Szene & Community
Nachruf

Zum Tod des Suchtforschers Prof. Dr. Florian Schäffler

Der Münchner Sozialwissenschaftler verstarb im Alter von nur 44 Jahren. Die deutsche Drogenhilfe hat mit ihm einen engagierten Mitstreiter verloren.

2016 machte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) klar: Einem heroinabhängigen Häftling darf nicht grundsätzlich eine Substitutionsbehandlung verweigert werden. Die bayerische Justizvollzugsanstalt Kaisheim habe die Menschenrechte des Gefangenen verletzt und gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen, wonach niemand der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden darf.

Florian Schäffler war ein engagierter Streiter für die Rechte von Drogengebraucher_innen

Angestoßen und auf dem jahrelangen Rechtsweg begleitet hatte die Klage der Münchner Sozialwissenschaftler Florian Schäffler, der damit einen wichtigen Meilenstein im Kampf um die Rechte von Menschen in Haft bzw. für das Recht auf Substitution setzte.

Am 8. September ist Florian Schäffler überraschend im Alter von erst 44 Jahren verstorben, wie die Deutsche Aidshilfe erfuhr.

Schäffler war erst über Umwege zur Sozialarbeit und zur Sozialwissenschaft gekommen. Als gelernter Musikalienhändler und Veranstaltungsmanager war er zunächst mehrere Jahre im Marketing des Bayerischen Rundfunks tätig.

Angesichts der positiven Erfahrungen im mobilen sozialen Hilfsdienst während seines Zivildienstes nahm er dann über den zweiten Bildungsweg das Studium der Sozialen Arbeit auf.

Forscher aus der Praxis für die Praxis

Schäffler arbeitete zunächst als Sozialarbeiter in der Sucht- und Drogenhilfe, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule München. Nach seiner Promotion am Institut für Epidemiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde er als Professor an die Fliedner Fachhochschule Düsseldorf berufen, 2017 wechselte er zur Internationalen Hochschule Duales Studium in München.

Florian Schäffler war eine wichtige Schnittstelle zwischen der praktischen sozialen Arbeit und der Wissenschaft

Florian Schäffler widmete sich in seiner Forschungsarbeit konsequent und engagiert der Situation von Drogengebraucher_innen, insbesondere jener in Haft. So veröffentlichte er Studien zur Vernetzung von Sucht- und Altenhilfe zur Versorgung älterer Drogengebraucher_innen oder zur Diamorphinvergabe in der Regelversorgung und publizierte über die Substitutionsbehandlung Opioidabhängiger sowie über Menschenrechte in deutschen Haftanstalten.

Deutsche Aidshilfe würdigt Florian Schäffler als kämpferischen Unterstützer

„Mit Florian Schäffler hatten die in der Suchthilfe aktiven Organisationen einen kämpferischen und leidenschaftlich engagierten Unterstützer an ihrer Seite. Er war für uns eine wichtige Schnittstelle zwischen der praktischen sozialen Arbeit und der Wissenschaft“, würdigt Bärbel Knorr, Fachliche Leitung Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe, den langjährigen DAH-Kooperationspartner.

Die Urnenbeisetzung findet am 24. 9. um 9:30 auf dem Friedhof der oberbayerischen Gemeinde Gröbenzell statt.

(ascho)

Weiterführende Beiträge:

„Eine schallende Ohrfeige für den bayrischen Vollzug“

„Die Vorenthaltung einer Substitution ist nach meinem Verständnis Folter“

 

Vorheriger Artikel

Ich war Stonewall im Stonewall Inn

Nächster Artikel

Ein Großer verlässt das Schlösschen

Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 + 6 =