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HIV-positive Jugendliche

„Ich war erleichtert, nicht der Einzige zu sein“

Paul* ist 20 und macht eine Ausbildung zum Elektriker. Er ist seit seiner Geburt HIV-positiv. Mit 13 erfuhr er von seiner Infektion. Seitdem besucht er regelmäßig die „Positiven Begegnungen“ (kurz: PoBe), Europas größte Selbsthilfekonferenz zum Leben mit HIV, und die Treffen für HIV-positive Jugendliche der Deutschen Aidshilfe.

Paul, wie bist du zur Jugendgruppe der „Positiven Begegnungen“ gekommen?

Durch meinen Arzt. Das war, glaube ich, als ich 13 war. Er hat mir das damals vorgeschlagen.

Wie war das, als du das erste Mal zur Gruppe kamst?

Es war natürlich neu für mich, weil ich das alles noch gar nicht kannte. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass dort noch so viele andere sind. Die „Positiven Begegnungen“ sind ja eine große Veranstaltung mit 300 Leuten ungefähr. Die anderen Mitglieder der Jugendgruppe waren alle etwas älter als ich, aber das war nicht so schlimm. Ich wurde ziemlich gut aufgenommen.

„Alle reden ziemlich offen miteinander“

Kanntest du vorher andere Positive?

Das war eigentlich so der allererste Austausch.

Wie war das für dich?

Ich war erst mal aufgeregt. Man denkt ja zuerst, man ist der Einzige. Dabei gibt es deutschlandweit viele andere Positive. Bei den Begegnungen reden alle ziemlich offen miteinander. Da muss man keine Angst haben, dass man irgendetwas Falsches sagt.

Du bist von Geburt an positiv. Wie hast du es erfahren?

Mein Arzt hat es mir damals gesagt. Da war ich auch erst mal überrascht. Kurz danach war ich ja schon bei den „Positiven Begegnungen“, und von da an wusste ich deutlich mehr über das Thema. Ich war erleichtert, nicht der Einzige zu sein.

Du warst damals 13 Jahre alt. Wie hast du reagiert?

Überrascht und schockiert. Dann weiß man erst mal gar nicht, was man machen soll. Wenn man dann mehr darüber weiß, ist man erleichtert, dass es nichts Schlimmeres ist.

Sind deine Eltern auch positiv?

Meine Mutter ist positiv, mein jüngerer Bruder nicht.

Wusstest du, dass deine Mutter positiv ist?

„Durch die Gruppen habe ich neue Freunde gefunden“

Nein, das habe ich dann auch erst erfahren.

Wann hat deine Mutter von ihrer Infektion erfahren?

Kurz nach meiner Geburt.

 Wäre es für dich gut gewesen, früher oder vielleicht erst später von deiner HIV-Infektion zu wissen?

Früher würde ich nicht sagen. Ich denke schon, dass es ein vernünftiger Zeitpunkt war. Wenn, dann vielleicht eher später.

Wie hast du mit deiner Mutter darüber geredet?

Wir haben das, ehrlich gesagt, alles beim Arzt besprochen. Danach haben wir eigentlich nicht mehr groß darüber geredet, weil ja alles geklärt war.

Was hat sich mit dem Wissen um die HIV-Infektion in deinem Leben verändert?

Ich habe dadurch ziemlich viele Leute kennengelernt. Durch die Gruppen habe ich neue Freunde gefunden. Die wohnen allerdings nicht in meiner Nähe, sondern sind deutschlandweit verteilt. Ich würde sagen: Es war sehr gut, dass ich zur PoBe gegangen bin.

„Nur meine Familie weiß es“

Wie war das in der Schule, wie ist es jetzt bei deiner Ausbildung und in deinem Freundeskreis? Sprecht ihr darüber?

Nein, es weiß niemand aus meinem Freundeskreis. Nur meine Familie weiß es.

Warum hast du entschieden, nicht darüber zu reden?

Für mich gab es keinen Grund, darüber zu reden. Durch die PoBe und den Arzt weiß ich ja, worum es geht.

Und wie ist es mit deinen Freund_innen? Hattest du das Bedürfnis, dich mitzuteilen?

Da weiß ich, dass ich es lieber nicht sagen sollte. Zum einen weiß ich es schon ziemlich lange. Wenn ich es jetzt erst sage, ist das nicht so gut. Zum anderen weiß ich auch, wie sie teilweise darüber denken. Dann lasse ich das lieber.

„HIV sollte in der Schule besser erklärt werden“

Was glaubst du denn, wie deine Freund_innen über HIV denken?

Ich denke, dass sie eher falsche Vorstellungen davon haben, was das ist und worum es dabei eigentlich geht. Es gibt zum Beispiel die Vorstellung, dass man sofort daran stirbt.

Was würdest du dir denn beim Umgang mit HIV und Aids wünschen?

Dass es in der Schule besser erklärt wird. Bei uns kam es nur ganz kurz dran. Es gab eindeutig zu wenig Informationen. Es wurde nur gesagt: Das ist eine Immunschwäche. Und das war’s dann auch schon wieder. Es wurde zwar gesagt, wie das Virus übertragen wird und wie man sich schützen kann. Dass HIV und Aids zwei unterschiedliche Sachen sind, wurde aber zum Beispiel nicht wirklich hervorgehoben.

Hast du manchmal das Bedürfnis, das zu erklären?

Ja, hatte ich. Habe ich dann aber nicht gemacht, weil es doch zu auffällig gewesen wäre.

„Mit einigen aus der Jugendgruppe kann ich über alles reden“

Möchtest du dich manchmal jemandem anvertrauen?

Ich habe durch die Jugendgruppe einige Leute, bei denen ich weiß, dass ich mit ihnen über alles reden kann. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in der wir offen Fragen stellen können. Ich kann auch mit meinem Arzt oder meinen Betreuern reden. Ich hätte eigentlich immer jemanden, den ich fragen könnte.

Wie ist das beim Verliebtsein? Hattest du schon einmal eine Beziehung?

Habe ich. Meine Freundin ist auch in der Gruppe. Mit ihr kann ich darüber reden. Sie weiß ja auch, worum es geht. Wir haben uns 2015 oder 2016 kennengelernt. Das war auch bei so einem Treffen für Jugendliche. Sie wohnt etwas weiter weg.

Weiß bei ihr das Umfeld Bescheid?

Nein, bei ihr auch nicht.

Standest du schon mal vor der Entscheidung, es einem Mädchen zu sagen?

Die Situation hatte ich bisher noch nicht. Meine erste Freundin war auch positiv.

„Einige gehen sehr offen mit HIV um, bei denen weiß es jeder“

Wie ist das bei anderen Jugendlichen in der Gruppe? Sprechen auch einige mit Freund_innen oder in der Schule über HIV?

Es gibt schon welche, die damit sehr offen umgehen und bei denen das auch jeder weiß. Die machen sehr gute Erfahrungen. Sie haben gesagt, dass ihre Freunde das sehr gut aufgenommen haben und deswegen nicht die Freundschaft beendet haben.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann auch mit anderen Menschen darüber zu reden?

Ja, schon.

Was müsste dafür passieren?

Die Einstellung dazu müsste sich ändern.

„Die Einstellung müsste sich ändern“

Bei einer erfolgreichen HIV-Therapie kann HIV auch beim Sex nicht übertragen werden. Spielt das Thema Nichtübertragbarkeit für dich eine Rolle?

Wir reden in der Beziehung eigentlich relativ offen darüber. Aber ein Problem ist es für mich nicht, weil meine Freundin ja selber positiv ist. Darüber nachdenken tue ich auch nicht wirklich oft – da ich weiß, dass die Viruslast bei mir so niedrig ist, dass es keine Gefahr gibt.

Habt ihr in der Gruppe auch Kontakt zu negativen Jugendlichen?

Also, bei den „Positiven Begegnungen“ gibt es auch Jugendliche, die nicht positiv sind. Es können auch die Eltern infiziert sein und die Kinder nicht. Da gibt es eigentlich keine Probleme. Mit den negativen Jugendlichen kann man ganz normal reden – die behalten das dann für sich. Sie wissen ja auch, worum es geht, weil wir so offen darüber reden.  Bei den Treffen gibt es Workshops zu verschiedenen Themen. Da wird eigentlich alles ziemlich gut erklärt. Da kann man dementsprechend alles fragen, was man will.

„Ich wünsche mir mehr regionale Treffen“

Was wünschst du dir für Jugendliche mit HIV?

Mehr regionale Treffen. Ich persönlich kenne nicht so viele andere in meiner Umgebung. Die sind ja alle in Deutschland verteilt.

Was würdest du anderen positiven Jugendlichen raten?

Denen würde ich raten, auch zu solchen Treffen oder zu der Gruppe zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

*Name von der Redaktion geändert

„Wir sind da. Wir sind stark. Wir sind überall!“

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Inga Dreyer

Inga Dreyer

Inga Dreyer ist freie Journalistin in Berlin und schreibt über Kultur, Politik und soziale Themen.

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