Larissa Solowjowa setzte sich für die Rechte Drogen gebrauchender Menschen ein – erst in Russland, später bei der Gruppe BerLUN in Berlin. Alexander Delphinov über das Leben einer engagierten Aktivistin, die nach ihrer Flucht als drogenpolitisch Verfolgte in Deutschland Asyl erhielt.

„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids- und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.

Es war bewölkt und diesig in Berlin am 31. Oktober 2023. Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof versammelten sich mehrere Dutzend Menschen, um einer Frau die letzte Ehre zu erweisen. Einer russischen Staatsbürgerin aus der Stadt Kaliningrad, die sich gegen den russischen Staat ausgesprochen hatte und vor ihm fliehen musste. Ihre Geschichte ist einzigartig: Sie war die erste drogenpolitische Aktivistin aus Russland, die in Deutschland politisches Asyl erhielt – zumindest sind mir keine anderen Fälle bekannt.

Sie hatte einen langen Weg hinter sich: viele Jahre Drogenabhängigkeit, Gefängnisstrafen, schwere Begleiterkrankungen, erfolgreiche (und für die Behörden irritierende!) Menschenrechtsarbeit und die Flucht aus Russland – wo ihr eine hohe Strafe drohte – nach Berlin. Ihr Name war Larissa Solowjowa.

Sie wurde am 2. Februar 1958 im heutigen Belarus geboren, das damals als die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik zur UdSSR gehörte. Ihr Vater war Militäroffizier und Larissa verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens am Standort einer Flieger-Militäreinheit.

Konflikte in der Kindheit

Die Situation in der Familie war schwierig. Larissa wollte darüber nicht viel erzählen, aber es ist anzunehmen, dass es nicht ohne Konflikte zwischen den Eltern abging. Als Mädchen muss sie ebenfalls unter häuslicher Gewalt gelitten haben. Dann trennten sich ihre Eltern, und als Larissa elf Jahre alt war, brachte ihre Mutter sie nach Kaliningrad.

Dieser Zustand des Fremdseins und des ewigen Ausgestoßenen bleibt einem erhalten.

Larissa

„Ein Umzug ist immer eine kleine Tragödie, wenn man ein Fremder an einem neuen Ort ist, und dieser Zustand des Fremdseins und des ewigen Ausgestoßenen bleibt einem erhalten“, erzählte sie mir etwa 50 Jahre später. Wir saßen und tranken Tee in der Küche ihrer kleinen Wohnung in der Markgrafenstraße in Berlin, die ihr letzter Zufluchtsort war – ein ziemlich gemütlicher Zufluchtsort, was mich für sie freute. Ende 2019 begann ich, Larissa über ihr Leben und ihre Erfahrungen zu interviewen. Wir trafen uns an verschiedenen Orten, manchmal bei mir, manchmal bei ihr, manchmal irgendwo in der Stadt.

In Kaliningrad war das Leben nicht so lustig: In der Schule wurde Larissa von ihren Klassenkamerad*innen nicht akzeptiert, und zu Hause gab es oft Streit mit ihrer Mutter, die von Beruf Schauspielerin war und „ein Theater machte“. Ich vermute, dass auch Larissa ihrer Mutter das Leben nicht leicht gemacht hatte. Sie hatte seit ihrer Kindheit einen starken Charakter, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie fand daher viel emotionale Akzeptanz in der Gesellschaft von Teenager*innen, die lieber abends durch die Stadt bummelten, wo es viele interessante Geheimnisse und Versuchungen gab.

Jugendliche Rebellion gegen die „Macht der Erwachsenen“

Mitte der 1970er-Jahre probierte Larissa erstmals Drogen. Wie sie sich erinnerte, waren in der Sowjetunion zu dieser Zeit medizinische Substanzen für Drogenkonsument*innen relativ leicht zu bekommen, zum Beispiel Morphium und Promedol: „Krankenschwestern brachten es, es war durchaus üblich, die Preise waren angemessen – zwei Rubel für eine Ampulle Promedol, drei für Morphium.“ Sie erzählte aber auch, dass es in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre viel schwieriger wurde, diese Substanzen zu bekommen. „Der Preis einer Ampulle konnte damals bis zu zehn Rubel betragen, und man musste in ganz Kaliningrad danach suchen.” (Um den Preis zu verstehen: In einer gewöhnlichen Stadtkantine konnte man in diesen Jahren ein herzhaftes Drei-Gänge-Mittagessen für weniger als einen Rubel genießen.)

Larissas jugendliche Rebellion gegen die „Macht der Erwachsenen“ und für ihre eigene freie Feier des Lebens endete schließlich in einem direkten Konflikt mit den Behörden. Aber das war etwa zehn Jahre später und an einem anderen Ort.

In den Jahren ab etwa Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre kam es in der UdSSR zu einer weiten Ausbreitung von Drogen und Drogenabhängigkeit.

Larissa

„In den Jahren ab etwa Mitte der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre kam es in der UdSSR zu einer weiten Ausbreitung von Drogen und Drogenabhängigkeit”, erzählte mir Larissa. Die Menschen brachten sich damals bei, aus Mohnpflanzen selbst Drogen herzustellen. 1980 fuhr Larissa mit Freund*innen in die Region Krasnodar, um Mohn für die „schwarze Lösung“ zu sammeln. Als sie vom Feld in die Stadt zurückkehrten, hatten sie Pech: Sie wurden von lokalen Bürgerwehren – einer Kosakenpatrouille von Anwohner*innen – erwischt, die es auf junge Menschen in Jeans und mit langen Haaren abgesehen hatte. Larissa hatte Glück – sie trug keine Mohnkapseln bei sich. Trotzdem verbrachte sie etwa einen Monat in einer Zelle auf dem Polizeirevier, dann wurde sie freigelassen. Aber sie kehrte nicht nach Hause zurück, sondern fuhr weiter ins sowjetische Lettland, wo das Leben krasser zu sein schien. Außerdem hatte sie dort Bekannte.  

Sie verbrachte etwa sechs Jahre in der Hafenstadt Liepaja. Sie heiratete, begann als Grafikdesignerin zu arbeiten, aber: Sie, ihr Mann und ihre Freund*innen konsumierten Substanzen. Seit den frühen 1980er-Jahren verbreiteten sich neue Drogen im ganzen Land. Sie wurden „Mulka“, „Jeff Cocktail“ oder „Vint“ genannt. Es handelte sich um Stimulanzien, deren Wirkung der von Pervitin am ähnlichsten war. Langer Rede kurzer Sinn: Larissa kam in den Knast.

Nach ihrer Freilassung war die Sowjetunion Geschichte

„Im Juni 1986 wurde ich nach einem Strafrechtsartikel wegen des Betriebs einer ‚Drogenhöhle‘ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Damals kamen alle zu Besuch und haben bei uns konsumiert. Am Ende habe ich die Kontrolle darüber verloren, aber – die Wohnung gehörte mir“, erzählte Larissa bei einem unserer Gespräche. Als Larissa 1991 freigelassen wurde, existierte die UdSSR nicht mehr. Im neuen unabhängigen Lettland konnte sie nicht bleiben. Sie kehrte nach Kaliningrad zurück.

Im Juni 1986 wurde ich nach einem Strafrechtsartikel wegen des Betriebs einer ‚Drogenhöhle‘ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Damals kamen alle zu Besuch und haben bei uns konsumiert. Am Ende habe ich die Kontrolle darüber verloren.

Larissa

Nach ihrer Haftstrafe geriet Larissas Leben in eine langwierige Spirale des Drogenkonsums. Das ehemalige Sowjetsystem war ziemlich grausam gegenüber denjenigen, die auf die eine oder andere Weise aus der gewöhnlichen Gesellschaft herausfielen und nicht der unausgesprochenen (aber gut verstandenen) Norm entsprachen. Dementsprechend wurde eine drogenabhängige Person als willensschwacher Feind der Gesellschaft wahrgenommen, nicht als Patient*in, sondern als Verbrecher*in, der*die nicht behandelt, sondern bestraft werden sollte. Trotz ihrer natürlichen Intelligenz und ihres offensichtlichen Kommunikationstalents wurde Larissa allmählich zu einer „professionellen Drogenkonsumentin“. Aber vielleicht waren es gerade diese Fähigkeiten, die viel später zu einem radikalen Wandel in ihrem Leben führten.

In den späten 1980er-Jahren war Kaliningrad eine jener sowjetischen Städte, in denen die HIV-Epidemie ausbrach. Bei Larissa wurde HIV 2002 diagnostiziert. Im Jahr 2006 wurde sie erneut verurteilt und nach zwei Jahren freigelassen. Und schon bald lernte sie die Nichtregierungsorganisation YULA kennen, die kurz zuvor in Kaliningrad gegründet wurde und sich für Rechts- und Sozialhilfe für Drogenkonsument*innen einsetzte.

„Anwältin“ für die Rechte Drogen konsumierender Menschen

Larissa lernte völlig neue Menschen kennen, lernte etwas über solche Konzepte wie humane Drogenpolitik und Menschenrechte und dachte zum ersten Mal aus einem neuen Blickwinkel über ihr Leben nach. Ihr wurde plötzlich klar, dass sie selbst etwas beeinflussen und erreichen konnte. Sie kam auch zu dem Schluss, dass die Art und Weise, wie korrupte Polizist*innen Drogenkonsument*innen behandelten und sie für ihren eigenen Profit und ihre Karriereentwicklung nutzten, nichts mit den oben genannten Konzepten zu tun hatte. Zuerst war sie ehrenamtlich bei YULA tätig, später bezog sie dort ein kleines Gehalt.

Es gelang Larissa nicht nur einmal, von der Polizei grob fabrizierte Fälle während der Gerichtsverhandlung zu zerlegen.

Alexander

Nach einer Ausbildung im Feld Menschenrechte trat Larissa erfolgreich in der Verteidigung vor Gericht auf. Natürlich war sie keine Anwältin, aber in Russland war es möglich, wie eine „ehrenamtliche Anwältin“ zu agieren. Außerdem half sie bei einem richtigen Anwalt aus. Hier muss erklärt werden, dass es für eine Person, die in Russland wegen Drogen vor Gericht steht, sehr schwierig, ja fast unmöglich ist, einen fairen Prozess zu bekommen. In der russischen Gesellschaft herrscht eine ausgeprägte Drogenphobie. Es kam schon öfter vor, dass sich verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und sogar Politiker*innen aus Oppositionsbewegungen völlig menschenfeindliche Äußerungen über Drogenabhängige erlaubten. Trotzdem gelang es Larissa nicht nur einmal, von der Polizei grob fabrizierte Fälle während der Gerichtsverhandlung zu zerlegen. Sie selbst wurde plötzlich zu einer Art Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in Kaliningrad – wenn auch in einem ganz bestimmten Bereich.

Festnahme mit Aussicht auf 15 Jahre Gefängnis

Unterdessen verschlechterte sich die politische Lage im Land langsam aber sicher. Im Jahr 2014 annektierte Russland die Krim, woraufhin mithilfe russischer Geheimdienste separatistische Unruhen im ukrainischen Donbass provoziert wurden, die zur Entstehung sogenannter „Volksrepubliken“ führten, die nicht der Regierung in Kyjiw unterstanden.

Eines Tages wird es an der Zeit sein, die ganze Geschichte ihrer Flucht zu schildern.

Alexander

Im Jahr 2016 wurde Larissa in Kaliningrad festgenommen und des Drogenhandels beschuldigt. Sie wurde Opfer einer klassischen russischen Polizeiprovokation: Eines Tages rief ein Mann sie an, den sie namentlich kannte und der sie bat, ihm beim Drogenkauf zu helfen. Nach längerem einfühlsamem Überreden stimmte sie zu. Nachdem er von Larissa bekommen hatte, was er wollte, landete dieser Kerl bei der Polizei und gab eine Aussage ab, auf deren Grundlage es möglich wurde, ein Verfahren gegen Larissa einzuleiten.

Sie erinnerte sich an den Abend, als sie nach ihrer Festnahme zum ersten Mal zur Drogenpolizei gebracht wurde. „Ein langer Korridor mit vielen Türen, und plötzlich stehen alle in diesen Türen, als wären sie herausgekommen, um mich zu sehen. ‚Oh, Hallöchen, du, ‚Journalistin‘! … Bist du noch am Leben? Bist du noch nicht tot? … Wow, was haben wir für Gäste! …‘ So ging ich durch die Reihe dieser stehenden Gesichter – alles Männer, und einige von ihnen kannten mich seit meiner Jugendzeit.”

Am Ende dürfte sie nach Hause gehen, doch ihr war klar, es wird einen Prozess geben, bei dem ihr bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten. Auch allen Freund*innen von Larissa wurde plötzlich klar, dass sie in so großer Gefahr schwebte, dass Flucht die beste Verteidigung war. Eines Tages wird es an der Zeit sein, die ganze Geschichte ihrer Flucht zu schildern, die mit dem Flugzeug nach Moskau begann und in Berlin endete. Es handelte sich um eine echte internationale Operation!

Berliner Jahre

Alexander Delphinov und Larissa Solowjowa bei einem Spaziergang in Berlin
Alexander und Larissa 2023 bei einem Spaziergang in Berlin (Foto: © Nadezda Ukhanova)

Im Jahr 2019 erkannte ein Gericht in Deutschland an, dass Larissa in der Russischen Föderation in Wirklichkeit nicht wegen Drogenhandels, sondern wegen ihrer unbequemen öffentlichen Aktivitäten verfolgt wurde. Deutschland gewährte Larissa Asyl, erkannte ihr Recht auf Gesundheit an, weigerte sich, sie an Russland auszuliefern, und stufte ihren Fall dann von „kriminell“ in „politisch“ um – soweit mir bekannt ist, betraf das zum ersten Mal eine Person mit russischer Staatsbügerschaft in einem drogenpolitischen Fall. 2018 wurde ein Interview mit Larissa in dem Band „We exist, we are here“ über geflüchtete Frauen aufgenommen, 2019 schreib das Vice-Magazin über sie. Darüber hinaus interessierte sich kaum ein Medium für ihre Geschichte.

Larissa verbrachte ihre letzten Jahre in Berlin relativ komfortabel, sie erhielt eine Substitutionstherapie, führte einen aktiven Lebensstil, gründete unter anderem eine Berliner Selbsthilfegruppe für Drogenkonsument*innen – BerLUN – und schmiedete viele Pläne. Doch plötzlich wurde sie von einer schweren Krankheit heimgesucht, die keine Chance auf Genesung ließ.

Ein paar Monate vor ihrem Tod trafen wir uns in einem der Berliner Parks; Larissa hatte bereits Schwierigkeiten beim Gehen, und dies war unser letzter Spaziergang an einem schönen sonnigen Tag. So möchte ich mich an unsere wunderschöne Lora, wie ihre Freund*innen sie nannten, erinnern. Die ganze Geschichte ihres Lebens muss noch aufgeschrieben werden. Sie zu erzählen, ist es mehr als wert.

Zurück

Aidshilfen gegen Rassismus

Weiter

„Ein durch und durch heteronormatives System“

Über

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

52 + = 60

Das könnte dich auch interessieren