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GEDENKEN

Er schaffte es, selbst „harte Knochen“ um den Finger zu wickeln

Ende der 80er- bis in die 90er-Jahre hinein waren die Arbeit und das Leben in der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) vom Leiden und Sterben vieler Kollegen überschattet. Einer von ihnen war Ian Schäfer, der im Vorstand und als Geschäftsführer die DAH mitgeprägt hat. Von Christine Höpfner,  Peter Stuhlmüller und Erika Sellmayr.

Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie erinnern wir uns an Menschen, die etwas im Umfeld von HIV und Aids bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Diese und andere Fragen zum Gedenken stehen in unserer Reihe mit Porträts von Verstorbenen.

Ian Schäfer, 1951-1989 (Foto:

Ian Schäfer, 1951-1989 (Foto: Uwe Boeck)

Wir treffen uns in einer Kreuzberger Kneipe und tragen zusammen, was uns von Ian in Erinnerung geblieben ist. Da sind erst einmal vereinzelte Bilder: Dunkle Augen, aufreizender Blick, ein bemerkenswerter schwarzer Schnäuzer – uns fällt dazu spontan Freddy Mercury ein. Ian im knallroten Anorak am Fahrradständer vor der Bundesgeschäftsstelle in der Nestorstraße. Ian auf einem Hoffest als Lederkerl mit halbnacktem Oberkörper und nietenbesetztem Hundehalsband, die muskulösen Arme mit Lederbändern umschnürt. Ian vergnügt an seinem Schreibtisch, wie er uns mit wachem, spöttisch-ironischem Blick mustert. Kein Zweifel: Unser Chef war ein überaus attraktiver und charmanter schwuler Mann.

Ians Ausstrahlung und Lebenslust öffneten ihm und damit der Aidshilfe viele Türen

Und das wusste er auch zu nutzen: im Umgang mit seinen Mitarbeitern und Verbandskollegen, mit Vertretern der Fachöffentlichkeit wie auch den Verhandlungspartnern aus Politik und Verwaltung. Scheinbar mühelos schaffte er es, selbst „harte Knochen“ um den Finger zu wickeln und sie für sich einzunehmen. Als wir unlängst mit einer Kollegin aus alten Zeiten auf die ersten DAH-Jahre und natürlich auch auf Ian zu sprechen kamen, seufzte sie „Ach ja, dem lagen die Männer- und Frauenherzen doch nur so zu Füßen!“

Ian Schäfer

Ian hat Aufgaben und Ziele wie auch das Selbstverständnis der Aidshilfe mitgeprägt (Foto: DAH)

Ians Ausstrahlung und Lebenslust öffneten ihm und damit der Aidshilfe viele Türen. „Ian Schäfer war es, der als Gründungsvorstand die Kontakte mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung anbahnte und sie über Jahre entscheidend mittrug“, erinnerte BZgA-Direktorin Dr. Elisabeth Pott in ihrer Rede auf dem diesjährigen Empfang zum 30-jährigen Bestehen der DAH. Zusammen mit Gerd Paul und Jürgen Roland gelang es ihm, die Förderung der Deutschen AIDS-Hilfe aus dem Bundesetat sicherzustellen und mit der staatlichen BZgA eine bis heute tragfähige Präventionspartnerschaft auszuhandeln. Und er hatte maßgeblich am Aufbau und der Konsolidierung der Bundesgeschäftsstelle und ihrer Verankerung im DAH-Verband mitgewirkt.

Er bestand auf einem kritischen sozialmedizinischen Aufklärungsbegriff

Seinen Stempel drückte er der Aidshilfe nicht zuletzt auch als Arzt und erster DAH-Fachreferent für Medizin auf, der „unverwechselbar Erfahrungen und Selbstverständnis der Betroffenen zur politisch-fachlichen Kritik profiliert hat“ und „auf einem kritischen sozialmedizinischen Aufklärungsbegriff bestand“, wie es im Nachruf des DAH-Freundes- und Kollegenkreises hieß. Er brachte die DAH-Standpunkte in Fachgremien ein und verdeutlichte sie im Nationalen AIDS-Beirat (NAB), wo sie größtenteils auch durchgesetzt werden konnten. So einigte sich der NAB beispielsweise darauf, dass von HIV-Infizierten keine Gefahr bei der Berufsausübung bestehe und deshalb ein obligatorischer Test abzulehnen sei.

Auf Ian gehen die ersten Medizinseminare der DAH zurück, in denen renommierte Ärzte von ihren Erfahrungen in der Behandlung opportunistischer Infektionen berichteten und mit Teilnehmern aus der Community diskutierten, und er brachte eine Seminarreihe zu Zusatztherapien aus der Alternativmedizin auf den Weg. Die gegen HIV gerichtete Therapie befand sich damals erst im Experimentierstadium – alle der damals diskutierten und auch eingesetzten Medikamente hatten ihre Wirksamkeit (noch) nicht bewiesen.

Mit ihm ist eine entscheidende Phase der DAH-Geschichte verbunden

Im Gespräch über Ian wird uns schnell wieder bewusst, dass mit ihm eine entscheidende Phase der DAH-Geschichte verbunden ist. Er gehörte zu den Aidshilfe-Engagierten der ersten Stunde, kam aber nicht aus der linken Schwulenbewegung, sondern aus der „bürgerlichen Ecke“ und wurde erst durch Aids politisiert. In jenen Jahren stand zu befürchten, Aids könnte als Vorwand für erneute Repressionen gegen Schwule und andere Minderheiten genutzt werden. Die Medien schürten Ressentiments, Angst und Panik, der SPIEGEL strickte seinen Aids-Mythos und Bayerns CSU zog gegen Aids und die „Risikogruppen“ in den Krieg.

Die 80er Jahre waren von Horrorszenarien und Furcht vor Repression beherrscht (Foto: Gienter Hamich, pixelio.de)

Die 80er-Jahre waren von Horrorszenarien und Furcht vor Repression beherrscht (Foto: Gienter Hamich, pixelio.de)

Peter Gauweiler, damals Staatssekretär des bayerischen Innenministeriums, forderte die Meldepflicht für Infizierte und setzte den berüchtigten „Bayerischen Maßnahmenkatalog“ auf, der Zwangstests für Prostituierte, Drogenabhängige und angehende Beamte vorsah (und dann zum Glück vom Bundesrat mit großer Mehrheit abgelehnt wurde). Auch in anderen Ländern gab es Verfechter einer rigorosen Seuchenpolitik. Schweden beispielsweise erwog, „uneinsichtige“ HIV-Infizierte zu internieren. Wir erinnern uns an unsere Protestaktion gegen die Gauweiler-Politik: ein eiskalter, verschneiter Wintertag und Ian inmitten seines „Gefolges“ beim Kondome-Verteilen in Münchens Fußgängerzone.

Er war zweifellos eines der Gesichter der DAH

Zweifellos war Ian eines der Gesichter der DAH: Er diskutierte in TV-Talkshows, gab Interviews, stand in Kontakt mit Repräsentanten internationaler Aidsorganisationen und vertrat die DAH bis zu seinem Tod im Nationalen AIDS-Beirat. Er stieg gern „in die Bütt“, suchte die offene Kontroverse und nutzte jede Gelegenheit, um mit Leidenschaft für die Sache der Betroffenen und Bedrohten – allen voran schwule Männer – zu streiten. In der Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen verschaffte er sich weit über den fachlichen Rahmen hinaus Respekt und Anerkennung.

Ian Schäfer

Die Bedürfnisse und Wünsche schwuler Männer lagen Ian besonders am Herzen (Foto: Uwe Boeck)

Mit Medizinern jedoch schien er bisweilen seine liebe Not zu haben. Ian hatte nicht promoviert, was manche Doktoren ihn wohl auch spüren ließen. Zumindest bedauerte er gelegentlich, dass er nicht über die höheren Weihen seiner Zunft verfügte. Freilich gab es damals in der Ärzteschaft auch regelrechte Schwulenhasser, was vielleicht auch mit hineinspielte.

Dass er HIV-positiv war, gab er in der DAH erst sehr spät bekannt. Wie lange er schon von seiner Infektion wusste, hatte er wohl nur seinen engsten Freunden erzählt. Die Zeichen der Zeit standen gegen ein positives Coming-out. So mancher schwule Mann ging einfach davon aus, dass er infiziert war und ließ sich gar nicht erst testen. Wozu auch: Für positiv Diagnostizierte gab es ohnehin keine kausale Therapie gegen HIV. Die DAH vertrat folglich den Standpunkt, HIV-Tests bei symptomlosen Menschen verstießen gegen die ärztliche Ethik, und im Verband stritt man sich erbittert über die Frage, ob Aidshilfen selbst den Test anbieten dürfen – was einige wenige taten und gegen eine überwältigende Mehrheit verteidigten.

Die Krankheit schenkte ihm nichts

Eines Tages teilte Ian uns mit, er müsse zum Augenarzt, weil er Sehprobleme habe. Man hatte, soweit wir uns entsinnen, eine Toxoplasmose diagnostiziert, damals eine der häufigsten opportunistischen Infektionen im Aids-Vollbild. Ian kam nicht mehr in die Bundesgeschäftsstelle zurück. Das Klinikum Steglitz war seine Endstation.

Das Klinikum Steglitz war Ians Endstation (Foto: Peter Freitag, pixelio.de)

Das Klinikum Steglitz war Ians Endstation (Foto: Peter Freitag, pixelio.de)

Die Krankheit schenkte ihm nichts. Wir sehen uns, wie wir fassungslos an Ians Krankenbett stehen: sein Gesicht unförmig aufgedunsen von Medikamenten, der Schnäuzer abrasiert, der Kopf fast kahl. Wüssten wir nicht, dass er es ist, wir hätten ihn nicht erkannt. Wir reißen uns zusammen, sprechen ihn an. Er weiß sofort, wer da ist, auch wenn er uns nicht mehr sehen kann: Ian ist blind. Das Sprechen macht ihm unendliche Mühe, aber er schafft es noch, einen von uns beim Namen zu nennen und leise mit einem Anflug spöttischen Lächelns „Jaja!“ zu sagen. Da blitzte er noch einmal auf, der alte Ian…

Einige seiner Vertrauten blieben dem Todkranken fern, weil sie seinen Anblick nicht hätten ertragen können. Und vielleicht wollten sie es ja auch ihm ersparen, dass man ihn in diesem Zustand sah.

Ob Ian die Trauerfeier gefallen hätte, wissen wir nicht

Die Trauerfeier für Ian im Berliner Kulturzentrum „Pumpe“ war die erste, die die DAH für einen Verstorbenen aus ihren Reihen ausgerichtet hatte. Ein großer, von unzähligen Teelichtern beleuchteter Saal voller Menschen, Trauerreden, Umarmungen, Tränen. Rosa von Praunheim und seinem Filmteam hatte man es erlaubt, einige Impressionen in seinem den Aidsaktivisten gewidmeten Film „Feuer unterm Arsch“ zu verwenden.

(Foto: mephys, pixelio.de)

Für uns Bayern war’s „a schöne Leich“ (Foto: mephys, pixelio.de)

Ob Ian die Feier gefallen hätte? Wir wissen es nicht, er hatte dazu nichts verfügt. Für uns Bayern war’s „a schöne Leich“, wozu immer auch skurrile Momente gehören. Und die gab es in der „Pumpe“ durchaus und sorgten bei aller Trauer auch für Heiterkeit.

Ein Berliner Boulevardblatt titelte in einem Nachruf den „Tod des Aidsengels“. So hätte Ian sich wohl kaum genannt wissen wollen. Er war ja nun weiß Gott nicht sentimental, auch wenn er auf Barbara Streisand stand und ihren Hit „The way we were“ zu seinem Favoriten erkoren hatte.

Wäre Ian noch am Leben, hätte er im November seinen 62. Geburtstag gefeiert und gehörte – sofern immer noch bei uns in der DAH – wie wir zum Club der „Altvorderen“.

 

Thema Trauern und Erinnern auf aidshilfe.de:

„Ihre Gedanken und Worte leben auch heute noch weiter“

Letzte Ruhe unter Freunden

Orte des Erinnerns und des Gedenkens

„Der Tod ist das zweite große Fest im Leben“ – Interview mit Matthias Hinz

„Trauer erwächst aus Liebe, und deshalb vergeht sie auch nie ganz“ – Erinnern und Gedenken an Kirsten Schulz

„Ihr sollt nicht trauern, sondern weiter euren Träumen und Hoffnungen folgen“ – Erinnern und Gedenken an Stephanie Schmidt

Aufbruch in die Schönheit – Erinnerung an Detlev Meyer

„Wenn sie irgendwo spukt, dann hier“ – Erinnerung an Melitta Sundström

 

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Christine Höpfner

Christine Höpfner

Christine Höpfner war langjährige Mitarbeiterin der Deutschen AIDS-Hilfe. Sie ist feste freie Redakteurin von magazin.hiv.

3 Comments

  1. Gerd-Manfred Arndt
    15. Dezember 2013 at 13:15 — Antworten

    In memoriam …
    Wir vergessen ihn nicht
    *********
    Alev Shalom

  2. Thomas Elias
    15. Dezember 2013 at 14:00 — Antworten

    Vierzig von einhunderteinundzwanzig – gewidmet der AIDS -Community (3. Bearbeitung)
    8. Dezember 2013 um 02:46
    Hier erzähle ich über Menschen, die aus meiner Community gestorben sind.

    Einhunderteinundzwanzig Menschen habe ich die letzten dreißig Jahre in Krankheit und Sterben begleitet und letztendlich auch beerdigt, über vierzig von ihnen berichte ich hier. Zum Schutz mancher Privatsphäre habe ich einige Vornamen geändert. Ich sage natürlich nicht, welche. Wer etwas ergänzen und/oder korrigieren möchte, ist hierzu herzlich eingeladen. Obwohl ich über viele Aufzeichnungen verfüge, verändert die Erinnerung doch so einiges. Ich werde auch über die anderen achtzig Verstorbenen noch berichten, doch zunächst sei ein Anfang gemacht, damit wir unsere Toten nicht vergessen.

    1979
    Bevor AIDS überhaupt ein Thema war, kam mein Nachbar Andreas zu mir rüber. Er verbrachte gerade eine längere Zeit in Amsterdam und erzählte, dass dort Gerüchte über einen Schwulenkrebs die Runde machen sollten, der in San Franzisco umhergeht. Elf Jahre später starb er in einem Krankenhaus in Berlin.

    Der erste in Bremen war Uli. Über Uli kann ich nicht besonders viel sagen. Er war aktiv in der schwulen Szene, ein schlauer und beliebter junger Mann und er starb im Jahr 1987 an AIDS.
    Zu dieser Zeit kannte ich schon Sonja, die sich in Marrokko mit HTLV-III infizierte und Ingo, mein bester Freund und Seelenbruder über lange Jahre.

    Jörg kam zu mir, als er bereits mit Kaposisarkomen übersät war. Es war traurig und erschreckend anzusehen und Jörg wusste, dass er nciht mehr lange zu leben hatte. Er hatte die gefürchtete Lungenenzündung (Pneumocystis carinii Pneumonie/PCP) überlebt. Die statistische Überlebensdauer betrug damals 16 Monate und das wusste er auch. Jörg ließ seine Wohnung renovieren, derweil er im Krankenhaus lag. Kurz vorher hat er auch noch hoffnungsvoll eine Kontaktanzeige aufgegeben. Einen Freund zu haben, der ihm die Hand hält, war seine große Sehnsucht. Vielleicht gibt es ja irgendjemanden in Bremen, der ihn trotz all seiner blau-rot-schwarzen Male auf dem ganzen Körper nimmt? Und tatsächlich, ja, einer hat auf seine Anzeige geantwortet und sie trafen sich mehrfach, bis er erneut ins Krankenhaus musste. Er hat mich geküsst, sagte Jörg und lächelte. Er bekam seine zweite PCP, überlebte auch diese noch knapp, wurde dann aber – völlig abgemagert – zum Sterben nach Hause entlassen. In seine frisch renovierte Wohnung, das war ihm wichtig.
    Nach kurzer Zeit starb er, nachdem ich gerade seine Wohnung verlassen hatte, alleine gegen Mitternacht. Er hinterließ der AIDS-Hilfe eine beträchtliche Summe, mit der ein Krisenfonds für Betroffene gegründet wurde. Dieser Fonds existiert bis heute.

    Sonja starb als nächste. Es war ein langes, schweres Sterben. Monatelang war sie von einem irren Schwindel gepeinigt. In rasender Schnelle drehte sich die Welt um sie herum in alle Richtungen. Es war Sonja nicht möglich, ohne Hilfe zu gehen. Nichts war mehr möglich, was ein Leben noch schön machen könnte. Nur im Schlaf fand sie Ruhe. Zu ihrer Beerdigung war ihr Musikwunsch „Don´t worry, be happy“. Es passte nicht zur Beerdigung, aber zu Sonja. Bis zu ihrer schweren Erkrankung war sie eine so fröhliche Frau, die zum Schluss einen guten Anschluss an die schwulen Männer der Selbsthilfegruppe gefunden hatte.

    Andi war ein so schöner blonder Junge. Er war ein Kämpfer. Er erkämpfte seinen Auszug aus dem Elternhaus mit Hilfe des Jugendamtes, als er 16 Jahre alt war. Seine Eltern wollten seine Homosexualität nicht akzeptieren. Andi infizierte sich mit HTLV-III, als er zu Besuch in San Franzisco war. Er muss einer der ersten Menschen gewesen sein, die sich infizierten. Ich kannte ihn seit Beginn der 80er Jahre und als er 1987 zu mir kam, war er bereits erheblich abgemagert. Er hatte seinen Lebenspartner gefunden und beide kauften sich ein bescheidenes Häuschen im Bremer Westen, um die letzte Zeit gemeinsam noch genießen zu können. Andi starb im Krankenhaus und sein Freund folgte ihm knapp zwei Jahre später. Er starb im selben Krankenhaus, derweil seine Mutter einen Gebetskreis organisierte, der tagelang vor dem Krankenzimmer betete, um den geliebten Sohn noch auf der Erde zu halten.

    Ralf war ein „blonder Engel“ ein Junge mit Lockenkopf, der vom Land kam. Ralf war sehr schüchtern, er sprach immer leise und traute sich kaum, die Menschen anzusehen. Auf dem Lande konnte niemand wirklich mit seiner Homosexualität umgehen, mit seiner AIDS-Erkrankung erst Recht nicht. eines Tages begab er sich in ein Bremer Kleingartengebiet, übergoss sich mit Benzin und zündete sich an.

    Manfred war der nächste. Er war Arzt und als ihm Tumore im Hirn diagnostiziert wurden, wusste er, was ihn erwartet. Manfreds Sterbebegleitung war sehr lang. Teilweise waren über 23 Menschen daran beteiligt, ihn Tag und Nacht nicht allein zu lassen. Manfred hatte so viel Angst und es gehört nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, dass es kaum auszuhalten ist wenn man weiß, dass bei jemandem im Kopf etwas wächst und man nichts dagegen tun kann. Manfred verabschiedete sich von seinen Freunden sehr organisiert. Er nahm sich drei Tage Zeit und verabschiedete jeden Freund einzeln. Mir versprach er, im Jenseits auf mich zu warten und einen angemessenen Empfang vorzubereiten.

    Uwe wohnte mit seinem Freund am Deich. Er hatte sich mit seinem Freund ein bescheidenes Glück aufgebaut, ein kleines Häuschen mit Garten, Kamin im Wohnzimmer und zwei mal jährlich Urlaub für zwei Wochen. Als Uwe krank wurde, war es mit dem Glück schnell vorbei. Die Toxoplasmose veränderte ihn und er wurde unleidlich, ungeduldig und ungerecht. Sein Freund konnte ihm nichts recht machen und nie war er zufrieden mit irgend etwas. Unser Spezialkrankenpflegedienst kam mehrmals täglich, zum Schluss musste er Windeln tragen. Seine Haut war fast überall offen, schmerzte und juckte und für seinen Freund war es ein Segen, wenn die Krankenpfleger im Hause waren. Dann konnte er mal an die Luft gehen, etwas alleine sein. Als Uwe starb, hatten alle Menschen den Begriff Erlösung auf der Zunge.

    Torsten war ein Tänzer. Eines Tages konnte er sein rechtes Bein nicht mehr bewegen. Nach eingehender Untersuchung bekam er die Diagnose HTLV-III positiv und Dank einer ausgebrochenen Toxoplasmose, AIDS im Vollbild. Im Krankenhaus bekam er unter der Behandlung mit Daraprim und Sulfadiazin hohes Fieber. Ich bat die Ärzte zu prüfen, ob sie nicht Leukovorin dazugeben könnten, was damals zur Standardbehandlung einer Toxoplasmose gehörte, um die Nebenwirkungen zu lindern. Er bekam kein Leukovorin, weil „Das machen wir hier immer so“, und starb im Verlaufe der Behandlung. Ich bin noch heute sicher, dass er zumindest nicht zu dem Zeitpunkt hätte sterben müssen. Der Mutter von Torsten durfte die Todesursache nicht bekannt gegeben werden. Es mussten auch seine schwulen Freunde der Beerdigung fernbleiben.

    Uwe war auch Tänzer, ein schöner Mann, der sehr stolz auf seinen durchtrainierten Körper war. Er arbeitete beim Ballett. Eines Tages, als er seine ersten Kaposisarkome bekam, packte er seine Sachen und zog nach Berlin. dort starb er gut ein Jahr später im Krankenhaus.

    Ralph starb ebenfalls in Berlin. Es ging ihm schon längere Zeit sehr schlecht. Die Toxoplasmose hatte bei ihm zugeschlagen, er war teilweise gelähmt, konnte sich schlecht konzentrieren und er hatte Durchfälle, den ganzen Tag. Ralph „sparte“ immer etwas von seinem Morphium auf, welches ihm per Infusion gegeben wurde und eines Tages, im Beisein seiner besten Freunde, erbat er sich ein paar ungestörte Stunden und injizierte sich die gesamte Dosis per Infusion.

    Günter hatte ebenfalls eine Toxoplasmose. Sie veränderte sein Wesen. Günter war ärgerlich, wütend und aggressiv geworden. Niemand konnte es mehr mit ihm aushalten und oft warf er seine Freunde und Betreuer aus der Wohnung und weinte hinterher weil er nicht verstehen konnte, warum er so war. Günter starb ganz allein, völlig verwarlost in einer Wohnung, die seit Monaten keine Reinigung mehr erfahren hatte.

    Olaf ist, wie so viele, mit seiner HTLV-III Diagnose nach Berlin gegangen. Es herrschte die Fantasie, dass es sich in der Anonymität der Großstadt besser mit AIDS leben lässt, als in Bremen, dem Dorf mit der Straßenbahn und Flughafen. Und in der Tat, anders als in Bremen, herrschte in Berlin ein wesentlich offenerer Umgang. Am Tresen so mancher Schwulenbar wurde offen über den Zustand des Immunsystems geplaudert, Erblindete wurden von ihrem Freund durch die Szene geführt und manche trugen ihre Kaposisarkome sogar offen zur Schau. Berlin funktionierte in vielen Fällen gut, wenn man jung war und Geld hatte, für die ernsthaft kritischen Situationen muss dann doch fast immer die biologische Familie herhalten und das ist dann in nicht wenigen Fällen die krebskranke Mutter daheim, die dann die Aufgabe hat, ihren Sohn zu Grabe zu tragen. So auch in diesem Fall. Völlig abgemagert, mit über 50 Durchfällen am Tag, kam er nach Bremen zurück. Es war keine Rückkehr im Triumpf. Er hatte die typische Haut, mit trockenen zahlreichen Ekzemen, sein Haar war dünn geworden und in seinen Augen war ein irrer Blick zu erkennen. Er war nicht mehr auf dieser Welt und er ging von dieser und ließ eine weitere trauernde, kranke Mutter zurück.

    Jürgen starb in einem Krankenhaus in Hamburg. Ich brachte ihn noch dorthin in der Hoffnung, sein Leben retten zu können. Er hatte eine Toxoplasmose und eiine PCP. Es war schrecklich für Jürgen, seinen Stuhl nicht mehr halten zu können, manchmal kam es ihm im Sitzen oder gehen aus der Hose raus. Als er seine Lungenentzündung bekam, verschleppte er sie die ersten Tage und tat sie als Erkältung ab. Als ich ihn in Hamburg besuchte, lag er mit Sauerstoffmaske im Bett und schnappte nach Luft, wie jemand, der zwölf Stockwerke die Treppen hochgerannt war. Er war panisch und konnte zwischen den Atemzügen kein Wort mehr herausbringen. Ich konnte ihm nur noch die Hand halten und die Ärzte bitten, ihm etwas zur Beruhigung zu geben. Jürgen verstarb noch in der gleichen Nacht und wurde auf demselben Friedhof beerdigt, wo Sonja lag.

    Lars ging 1983 nach Paris, um Modedesign zu studieren. Er war ein Vollwaise, der damals mit 17 Jahren in meine WG gezogen ist und immer mal Besuch vom Jugendamt erhielt. Lars war ein außergewöhnlich schöner und charmanter Junge, der seine Ausstrahlung auch einzusetzen wusste. Als er sein Stipendium für den Studienplatz in Paris erhielt, war er überglücklich. 1988 kam er zurück, schwer abgemagert und in der Persönlichkeit völlig verändert. Ich nahm ihn in meiner neuen WG auf, was leider nicht lange durchzuhalten war, da er absolut inkontinent war und auch nicht mehr in der Lage, für Reinigung zu sorgen. Ich brachte ihn in ein Hotel, aus dem er jedoch aus demselben Grund herausflog. Lars starb eine Woche später im Krankenhaus. Er war ganz allein. Seine alten Freunde wollten nichts mehr von ihm wissen und ich konnte an diesem Tag nicht bei ihm sein.

    Ingo, mein Freund, mein Seelenbruder, starb 1991 völlig unerwartet. Es ging ihm eigentlich ganz gut, er hatte nur leichtes Fieber und wir trafen uns zum gemeinsamen Abendessen. Danach fühlte Ingo sich müde und wollte sich schlafen legen. Wir verabschiedeten uns und ich ging noch tanzen. Nachts um 2.30 Uhr muss Ingo noch einmal auf Toilette gegangen sein. Seine Mitbewohner hörten jedenfalls Schritte und die Klospülung. Ingo legte sich wieder in sein Bett und wachte nicht mehr auf. Am nächsten Morgen rief Michael mich an und sagte: „Unser Freund Ingo ist tot“.

    Werner starb in den Händen seines Freundes Klaus. Rainer hatte eine Toxoplasmose, eine CMV-Retinitis und eine PCP. Rainers Gesundheitszustand wurde über Monate immer schlechter und es war klar, dass das Ende der Fahnenstange bald erreicht sein würde. Klaus sorgte bis zur Selbstaufgabe für seinen Freund und wurde später ein solidarischer Unterstützer der AIDS Hilfe.

    Ralph hatte eine Toxoplasmose und eine CMV-Retinitis. Er wurde blind. Ralph starb wenige Monate nach seinem Umzug nach Hamburg. Seine Familie ließ ihn im Stich, wollte nichts mehr von ihm wissen und so zog er zu einem Freund, der sich um ihn kümmern konnte und wollte. Danke Michael, dass Du Ralph nicht allein gelassen hast.

    Helge war ein großer, blonder Junge aus der Lederszene. Er kam schwer gezeichnet aus Frankfurt nach Bremen zurück und als er sich in die Fürsorge seiner Mutter begab, war es ein doppeltes Drama, denn seine Mutter war ihrerseits schwer an Krebs erkrankt. Helge konnte es schwer ertragen, dass AIDS seine Schönheit so zerstörte. Er versuchte, seine Kaposisarkome zu überschminken und seine Verzweiflung wuchs mit jedem neuen Fleck. Als dann noch die unstillbaren Durchfälle dazu kamen, gab er sich ganz auf. Er starb in einem Bremer Krankenhaus wenige Monate vor seiner Mutter. Wäre es doch wenigstens anders herum gewesen und wäre der Mutter das lange Sterben ihres Sohnes erspart geblieben.

    Helmut verstarb so einsam, wie er gelebt hatte. Er war immer ein biestiger Mann der es anderen sehr schwer machte, ihn zu mögen. Als er krank wurde, zog er sich gänz zurück und ließ nur noch wenige Besucher vom Pflegedienst in seine Wohnung. Er wurde von der Morgenschicht außerhalb seines Bettes aufgefunden. Er verstarb wohl auf dem Weg vom Bett ins Bad.

    Michael war sehr lange krank, bevor er starb. Er war in seiner Persönlichkeit durch die Toxoplasmose so verändert, dass es für seinen Freund schwer war, ihn lieben zu können. Als Michael endlich starb, war es eine Erlösung für alle Beteiligten.

    Bei Andreas war es ähnlich. Die Veränderungen in seinem Hirn machten ihn zu einem verrückten und unerträglichen Menschen. Er war körperlich zu gesund, um im Bett zu bleiben und zu krank, um noch Herr seiner Handlungen zu sein. Um seinem Freund etwas Gutes zu tun, wollte er Matjesheringe backen, er frittierte auch das gemeinsame Wohnzimmer in Brand und überall ließ er seine brennenden Kippen liegen. Die Geduld seines Freundes wurde stark beansprucht und als Andreas im Krankenhaus starb, war wenigstens ein Pfleger an seiner Seite.

    André war ein asiatischer Junge. Er infizierte sich mit 17 Jahren und verstarb mit 25 in meiner WG. Seine Familie wollte von ihm nichts mehr wissen, als er sein Outing als Schwuler hatte und als er nicht mehr arbeiten konnte, konnte er seine Miete nicht mehr bezahlen und flog aus seiner Wohnung. Er konnte in meiner WG unterkommen, da gerade ein Zimmer frei wurde und wir für seine Miete zummenlegen konnten. André hatte nicht viel von seinem kurzen Leben. Als er von seiner Familie verstoßen wurde, wurde er depressiv und war lange Zeit wegen seiner Depressionen in Behandlung, danach arbeitete er in einer Bauschlosserei. Nach der Arbeit war er immer sehr erschöpft und es reichte oft nur für ein paar kurze abendliche Besuche auf einen Tee in meiner Wohngemeinschaft. André starb relativ unerwartet in seinem Zimmer über Nacht. Seine Eltern kamen nicht einmal zu seiner Beerdigung.

    Rolf starb in München. Er hatte seine Ausbildung als Psychologe gerade hinter sich gebracht, konnte jedoch eine Stelle aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten. Es war 1987, als wir uns ineinander verliebten und so entstanden meine engen Bindungen an München, die noch lange Jahre anhalten sollten. Rolf wurde ganz schnell sehr krank und ich konnte nicht mehr schnell genug zu ihm fahren, um ihn beim Sterben begleiten und seine Hand halten zu können. Aber es war sein Ex-Freund bei ihm und so starb er nicht einsam oder in den Händen eines unbekannten Menschen.

    Christian kam aus München und starb in Berlin, vier Jahre später. Es war schon lange abzusehen, der arme Christian wurde immer weniger und weniger, wodurch sein Kopf immer größer wirkte. Christian starb im Auguste Victoria Krankenhaus und fand in seinen letzten Tagen noch liebevolle Betreuung durch zahlreiche Freunde.

    Mein erster Freund, mit dem ich eine längere Beziehung hatte, starb ebenfalls in Berlin. Jörg zog, nachdem er sich von mir getrennt hatte, nach Hamburg, wo er sich auch mit HTLV-III infizierte. Als er nach Berlin zog, verloren wir uns aus den Augen und erst in der letzten Phase seiner Erkrankung nahm er wieder Kontakt mit mir auf. Wir telefonierten manchmal halbe Nächte durch und bei unserem letzten Treffen war die alte Verbundenheit wieder da. Jörg starb im Kreise seiner Familie, die in den letzten Jahren wieder zu ihm gefunden hatte und ihrem Sohn und Bruder nach Kräften beistand.

    Werner war ein liebenswerter Kollege in München. Er hatte seine Katzen um sich und zwei gute Freunde, die ihn in seiner Krankheit begleiteten. Werner und ich verbrachten viele Wochenenden gemeinsam weil es einfach gut tat, einen solidarischen und mitfühlenden Geist an seiner Seite zu wissen. Unvergessen sind unsere Frühstücksrituale, die wir versuchten so luxeriös und verschwenderisch zu gestalten, wie es nur irgend möglich war. Das war eine der wenigen Möglichkeiten, wenigstens etwas Essen in uns hinein zu prügeln. Nach unserem letzten Treffen verabschiedeten wir uns unter nicht enden wollenden Tränen denn wir wussten, dass es unser letztes Treffen gewesen sein sollte. Werner starb in den Händen einer sehr lieben Krankenschwester, die uns über die Jahre eine gute Freundin wurde.

    Jörg war Schauspieler. Eine gute Freundin heiratete ihn und zog mit ihm zusammen, damit er nicht allein sein musste. Sein Sterben war schwer anzusehen, weil er immer so viel Angst und Unruhe hatte. Er war so jung und lebenshungrig. Er wollte nicht sterben, aber alles was er ausprobierte, brachte keinen Aufschub, keine Linderung oder gar Heilung. Am schlimmsten war für ihn seine Angst und seine unglaublich kaputte Haut, die ihm immer Schmerzen bereitete und stigmatisierte. Jörg wurde massiv durch einen Spezialpflegedienst begleitet und erhielt Hektoliter von Infusionen zu Hause. Er starb im Beisein seiner Freundin und Frau.

    Sergej lag schon mehrfach zum Sterben im Krankenhaus, er war jedoch ein Kämpfer und wurde immer wieder aufgepäppelt. Sergej kam aus Russland und wollte bei uns studieren, was jedoch aus Krankheitsgründen immer und immer wieder verschoben werden musste. Zu seinem Geburtstag war seine Gesundheit soweit wieder hergestellt, dass er nach Moskau reisen konnte, um dort im Kreise seiner Familie zu feiern. Er wurde an seinem Geburtstag in Moskau in der U-Bahn erstochen, als er zwischen zwei Streithähne geriet.

    Hans lebte in einem Hochhaus in der Bremer City. Es war eine Eigentumswohnung und an seinen Einrichtungsgegenständen konnte man sehen, dass er einmal ein sehr wohlhabender Mann gewesen sein musste. Er war Kunsthändler und liebte es, durch die Welt zu reisen, um für seine Kunden Raritäten aufzuspüren. Das Virus machte ihn verrückt, er wurde psychotisch und bekam einen handfesten Verfolgungswahn. Hans verdächtigte alles und jeden und vergrauelte dadurch alle seine Kunden, Kollegen und Freunde. Selbst der Pflegedienst durfte nicht mehr in seine Wohnung und ich gehörte zu den letzten, die ihn lebend sahen. Zwei Tage später nahm er sich das Leben, indem er aus der siebten Etage von seinm Balkon sprang.

    Olaf war ein eitler Mensch. Er war klug und wortgewandt und seine Verzweiflung war unermesslich, als er seinen körperlichen und geistigen Verfall bewusst miterleben musste. Er konnte nichts mehr bei sich behalten und war dann das, was man als „nicht wartezimmerfähig“ bezeichnete. Er schämte sich so, dass er sich immer mehr isolierte, aber es gab ein Ritual, welches er fast bis zu seinem Tod ohne Unterbrechung celebrierte. Jeden Donnerstag trafen wir uns, um uns gegenseitig eine Kurzgeschichte von maximal zwölf Seiten vorzulesen. Anschließend gab es einen Tee und eine Diskussion über die Deutung und die Hintergründe. Zum Glück hatte Olaf noch einen sehr guten Freund, der bis zum Schluss zu ihm stand. Von Olaf habe ich noch den Satz „Mit zunehmendem Alter werden wir auch immer ekliger“ im Gehör, als er seiner Verwahrlosung gewahr wurde.

    Jürgen, mein Arzt, mein Heiler und Freund starb in Mitten des ganzen Sterbens völlig unerwartet an einem Drogenunfall. Es zerriss ihm das Herz, seine Community dahinsiechen und sterben zu sehen, er hatte nicht genügend Körper um überall dort sein zu können, wo er sein musste und wollte. Für unzählig viele Betroffene war er Halt, Stütze und Hoffnung.

    Seit 1997 sind die Jahre des großen Sterbens vergangen und nun nimmt das „normale Sterben“ in meiner Umgebung seinen Lauf.

    Mein Bruder starb einen Tag vor seinem geplanten Urlaub. Nach über 15 Jahren Drogenabhängigkeit war er gerade 18 Monate clean, er hatte eine Freundin mit zwei Kleinkindern und einen Beruf gefunden, in dem er ankerkannt war und der ihm Freude bereitete. Niklas hatte gerade fast alle seine Schulden abbezahlt und wollte am nächsten Tag mit meinem Wanderkajak in den Urlaub fahren. Sein Rückfall am Abend zuvor endete tödlich. Er wurde von seiner Freundin am Morgen leblos auf dem Teppich vorgefunden.

    Mein Vater starb wenige Jahre später. Er hatte eine Hirnblutung und lag eine Woche auf der Intensivstation. Er krampfte beständig, so dass ich das Gefühl hatte, er würde sehr leiden. Die Ärzte versicherten mir jedoch, dass er davon nichts mitbekommen würde. Immer wenn ich nach Hause gehen musste, setzte ich ihm die Kopfhörer von meinem Walkman auf und legte die Kasette mit der „Kleinen Nachtmusik“ auf, die er so gerne mochte. Am sechsten Tag wirkte Hans ganz ruhig, als ich kam, Seine Atmung und Puls wurden immer langsamer, das Krampfen hatte aufgehört. Als der Monitor piepte, schaltete ich den Ton aus, entfernte die ganzen Kabel und nahm seine Hände und sprach ganz ruhig zu ihm. Ich erzählte ihm, was für ein toller Vater er war und was ich ihm zu verdanken habe und dann – plötzlich – nahm ich wahr, dass er nicht mehr in seinem Körper wohnte. Danke Hans, dass wir diesen Moment miteinander teilen konnten.

    Meine Oma starb im selben Jahr und Alter, wie Queen Mom. Eigentlich hätte Martha noch gar nicht sterben müssen, aber wegen einer so kleinen schwarzen Stelle am Zeh, die nicht einmal weh tat, würde man doch den Arzt nicht belästigen wollen. Später, als man ihr erzählte, man müsse den Zeh amputieren, um ihr Leben zu retten sagte sie, deutlich: „Mir wird hier nichts abgeschnitten. Ich bin das ganze Leben ohne Ärzte ausgekommen“. Stimmt ja auch irgendwie. Die wenigen Tabletten, die ihr zum Schluss noch verschrieben wurden, konnte ich bei der Wohnungsauflösung unter dem Bett wiederfinden.

    Kurze Zeit später starb Jörn. Er war mal gerade halb so alt, wie Martha. Er, der Nichtraucher und Nichttrinker, der hart arbeitende Tischler starb an Speiseröhrenkrebs. Es war ein langes, schweres und trauriges Sterben. Er hatte sein „Leben“ irgendwie immer auf später verschoben und er war so traurig und auch verbittert. Ich konnte ihm leider gar nichts Gutes mehr tun. Jeden Abend, wenn ich mich in mein Bett lege, denke ich an ihn, denn er hat es gebaut.

    Marc starb nicht an den Folgen von AIDS. Marc hatte Kopfschmerzen, die heftig und so gut wie unstillbar waren, sogenannte Clusterkopfschmerzen. Marc starb im Mai 2008, weil er seine Schmerzen nicht mehr aushalten konnte und wollte.

    Im selben Jahr starb Christian, mit dem ich über 13 Jahre zusammen war. Christian starb im September, kurz nach seiner Lungenkrebsdiagnose. Christian lag zum Schluss auf der Palliativstation und er starb, als ein Pfleger gerade seinen Rücken einrieb, was er gerne mochte. Seinen neuen Friseursalon hatte er nicht mehr betreten können.
    Wie gern hätte ich Marc und Christian in den letzten Stunden ihres Lebens beigestanden, beide zogen es jedoch vor, mir nichts von ihrem Leiden mitzuteilen, so dass die Todesnachrichten überraschend kamen. So verlor ich zwei ehemalige Lebenspartner in einem Jahr. Beide im Alter von 40 Jahren. An Christian denke ich immer noch jeden Tag, denn viele meiner Haushaltsgegenstände haben wir zusammen angeschafft und eingeweiht.

  3. Erika
    3. September 2014 at 19:36 — Antworten

    Du hast sehr viele Menschen verloren, an den Folgen von Aids,Krebs,Drogen oder anderer Leiden. Schwer zu ertragen, aber im Rückblick auch reich an tollen Menschen.
    Ich habe im Laufe meines Lebens ähnliche Erfahrungen gemacht. Manche der Namen die Du nennst kenne ich. Mein Sohn passt in die Reihe derer, die fehlen.

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