Über lange Jahre wurde Marika von der Drogensucht beherrscht. Doch durch eine Substitutionsbehandlung hat sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Und jetzt kann die 52-Jährige auch offen zu ihrer HIV-Infektion stehen. Von Axel Schock

Marika ist Botschafterin der diesjährigen Kampagne zum Welt-Aids-Tag. Foto: privat

Marika, was hat dich bewogen, anlässlich der diesjährigen Welt-Aids-Tags-Kampagne mit deinem Gesicht und deiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wenn ich mit Menschen Stress hatte, die über meine Infektion Bescheid wussten, hatte ich immer das Gefühl, erpressbar zu sein. Das ist eine ziemlich beschissene Situation, auch wenn es sich nur um Befürchtungen und nicht um tatsächliche Erfahrungen handelt. Zum anderen ist da die Stigmatisierung. Es gibt immer noch so viele Leute, die einfach schlecht über HIV informiert sind und deshalb auch nicht wissen, wie sie mit der Sache umgehen sollen.

Welche negativen Erfahrungen hast du machen müssen?
Es gibt viele, oft ganz alltägliche Diskriminierungen, die werden meist nicht offen ausgesprochen. Ich hatte beispielsweise eine Sachbearbeiterin im Sozialamt, die mir sehr deutlich das Gefühl gab, dass sie sich mit mir am liebsten nicht abgeben möchte und es nur tut, weil sie es muss. Ich habe auch schon Leute erlebt, die mir einen Kugelschreiber zum Unterschreiben gaben und ihn anschließend wegwarfen. Das sind Kleinigkeiten, aber sie prägen sich ein.

„Ich lebe schon 23 Jahre mit dem Virus, und es ist einfach Zeit, mit dem Versteckspiel aufzuhören“

Wie bist du mit solchen Situationen bislang umgegangen?
Das Virus habe ich nun schon 23 Jahre. Allerdings habe ich lange Zeit Drogen genommen und konnte mich damit dicht machen. Ich musste mich dann mit der Infektion und allem, was damit zusammenhängt, nicht auseinandersetzen. Dazu bin ich erst in den letzten Jahren gekommen, nachdem ich das alles hinter mir gelassen habe.

Du warst lange Zeit heroinabhängig. Wie lange bist nun schon in einem Substitutionsprogamm?
Seit 1989, allerdings mit Unterbrechung. Zwischenzeitlich war ich auf Kokain abgestürzt und machte deshalb im Jahr 2000 eine Therapie. Dafür musste ich allerdings das Methadonprogramm beenden. Danach bekam ich nur zeitweilig das Schmerzmittel Subutex und habe schließlich gar nichts mehr genommen. Mit der Zeit allerdings merkte ich, dass ich an meine Grenzen gerate. Ich wurde depressiv und lethargisch und musste mich erst langsam an ein Leben auch ohne Drogenersatzmittel gewöhnen. Es war eine sehr schwere Zeit. Doch dann erfuhr ich, dass ich eine Leberzirrhose habe. Ich befürchtete, damit nicht klarzukommen und ließ mich wieder auf eine kleine Dosis Methadon einstellen.

Marika wusste, dass sie immer nach Hause kommen konnte. Foto: Albrecht E. Arnold, pixelio.de

Wie könnte man Diskriminierungen, wie du sie beschrieben hast, verhindern?
Allein durch Aufklärung. Denn sie beruhen ja meist auf Angst und Unsicherheit, und letztlich auf Unwissenheit. Mein schlimmstes Erlebnis hatte ich mit einer Arbeitgeberin. Ich arbeitete lange für sie als Haushaltshilfe, und wir hatten ein beinahe schwesterliches Verhältnis. Als ich mich ihr gegenüber geoutet habe, hat sie mich gleich am nächsten Tag rausgeschmissen. Sie ist dann auch sofort mit der gesamten Familie zum Arzt gegangen, um sich auf HIV testen zu lassen – aus Angst, sie hätten sie bei mir infiziert. Dabei habe ich mich, was meine Infektion angeht, immer umsichtig und korrekt verhalten und niemanden in Gefahr gebracht. Nach dieser Erfahrung dachte ich dann nur: Es gibt kein Gesetz, wonach ich anderen sagen muss, was mit mir los ist.

Umso mehr überrascht es, dass du nun gleich den ganz großen Schritt an die Öffentlichkeit wagst und dich sogar für einen Fernsehspot zur Verfügung gestellt hast.
Ich habe das Virus nun seit 23 Jahren, und es ist einfach Zeit, mit dem Versteckspiel aufzuhören. Und zum Glück habe ich eine gute Unterstützung durch meinen ehemaligen Drogenberater, vor allem aber durch meine Familie.

„Ich wusste, dass da immer eine offene Tür für mich war“

War der Rückhalt durch deine Familie immer selbstverständlich?
Eigentlich ja. Vielleicht sogar zu selbstverständlich. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, mir einen Tritt zu geben, damit ich sehen muss, wie ich allein zurechtkomme. So aber wusste ich, dass ich immer wieder nach Hause kommen konnte. Ich hatte nie das Problem, nicht zu wissen, wie ich satt werden sollte. Ich wusste, dass da immer eine offene Tür für mich war. Daher war ich mir damals auch sicher, dass mich meine Mutter wegen dieser Krankheit nicht ablehnen würde. Auch meine Schwester geht ganz offen damit um. Das ist schon toll, eine Familie zu haben, die so hinter einem steht.

Das gilt auch für deine Schwiegermutter?
Mein Mann ist ebenfalls positiv, und wir hatten befürchtet, dass seine Mutter – sie ist bald 75 – in ihrem Dorf ein Spießrutenlaufen befürchten muss. Mittlerweile stelle ich aber fest, dass sie sehr offen damit umgeht. Sie hatte ja auch schon mit der Drogensucht ihres Sohnes fertig werden müssen.

Marika lebt inzwischen sei vielen Jahren ohne Drogen. Foto: privat

Hat sich durch Drogensucht, die HIV-Erkrankung und schließlich die Substitution dein Verhältnis zu deiner Familie verändert?
Ich wurde von meinen Eltern immer geliebt, aber sie hatten nie wirklich geschaut, woran es mir fehlt, wo meine Stärken und Neigungen waren und wo sie mich hätten unterstützen können. Dafür waren sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das ist natürlich auch eine Generationenfrage. Sie hatten die Entbehrungen der Nachkriegszeit erlebt, und nach ihrem Verständnis waren wir Kinder ja gut versorgt. Aber irgendwas hat dann doch gefehlt: Zuneigung und Geborgenheit. Und das holen wir jetzt so ein bisschen nach, und es ist wunderbar, dass das geht.

„Dass ich drogenabhängig und positiv bin, wusste nur der engste Verwandtenkreis“

Musste deine Familie selbst auch Anfeindungen oder Ausgrenzung erleben?
Eigentlich nicht. Dass ich drogenabhängig und positiv bin, wusste nur der engste Kreis der Verwandten. Es bestand auch keine Notwendigkeit, darüber mit den Nachbarn zu sprechen. Ich legte immer sehr großen Wert darauf, nach außen hin ein adäquates Bild abzugeben und nicht abgerissen herumzulaufen. Meine Mutter hatte lange Zeit Bedenken, darüber mit anderen zu sprechen. Dadurch, dass ich mein Leben geändert habe, keine Drogen mehr nehme und alles in geordnete Bahnen bekommen habe, ist meine Familie auch offener geworden. Und nun haben sie sogar beim Spot mitgemacht.

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

1 Kommentar

  1. Liebe Monika,

    es ist schön, daß Du so offen über deine HIV und Drogengeschichte sprichst. Nur wenn wir uns so annehmen wie wir sind, können wir in Freiheit leben.

    Herzliche Grüße

    Roland Schmid-Paleski & Wolfgang Ikert

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