Eine Frage der Gerechtigkeit
In ihrem empathischen und mitreißenden Spielfilm „Call Me Queen“ erzählt Emily Atef von der Aidskrise in Ostafrika Ende der 1990er-Jahre – und davon, wie sich Frauen zusammenschließen, um für einen gerechten Zugang zur HIV-Therapie zu kämpfen. Heute ist die Medikamentenversorgung in Kenia und anderen afrikanischen Ländern wieder bedroht.
Vernachlässigte Perspektiven der Aidskrise
Nairobi 1999: Diese Frau weiß sich durchzusetzen. Sie muss es auch. Damit die alleinerziehende Queen (Eliane Umuhire) ihre zwei Kinder mit mehr als nur dem Allernötigsten versorgen kann, benötigt sie einen besseren Job. Mit Durchsetzungskraft, wie sie sich der irischen Auslandskorrespondentin Anne mit Charme und dezenter Hartnäckigkeit als Haushilfe geradezu aufdrängt, beweist Queen auch ihre Fähigkeit, entschlossen auf Menschen zuzugehen.
Bald putzt sie nicht nur im Wohnsitz und Arbeitsplatz der Journalistin, sondern verhilft Anne (Denise Gough) auch zu wichtigen Recherchekontakten innerhalb der Bevölkerung. Und schließlich zu Einblicken in das, was die Politik und Gesellschaft Kenias, wie die vieler anderer afrikanischer Länder in den Neunzigerjahren, nicht mehr ignorieren können: die sich stetig ausbreitende Aidskrise.
Als auch bei Queen Aids diagnostiziert wird, erlebt Anna, was diese Krankheit für die Einheimischen wirklich bedeutet. Denn was für Patient*innen zu dem Zeitpunkt in weiten Teilen der Welt selbstverständlich ist, gilt hier nicht. Die Medikamente sind für die Menschen unbezahlbar. Vor der Klinik bilden sich lange Schlangen. Von den wenigen, die stationär aufgenommen werden können, sterben die meisten in kurzer Zeit. 700 Menschen sind es im Land, und zwar Tag für Tag.
Queen überlebt, weil Anna ihr die Behandlung finanzieren kann. Anna möchte über diese viel zu wenig beachtete humanitäre Katastrophe berichten, doch ihr Redakteur im fernen London winkt ab. Es herrschen so viele Krisen und Kriege in der Welt, die ins Blatt müssten. Mit Aids jedoch lockt man keine Leser*innen. Der Bosnienkrieg und die Einführung des Euro haben Priorität.
Mit den Mitteln des Kinos gegen die Ignoranz
Gerade in jüngster Zeit wächst das Interesse von Filmschaffenden an den dramatischen Jahren der Aidskrise. Der österreichische Regisseur Manuel Wetscher etwa erzählt in „Eklipse“, wie ein Teenager die Erkrankung seines Vaters im Jahr 1999 erlebt. Andrew Scott porträtiert in dem biografischen Drama „Elsinore“ den 1989 verstorbenen britischen Schauspieler Ian Charleson in seinen letzten Lebensmonaten. „Call Me Queen“ ist jedoch besonders, weil der Film den Blick auf eine Region lenkt, die in diesem Kontext vom Kino bislang weitgehend ignoriert wurde. So wie schon in den Neunzigerjahren weithin Desinteresse an der Aidskrise auf diesen Ländern herrschte.
Die iranisch-deutsch-französische Regisseurin Emily Atef („3 Tage in Quiberon“) führt das Publikum in ihrem auf Lara Santoros Roman „Mercy“ sowie auf realen Personen und Ereignissen basierenden Film empathisch an das Thema heran. Vor allem aber verpackt sie jede Menge Basisinformationen in ein geschickt konstruiertes, dabei keineswegs aufdringlich didaktisches Drehbuch. Atef setzt dabei auf bewährte Erzählstrukturen und die Verbindung von gesellschaftskritischem Drama, emotionalem Aktivismus und ausdrucksstarken Bildern.
Der Kampf um bezahlbare Medikamente
Nach Wochen der Krankheit erscheint Queen dank der Medikamente wie von den Toten auferstanden bei einem Treffen von Frauen ihrer Gemeinde. Viele sind selbst erkrankt oder pflegen Familienangehörige. Darüber reden können sie nur in diesem geschützten Raum, und auch hier wagen sie nicht, das allzu Offensichtliche auszusprechen. Wie unheilvoll sich Scham und Angst vor Diskriminierungen auswirken, wird hier in wenigen Filmminuten mit einem pointierten Schlagabtausch eindrücklich deutlich.
Queen aber hat nach den Wochen das Krankenhaus als eine andere verlassen. Nicht nur, dass sie ihre Lockenpracht abgeschnitten hat und sich nun mit Glatze präsentiert. Sie will das Schweigen brechen. Sichtbar werden, laut werden. Und das für alle einfordern, was ihr nur dank der Journalistin ermöglicht wurde: Zugang zu preiswerten HIV-Medikamenten, genauer gesagt zu Generika.
In Ländern wie Thailand wurde dadurch der Bann gebrochen, das Sterben weitgehend beendet. Doch Kenia ist, wie viele andere afrikanische Länder, dem Welthandelsabkommen beigetreten und hat sich damit verpflichtet, geistiges Eigentum zu schützen. Für internationale Pharmakonzerne bedeutet dies, dass sie auch in diesen armen Staaten ihre Originalpräparate mit enormem Profit verkaufen können.
„Erpressung“ nennt es Queen in einem informellen Gespräch mit dem Staatssekretär des Gesundheitsministers. Bei einem schnellen Espresso lässt dieser nebenbei noch fallen, dass der Staat aufgrund gestiegener Preise den Import der HIV-Medikamente nunmehr komplett einstellen wird.
Die widerständige Macht der Frauengemeinschaft
Emily Atef verbindet und verdichtet die sozialen und kulturellen Hintergründe und die komplexen wirtschaftspolitischen Vorgänge mit emotionalen Entwicklungen zu einem Drama, das diese Informationen sehr geschickt über die Handlung und mit einem sehr lebendigen, facettenreichen Figurenensemble vermittelt. Zugleich gelingt es ihr, weiße Privilegien offenzulegen und gezielt auf Schwarze Perspektiven zu setzen.
Emily Atef„Mir war es wichtig zu zeigen, welche Kraft entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, um den Status quo in Frage zu stellen und sich ihre Stimme zurückzuholen. Es geht um die Macht der Gemeinschaft und des Widerstands.“
„Call Me Queen“ vermeidet dabei das Pathetische und Überdramatische. Der Film ist deutlich, aber nicht plakativ. Er verdeutlicht eindrücklich die verzweifelte Situation von Menschen, denen beigebracht wurde, sich nicht zu beschweren, sondern ihr Schicksal hinzunehmen. Queen will das ändern. Was in einer kleinen Gruppe skeptischer Frauen beginnt, wird unter der charismatischen Queen am Ende zu einer Demonstration mit vielen hundert Teilnehmenden anwachsen, die ihr Recht auf bezahlbare Medikamente und damit auf die Chance zu leben einfordern.
Ohne Medienöffentlichkeit, das hat Queen durch Anna gelernt, entsteht kein Druck, und ohne Druck erwächst keine Veränderung. Darin liegt für Emily Atef auch die Botschaft dieser Geschichte für die Gegenwart. „Mir war es wichtig zu zeigen, welche Kraft entsteht, wenn Menschen zusammenkommen, um den Status quo in Frage zu stellen und sich ihre Stimme zurückzuholen“, sagt die Regisseurin. „Es geht um die Macht der Gemeinschaft und die Macht des Widerstands.“ Den Mut, aufzubegehren, das Tabu zu brechen und Veränderungen einzufordern, haben in „Call Me Queen“ – abgesehen von einem unterstützenden Priester – ausschließlich Frauen. Auch in den eingebauten Dokumentaraufnahmen von Demonstrationen, auf denen eine HIV-Therapie für alle gefordert wird, sind nur wenige Männer zu sehen.
Was am Ende des Films nicht im Detail deutlich wird: Die Proteste zeigten Wirkung, vor allem auf den damaligen kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi. Er erklärte im November 1999 die HIV-Epidemie in seinem Land zu einer nationalen Katastrophe und machte damit den Weg frei, um Generika der lebensrettenden HIV-Medikamente importieren zu können.
Inzwischen steht Kenia im Kampf gegen Aids erneut an einem Scheideweg. Die US-Regierung will die notwendige finanzielle Unterstützung bei der Medikamentenversorgung nur dann wieder aufnehmen, wenn Kenia im Gegenzug vollen Zugriff auf alle Patient*innen-Daten gewährt. Man könnte es auch Erpressung nennen.
„Call Me Queen“. Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2026, 105 Min. Regie Emily Atef, mit Eliane Umuhire, Denise Gough, Danny Sapani, Charlie Carrick, Dominic West u. a. Kinostart: 15.10.2026
Trailer zu „Call Me Queen“
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