Seit 2013 ist Marcus Pfliegensdörfer bei der Aidshilfe Köln als Berater für Drogenkonsument_innen tätig. Weil dabei der Faktor Sex eine immer größere Rolle spielt, bildete sich der 29-Jährige im letzten Jahr zusätzlich zum Sexualberater fort. 

Marcus, in den den letzten 1,5 Jahren hattest du rund 60 Klienten in der Beratung. Waren das alles sehr individuelle Anliegen oder gibt es typische Probleme, die alle haben?

Ja, die gibt es schon. Zum Beispiel hatten schon die allermeisten Stress in der Arbeit, weil sie den Übergang von einem intensiven Wochenende mit Drogen und Sex zu der neuen Woche nicht mehr bewältigen konnten, was wiederum zu häufigen Krankschreibungen führte. Das fällt natürlich irgendwann auf, und so gab es bei vielen bereits unangenehme Gespräche mit dem Arbeitgeber. Übrigens haben fast alle meine Klienten einen akademischen Hintergrund, arbeiten in hohen Positionen und verdienen gut. Dieser höhere sozioökonomischen Status ist definitiv auch ein Aspekt, der alle verbindet.

Ein zweiter wesentlicher Punkt sind die gesundheitlichen Probleme, die viele haben und die irgendwann dazu führen, dass Hilfe gesucht wird. Dazu zählen Schlafstörungen, starke Gewichtsabnahme, psychotische Phasen, sexuell übertragbare Krankheiten wie Hepatitis C – auch wiederholte Hepatitis C –, allgemeiner körperlicher Abbau sowie Verletzungen, die durch teils rabiate Sexualpraktiken im Rausch entstanden sind. Darmrisse zum Beispiel.

„Ich versuche, Ordnung in das Leben meines Gegenübers zu bringen“

Ist deine Beratung meistens die erste Anlaufstelle für Betroffene oder werden die Klienten eher an dich vermittelt?

Fast alle Betroffenen, die zu mir in die Beratung kommen, sind HIV-positiv und waren daher oft zuerst bei ihrem HIV-Schwerpunktarzt, um den aus der Kontrolle geratenen Drogenkonsum zu besprechen. Die Ärzte kennen wiederum das Angebot der Aidshilfe Köln und leiten ihre Patienten dann an mich weiter. Auch weil sie wissen, dass der HIV-Status bei uns nicht stigmatisiert wird.

Was ist das Ziel deiner Beratung?

Ich sehe meine Aufgabe insbesondere in der Begleitung. Das heißt, ich höre zu, zeige Verständnis und versuche herauszufinden, worin die individuelle Funktion des Drogenkonsums liegt. Dazu gehört immer auch der Sex-Kontext. Oft verlieren sich die Klienten in einem wirren Chaos an Problemen. Ich versuche also, Ordnung in das Leben meines Gegenübers zu bringen, die Umstände zu sortieren und schließlich zu sehen, ob das Ziel eine weiterführende Entwöhnungstherapie ist. Zum Glück haben wir dabei Partner, die sich mit schwulen Sex-Lebenswelten auseinandergesetzt haben, was wichtig ist, damit die teils damit zusammenhängenden traumatisierenden Erlebnisse angesprochen werden können. Nicht zuletzt bedeutet Sex bei dieser Patientengruppe aber auch das größte Rückfallpotential.

Ab wann würdest du sagen, werden Drogen zum Problem? Es gibt ja auch genug Typen, die einfach ab und zu mal Lust darauf haben, aber weit davon entfernt sind, süchtig zu sein oder ernsthafte Beeinträchtigungen zu entwicklen.

Das sehe ich auch so: Der Großteil aller Drogengebrauchenden hat weniger Probleme, wobei es dabei auch stark auf die jeweilige Substanz ankommt. Im schwulen Bereich haben wir es immer häufiger mit Crystal Meth zu tun, einer Droge mit hohem Suchtpotenzial. Dazu zeigt die Erfahrung, dass Crystal-Meth-Konsumenten oft schon viel Vorerfahrung mit anderen Substanzen haben, sich schon einiges an Problemen aufgestaut hat und der Behandlungsbedarf dadurch immer größer wird. Und letztlich sind es ja vor allem solche Klienten, die dann bei mir in der Beratung landen.

Drogenrausch als vermeintliche Lösung

Welche psychischen Muster oder Faktoren beobachtest du bei deinen Klienten, die womöglich Ursachen des Drogenkonsums sind?

Ich sehe da unterschiedliche Faktoren, die sich wechselseitig beeinflussen. Einige meiner Klienten haben in ihrer Kindheit Gewalterfahrungen gemacht, wurden vernachlässigt oder auch wegen ihrer Homosexualität abgelehnt. All das ist sehr problematisch für eine gesunde und selbstbewusste Persönlichkeitsentwicklung. Gerade durch die Inakzeptanz der sexuellen Identität entsteht ein Gefühl des Andersseins, das in ein gesundheitsgefährdendes Verhalten münden kann. Die vermeintliche Lösung für das gesamte Problempaket wird dann eben oft im Drogenrausch gesucht. Ein Moment, der Loslassen und positive Gefühle bedeutet. Natürlich ist das ein Trugschluss, weil sich durch Drogen nichts ändert. Echte Lösungen können nur im realen Leben gefunden werden.

Was muss sich beim gesellschaftlichen Umgang mit Drogengebrauchenden in deinen Augen ändern?

Was wir brauchen, ist ein entkriminalisierter und selbstbestimmter Substanzkonsum. Deshalb befürworten wir bei den Aidshilfen auch das so genannte Drug-Checking. Dabei geht es darum, durch Prüfverfahren sicherzustellen, dass Drogen sauber sind und nicht etwa mit gefährlichen Zusätzen gestreckt wurden. Manchen mag das seltsam vorkommen, aber: Drogenkonsum ist und bleibt nun mal eine Realität, der man sich stellen muss.

Interview: Daniel Segal

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