Szene & Community
GEDENKEN

„Er war gelebte Solidarität“

Oliver Koeppchen

Oliver Koeppchen, 1965-1997 (Foto: privat)

Oliver Köppchen war Bluter und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der „Blutskandal“, die fahrlässige HIV-Infizierung von Hämophilen durch kontaminierte Blutprodukte, aufgeklärt wurde. Als einer der ersten offen HIV-Positiven in Deutschland setzte er sich für eine solidarische Community aller Menschen mit HIV und Aids ein. Von Axel Schock

Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie erinnern wir uns an Menschen, die etwas im Umfeld von HIV und Aids bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Diese und andere Fragen zum Gedenken stehen in unserer Reihe mit Porträts von Verstorbenen.

Manchmal ist Christa einfach alles zu viel. Wenn ihr der ständige Kampf gegen Diskriminierungen und die Präventionsarbeit wie ein Hamsterrad vorkommen und ihr einfach die Kraft und Lust fehlen, um weiterzumachen.

Oliver hätte sich nie hängen lassen

„In solchen Situationen muss ich immer an Oliver Köppchen denken. Der hätte sich nie hängen lassen, schon gar nicht wegen solcher Kleinigkeiten“, erzählt Christa Skomorowsky von der AIDS-Initiative Bonn. Die Erinnerung an ihren langjährigen Freund und Kollegen gebe ihr dann wieder Kraft zum Weitermachen.

Wann sie sich kennengelernt hatten, weiß Christa Skomorowsky gar nicht mehr so genau, aber sie erinnert sich noch sehr gut an ihre erste Begegnung in einer Bonner Positivenselbsthilfegruppe Mitte der 80er Jahre. Eine Ernährungsberaterin war an jenem Abend zu Gast und gab Tipps zu gesunder Kost.

„Wir waren damals schlicht mit dem Überleben beschäftigt“

„Wir schauten uns beide nur fassungslos an. Wir hatten wahrlich andere Probleme, als die Feinheiten einer ausgewogenen Ernährung kennenzulernen. Wir waren damals schlicht mit dem Überleben beschäftigt, mit Sterbebegleitung und politischem Aktivismus.“ Mit Oliver fühlte sie sich auf einer Wellenlänge, das spürten die beiden, noch bevor sie ein Wort miteinander gewechselt hatten.

Christa vermisst Oliver heute noch (Foto: Lilly Dommert, pixelio.de)

Die Erinnerung an Oliver ist auch heute noch lebendig (Foto: Lilly Dommert, pixelio.de)

15 Jahre ist Oliver Köppchen inzwischen tot. In Christas Denken und Leben ist er immer noch präsent. „Die Erinnerungen an ihn sind so stark, seine unendliche Power ist immer noch so lebendig“, sagt sie mit hörbarer Euphorie und hält kurz inne. „Ich vermisse ihn auch heute noch, nach so langer Zeit, als Freund und als Mitstreiter“, schiebt sie nun mit leiser, gebrochener Stimme nach.

Oliver Köppchen, geboren 1965, litt an Hämophilie und erhielt deshalb Blutpräparate. Wie rund 2.000 andere Bluter in Deutschland infizierte er sich durch verseuchte Chargen mit HIV. Schon bald nach seinem Testergebnis 1984 stieß er zur AIDS-Hilfe Bonn und arbeitete dort, wie Christa Skomorowsky, zunächst ehrenamtlich und zeitweilig auch hauptamtlich mit.

Mitarbeiter im Untersuchungsausschuss zu „HIV-Infektionen durch Blut- und Blutprodukte“

Innerhalb kurzer Zeit wurde er zu einem der maßgeblichen Interessenvertreter für HIV-positive Hämophile und deren Angehörige. Der SPD-Abgeordnete Horst Schmidtbauer holte ihn 1993 als persönlichen Mitarbeiter in den Untersuchungsausschuss zu „HIV-Infektionen durch Blut- und Blutprodukte“.

672 Seiten umfasst der Abschlussbericht (Bundestags-Drucksache 12/8591), der das Versagen des Bundesgesundheitsamts, der Pharmaindustrie wie der Ärzteschaft detailliert aufschlüsselt und zu dem Oliver Köppchen seinen Anteil beigetragen hat.

„Die Fernsehsender und Journalisten rannten uns in der Aidshilfe regelrecht die Türen ein, denn Oliver war damals einer der wenigen, die den Mut hatten, als HIV-Positive an die Öffentlichkeit zu gehen“, schildert Christa die damalige Situation. Als Interviewpartner erschien er den Medien geradezu ideal.

„Er war Everybody’s Darling“

„Er war Everybody’s Darling. Er sah gut aus, hatte Medizin studiert, kannte sich also auch beruflich mit der Materie aus – und er war Bluter.“ In der seinerzeit moralisch extrem aufgeladenen öffentlichen Diskussion um Schuld und Verantwortung für HIV-Infektionen war das nicht unerheblich.

setzte sich für alle ein (Foto: Rainer Sturm, pixelio.de)

Olivers Einsatz galt allen von HIV betroffenen Gruppen (Foto: Rainer Sturm, pixelio.de)

Doch Oliver kämpfte nicht für sich allein oder die Gruppe der Hämophilen, sondern für alle von Aids Betroffenen und sprach auch für jene, die damals in der Öffentlichkeit wenig Gehör fanden. Und das zu einer Zeit, als die Hauptbetroffenengruppen – Junkies, Schwule, Prostituierte, Bluter – bisweilen große Schwierigkeiten hatten, einen gemeinsamen Nenner zu finden und zusammen zu kämpfen.

„Oliver war für mich gelebte Solidarität, das habe ich von Anfang an ihm geschätzt“, so Christa Skomorowsky. „Er war einer der wenigen, der sich vehement gegen die Trennung der Bluter von den anderen HIV-Communities aussprach.“

Dass den durch Blutpräparate infizieren Hämophilen eine Entschädigung zuerkannt wurde, ist auch Oliver Köppchen mitzuverdanken. Richtig glücklich war er über den Ausgang des Vergleichs nicht. Es sei ihm schwergefallen, das „Judasgeld“ anzunehmen. „Denn seiner Ansicht nach hätten eigentlich alle eine solche Entschädigung bekommen müssen: die HIV-Positiven in der schwulen Community, die viel zu spät von der Gefahr erfahren hatten, wie auch die Drogengebraucher, die aufgrund drogenpolitischer Verfolgung und ihrer Lebensbedingungen keine Möglichkeiten hatten, sich vor dem Virus zu schützen“.

Die  Verantwortlichen des „Blutskandals“ wurden juristisch nicht belangt

Am meisten aber hat Oliver wohl geschmerzt, dass die tatsächlich Verantwortlichen des „Blutskandals“ juristisch nicht belangt wurden und straffrei blieben. Er ließ sich jedoch nicht entmutigen. Aus seiner Wut angesichts der Ungerechtigkeiten bezog er die Kraft zum Weiterkämpfen – gegen das Virus in seinem Körper und gegen die Missstände in Sachen HIV und Aids. Gerade einmal drei Helferzellen seien ihm zuletzt noch geblieben, aber immer wieder erwies sich Oliver als Stehaufmännchen.

Oliver hielt nichts von Johanniskraut (Foto: conny-wr, pixelio.de)

Für Oliver war klar: Gegen Aids ist kein Kraut gewachsen (Foto: conny-wr, pixelio.de)

Bis er eines Tages anhand seines Röntgenbildes Aspergillose diagnostizierte: Ein Schimmelpilz hatte seine Lunge befallen. Nun wusste er, dass die Aidserkrankung nicht mehr aufzuhalten war. Aktivist blieb er allerdings selbst noch in seinen letzten Stunden.

„Er lag bereits im Sterben, als die Nachricht publik wurde, dass eine Bonner Naturheilkundlerin und Ärztin fünf Millionen Euro für eine Studie bekommen sollte. Sie hatte versprochen, mit dem Johanniskraut-Extrakt Hypericin alles heilen zu können, auch Aids“, erzählt Christa. Zufälligerweise war die besagte Naturheilkundlerin Anne Steinbeck-Klose, die Ehefrau des SPD-Politikers und Bundestagsvizepräsidenten Hans-Ulrich Klose, und verfügte über gute Kontakte in die Politik.

Gesundheitsminister Horst Seehofer, Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers und Bundeskanzler Helmut Kohl hatten für das fragwürdige Projekt namens „Ganymed“ bereits ihre Unterstützung zugesagt. „Oliver hat sich noch einmal aufgerappelt, seinen Tod um ein paar Stunden verschoben und alle Räder in Bewegung gesetzt, um diesen Unsinn zu verhindern.“ Oliver Köppchen starb am 22. Januar 1997.

Thema Trauern und Erinnern auf aidshilfe.de:

Er schaffte es, selbst „harte Knochen“ um den Finger zu wickeln – Erinnerung an Ian Schäfer

„Ihre Gedanken und Worte leben auch heute noch weiter“ – Erinnerung an Bea Seideneder

Letzte Ruhe unter Freunden

Orte des Erinnerns und des Gedenkens

„Der Tod ist das zweite große Fest im Leben“ – Interview mit Matthias Hinz

„Trauer erwächst aus Liebe, und deshalb vergeht sie auch nie ganz“ – Erinnern und Gedenken an Kirsten Schulz

„Ihr sollt nicht trauern, sondern weiter euren Träumen und Hoffnungen folgen“ – Erinnern und Gedenken an Stephanie Schmidt

Aufbruch in die Schönheit – Erinnerung an Detlev Meyer

„Wenn sie irgendwo spukt, dann hier“ – Erinnerung an Melitta Sundström

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

1 Comment

  1. 22. Dezember 2013 at 13:35 — Antworten

    Ich habe Oliver Köppchen viel zu verdanken! Oliver und die Aids Hilfe Bonn war meine Anlaufstelle damals um Kraft zu schöpfen, als man mir sagte ich hätte noch höchstens 5 Jahre zu leben. Viele meiner Freunde griffen nach den Strohhalm Johanniskraut-Extrakt Hypericin und schnell kam heraus das es Unfug war! Aber konnte man den Betroffenen es verübeln? NEIN!!! sie wollten Leben!…

    Wer sich des Guten nicht erinnert, hofft nicht.

    Danke Oliver, ich werde Dich nie vergessen und bin so dankbar bis jetzt überlebt zu haben und habe immer dein Zitat im Hintergrund! Uwe Du spricht aus, was Du denkst, und machst Dir damit viele Feinde, so ist halt die Gesellschaft! Sei reizend zu deinen Feinden. Nichts ärgert sie mehr! und wie sagte schon John F. Kennedy: Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen……

    Danke an die DAH/Axel für die Erinnerung an einen authentischen Aktivsten in einer Zeit wo noch sehr viel Mut und Kraft gehörte!

    Positive Grüße aus Schwerte Uwe

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