Global
Kambodscha

Wat Opot: eine Gemeinschaft für verwaiste, arme und HIV-infizierte Kinder

Zwei Stunden vor den Toren der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh liegt Wat Opot. Die „Kindergemeinschaft“ bietet verwaisten, armen oder HIV-positiven Kindern ein Dach über dem Kopf und Perspektiven. Benedict Wermter hat mit dem Gründer gesprochen, dem amerikanischen Vietnam-Veteranen Wayne Dayle Matthysse.

Die Kindergemeinschaft Wat Opot ist auf dem Gelände eines buddhistischen Tempels untergebracht. Das Besondere: HIV-positive und -negative Kinder schlafen hier in denselben Gebäuden, sie essen, schwimmen und meditieren gemeinsam.

„Das ist einmalig in Kambodscha“, sagt Matthysse. Er erzählt, wie die Kindergemeinschaft Anfang der 2000er-Jahre aus einem Hospiz für Menschen mit HIV entstanden ist, das er führte – und wie schwierig es für die älteren Kinder ist, außerhalb der Tempelanlage mit dem Virus zu leben.

Wayne, du arbeitest seit über zwanzig Jahren in Kambodscha mit Menschen mit HIV. Wie hat das angefangen?

Nach meiner Auffassung kam Aids im Jahr 1991 zusammen mit den UN-Blauhelmen nach Kambodscha, nach der Diktatur der Rotenr Khmer und der vietnamesischen Besatzung.

Damals war Kambodscha noch nicht touristisch erschlossen. Die UN-Mitarbeiter und andere Helfer aus dem Westen haben gutes Geld verdient und viel gefeiert. Das hat Prostituierte aus der ganzen Welt angezogen.

HIV hat sich schnell unter ihnen verbreitet, und auch kambodschanische Prostituierte haben sich angesteckt.

Es war lange ein bäuerlicher Brauch, die Reisernte zu feiern. Viele Bauern feierten in Phnom Penh, wo sie sich infizierten und HIV dann mit aufs Land nahmen.

Ich bin 1998 mit 50 Dollar und dem simplen Anliegen nach Kambodscha gekommen, den Bedürftigen zu helfen.

„Aids war völlig versteckt, stigmatisiert“

Mein erster Job war beim „Catholic Office for Emergency Relief and Refugees“. Mein Kollege in dieser NGO arbeitete mit HIV-Infizierten. Die Zeit für COERR in Kambodscha lief allerdings ab und die Organisation ging zurück nach Thailand. Sie hatten aber noch 10.000 Dollar in einem Aids-Fonds und wollten das Geld einer lokalen NGO übergeben.

Mein Kollege fragte mich, ob ich dabei bin und mit ihm ein Programm entwickle, um die Gelder einzusetzen. Also gründeten wir unsere eigene Organisation, die „Partners in Compassion Cambodia“. Dann haben wir angefangen, mit HIV-infizierten Menschen zu arbeiten.

Kinder, die in der Kindergemeinschaft Wat Opot leben

Bild: Melinda Lies

Warum habt ihr Wat Opot eröffnet?

Anfangs kam HIV mir irgendwie unsichtbar vor und es war schwierig, Zugang zu infizierten Menschen zu bekommen, weil niemand öffentlich darüber reden wollte. Aids war völlig versteckt, stigmatisiert.

Freunde und Nachbarn hätten Steine auf Menschen mit HIV geworfen oder sie angespuckt, wenn sie von der Infektion erfahren hätten.

Nachdem mein Kollege und ich aber Menschen mit HIV geholfen hatten, ihre Geschichten in Lokalmedien zu erzählen, bekamen wir Aufmerksamkeit. Da arbeiteten wir noch in Phnom Penh.

Und unter anderem haben sich auch die Mönche von Wat Opot für unsere Arbeit interessiert.

„Die Mönche sagten uns, dass Menschen in ihrer Gemeinschaft an HIV starben“

Wat Opot war damals eine heruntergekommene buddhistische Tempelanlage in Bati in der Provinz Takeo, etwa zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Die Mönche besaßen dort auch ein großes Stück Land hinter dem Tempel, das sie uns anboten, wenn wir dort ein Hospiz eröffnen.

Sie sagten uns, dass die Menschen in ihrer Gemeinschaft an HIV starben und sie nicht wussten, wie sie helfen können.

Wir nahmen das Angebot an und bauten das Hospiz mit dem Geld von COERR.

Wir haben Familien mit Reis versorgt und Fahrräder für die Kinder besorgt, damit sie zur Schule fahren konnten. Das zog immer mehr Familien an, die unsere Hilfe suchten.

Später habe ich auch medizinische Hilfe geleistet, und als das Hospiz fertig war, habe ich mich auch direkt um Patienten gekümmert.

Kinder, die in der Kindergemeinschaft Wat Opot leben

Bild: Melinda Lies

Hattest du damals keine Angst? Vor Gerüchten über das Hospiz, dem Stigma, aber auch vor einer Ansteckung mit HIV?

Nein, ich hatte keine Angst. Aber ich habe Fehler gemacht.

Bei unserem ersten Patienten im Hospiz, einem siebenjährigen, völlig unterernährten und dehydrierten Jungen, wollte ich Blut für einen Test abnehmen. Ich war ein bisschen nervös, weil mein letztes Mal Blutabnehmen schon ein paar Jahre her war.

Nachdem ich alles bereitgelegt hatte, zog ich mir Handschuhe über. So hatten es mir die Labormitarbeiter erklärt.

Als Krankenpfleger war ich an ein dreckiges Arbeitsumfeld gewöhnt, aber wenn ich Handschuhe trage, fühle ich mich unbesiegbar.

Ich versuchte, die Nadel in seinen Arm zu stechen, und traf die Vene auch, aber er wich zurück und die Nadel fiel auf den Boden, während Blut an seinem Arm entlanglief.

Ich wischte das Blut auf, stach mir dabei aber mit der Nadel, die ich auf den Nachttisch gelegt hatte, in den Finger.

Das Innere des Handschuhs färbte sich rot und ich wusch die Wunde schnell mit Alkohol, war aber trotzdem ziemlich besorgt. Dasselbe ist mir später sogar noch einmal passiert.

Also entschloss ich mich dazu, die Handschuhe auszuziehen, weil ich dann viel vorsichtiger sein würde.

Hast du danach einen HIV-Test gemacht?

Einige Jahre später wurde ich sehr krank. Ein Arzt von „Médecins Sans Frontières“ (MSF, Ärzte ohne Grenzen), der mich untersuchte, hat einen HIV-Test angeordnet, und das erste Ergebnis kam positiv zurück. Später kam aber bei einem anderen Test heraus, ich sei negativ, und soweit ich weiß, bin ich das auch.

[Anm. d. Redaktion: Da HIV-Tests sehr empfindlich sind, schlagen sie manchmal an, obwohl keine Infektion vorliegt. Jedes reaktive Ergebnis muss deshalb durch einen weiteren Test mit einem anderen Testverfahren bestätigt werden.]

„Ich habe kleine Kinder gesehen, die in einer Box gehalten wurden“

Gab es Momente, die dich an deine Grenzen gebracht haben, seit du direkten Patientenkontakt hast?

Ich habe kleine Kinder gesehen, die in einer Box gehalten wurden, weil ihre Familien nicht wussten, wie sie mit dem Virus umgehen sollten.

Was aber wirklich schwierig für mich war, waren die HIV-Tests, die ich in Wat Opot durchgeführt habe.

Wir hatten heiratswillige Männer hier, von denen die Familien ihrer zukünftigen Frauen einen Test verlangt haben. Das Ergebnis musste ich dann aber vor dem Schwiegervater geheim halten.

Ich erinnere mich an zwei Männer, die vor die Familie traten und sagten, sie seien negativ – unmittelbar nachdem ich ihnen gesagt hatte, dass sie positiv sind.

Ich konnte nichts dagegen tun, denn ich wusste, würde ich den Familien die Wahrheit sagen, käme niemand mehr zum Test.

Und die Lösung war, die Tests zu stoppen?

Nein, aber ich wollte diese Verantwortung nicht mehr tragen. Zum Glück hat MSF eine Klinik nahe Wat Opot aufgemacht, und eine Regierungsorganisation hat Testzentren im ganzen Land eröffnet, also musste ich die Tests nicht mehr machen.

Das war sehr wichtig, um Struktur in den Umgang mit HIV zu bekommen.

Als wir anfingen, gab es kein Geld für HIV-Tests oder -Behandlungen, und deswegen wollten viele Ärzte nicht mit HIV-Patienten arbeiten.

So wurden Tests eben von vielen NGOs durchgeführt, ohne Abstimmung, und es ließ sich kaum sagen, wie viele Menschen wirklich infiziert oder an Aids erkrankt waren.

Kinder, die in der Kindergemeinschaft Wat Opot leben

Bild: Melinda Lies

Ist die MSF-Klinik der Grund, warum das Hospiz zu einem Waisenhaus wurde?

Das war ein Grund. Später wurden auch in Kambodscha HIV-Medikamente verfügbar, und immer weniger Menschen starben in unserem Hospiz.

„Unsere Kinder arbeiten, essen und schlafen gemeinsam – ohne Diskriminierung“

Wir kümmerten uns aber weiter um etwa 50 Kinder, deren Eltern an Aids gestorben waren – meistens wollten die Familien diese Kinder nicht zurück. Manche Kinder waren HIV-positiv, manche nicht.

Also eröffneten wir die Wat Opot Children’s Community (WOCC), und anders als in den meisten anderen Waisenhäusern leben, arbeiten, essen und schlafen unsere Kinder gemeinsam – ohne Diskriminierung.

Nicht alle Kinder sind Waisen, nicht alle haben HIV. Manche sind arm oder wurden missbraucht. Wie kriegst du es hin, dass alle miteinander klarkommen?

Wir haben zum Beispiel einen Jungen hier mit Narben am Kopf. Er wurde mit einem Bambusstock geschlagen und von zwei Frauen seiner Familie als Sklave gehalten. Sozialarbeiter haben ihn dann zu uns gebracht. Natürlich hat Wat Opot ihn gern aufgenommen, und er entwickelt sich gut.

Oder wir haben drei Brüder, von denen nur einer HIV-positiv ist. Ihre Mutter ist an Aids gestorben, und ihr Vater kann sich als LKW-Fahrer nicht um die Brüder kümmern.

Insgesamt leben derzeit bis zu 60 Kinder in der Gemeinschaft. Die Kinder haben kein Problem mit dem Zusammenleben, für sie ist das normal.

Aber wir müssen mit den Menschen in der Nachbarschaft des Tempels arbeiten und ihnen unseren Ansatz erklären. Wir führen zum Beispiel Workshops in Schulen durch und haben Zugang zu fast 5000 Familien.

„Solange die Kinder hier leben, fühlen sie sich weder krank, noch schämen sie sich“

Und wie erleben die Kinder mit HIV ihre Krankheit?

Solange sie hier leben, fühlen sie sich weder krank, noch schämen sie sich.

Unsere „HIV-Kinder“ fühlen sich normalerweise gesünder als die armen Kinder, die mit ihren Familien vor unseren Toren leben. Denn die Kinder mit HIV gehen öfter zum Arzt und bekommen Vitamine und andere Ergänzungsmittel, die sie fit halten.

Manchmal sind die Kids von draußen sogar ein bisschen neidisch, sie sagen, sie wollen auch Aids haben, um besseren Zugang zu Medizin und Bildung zu bekommen. Aber natürlich haben sie keine Ahnung, was das bedeutet.

Probleme tauchen auf, wenn unsere HIV-Kids Wat Opot als Teenager verlassen. In Phnom Penh treffen sie dann Gleichaltrige, die an ihnen interessiert sind. Und dann kommt das Tabu ins Spiel. Wenn ein Mädchen oder Junge sagt: „Ich liebe dich“, ist es schwierig für sie, die Wahrheit zu sagen.

Aber ebenso schwierig ist es, HIV zu verstecken. „Warum gehst du so oft zum Arzt?“, werden sie dann gefragt. Meistens leben sie in Gemeinschaftsunterkünften in Phnom Penh, wo jemand die Medikamente finden könnte.

Manche hören deshalb sogar auf, ihre Medizin zu nehmen, sie werden schwächer und schwächer.

Wir haben gerade zwei Fälle, die aufgehört haben, ihre HIV-Medikamente zu nehmen.

Kinder, die in der Kindergemeinschaft Wat Opot leben

Bild: Melinda Lies

Hast du ihnen die Konzepte „Schutz durch Therapie“ oder die PrEP erklärt, sodass sie mit ihren Partnerinnen und Partnern darüber reden können?

Dass HIV bei funktionierender Therapie selbst beim Sex nicht übertragen werden kann, wissen sie. Die PrEP spielt in diesem Alter keine Rolle.

„Am wichtigsten ist, dass sie ihre Medikamente nehmen“

Am wichtigsten ist, dass sie ihre Medikamente nehmen. Und in jedem Fall empfehle ich, immer Kondome zu benutzen. Wir wollen hier keine so jungen Eltern.

Wie kriegen die Kids ihre HIV-Medikamente, wenn sie Wat Opot einmal verlassen haben?

Sie alle haben ein Patientenheft, und das bewahren wir für die meisten unserer Teenager hier auf, wenn sie nach Phnom Penh ziehen.

Sie besuchen uns alle ein, zwei Monate, schnappen sich das Heft und gehen zum Arzt. Der Arzt gibt ihnen dann Medikamente bis zum nächsten Besuch mit.

Viele unserer älteren Kinder arbeiten jetzt in Vier-Sterne-Hotels, Restaurants oder Kasinos, weil sie gutes Englisch sprechen und keine Angst vor Expats haben – dank der Freundschaften, die sie mit unseren Freiwilligen in Wat Opot geschlossen haben.

Auf der Wat-Opot-Internetseite habe ich gelesen, dass du ein ziemlich aufregendes Leben hattest. Warum bist du Krankenpfleger geworden?

Dass ich Leuten helfen will, wusste ich schon mit fünf.

Ich hatte einen Freund mit geistigen Einschränkungen. Er war viel älter als ich, aber wir haben uns gerne mit Steinchen beworfen.

Eines Tages warf ich nach ihm, er wich aus, und als er warf, traf sein Stein eine kleine Vene an meinem Kopf, es hat trotzdem stark geblutet.

Jemand hat dann die Polizei gerufen, und die Nachbarn, die meinen Freund nicht da haben wollten, sagten, er sei aggressiv und wolle mich umbringen.

Als der Polizist mich fragte, ob das stimmt, habe ich mit verheulten Augen genickt. Ja.

Wegen dieser Lüge ist mein Freund in eine Anstalt gekommen.

Ich habe das mein ganzes Leben bereut, und nach der Highschool hab ich mich auf eine Stelle in einer psychiatrischen Klinik beworben und ein Jahr später mit einer Ausbildung bei ihnen begonnen.

Noch ein Jahr später hab ich mich dann bei der Navy eingeschrieben, um Arzthelfer beim Marine Corps zu werden.

Vietnam habe ich knapp überlebt und bin der Anti-Kriegs-Bewegung beigetreten, nachdem ich verwundet wurde.

Ich habe damals als Hippie mit Drogen wie LSD gelebt, auch wenn ich offiziell immer noch bei der Navy war.

Was hat dich zurück nach Asien, nach Kambodscha geführt?

In den Staaten bin ich depressiv geworden. Der Tiefpunkt war nach einem Autounfall erreicht, bei dem ein Mädchen starb.

Ich dachte mir: „Wenn ich selbst nichts mehr vom Leben will, wieso sollte ich dann nicht geben, soviel ich kann, um anderen zu helfen?“

Besitzen wollte ich nichts, eine Familie gründen wollte ich auch nicht.

Ich zog dann nach New Mexiko und habe dort zwölf Jahre lang mit indigenen Menschen gearbeitet, die von Alkohol- und Drogensucht oder Gefängnis betroffen waren.

Dann ging ich nach Honduras, wo ich zwölf Jahre lang eine Klinik geleitet habe. Die war in Olancho, einem kleinen Dorf vier Stunden vom nächsten Krankenhaus entfernt.

Honduras ist ein raues Pflaster, Kinder tragen Waffen, und die Leute bekämpfen sich mit Macheten. Ich musste viel nähen und amputieren. Und der Tod war ständig präsent.

Ich wollte aber immer zurück nach Vietnam, um die Menschen dort für das sinnlose Töten und die Zerstörung zu entschädigen, die ich als Marine mit verursacht hatte.

„Ich wusste: Das ist der Ort, nach dem ich gesucht habe“

1997 verließ ich Honduras und bewarb mich in Ho-Chi-Minh-Stadt, fand aber zu meiner Enttäuschung heraus, dass ich ohne Polizeischutz keine Arbeit auf dem Land aufnehmen konnte.

Dann sagte man mir, ich solle Kambodscha ausprobieren. Und in der Minute, als das Flugzeug den Boden Phnom Penhs berührte, wusste ich: Dies ist der Ort , nach dem ich gesucht habe.

Wenige Wochen später habe ich dann den Job bei COERR gefunden.

Du arbeitest jetzt schon sehr lange mit Menschen mit HIV und Aids. Was müsste sich deiner Meinung nach für sie in Kambodscha ändern?

Wir haben heute gute Gesundheitsprogramme für die Kinder im Land, aber Kambodscha scheint bei einigen unserer Teenager zu versagen, die sich schwer tun, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Viele Menschen sind einfach davon ausgegangen, dass sie sowieso bald sterben, und so hat man nichts in ihre Bildung investiert.

Andere Jugendliche tun sich schwer in HIV-Programmen für Erwachsene, wo sie mit Prostituierten oder Drogenabhängigen zusammensitzen.

Nicht viele Organisationen arbeiten mit HIV-positiven Jugendlichen, und ich denke, entweder wir packen das Problem an, oder wir müssen damit rechnen, dass sich die Epidemie wiederholt.

Vorheriger Artikel

„Einzigartig, unartig und unverzichtbar“

Nächster Artikel

Zwischen Lustgewinn und Gewalterfahrungen

Gastbeitrag

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

27 + = 29