30 Jahre ART

Votos virales – die HIV-Medikamenten-Krise und die Wahlen in Kolumbien

Von Gastbeitrag
Abbildung des Werks This or that von Daishi, Bild zum Beitrag Votos virales – die HIV-Medikamenten-Krise und die Wahlen in Kolumbien
© Love Lazers Collective
„This or that“ by Daishi; © Love Lazers Collective

Vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in Kolumbien am 31. Mai 2026 wurden antiretrovirale Medikamente knapp. Die Love Lazers haben die Situation analysiert und sich an die Wähler*innen und die künftige Regierung gewendet.

In der Stichwahl am 21. Juni 2026 wurde der ultrarechte Kandidat Abelardo Gabriel de la Espriella Otero gewählt; er soll das Präsidentenamt am 7. August antreten.

Wir geben hier den Beitrag wieder, der zuerst am 7. Mai 2026 auf lovelazers.org erschien und dort auch auf Englisch und Spanisch zu finden ist. Wir danken dem Love Lazers Collective herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.


Antiretrovirale Medikamente für HIV-positive Menschen werden knapp in Kolumbien – welche Informationen gibt es dazu? Und was hat das mit den Wahlen in wenigen Wochen zu tun? Wie stehen die Kandidat*innen zu diesem Thema, und was können wir von ihnen erwarten?

In diesem Statement möchten wir die komplexe Situation des Zugangs zu HIV-Medikamenten (kurz: „ART“ für antiretrovirale Therapie) in Kolumbien beleuchten. Wir nennen das eine Krise. Wir wenden uns sowohl an die Wähler*innen in Kolumbien als auch an die zukünftige kolumbianische Regierung. In unserem Verständnis sind HIV-positive Menschen (kurz: HIV+) in Kolumbien eine vulnerable Gruppe mit besonderen Interessen und Bedürfnissen, haben als Bürgerinnen und Bürger auch Rechte und dürfen, wie alle, wählen.

Wer Informationen für den politischen Kontext braucht, liest bitte hier für mehr Hintergrund.

Wir haben diesen Artikel für dich geschrieben: Lies ihn dir genau durch und sprich mit deinen Friends, deiner (Wahl-)Familie und deiner Community: Diskutiert in Ruhe, wem ihr eure Stimme gebt. Für ein sorgenfreies Leben mit HIV ist die Wahl des nächsten Präsidenten entscheidend.

Dies gilt insbesondere für eine mögliche Stichwahl, in der die beiden verbleibenden Kandidat*innen anhand inhaltlicher Fragen beweisen müssten, dass sie das Land besser regieren würden. Darüber hinaus kann die HIV-Medikamenten-Krise nur dann gelöst werden, wenn die grundlegenden Probleme der Krankenversicherung EPS angegangen werden – und genau diese Probleme betreffen die Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung! Die hier beschriebenen Missstände sind daher beispielhaft; folglich kann sich jeder, der sich ein solidarisches Gesundheitssystem wünscht, unsere Forderungen zu eigen machen. Also: Nutzen wir unser Wahlrecht und wählen in unserem Interesse!

Im Folgenden werden wir versuchen zu zeigen, warum jede Stimme zählt. Aber Schritt für Schritt:

1. Gibt es wirklich Probleme mit der Verfügbarkeit von HIV-Medikamenten in Kolumbien?

2025 kam es zu systematischen Versorgungsausfällen bei antiretroviralen Medikamenten, besonders bei der Nueva EPS, die die größte und älteste HIV-positive Patient*innengruppe Kolumbiens betreut. Allein zwischen Oktober und Dezember 2024 wurden rund 5.900 Beschwerden von Betroffenen eingereicht, die ihre Medikamente nicht rechtzeitig erhielten.

Besonders hart trifft es Menschen ohne Krankenversicherung: Die NGO Red Somos, die HIV-positive Menschen ohne Versicherung unterstützt, hat Medikamentenvorräte nur noch bis Juni oder Juli. Was danach passiert, ist ungewiss. Laut Red Somos führten Kürzungen der institutionellen Finanzierung um 66 % im vergangenen Jahr zu entsprechenden Einschnitten bei Test- und Behandlungsangeboten.

2. Wie wirken sich diese realen Probleme auf HIV-positive Menschen aus?

Eine kurze Online-Recherche zeigt: Die Versorgungsprobleme mit antiretroviralen Medikamenten sind weithin dokumentiert. Betroffen sind sowohl Versicherte als auch Menschen, die sich keine Versicherung leisten können. (Das kolumbianische Gesundheitssystem ist marktwirtschaftlich organisiert: Private Unternehmen, die EPS-Krankenkassen, versichern den Großteil der Bevölkerung und stellen die Grundversorgung einschließlich HIV-Behandlung sicher.)

Neu diagnostizierte Menschen, oft sehr jung, bereits in einer verunsichernden Situation, müssen häufig warten: Die Behandlung wird nicht sofort verschrieben, oder die verschriebenen Medikamente sind monatelang in den EPS-Apotheken nicht verfügbar. Wartezeiten von mehreren Monaten bis zu einem halben Jahr sind keine Ausnahme. Aus medizinischer wie aus Public-Health-Sicht widerspricht das dem therapeutischen Grundsatz „früh und konsequent behandeln“.

Hinzu kommt: Viele Patient*innen müssen heftige Nebenwirkungen älterer antiretroviraler Therapien ertragen, die in Kolumbien nach wie vor häufig eingesetzt werden, wie etwa Depressionen oder Schlaflosigkeit. Alternativen werden oft nicht angeboten, weil sie für die Krankenkasse teurer wären. Für viele bleibt dann nur der Therapieabbruch – medizinisch unhaltbar, aber eine direkte Folge derselben Krise.

Ein weiterer Aspekt: Das Stigma, dem HIV-positive Menschen innerhalb des EPS-Systems begegnen, auch seitens des medizinischen Personals, ist real und wirksam. Auch das erlaubt den EPS, kurzfristig Kosten zu sparen.

3. Betrifft dieses Problem auch Menschen mit Krankenversicherung?

Ja. Mehrere Betroffene haben uns das bestätigt und in Internet-Foren finden sich unzählige Berichte über dasselbe Problem.

Auch mit EPS-Versicherung werden Patient*innen häufig auf andere Therapien umgestellt, weil bestimmte Medikamente nicht mehr verfügbar sind, oft ohne medizinische Notwendigkeit. Ob die Präparate wirklich nicht verfügbar sind oder schlicht nicht mehr bestellt werden – etwa weil sie der EPS zu teuer sind –, bleibt oft unklar. Die Folgen: erzwungene Behandlungsunterbrechungen, wiederholte Apothekenbesuche, medizinisch unnötige Wechsel von einer wirksamen Therapie zur nächsten, ohne dass Patient*innen erfahren, warum.

Die Versorgungslage variiert stark je nach EPS. Es macht also einen Unterschied, bei welcher EPS du versichert bist und wo in Kolumbien du lebst.

Viele Patient*innen müssen heftige Nebenwirkungen älterer antiretroviraler Therapien ertragen, weil Alternativen … für die Krankenkasse teurer wären.

Love Lazers COL

HIV-positive Menschen, die ohnehin schon mit vielem umgehen müssen, werden so zusätzlich diskriminiert. Das ist zutiefst belastend. Es verstärkt Trauma, Diskriminierung und Scham – produziert von einem privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem.

4. Was ist mit denen, die keine Krankenversicherung haben oder sich keine leisten können?

Kolumbianer*innen, die ihre monatlichen EPS-Beiträge nicht mehr zahlen können, verlieren ihren Versicherungsschutz. Das kann passieren, weil ihr Einkommen im Schichtungssystem falsch – zu hoch – eingestuft wurde: etwa weil sie in einem wohlhabenden Viertel wohnen, aber kaum oder kein Einkommen haben und sich die EPS-Beiträge schlicht nicht leisten können. Für diese Menschen wird das EPS-System, das eigentlich alle absichern soll, zur Falle.

5. Tritt dieses Problem im ganzen Land auf?

Soweit wir wissen, ja – das Problem besteht landesweit. Seit Mitte letzten Jahres stehen HIV-positive Menschen mit Versicherung und ART-Verschreibung im Departamento Valle de Cauca, einschließlich der Stadt Cali, vor grundlegenden Zugangshindernissen: Die Medikamente sind in den Apotheken schlicht nicht vorhanden. Besonders betroffen sind afrokolumbianische und indigene Communitys sowie andere vulnerable Gruppen, darunter trans* Sexarbeiter*innen.

6. Welche Schritte werden unternommen, um den aktuellen ART-Engpässen zu begegnen?

Die Regierung, die seit August 2022 im Amt ist, hat eine große Menge an antiretroviralen Medikamenten eingekauft, um sie Gesundheitseinrichtungen und den EPS zu deutlich reduzierten Preisen anzubieten – mit dem Ziel, den Zugang direkt und schnell zu verbessern. Das ist grundsätzlich positiv. Aber die Umsetzung stockt: Die Medikamente, vor allem Dolutegravir, lagern in riesigen Beständen, Gerüchten zufolge mehr als 700.000 Monatspakete (Stand April 2026), und wären verfügbar, werden von den EPS aber kaum abgerufen. Die Medikamente kommen nicht bei denen an, die sie brauchen.

7. Wenn die Regierung eine große Menge an Medikamenten subventioniert – warum kommen sie bei den Betroffenen nicht an?

Die Antwort ist einfach: Bei einem Preis von rund 40.000 COP – weniger als 10 EUR – liegt er weit unter dem Marktpreis von rund 800.000 COP – etwa 190 EUR. Die EPS machen damit schlicht nicht genug Gewinn. KEIN GELD, KEIN INTERESSE.

Der pragmatische Vorschlag, staatlich subventionierte Medikamente zu verschreiben, wird schlicht boykottiert. Wer diesen Eingriff, der offenbar als zu viel Marktregulierung empfunden wird, als „sozialistisch“ diffamieren will, muss zuerst die Bedürfnisse der eigenen HIV-positiven Versicherten ignorieren und die Verantwortung für eine Situation, die durch die strukturellen Probleme des eigenen Systems entstanden ist, vollständig von sich weisen.

8. Würde eine inländische Produktion von ART die Probleme lösen?

Um sich unabhängiger von der internationalen Pharmaindustrie zu machen, baut die Regierung eine eigene Dolutegravir-Produktion in Kolumbien auf. Um HIV-positive Patient*innen selbst und kostengünstig mit ART versorgen zu können, hat die Regierung vorübergehend den Patentschutz für Dolutegravir[1] ausgesetzt, um die Produktion eines Generikums zu ermöglichen. Das kolumbianische Gesundheitsministerium schloss dazu Ende 2024 einen Vertrag mit der Universidad de Antioquia (UdeA) ab. Die Finanzierung ist vertraglich gesichert, die Produktion soll 2026 beginnen. Derzeit liegt das Projekt im Zeitplan – allerdings kämpft die UdeA mit ernsthaften finanziellen Problemen, die nichts mit diesem Projekt zu tun haben. Es ist möglich, dass sich der Plan verzögert oder scheitert, wenn Mittel zu spät fließen. Eine neue Regierung müsste den Vertrag anerkennen, könnte aber versuchen, das Projekt zu blockieren oder zu bremsen.


[1] Dolutegravir ist ein hochwirksamer Integrasehemmer der zweiten Generation zur Behandlung von HIV-1 bei Erwachsenen und Kindern, der von ViiV Healthcare als Tivicay vermarktet und 2013/14 in den USA und der EU zugelassen wurde


Wie am 27. April 2026 berichtet, entschied der Anden-Gerichtshof glücklicherweise zugunsten Kolumbiens und gestattete dem Land, eine Generika-Version des HIV-Medikaments Dolutegravir im Rahmen einer Zwangslizenz herzustellen und zu importieren, nachdem die Pharmaunternehmen ViiV Healthcare und Shionogi die Maßnahme als rechtswidrig angefochten hatten.

Wir sehen gerade, wie selbst Medikamentenspenden oder globale Fonds für Behandlung und Prävention keine sichere Versorgung garantieren: Wie richtig ist es also, die Versorgung mit ART selbst in die Hand zu nehmen.

Love Lazers COL

Wir begrüßen sowohl die Aussetzung des Patentschutzes als auch den Plan, ART im Land selbst herzustellen. Sobald die Produktion läuft, sollte Kolumbien auch Nachbarländern einen erschwinglichen und unkomplizierten Zugang zu diesen Medikamenten ermöglichen. Die globale Pharmaindustrie im Globalen Norden wird dort keine Hilfe anbieten, wo keine Profite zu machen sind. Wir sehen gerade, wie selbst Medikamentenspenden oder globale Fonds für Behandlung und Prävention keine sichere Versorgung garantieren: Wie richtig ist es also, die Versorgung mit ART selbst in die Hand zu nehmen. Alle, die diese Bemühungen kritisieren – ob sie nun den Markt als Lösung preisen, diese nationale Initiative als „sozialistisch“ denunzieren oder über die Hindernisse eines solchen Projekts klagen –, tun dies auf Kosten von Menschenleben. Auf Kosten von Menschen, denen die Medikamente, die sie zum Überleben brauchen, sonst schlicht verweigert würden.

9. Betrifft der Medikamentenmangel auch präventiv eingenommene Medikamente wie PrEP?

Nach unserem aktuellen Kenntnisstand gibt es keine Probleme mit der Verfügbarkeit von PrEP in Apotheken. Aber PrEP-Nutzer*innen haben uns berichtet, dass sie ihre eigenen verschriebenen Medikamente an HIV-positive Freund*innen weitergeben, denen die Behandlung ausgeht. Außerdem haben uns Menschen gefragt, ob PrEP noch wirksam ist, wenn so viele Menschen offenbar nicht mehr „undetectable“ sind, also deren Viruslast nachweisbar ist. Die klare Antwort: Ja, ist sie! Das Infektionsrisiko steigt – und PrEP zu nehmen ist wichtiger denn je. Aber ist es ethisch vertretbar, Pillen zur Prävention zu nehmen, wenn andere sie als lebensnotwendige Medikamente brauchen?

Es kann zu einem starken Anstieg der Neuinfektionen kommen. Wir empfehlen allen, die sich vor HIV schützen wollen, PrEP zu nehmen – wenn sie es möchten und wenn es ihnen irgendwie zugänglich ist. Aus Public-Health-Sicht besteht hier dringender Handlungsbedarf: PrEP muss einfacher und niedrigschwelliger zugänglich gemacht werden, also nicht allein über die EPS, und das muss jetzt passieren!

10. Kann man nicht einfach ein anderes Medikament für die HIV-Behandlung verschreiben?

Medizinisch notwendig bedeutet im Kontext der HIV-Behandlung meist: Never change a running system. Wechsel sind grundsätzlich möglich, sollten aber medizinisch begründet sein. Wir hören jedoch von unzähligen Fällen, in denen ART ohne medizinische Notwendigkeit umgestellt werden, weil die bisherigen Medikamente nicht mehr verfügbar sind. Das führt oft zu Behandlungsunterbrechungen, manchmal von ein bis zwei Monaten. Wir haben aber auch von Fällen gehört, in denen Menschen mehrere Monate, teils mehr als ein halbes Jahr, ohne Medikamente geblieben sind.

Das ist nicht nur eine unfreiwillige Behandlungsunterbrechung. Es ist verunsichernd. Es schafft Unklarheit darüber, ob eine neu verschriebene Therapie überhaupt wirkt und ähnlich wenig Nebenwirkungen hat wie die vorherige. Und es bedeutet: Menschen, die „undetectable“ waren, durch wirksame Medikamente nicht infektiös für andere, entwickeln nun (für ein paar Monate) wieder eine Viruslast, die beim Sex oder anderen potenziell infektiösen Kontakten ein Übertragungsrisiko darstellt.

11. Es heißt, trans* Menschen seien von der Krise besonders betroffen. Warum ist das so?

Die verfügbaren Daten deuten auf eine besonders hohe HIV-Belastung unter trans* Personen in Kolumbien hin. Im Jahr 2019 meldete UNAIDS eine HIV-Prävalenz von 21,4 % unter trans* Personen, verglichen mit 17,0 % unter schwulen Männern und anderen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) (UNAIDS, 2019, S. 25). Allerdings fehlen in Kolumbien nach wie vor umfassende und repräsentative HIV-Daten, die die Vielfalt der Bevölkerungsgruppen widerspiegeln, insbesondere von trans* Männern und nicht-binären Menschen. Kolumbien muss daher eigene solide und nach Gruppen aufgeschlüsselte Daten erheben, um zu verstehen, wer am stärksten betroffen ist und warum. Das Fehlen von Statistiken bedeutet nicht, dass kein Risiko besteht: Qualitative Untersuchungen in Kolumbien weisen bereits auf sich überschneidende soziale, institutionelle und gesundheitsbezogene Barrieren hin – darunter Stigmatisierung, Gewalt, Diskriminierung und ungleicher Zugang zu Dienstleistungen –, die die Anfälligkeit für HIV bei trans* und geschlechtsdiversen Menschen erhöhen können. Es werden dringend bessere Daten benötigt, um diese Realitäten sichtbar zu machen und eine HIV-Bekämpfung für alle zu entwickeln.

IWir haben eine Schwarze nicht-binäre trans* Person von der kolumbianischen Pazifik-Küste interviewt (sie bat uns um Anonymität), die uns erzählte, dass sie letztes Jahr nach Erhalt ihrer HIV-positiven Diagnose mehr als sechs Monate warten musste, bis ihre subventionierte Krankenkasse EPS, Salud Total, ihr die ART zur Verfügung stellte, damit sie mit der Einnahme beginnen konnte. Sie erzählte uns auch, dass sie im Verlauf der Diagnose und des Behandlungsbeginns mit Stigmatisierung konfrontiert war und mit Trauma zu kämpfen hatte: Ärzte stellten ihre Gesundheitspraktiken in Bezug auf ihr Sexualleben in Frage, versäumten es, die Vertraulichkeit ihrer Diagnose zu wahren, und beschlossen sogar, einen ihrer monatlichen Kontrolltermine und die Ausgabe ihrer Medikamente abzusagen, als sie um virtuelle Unterstützung bat, weil sie aufgrund eines Asthmaanfalls, der sie daran hinderte, das Haus zu verlassen, nicht persönlich zu ihrem Gesundheitsdienstleister (IPS) gehen konnte.

Wir haben auch Oshnur interviewt, eine nicht-binäre trans* Person aus Pereira, die uns erzählte, dass sie ihre Mitgliedschaft bei ihrer EPS – Nueva EPS – im beitragspflichtigen System (dem System für diejenigen, die sich eine Krankenversicherung finanziell leisten können) kündigen musste, weil sich ihre finanzielle Situation verschlechtert hatte. Oshnur stand kurz davor, den Zugang zu ihrer ART zu verlieren, da einige administrative Hürden im Zusammenhang mit ihrer Geschlechtsidentität den Wechsel von der beitragspflichtigen zur subventionierten Krankenversicherung bei ihrer EPS zu einem sehr langwierigen Prozess machten – sie musste fast einen Monat warten! Aufgrund dieser Verzögerung verpasste sie im vergangenen März ihren monatlichen Kontrolltermin und konnte daher ihre Medikamente nicht abholen.

Wir haben … von Fällen gehört, in denen Menschen mehrere Monate, teils mehr als ein halbes Jahr, ohne Medikamente geblieben sind.

Love Lazers COL

Andererseits sehen sich trans* Personen, die sich entscheiden, ihre Geschlechtsidentität durch Hormonersatztherapie zu bekräftigen, insbesondere trans* Frauen, ebenfalls mit vielen Hindernissen beim Zugang zu ART und einer umfassenden Gesundheitsversorgung konfrontiert. In Fällen, in denen HIV-positive trans* Frauen keine Krankenversicherung haben oder ihre ART-Medikamente nicht über ihre EPS erhalten können, wird die Hormonersatztherapie oft vor der antiretroviralen Behandlung priorisiert, obwohl das eine nicht vor dem anderen priorisiert werden sollte. Dies liegt daran, dass die Bestätigung der Geschlechtsidentität in einer Welt, die „Cis-Passing“ verlangt, um frei von Diskriminierung und Transphobie leben zu können, von entscheidender Bedeutung ist. In anderen Fällen werden Hormone und ART ohne angemessene ärztliche Überwachung kombiniert, was zu zusätzlichen Gesundheitsrisiken führen kann: Einige ART-Medikamente können die Pharmakokinetik von Östradiol beeinträchtigen.

Diese persönlichen Erfahrungsberichte, für die wir sehr dankbar sind, sind Beispiele für strukturelle Benachteiligung: Prekäre Lebensverhältnisse sowie Erfahrungen von Vernachlässigung und Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität führen dazu, dass trans* Personen besonders stark von der Krise bei der antiretroviralen Behandlung im Land betroffen sind.

Wir wollen nicht in einem Land leben, in dem dies als Norm hingenommen wird.

12. Sind das nicht Einzelfälle?

Bereits vor 2025 hatte INVIMA, die nationale Behörde für die Zulassung von Arzneimitteln, in einem Bericht mehrere strukturelle Ursachen des chronischen Mangels identifiziert: zu wenige Anbieter auf dem Markt, Rohstoffmangel, Importabhängigkeit, unzureichendes Bestandsmanagement und Preisregulierungen, die Hersteller abschrecken.

Der INVIMA-Bericht analysiert explizit strukturelle Faktoren, die zum Mangel an HIV-Medikamenten beitragen. Die oben beschriebenen Erfahrungen sind also keine Einzelfälle, keine subjektiven Verallgemeinerungen und keine allein subjektiven Wahrnehmungen, sondern Teil einer Krise mit tiefer liegenden strukturellen Ursachen.

13. Gibt es Daten zum Zugang zur ART, die unter HIV-Positiven in Kolumbien erhoben wurden?

Ja. Red Somos hat kürzlich eine Online-Umfrage zu Zugangshindernissen bei Behandlung und Versorgung für HIV-positive Menschen in Kolumbien durchgeführt – mit 238 Teilnehmer*innen aus dem ganzen Land, zwischen Dezember 2025 und März 2026. Die Ergebnisse: Nur 59,24 % der Befragten sind in einem HIV-Behandlungsprogramm eingeschrieben, 52,5 % aller Teilnehmenden wurde schon einmal der Zugang zu Medikamenten verweigert.

Darüber hinaus wurde 25,6% der Befragten der Zugang zu fachärztlicher Versorgung verweigert, und 14,7% haben zu irgendeinem Zeitpunkt rechtliche Schritte eingeleitet, um ihr Recht auf Behandlungszugang durchzusetzen. Diese Zahlen sind erschütternd und machen den dringenden Handlungsbedarf deutlich: Wer in Kolumbien mit HIV lebt, trägt derzeit ein hohes Risiko, keine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten.

14. Hat sich die Situation seit Beginn der derzeitigen Präsidentschaft verschlechtert?

So scheint es – oder zumindest fühlt es sich für viele so an, wenn sie früher problemlos Zugang zu Medikamenten hatten und jetzt Schwierigkeiten haben. Viele der Ursachen reichen jedoch weit vor die aktuelle Präsidentschaft zurück und sind Folge eines Gesundheitssystems, das um profitorientierte Unternehmen herum aufgebaut wurde. Dieses System zu verändern erzeugt Reibung und Konflikte – die besonders Menschen mit HIV treffen und von ihnen besonders akut gespürt werden.

Positiv anzuerkennen ist, dass die aktuelle Präsidentschaft das Problem aktiv angeht und die Situation zu verbessern versucht.

15. Welche Auswirkungen haben die Trump-Politik und die massiven Kürzungen der globalen Finanzierung auf die Versorgung von HIV-positiven Menschen in Kolumbien?

Als wir begannen, zur HIV-Medikamenten-Krise zu recherchieren, gingen wir zunächst davon aus, dass sie großteils auf die politischen Entscheidungen der Regierung Donald Trumps Anfang 2025 zurückzuführen ist, insbesondere die Kürzungen beim PEPFAR-Programm, dem Presidential Emergency Plan for AIDS Relief. Wir stellten jedoch schnell fest, dass das Problem weitaus größer ist und eine historische Krise im kolumbianischen Gesundheitssystem umfasst, die sich seit mehreren Jahrzehnten verschärft.

Alle Geflüchteten, die nach Ende Januar 2025 ins Land gekommen sind, haben keinen Zugang zu HIV-Medikamenten.

Love Lazers COL

Die Finanzierungskürzungen betreffen vor allem institutionelle Mittel – etwa Mieten und Gehälter von Sozialarbeiter*innen –, Präventionsfinanzierung wie Kondome sowie die Finanzierung von HIV-Medikamenten für Menschen ohne Krankenversicherung, größtenteils Geflüchtete aus Venezuela. Diese Kürzungen sind bereits spürbar: Die kolumbianische Regierung musste entscheiden, keine neuen Menschen mehr in diese Programme aufzunehmen. Der Aufnahmestopp gilt für alle Geflüchteten, die nach Ende Januar 2025 ins Land gekommen sind. Sie haben also keinen Zugang zu HIV-Medikamenten.

Darüber hinaus gewinnt – wie überall auf der Welt – die extreme Rechte in Kolumbien durch Trumps Aufstieg an Fahrt. Wir wissen, dass wir zu den Ersten gehören werden, die ihre Politik zu spüren bekommen. Aber wir werden uns wehren.

16. Wird der Konflikt zwischen Regierung und den EPS auf Kosten der Patient*innen ausgetragen?

Das Gesetz 100 schuf 1993 das Integrale Sozialversicherungssystem (SSSI) und reformierte damit die Gesundheitsversorgung im Land: ein gemischtes Modell, in dem der kolumbianische Staat Ressourcen über den staatlichen ADRES-Fonds verwaltet (Administrator der Ressourcen für das Allgemeine Sozialversicherungssystem für Gesundheit), während die Gesundheitsförderungseinrichtungen (EPS) und die Dienstleisterinstitutionen (IPS), die überwiegend privat organisiert sind, für das Risikomanagement und die Gesundheitsversorgung mit den vom Staat garantierten Mitteln zuständig sind. Mehr als 30 Jahre nach Inkrafttreten dieser Gesetzgebung steckt das kolumbianische Gesundheitssystem in einer tiefen, vielschichtigen Krise: unzureichende Ressourcen, Korruption und Veruntreuung öffentlicher Gelder, Millionenschulden der EPS gegenüber den IPS sowie daraus resultierende Schließungen von Notaufnahmen und Medikamentenausgabestellen haben dazu geführt, dass Tausende von Menschen ihr Recht auf umfassende Gesundheitsversorgung nicht wirksam wahrnehmen können, darunter auch Menschen, die mit HIV leben.

Um es klar zu sagen: Die Regierung Petro kann für diese strukturellen Probleme nicht verantwortlich gemacht werden. Gleichzeitig erwarten wir von der Regierung und insbesondere vom Gesundheitsministerium eine deutlich klarere Kommunikation darüber, wie das beschriebene Problem sowohl strukturell als auch kurzfristig angegangen werden soll. Streitigkeiten über die EPS dürfen nicht auf dem Rücken der Schwächsten und Verletzlichsten ausgetragen werden.

Wer weiß besser als HIV-positive Menschen, dass Reformen des Gesundheitssystems dringend und unerlässlich sind?

17. Was ist eigentlich das Problem mit dem EPS-System? Und was muss die nächste Präsidentschaft hier lösen?

Nach den Wahlen im Jahr 2026 muss das neu gewählte Präsidialkabinett die Herausforderung angehen, das Gesundheitssystem so zu reformieren, dass Menschen eine würdigere Versorgung erhalten – in Bezug auf allgemeine Gesundheitsleistungen, Behandlungszugang und Medikamentenausgabe.

Konkret muss die neue Präsidentschaft einen effektiven und zeitnahen Zugang zu Leistungen für alle garantieren – jenseits formaler Absicherung –, die Finanzkrise bewältigen und die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems sicherstellen. Ob das bedeutet, das EPS/IPS-Modell durch ein anderes zu ersetzen oder es mit neuen Finanzentscheidungen fortzuführen, die die enormen Schulden der EPS gegenüber IPSs, Kliniken, Krankenhäusern und Apotheken lösen könnten, muss geklärt werden. Darüber hinaus ist es unerlässlich, die Ungleichheiten zwischen städtischen und ländlichen Gebieten zu verringern und das sozioökonomische Schichtungsmodell zu aktualisieren – auf Basis einer Neuausrichtung der sozialen Ausgaben. Der amtierende Präsident Gustavo Petro arbeitet bereits durch seinen nationalen Entwicklungsplan 2022–2026 daran, insbesondere nachdem gezeigt wurde, dass der Wohnort einer Person nicht zwingend ihr tatsächliches Einkommen widerspiegelt.

Diese Maßnahmen könnten einen echten und wirksamen Zugang zum vollen Genuss des Rechts auf Gesundheit sicherstellen (und nicht nur dessen formale Garantie als Dienstleistung) und letztlich das öffentliche Vertrauen in das kolumbianische Gesundheitssystem wiederherstellen, das durch jahrzehntelange strukturelle Versäumnisse und historische Veruntreuungen aus dem Staatshaushalt durch die EPS erschüttert wurde.

18. Wie wirkt sich der Konflikt um die EPS auf andere Bereiche der HIV- und Präventionsarbeit im Land aus?

Der EPS-Konflikt betrifft nicht nur den Zugang zur Gesundheitsversorgung, er untergräbt die gesamte HIV-Arbeit im Land. Kolumbien hat kein nationales HIV-Programm. Alles folgt der Logik des Marktes, der sich noch nie für die öffentliche Gesundheit oder die betroffenen Communitys interessierte.

Prävention und PrEP-Zugang werden systematisch vernachlässigt, denn das EPS-Modell priorisiert die Abrechnung von Behandlungen gegenüber dem Ziel, Menschen gesund zu halten. Community-Organisationen, die echte Aids-Arbeit leisten, sind strukturell vom EPS-Finanzierungssystem ausgeschlossen – ohne Zugangswege, ohne Ressourcen. Und dennoch haben die EPS enormen Einfluss auf Entscheidungen, die uns direkt betreffen, während unsere Communitys keinen wirklichen Platz am Tisch haben. Das ist das Kernproblem.

19. Welchen Rat kann man Menschen geben, denen die HIV-Medikamente ausgehen?

Wenn du keine reguläre Krankenversicherung hast, kannst du dich bei Sisbén registrieren und die Aufnahme in das subventionierte Regime bei einer EPS beantragen, um Zugang zu antiretroviralen Medikamenten zu erhalten. Wende dich in der Zwischenzeit an eine Organisation, die HIV-positive Menschen ohne Krankenversicherung beim Zugang zu HIV-Behandlung unterstützt. Adressen und Kontakte findest du unten.

Kolumbien hat kein nationales HIV-Programm. Alles folgt der Logik des Marktes, der sich noch nie für die öffentliche Gesundheit oder die betroffenen Communitys interessierte.

Love Lazers COL

Wer in einer Partnerschaft lebt oder mit jemandem zusammenwohnt und noch nicht als Begünstigte*r in der EPS-Versicherung der Partner*in eingetragen ist, sollte diese Option ernsthaft in Betracht ziehen. Das könnte einen relativ unkomplizierten Zugang zu medizinischer Versorgung einschließlich ART ermöglichen. Es lohnt sich definitiv, das zu prüfen und genau herauszufinden, wie es funktioniert.

Grundsätzlich gilt: In Kolumbien hat jede Person, unabhängig von Versicherungsstatus oder Nationalität, gesetzlich Anspruch auf Notfallversorgung. Im Fall von HIV gilt eine medizinische Notfallsituation als gegeben, sobald die Medikamentenversorgung unterbrochen wird. Wenn also kein anderer Weg bleibt: Geh in die Notaufnahme (urgencias), damit dir dort erst einmal geholfen werden kann.

Es ist unmöglich, über Menschen zu sprechen, die keinen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten haben, ohne kurz diejenigen anzusprechen, die diesen Zugang verloren haben. Wir sind in Gedanken bei dir. Was dir passiert, ist nicht richtig – und wird es nie sein. Aber du bist nicht allein.

20. Sollte die Implementierung von PrEP für die nächste Regierung Priorität haben?

Ja.

Es ist schlicht unsere eigene Entscheidung, wie wir uns vor HIV schützen, und individuell funktioniert PrEP dafür sehr gut.

Aus Public-Health-Sicht verhindert PrEP effektiv viele Infektionen, aber der EPS-regulierte Zugang schafft hohe Hürden und unnötige Komplikationen. Es braucht grundlegende Veränderungen, um ein nationales HIV-Präventionsprogramm mit Zugang außerhalb der Versicherungspflicht zu etablieren. Das Potenzial ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

Eine Gesellschaft kann daran gemessen werden, wie sie für ihre HIV-positiven Bürgerinnen sorgt, die oft auch queer und trans sind, Drogen konsumierende Menschen, Sexarbeiter*innen, Frauen und Angehörige von Minderheiten, die noch immer moralisch stigmatisiert werden.

Love Lazers COL

In der aktuellen HIV-Versorgungskrise bietet PrEP zudem zuverlässigen Schutz in Situationen, in denen Nutzer*innen auf HIV-positive Menschen treffen können, die wahrscheinlich keine Viruslast unter der Nachweisgrenze mehr haben. PrEP ist gerade hier echter Schutz.

Für die Wahlen: PrEP-Nutzer*innen und alle, die damit anfangen wollen, können prüfen, welche Kandidat*innen LGBTQ+-Rechte respektieren. Wir sehen PrEP – neben dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, trans* Rechten und dem Zugang zu HIV-Medikamenten – als ein Grundrecht sexueller Minderheiten.

21. Welche*r Kandidat*in steht für was in Bezug auf das Gesundheitssystem und die Versorgung HIV-positiver Menschen?

Iván Cepeda (Pacto Histórico) will die Petro-Reform fortsetzen und das EPS-Modell schrittweise durch ein stärker staatlich gesteuertes System ersetzen. Die aktuelle Regierung hat konkrete Schritte bei HIV unternommen, darunter die zentralisierte Beschaffung von ART wie Dolutegravir, aber die Umsetzung stockt. Cepeda ist progressiv in LGBTQ+-Fragen.

Paloma Valencia (Centro Democrático) will das EPS-System nicht abschaffen, sondern durch ein öffentlich-privates Hybridmodell stabilisieren. Ihr offen schwuler Kandidat Oviedo positioniert sich explizit als LGBTQ+-Befürworter. Valencia selbst hat jedoch sehr konservative Signale gesendet: Sie distanziert sich bei Adoptions- und trans* Rechten, während der Rest ihrer Partei der LGBTQ+-Community feindlich gegenübersteht.

Sergio Fajardo (Dignidad y Compromiso) nimmt eine technische Mittelposition ein: Stärkung der Primärversorgung, Sicherung der Finanzierungsströme, Erhalt der Dominanz des Marktes im Gesundheitsbereich. Explizite Aussagen zu HIV oder chronischen Krankheiten gibt es von ihm kaum.

Abelardo de la Espriella, ganz rechts außen, erwähnt HIV in seinem Notfallplan mit keinem Wort und hat öffentlich die Homosexualität eines Rivalen verspottet. Für HIV-positive und LGBTQ+-Menschen ist er eindeutig keine empfehlenswerte Wahl.

Wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir politisch unabhängig sind und es bleiben wollen. Unsere Haltung ist autonom und soll sich keiner politischen Bewegung oder Partei unterordnen. Nur so können wir auch künftig Kritik äußern. Gleichzeitig bleiben wir offen für Dialog und Zusammenarbeit.

22. Wer kann den Zugang zu HIV-Medikamenten am schnellsten stabilisieren?

Die EPS-Krise ist struktureller und finanzieller Natur. Cepeda würde weitreichende systemische Reformen anstreben – was auch ein Risiko birgt: größere Unsicherheit während der Übergangsphase, weil das Ziel ist, mögliche Gewinne aus dem EPS-System herauszunehmen.

Valencia und Fajardo würden die aktuelle Schuldenkrise pragmatischer angehen, aber ein System, das offensichtlich nicht funktioniert, nicht grundlegend verändern, wie wir oben gesehen haben. Keinerlei Anzeichen deuten darauf hin, dass sich die Situation HIV-positiver Versicherter dadurch schnell verbessern würde.

23. Welche Kandidat*innen respektieren und stärken LGBTQ+-Rechte?

Die politischen Angebote, die sich aus den Reden und Vorschlägen der Kandidat*innen für die kolumbianische Präsidentschaft ergibt, sind von einem auffälligen ideologischen Widerspruch geprägt, erkennbar an ihrer Zugehörigkeit zu progressiv-linken, zentristischen und konservativ-rechten Strömungen.

Iván Cepeda (links-progressiv) adressiert in seinem Regierungsprogramm die Rechte von LGBTIQA+-Menschen im Rahmen der vollen Anerkennung ihrer Menschenrechte. Er schlägt die Fortsetzung und Stärkung öffentlicher Politiken für Inklusion, Gerechtigkeit und den Kampf gegen alle Formen von Diskriminierung vor, eingebettet in eine differenzielle und intersektionale Perspektive auf ethnische, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt.

Paloma Valencia (rechts) hat zwar Juan Daniel Oviedo als Kandidaten gewählt, einen offen schwulen Mann, der sich als Vertreter der LGBTIQ+-Community positioniert, in öffentlichen Auftritten jedoch fragwürdige Aussagen gemacht: Sie spricht sich gegen das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus und kritisiert scharf das Recht von trans* Menschen, ihre Geschlechtsidentität zu bekräftigen. Damit bringt sie das Gespenst der „Genderideologie“ zurück in die öffentliche Debatte – eine Lüge, mit der die konservative Rechte weltweit die berechtigten Forderungen von trans* Menschen nach Selbstbestimmung jenseits des cis-heteronormativen Regimes delegitimiert.

Zu Abelardo De La Espriella aben wir nichts weiter zu sagen – er hat seine offene Verachtung für LGBTIQA+-Menschen durch homophobe Kommentare über Oviedo bereits deutlich gezeigt. Was können trans* Menschen in diesem Szenario erwarten?

Was die zentristischen Kandidat*innen Claudia López und Sergio Fajardo betrifft: Ihre Vorschläge sind weder neu noch revolutionär. Sie treten für den Schutz bereits erreichter Rechte wie der Ehe für alle, dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und Nichtdiskriminierung ein, sagen aber nichts darüber, wie sie weitere Rechte ausweiten wollen, etwa den Respekt für die Geschlechtsidentität von trans* Menschen. Claudia López hat sich zwar als Senatorin rhetorisch als Verbündete von LGBTIQA+-Anliegen positioniert, war aber auffällig abwesend, als es darum ging, das Integrale Trans*-Gesetz zu unterstützen, das noch zwei weitere Debatten im Kongress benötigt, bevor es verabschiedet werden kann.

24. Wenn bestimmte Kandidat*innen, ihre Parteien und ihre Wahlprogramm gut für HIV-positive Menschen sind, bedeutet das auch, dass sie gut für Kolumbien sind?

Zunächst: Wir als HIV-positive Menschen sind Bürger*innen, wir haben Bedürfnisse und Rechte und wir sind viele. Wir sind eine relevante Gruppe möglicher Wähler*innen.

Aus einer breiteren Perspektive lässt sich sagen: Eine Gesellschaft kann daran gemessen werden, wie sie für ihre HIV-positiven Bürger*innen sorgt, die oft auch queer und trans* sind, Drogen konsumierende Menschen, Sexarbeiter*innen, Frauen und Angehörige von Minderheiten, die noch immer moralisch stigmatisiert werden.

Wenn Diskriminierung sich mit anderen Formen von Ausgrenzung überschneidet, etwa, weil jemand Schwarz oder indigen ist oder nicht die kolumbianische Staatsbürgerschaft besitzt, zeigt sich, wie eine Gesellschaft für die Interessen unterdrückter Menschen einsteht. Diese Fragen sind miteinander verknüpft. Lasst uns zusammenhalten und füreinander eintreten.

Wir, HIV-positive Wähler*innen, fordern gemeinsam die nächste kolumbianische Regierung auf, die oben genannten Probleme schnell und im öffentlichen Interesse zu lösen.

Dieses Interview ist Teil einer Serie zu 30 Jahren ART. Links zu den anderen Beiträgen der Serie und weitere Informationen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert