivistin Erika Castellanos sprach bei der Eröffnungspressekonferenz der Welt-Aids-Konferenz für die Community. Wir dokumentieren ihre Rede im Wortlaut.

„Es ist immer unmöglich, nach Erika zu sprechen“, sagte kürzlich eine Diskussionsteilnehmerin bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung in New York City, beeindruckt von den treffenden und berührenden Worten ihrer Vorrednerin. In Rio de Janeiro saß Erika Castellanos am 27. Juli 2026 bei der Eröffnungspressekonferenz der Welt-Aids-Konferenz auf dem Podium, um die Community-Perspektive zu vertreten. Und wieder fand sie einzigartige Worte. Wir dokumentieren hier den Redebeitrag der HIV- und Trans-Aktivistin und Geschäftsführenden Direktorin der Organisation GATE („Global Action for Trans Equality“). Sie stammt aus Belize, einem kleinen Land an der Ostküste Mittelamerikas.

Ich bin die Geschäftsführende Direktorin von GATE. Ich bin aus Belize. Ich bin 50 Jahre alt. Und allein das ist schon ein Erfolg in meinem Leben und in der Geschichte vieler trans Menschen.

Heute spreche ich vor allem als Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau und als trans Frau, die seit 1995 mit HIV lebt.

Nicht die Wissenschaft hat diese Menschen im Stich gelassen. Es war die Politik.

Ich habe mehr als 30 Jahre voller Versprechen, Durchbrüche und Beerdigungen erlebt. Ich habe gesehen, wie Medikamente HIV von einem Todesurteil zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung gemacht haben. Aber ich habe auch erlebt, wie Menschen starben, obwohl diese Medikamente längst verfügbar waren. Ich habe viele meiner Freund*innen sterben sehen, als es diese Medikamente schon gab.

Nicht die Wissenschaft hat diese Menschen im Stich gelassen. Es war die Politik.

Ob wir überleben, hängt davon ab, ob ein Gesundheitssystem unsere Menschlichkeit anerkennt, ob eine Regierung unser Leben für schützenswert hält und ob die Welt bereit ist, den Preis dafür zu zahlen, uns am Leben zu erhalten.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, in ein System zu kommen, das nie für Menschen wie mich geschaffen wurde.

Wird mein Name respektiert? Wird mein Körper verurteilt? Werde ich gedemütigt? Bin ich sicher? Werde ich überhaupt medizinisch versorgt?

Heute hören wir, dass die Finanzierung der globalen HIV-Bekämpfung eingebrochen ist. Doch diese Finanzierung ist nicht von selbst verschwunden. Es war weder ein Erdbeben noch eine Naturkatastrophe. Die Mittel wurden gekürzt.

Es war weder ein Erdbeben noch eine Naturkatastrophe. Die Mittel wurden gekürzt.

Die Vereinigten Staaten haben eine politische Entscheidung gefällt, ihre Unterstützung zurückzuziehen. Andere wohlhabende Geberländer haben sich politisch dagegen entschieden, diese Lücke zu schließen. Diese Entscheidungen haben Konsequenzen: Gesundheitszentren müssen schließen, aufsuchende Sozialarbeiter*innen verlieren ihre Arbeit und lebensrettende Medikamente werden unzugänglich.

Wenn Communitys aufgefordert werden, resilient zu sein, bedeutet das in Wahrheit, dass wir überleben sollen, wenn man uns zurücklässt. Wenn finanzielle Mittel wegfallen, werden Angebote für trans Menschen, Sexarbeiter*innen, schwule und bisexuelle Männer, Drogen konsumierende Menschen, Migrant*innen, andere kriminalisierte Gemeinschaften sowie Frauen und junge Mädchen als verzichtbar behandelt.

Menschenrechte sind ein grundlegender Pfeiler für die Infrastruktur der HIV-Bekämpfung.

Ich lebe heute, weil es Wissenschaft, Aktivismus und solidarische Communitys gibt. Menschen wie ich haben überlebt, weil Communitys sich organisiert, füreinander gesorgt, Regierungen herausgefordert und sich geweigert haben zu verschwinden.

Ich lebe heute, weil es Wissenschaft, Aktivismus und solidarische Communitys gibt.

Ich stehe heute hier, weil sich die IAS (die Internationale AIDS-Gesellschaft, Veranstalterin der Welt-Aids-Konferenz, Anm.d.Red.) dafür einsetzt, wissenschaftliche Errungenschaften allen Menschen zugänglich zu machen. Weil UNAIDS weiterhin die globale politische Führung übernimmt, die wir brauchen. Und weil Geldgeber wie der Globale Fonds mir die Chance gegeben haben, am Leben zu bleiben und etwas bewirken.

Deshalb sage ich ganz deutlich: Finanzieren Sie die HIV-Bekämpfung so, als hingen Menschenleben davon ab – denn genau so ist es.

Menschen mit HIV sind keine Auftragsposition in einem Bericht. Wir sind diejenigen, die die Maßnahmen gegen die Epidemie zusammenhalten, während Entscheidungen weit entfernt von den Orten getroffen werden, an denen ihre Folgen spürbar sind. Es ist Zeit, das zu ändern.

Lassen Sie uns mit am Tisch sitzen, wenn Entscheidungen getroffen werden – statt uns erst danach darüber zu informieren. Und wenn Regierungen sich entscheiden, nicht zu handeln, sollten sie wenigstens den Mut haben, diese Entscheidung als das zu benennen, was sie ist: eine Entscheidung darüber, wessen Leben sie für entbehrlich halten.

Leben wie meines.

Danke.

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